In der Serie »Zeichnungen – Drawings« fotografiert Peter Loewy Ausschnitte von Zeichnungen bekannter Maler aus verschiedenen Jahrhunderten – von Rembrandt über Dürer bis Hockney. Durch technische Verfremdung schafft Loewy eine ästhetischen Wirklichkeit, in der Zeichnung und Foto aufeinander wirken. Loewys Fotokunst beschreibt Stefana Sabin in ihrem Essay als Konzeptkunst.

Das Spiel mit den Gattungen

Peter Loewy: Drawings

Von Stefana Sabin

Im Spätmittelalter wurde das Porträt als Gattung der Malerei wieder entdeckt und ästhetisch erneuert. Nicht nur Fürsten, Adelige und hohe Kleriker, sondern auch Kaufleute, Handwerker und Gelehrte ließen sich porträtieren – sie nutzten ihr soziales Ansehen, um sich künstlerisch zu inszenieren, und verschafften sich durch die künstlerische Selbstdarstellung noch mehr Ansehen. Denn das Porträt galt als Würdigung einer gesellschaftlich exponierten Person, die durch das bildhafte Darstellen emblematischer Attribute wie Körpersprache, Mimik oder Blick ihre souveräne Handlungskompetenz vorführen ließ.

Die genaue Wiedergabe der äußeren Erscheinung charakterisierte bis ins 16. Jahrhundert hinein das Porträt. Erst allmählich wurde die Bemühung, die seelische Befindlichkeit einer Person als Teil ihrer anschaulich symbolischen Selbstdarstellung ins Bild zu fassen, angestrebt. Die bildlichen Individualitätsmodelle blieben bis in den späteren Konsolidierungsphasen des Bürgertums Identitätsmuster, deren legitimatorisches Aufgreifen Pathos und Emphase einschlossen.

Vielleicht auch deshalb verlor das Porträt als Gattung der Malerei an Wirkungskraft und wurde weniger gepflegt; ab dem 19. Jahrhundert schien es angesichts der schnell herstellbaren, bequemen und reproduktionsgenaueren Fotografie obsolet zu werden. In dem Maße, in dem das technische Verfahren einfacher wurde, breitete sich die Porträtfotografie aus und verdrängte immer mehr die Porträtmalerei, die jedoch ihre Faszination nicht einbüßte.

Während die Porträtfotografie neue Möglichkeiten der Selbstinszenierung erfand, gelang es nur oppositionellen Richtungen der Malerei – den Sezessionen des Realismus, des Impressionismus und Naturalismus – mit der traditionellen, nun parvenuehaft erscheinenden Persönlichkeitsinszenierung zu brechen und neue ästhetische Idiome auszuprobieren. Und während sich die Porträtfotografie im 20. Jahrhundert als Kunstgattung etablierte, waren es fast nur die sozialkritischen oder experimentell gegenstandsorientierten Richtungen, die dem Porträt seine Ausdrucksstärke und seine Suggestivkraft erhielten, während die nonfigurative Avantgarde sich programmatisch davon distanzierte. „Die Kunst ganz allgemein,“ sagte einmal Donald Judd, ein Vertreter der Minimal Art, würde „zum Bildnis, aber sie ist es nicht.“ Damit griff Judd die herkömmliche Vorstellung auf, dass Kunst bildliche Nachahmung sei – eine Vorstellung, mit der die Moderne endgültig brach.

Auch die Fotografie emanzipierte sich von ihrem ursprünglichen Abbildungsgebot und hielt exzentrische Ansichten und voyeuristische Inszenierungen fest, durch die sie die Wirklichkeit vorführte und ihr die Kunst-Wirklichkeit entgegenhielt. Indem er auf den Wirklichkeitsanspruch der Fotografie jenseits von Abbildung und Nachahmung setzt, ist der Fotograf Peter Loewy ein eminent moderner Künstler. Indem er das Abbildungsgebot der Fotografie durch den eigenen wirklichkeitsgestaltenden Blick destruiert und so eine objektimmanente Wirklichkeit schafft, ist er ein Konzeptkünstler.

Tatsächlich sind die Pariser Schaufenster der Serie „Leche-vitrines“ ebenso wie die Kitschlandschaften der Serie „Jüdisches“ keine fotografischen Abbildungen, die ihre ästhetische Legitimation aus der Wiedergabe einer tatsächlichen Wirklichkeit beziehen, sondern sie sind konzeptuelle Bildnisse, deren Wirkung auf der gezielt verzerrten Spiegelung realer Gegenständlichkeit basiert. Loewys gestaltender Blick schafft künstliche Momentaufnahmen, die, wie jede wahre Kunst, gewohnte Sichtweisen hinterfragt und neue Zusammenhänge herstellt.

Auch die Serie „Zeichnungen,“ zuerst in der Staatlichen Graphischen Sammlung München gezeigt, ist Konzeptkunst, denn sie geht von einer Idee, von einem Konzept aus: Dass nämlich die fotografische Verfremdung eine neue, dem Original ebenbürtige ästhetische Wirklichkeit beanspruchen kann.

Loewy fotografierte Zeichnungen, genauer: Ausschnitte von Zeichnung, noch genauer: Porträts, die auf Zeichnungen bekannter und weniger bekannter Maler aus verschiedenen Jahrhunderten – von Rembrandt über Dürer bis Hockney – erscheinen. Indem er nah heranzoomte, den Autofokus abschaltete und unkonventionelle Blenden und Entfernungen wählte, ließ Loewy Konturen und Details unscharf werden. Während traditionellerweise das Porträt bemüht ist, durch Gestaltung und Ausleuchtung Wesenseigenschaften des Porträtierten zu zeigen, zielte Loewy auf den zeichnenden Gestus, nicht auf persönliche Merkmale und schuf Metaporträts, die das Porträt an sich zum Thema machen. Denn das ursprüngliche, gezeichnete Porträt wurde zu einer verschwommenen Nahaufnahme, derer Suggestivkraft aus dem Spiel mit den Gattungen stammt: Eine Zeichnung, die ein Foto ist, das wie eine Zeichnung wirkt. Der Titel dieses Buchs verdeutlicht das Spiel mit den Gattungen, wenn die Fotoserie mit souveräner Gelassenheit als „Zeichnungen“ bezeichnet wird.

Zu den Bildern

51 Klimt

53 Anonymous

55 Millet

59 Rosetti

65 Degas

69 Anonymous

71 Rosso

77 Renoir

87 Hockney

Zur Fotoserie ist ein Buch erschienen:
Peter Loewy
Drawings
Herausgegeben von Peter Weiermair
Mit einem Essay von Stefana Sabin. 96 Seiten. 41 farbige ganzseitige Abbildungen. englisch / deutsch. Allerheiligen-Presse, Innsbruck 2011. Euro 25,-

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erstellt am 01.7.2012

51. Peter Loewy, Drawings
51. Peter Loewy, Drawings
53. Peter Loewy, Drawings
53. Peter Loewy, Drawings
55. Peter Loewy, Drawings
55. Peter Loewy, Drawings
59. Peter Loewy, Drawings
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65. Peter Loewy, Drawings
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69. Peter Loewy, Drawings
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71. Peter Loewy, Drawings
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77. Peter Loewy, Drawings
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87. Peter Loewy, Drawings
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