Buchbesprechung

Den Messias klonen

In seinem neuen Roman entwirft Doron Rabinovici eine amüsante Geschichte um ungeahnte Verwandtschaftsverhältnisse.

„Rabbi, sind Sie total meschugge?“ fragt Ethan Rosen einen ultraorthodoxen Rabbiner. Die beiden unterhalten sich in der Cafeteria des Spitals, in dem Ethans kranker Vater liegt. Ethan, dessen Eltern die Schoah überlebt haben, ist mit eigenwilligen Theorien über die Schoah, über die Notwendigkeit des Vergessens und die Pflicht zur Erinnerung berühmt-berüchtigt geworden und lehrt am soziologischen Institut in Wien. Der Rabbiner behauptet, dass der Messias gezeugt und in der Schoah umgebracht wurde, und führt eine Bewegung an, die gemäss neuester Gentechnologie den ermordeten Messias wiedererschaffen will. „Sie wollen den Messias klonen? Wie Dolly, das Schaf?“ fragt Ethan verwundert. „Der Rabbiner frohlockte: ‚Sehen Sie, jetzt haben Sie es endlich verstanden.’“ Tatsächlich findet der Rabbi, der den Messias klonen will, in Ethan Rosen einen Verbündeten wider Willen. Denn Ethans Vater, so will der Rabbi mit kabbalistischen Berechnungen festgestellt haben, ist der einzige noch lebende Verwandte des angeblichen Messias und dementsprechend die genetische Quelle für das Klon-Projekt. Um ihn am Leben zu halten und das Klonen durchführen zu können, verspricht der Rabbiner, für den alten Rosen eine Spenderniere zu besorgen.

So treffen der atheistisch-zynische Soziologe und der ultraorthodoxe Rabbiner eine verrückte Abmachung, die nicht etwa das Happy End einer Krankengeschichte oder die Auflösung einer religiösen SciFi-Geschichte ist, sondern der Höhepunkt eines Familienromans. Denn weil bei dem Gentest, dem sich Ethan unterziehen muss, etwas anders herauskommt, als erwartet, müssen Verwandtschaftsverhältnisse neu geordnet und Geheimnisse gelüftet werden.

Es stellt sich heraus, dass die Ehe seiner Eltern anders verlaufen ist, als Ethan zu wissen meinte; dass der väterliche Freund, um den er trauert, ihm noch näher stand, als er angenommen hatte; dass die schöne Unbekannte, die er auf dem Flug von Tel Aviv nach Wien kennen gelernt hat, nicht so unbekannt ist, wie sie vorgetäuscht hat; dass sein Kontrahent am Wiener Institut sein Halbbruder ist; dass dieser Halbbruder vielmehr kein Halbbruder ist – und dann wieder doch, aber ihr beider Vater ist ein anderer, als es zuerst schien… Die Familien- und Beziehungsgefechte spitzen sich zu, ehe sie sich auflösen, denn der Schriftsteller Doron Rabinovici behält alle Fäden in der Hand und zeichnet seine Figuren alle mit gleicher Sorgfalt. Die konsequent ironische Erzählhaltung erlaubt ihm, mit gelassener Eleganz erzählerisch zwischen Liebes- und Familiengeschichte und stilistisch zwischen Tragikomik und Satire zu wechseln.

Rabinovici, der 1961 in Tel Aviv geboren wurde und seit 1964 in Wien lebt, ist im deutschsprachigen Raum ebenso als Historiker und Essayist wie als Romancier renommiert. Wie in seinen früheren Romanen „Die Suche nach M.“ und „Ohnehin“ kombiniert er auch in diesem neuen Roman „Andernorts“ Kolportage und Satire, Alltags- und Schoahliteratur. So wechselt der Ort des Geschehens zwischen Europa und Israel, genauer: zwischen Wien und Tel Aviv; Ethan Rosen, die Hauptfigur, laviert zwischen der israelischen Herkunft und einer westeuropäischen Erziehung einerseits und andererseits zwischen dem Schoah-Trauma der Eltern und der politisch-korrekten Haltung seiner Universitätskollegen. Wie in den früheren Romanen macht Rabinovici auch hier die komplexe transkulturelle jüdische Identität zum Anker der Handlung. Ethan ist ein postmoderner „Luftmensch,“ der sich intellektuell überall zurechtfindet, immer gegen den Strom denkt und emotional nirgends heimisch ist – der stets „andernorts“ ist, wie der Titel des Romans suggeriert: „Überall und immer dagegen,“ hält ihm einmal die Mutter vor. „In Paris die Arbeit über Kolonialfilme, in Jerusalem die Studie über Palästinenser in der Literatur. In Tel Aviv die Vorträge über diese muslimischen Ruinen. Den Österreichern redest du vom Antisemitismus, und in Chicago wolltest du unbedingt den Kommunismus einführen. Aber als Vater dich in die DDR mitnahm, musstest du ausgerechnet sowjetische Literatur einpacken.“ Und der Vater beschreibt seinen Sohn als ein „verkehrtes Chamäleon“: „Er passt sich seiner Umgebung nicht an, sondern hebt sich jeweils von ihr ab.“

Tatsächlich ist es nicht die archetypische „jiddische Mamme“, die Ethan zusetzt, sondern der Vater, der, allgegenwärtig und unfassbar zugleich, nun, auf dem Sterbebett, zum genetischen Vorfahren des Messias werden soll. Dass dann das Klon-Projekt doch nicht zustandekommt, versteht sich. Aber die Diskussionen zwischen dem Rabbiner und Ethan sind satirische Vignetten von grossem Unterhaltungswert. Überhaupt gelingen Rabinovici witzige Dialoge genauso gut wie reflexive Passagen, realistisch-einfache Liebesszenen so gut wie surrealistisch-komische Familienszenen. Und dann lässt Rabinovici doch noch alle sich irgendwie miteinander versöhnen und beendet seinen Roman mit souveräner Leichtigkeit.

Stefana Sabin

Doron Rabinovici: Andernorts. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 286 Seiten.

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erstellt am 14.9.2010

Doron Rabinovici:
Andernorts. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
286 Seiten.

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