Das halbe Wort

Lütfiye Güzel

Untergrund. Was bedeutet das bei Schreibenden? Sind Schriftsteller aus dem Untergrund welche, die bei keinem Verlag unterkommen? Sind per se alle Selfpublisher und Eigenverleger Untergrund? Sicher nicht! „Untergrund“ lebt „man“, Lütfiye Güzel lebt den Untergrund. Auf Poetry Slams die eigene Kunst vortragen, lose Blattsammlungen kopieren und den treuesten Fans in die Hand drücken, in Studenten- und Stadtmagazinen die Lyrik veröffentlichen. Untergrund-Literatur ist meines Erachtens immer ein Hin und Her zwischen sozialkritischem Zorn und Melancholie. Zorn auf die Politik, auf die gesellschaftlichen Zustände – wie zum Beispiel im Gedicht „Hinter dem Denken…“. Melancholie ist der Weltschmerz, Melancholiker werden die Menschen genannt, die sich eine andere Welt wünschen. Melancholie wird in der Psychologie der Neuzeit als Depression definiert. „Zimmer 525“: Was ist das für ein Zimmer? Ist das Kind fremd im Land? Wurde es von irgendwohin in dieses Zimmer verpflanzt? Will es nicht sein, wo es ist? Oder ist es gar pathologisch? Ist das Zimmer 525 in einem Krankenhaus oder einer Anstalt? „güzel“ heißt übersetzt „schön“ – in „Bonus“ kann die Dichterin zeigen, dass sie auch ein optimistischere Gedichte schreiben kann. Die hier vorgestellten Gedichte sind aus ihrem Band „Herz-Terroristin“.
Jannis Plastargias

Zimmer 525

deprimiertes kind
in einem land
schwarz-weiß
spucken im hohen bogen
runter auf die stadt
die immer schläft

Bonus

ich habe nicht resigniert
jedenfalls nicht endgültig
niemand hat so viel spaß wie ich
& zwar an den kleinsten dingen
ist in etwa so
als könnte man
im stehen sitzen

Gastarbeiter

ein türke fegt zigarettenreste
zusammen
hier am bahnhof
es gibt kalte asche zum frühstück
ich habe irgendwas gedacht
weiß aber nicht mehr was

Hinter dem Denken liegt ein Fehler

& da liege ich auch

ich schalte den fernseher ein
um zu sehen
was aus bagdad geworden ist
sinken die einschaltquoten
wird der krieg abgesetzt
da helfen auch keine nahaufnahmen
es gibt kein wort
für dieses ding
ich kann nicht beschreiben
was es mit mir macht
ich kann nur so gucken
& wenn ich aus mir
heraustreten könnte
mich beobachten
wie ich da so sitze
mit einer tasse cappuccino in der hand
die beine übereinander geschlagen
dann würde ich mir vermutlich
selbst den krieg erklären

&
mir gehört ein schwarzes feuerzeug
darauf steht:
“fishing with john”
ich bin eine angeberin
als ich das hier schrieb
hatte ich es in der hosentasche
mittlerweile habe ich es verloren
so ist das
es macht keinen sinn
an irgendwas zu hängen

erstellt am 03.7.2012

Lütfiye Güzel
Lütfiye Güzel

Lütfiye Güzel – 1972 in die Welt geschossen (Geburtsort: Küche in Duisburg-Hamborn), Studienabbrecherin – und Wiedereinsteigerin und Texterin für Dies und Das. Exkurse in bildender Kunst, unter anderem „Gast-arbeiten in Obstkisten“ mit Ausstellungen in Berlin, Hamburg und Duisburg. Poetry Slammerin und Dichterin.

Im April 2012 erschien Lütfiye Güzels erster Gedichtband:

Lütfiye Güzel
Herz-Terroristin
Gedichte
DIALOG EDITION Duisburg 2012
96 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-9812594-5-2

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