Dass in ihren Kindertagen die Philosophie eins war mit der Poesie, ist uns als Ursprungsmythos überliefert. Aber auch das Gegenteil: Platon lässt Sokrates vom alten Streit zwischen Philosophie und Dichtkunst berichten und den Nutzen der „nur der Lust dienenden Dichtung und Nachbildnerei“ leugnen. Selbst wenn wir das Kriterium des Nutzens, das ja nicht nur in Diktaturen, sondern auch in einer durchkapitalisierten Gesellschaft eine Hauptrolle spielt, für die Beurteilung der Poesie untauglich halten, schlichten wir den traditionellen Streit der rivalisierenden Schwestern nicht. Wolfgang R. Köhler hat nun die grundlegenden Unterschiede zwischen Philosophie und Poesie geklärt.

Raffaels Schule von Athen
Philosophischer Essay

Unterschiede zwischen Philosophie und Poesie

Von Wolfgang R. Köhler

Philosophie und Poesie haben seit der griechischen Antike ein Verhältnis miteinander. Aber was für eins? Wenn man so will: kein legales. Sie sind noch mit anderen Partnern verheiratet: die Philosophie mit den Wissenschaften und die Poesie mit den anderen Künsten. So ist jedenfalls heute die Situation. Wenn J.G. Hamann (vor 200 Jahren) recht gehabt haben sollte, daß die Poesie „die Muttersprache des menschlichen Geschlechts” gewesen sei und wenn W. Nestles Theorie der griechischen Geistesentwicklung in „Vom Mythos zum Logos” (1940) auch als „Von der Poesie zur Philosophie” interpretiert werden darf, dann hat man es vermutlich mit zwei anscheinend gegensätzlichen Rangunterschieden zwischen Poesie und Philosophie zu tun. Im ersten Fall wird indirekt der Poesie eine Altehrwürdigkeit zugesprochen, im zweiten Fall dem Logos bzw. der Philosophie eine größere Vernünftigkeit. Die Auseinandersetzung um die Rangunterschiede setzte sich bis in die Romantik und den Deutschen Idealismus fort. Heute scheint sie obsolet und zu einer Frage des Temperaments bzw. zu einer Geschmackssache geworden zu sein.

Nun gibt es außer den höchst kontroversen Rangunterschieden nach meiner Ansicht auch Artunterschiede zwischen Poesie und Philosophie. Und nur um sie kann es heute eigentlich noch gehen. Das gilt erst recht dann, wenn immer wieder (wie z.B. in jüngster Zeit von Rorty) Aufforderungen an die Philosophie ergehen, sie müsse poetischer werden oder gar zugunsten der Poesie den Platz räumen. Vor einem solchen Ansinnen müsste doch eigentlich die Frage nach den Artunterschieden gestellt werden. Denn selbst wenn man die Poesie der Philosophie vorzöge und sie höher einstufte, so wären damit noch nicht die Artunterschiede getilgt. Es spricht jedoch einiges für eine Ungleichartigkeit der beiden. Doch betrachten wir zuerst, wie die Rangunterschiede zwischen Philosophie und Poesie bestimmt wurden.

Die Einheit von Philosophie und Poesie war in der Zeit vor Platon vielleicht am größten. Von den sogenannten Vorsokratikern sind Sentenzen wie die von Heraklit z.B. oder auch das sybillinische Lehrgedicht von Parmenides überliefert. Die vorsokratische Einheit von Philosophie und Poesie wurde jedoch von Platon auf ironische Weise in eine Zweiheit aufgelöst. Platon, der ursprünglich Tragödiendichter werden wollte, hat seine Philosophie nur in höchst kunstvollen Dialogen abgefasst. In einigen von diesen nun lässt er meistens Sokrates für die Trennung von Philosophie und Poesie plädieren.

In der „Apologie” sagt Sokrates, dass er nach den Politikern auch die Dichter geprüft und festgestellt habe, dass die Dichtung nicht auf einem Wissen oder gar einer Weisheit beruhe. Die Dichter dichteten einfach nur begeisternd bzw. redeten begeistert daher. Weil sie gut dichten könnten, hielten sie sich auch sonst für weise, aber das sei eben nur eine Selbsttäuschung. Selbst wenn ein Gott durch den Dichter spräche, wie sie glauben, so sei die Weisheit des Dichters kein Wissen, sondern nur Enthusiasmus. Darin ähnelten die Dichter übrigens den Politikern. Und so wird im „Gorgias” die Poesie als Schmei­chelkunst hingestellt, die nur der Volksbelustigung dient. Doch der Haupteinwand Platons im „Phaidon” lautet, dass Dichtung keine Begründungen liefert, durch sie also nicht argumentiert wird, sondern nur Geschichten erzählt werden. Dadurch war die Poesie für Platon minderwertiger als die Philosophie.

Wenn man die merkwürdige Ambivalenz einmal beiseite lässt, dass Platon auf poetische Weise antipoetische Thesen vertreten lässt, so kann er als der erste Denker betrachtet werden, der zwischen der Philosophie und der Poesie eine Grenze gezogen hat, die in einer Vorrangstellung der Philosophie gipfelte.

Ein herausragendes Beispiel für die Dimension des Rangs, wenngleich nicht für einen Rangunterschied, lieferte über 2000 Jahre später die Frühromantik. Gemäß einer Hypothese stammt das sogenannte „Älteste Systemprogramm des Deutschen Idealismus” (von 1789) aus der Feder von Hölderlin, vielleicht aber auch von Hegel. Darin heißt es unter anderem: „Ich bin nun überzeugt, dass der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfasst, ein ästhetischer Akt ist, und dass Wahrheit und Güte, nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muss eben so viel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie ist eine ästhetische Philosophie.”

Nur wenige Jahre später wurde sogar eine Vorrangstellung der Poesie vor der Philosophie behauptet und eine romantische Einheit von Logik und Phantasie eingefordert. So heißt es in den „Fragmenten” des Novalis: „Die Poesie ist das echt absolut Reelle. Das ist der Kern meiner Philosophie. Je poetischer, je wahrer.” Und: „Poesie ist die große Kunst der Konstruktion der transzendentalen Gesundheit. Der Poet ist also der transzendentale Arzt.” „Die Poesie ist der Held der Philosophie. Die Philosophie erhebt die Poesie zum Grundsatz. Sie lehrt uns den Wert der Poesie kennen. Philosophie ist die Theorie der Poesie. Sie zeigt uns, was die Poesie sei; dass sie eins und alles sei.”

Uns müssen heute diese romantischen Ideen mehr als über­schwenglich erscheinen. Nicht nur waren die philosophischen Differenzierungen, die Kant eingeführt hatte, allgemein bekannt und auch begründet. Wissenschaft und Kunst, Recht und Religion waren auch zu jener Zeit schon gesellschaftlich ausdifferenzierte Subsysteme. Die Romantik konnte ihre Sehnsüchte nicht durch noch so starke Wünsche und Beteuerungen durchsetzen.

Es mutet sonderbar an, dass von der Romantik eine Unterscheidung des Platon-Schülers Aristoteles vergessen bzw. verdrängt wurde, die indirekt einen Artunterschied zwischen Poesie und Philosophie untermauert. In seiner „Poetik” hatte er die Dicht­kunst von der Geschichtsschreibung unterschieden, weil jene erzählt, was geschehen könnte, während diese erzählt, was geschehen ist. Erweitert man diese Unterscheidung und bezieht die Philosophie in den Vergleich mit ein, so ist offensichtlich, dass sie weder das eine noch das andere tut. Deswegen ist sie weder Poesie noch Historie.

Hier haben wir einen klaren (ersten) Artunterschied zwischen Philosophie und Poesie. Philosophie unterscheidet sich von der Poesie, weil sie zu sagen versucht, was notwendigerweise existiert, falls etwas existiert. Und sogar, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Anders gesagt: Die Poesie beschreibt mögliche Welten, deren Möglichkeitsgrad nur durch die Verstehbarkeit der Beschreibungen begrenzt wird. Die Philosophie dagegen versucht, die für die wirkliche Welt notwendigen metaphysischen Strukturen zu beschreiben. Im Unterschied dazu beschreiben die Naturwissenschaften die physischen Strukturen der wirklichen Welt.

In der Poesie geht es also um das, was geschehen könnte. Und das kann alles Mögliche sein. Ja sogar alles Unmögliche lässt sich erzählen: nicht nur das, was aufgrund der Naturgesetze nicht geschehen könnte (Sciencefiction), sondern sogar auch das, was den Gesetzen der (zuerst von Aristoteles entwickelten) formalen Logik widerspricht („Alice in Wonderland”). Aris­toteles meinte zwar: „In der Dichtung ist das Unmögliche, aber Wahrscheinliche, vorzüglicher als das Mögliche, das unglaubhaft ist.” Doch in der Poesie kann auch das passieren, was auf eine andere als die logische Weise, nämlich auf eine sozusagen pragmatische Weise, selbstwidersprüchlich ist. Ein Beispiel dafür ist jemand, der den Hörer abnimmt und sagt, er sei nicht da.

Philosophie jedoch kann sich im Unterschied zur Poesie keine logischen oder pragmatischen Selbstwidersprüchlichkeiten leisten – und das ist ein wichtiges Argument dafür, dass es auch in dieser Hinsicht einen (zweiten) Artunterschied zwischen Philosophie und Poesie gibt.

Auch Kant und Hegel haben auf den Artunterschied von Philosophie und Poesie hingewiesen. Kant hatte zwar die Poesie als die höchste Kunst von allen betrachtet („es ist eigentlich die Dichtkunst, in welcher sich das Vermögen ästhetischer Ideen in seinem ganzen Maße zeigen kann”) und ihr eine Art philosophischer Würde zugesprochen („Der Dichter kündigt bloß ein unterhaltendes Spiel mit Ideen an, und es kommt doch so viel für den Verstand heraus, als ob er bloß dessen Geschäft zu treiben die Absicht gehabt hätte”) – er wäre aber ebensowenig wie Hegel auf den Gedanken einer Gleichartigkeit und Gleichrangigkeit gekommen. Für Hegel ist die Poesie „die absolute, wahrhafte Kunst des Geistes” und „dem Inhalte nach die reichste, unbeschränkteste Kunst”. Hegel meinte jedoch trotzdem, dass sich die Poesie in der modernen Welt gegenüber den „höheren Sphären der Religion und Wissenschaft” – und auch der Philosophie nach Hegel – nicht halten kann: „ihre Form hat aufgehört, das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein.”

Wenn man von dieser Fehlprognose Hegels einmal absieht und zu Kant zurückkehrt, kann man erkennen, wie präzise dieser Unterschiede fasste, die für uns heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind und uns klar sehen lassen, worin ein weiterer (und zwar der wesentliche) Artunterschied zwischen Poesie und Philosophie besteht. Kant unterscheidet in seiner „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht” (Werke XII, S. 574) das Entdecken, Erfinden, Ersinnen und Ausdenken vom: „Erdichten”. Und das erläutert er so: „mit dem Bewusstsein das Unwahre als wahr vorstellig machen, wie in Romanen, wenn es nur zur Unterhaltung geschieht.”

Das „Erdichten” soll also darin bestehen, „das Unwahre als wahr vorstellig (zu) machen”. Unterschieden von der Lüge scheint danach die Poesie nur dadurch zu sein, dass der Poet seine Leser oder Hörer nicht glauben machen will, dass das „Unwahre”, also das unwahre Geschriebene, wahr sei und dass seine Absicht von den Lesern auch erkannt wird. Aber wie macht der Poet das? Nun er lässt das Geschriebene als verstehbar erscheinen oder zumindest gibt er durch das Geschriebene etwas zu verstehen, auch wenn das Geschriebene schwer verständlich sein mag. Man versteht poetische Aussagen, wenn man weiß, was der Fall wäre, wenn die Aussage wahr wäre. Man könnte hier auch den Leibnizschen Begriff der möglichen Welten benutzen und definieren: man versteht, wenn man weiß, wie die mögliche Welt aussieht bzw. wie eine Welt aussähe, wenn das Erzählte wahr wäre.

Die Poesie benutzt in der Regel die üblichen Wort-und Satz-Bedeutungen. Die zu verstehende Bedeutung ist gleichsam ein Parasit der wörtlichen Bedeutungen. Mit diesen täuscht sie etwas vor („macht sie etwas als wahr vorstellig”), was nicht so ist, wie es geschrieben steht: eben diese märchenhaften möglichen Welten. Gerade das ist nicht das Geschäft der Philosophie, jedenfalls nicht einer seriösen. Sie macht nicht „das Unwahre als wahr vorstellig”, sondern das Wahre oder zumindest das, was sie für wahr hält. In ihr soll(te) jede einzelne Aussage wahr sein. Denn wenn eine falsch ist, leidet das ganze Gedankengebäude, oder wie die Logiker sagen: aus dem Falschen folgt Beliebiges.

Es wäre nun verkehrt, das semantisch parasitäre Verhältnis darin zu verankern, dass in der Poesie spachliche Bilder (Metaphern, Synekdochen, Oxymora usw.) benutzt werden, in der Philosophie dagegen nicht. Im Gegenteil: in der Philosophie wimmelt es nur so vor Metaphern und allen möglichen sprachlichen Bildern. Und einige der zentralen philosophischen Begriffe sind notwendig metaphorisch wie z.B. das Licht der Wahrheit, die Aufklärung, die Einsicht, der Begriff usw.

Nietzsche, das Weberschiffchen zwischen Poesie und Philosophie, hat weniger auf das Parasitäre der Bedeutungen abge­stellt als vielmehr auf die erotischen Beziehungen zwischen Dichter und Leser (in „Menschliches, Allzumenschliches” II, Nr. 105): „Die wirklichen Gedanken gehen bei wirklichen Dichtern alle verschleiert einher, wie die Ägypterinnen: nur das tiefe Auge des Gedankens blickt frei über den Schleier hinweg. Dichter-Gedanken sind im Durchschnitt nicht so viel wert als sie gelten: man bezahlt eben für den Schleier und die eigene Neugierde mit.”

Als (dritten) Artunterschied zwischen Philosophie und Poesie könnte man angeben: die Poesie benötigt nicht das Wahrsein einzelner Aussagen wie die Philosophie. Sie ist überhaupt nicht auf Aussagenwahrheit angewiesen. Die Philosophie dagegen schon. Auch wenn manche Philosophen gleichsam wie Poeten Wörter mit unüblichen Bedeutungen ausstaffieren oder gar neue Wörter erfinden, so wollen sie damit nie etwas Unwahres sagen. Meistens glauben sie sogar, sich dadurch verständlicher zu machen – was sich jedoch oft als ein Irrtum erwiesen hat.

Gemäß diesen drei Artunterschieden hat das Verhältnis zwischen Philosophie und Poesie sehr viel damit zu tun, wie man den Wahrheitsbegriff verwendet oder was man für ein Wahrheitsverständnis hat. Wenn man ihn nur auf Aussagesätze anwenden wollte, dann wären poetische Aussagen als falsch zu bezeichnen. Eine Alternative dazu bestünde darin, auch Mengen von Aussagen für wahr zu halten.

Diese Erweiterung des Wahrheitsbegriffs eliminierte nicht einzelne Aussagen als die normalen Kandidaten für Wahrheit und Falschheit. Ein derart liberales Wahrheitsverständnis hätte den Vorteil, dass man z.B. einen Roman als gleichsam wahr bezeichnen könnte, auch wenn jede seiner einzelnen Aussagen im wörtlichen oder buchstäblichen Sinn falsch ist. So gesehen würde in einem Roman durch wörtlich Unwahres etwas Wahres angezeigt oder zu verstehen gegeben: ein erkennbarer Sinn.

Dem liberalen Wahrheitsverständnis entsprechend könnte dann gesagt werden, dass z.B. Homers „Odyssee”, Sophokles „Ödipus”, Cervantes' „DonQuixote”, Shakespeares „Hamlet”, Casanovas „Memoiren” oder Goethes „Faust” etwas Sinnvolles über die condition humaine sagen und insofern wahr sind. So ließen sich z.B. diese Poesien als universale psychologische Theorien verstehen, die sogar wissenschaftlich nutzbar zu machen sind, wie es uns Freud exemplarisch vorgeführt hat und es die Psychoanalyse ausführt. Daran sieht man einen der wichtigsten Berührungspunkte zwischen Poesie und, wenn schon nicht Philosophie, so doch Psychologie oder Psychoanalyse. Sie benutzen diese poetischen Archetypen menschlichen Verhaltens zur wissenschaftlichen Beschreibung und Erklärung menschlichen Verhaltens.

Mit diesem liberalen Wahrheitsverständnis wären aber nicht die Artunterschiede zwischen Philosophie und Poesie aufgehoben. Zwar gibt es Literatur, die zwischen beiden oszilliert, aber eben auch Prototypen von beiden, die sich wie zwei Enden einer Skala gegenüberstehen. Am einen Ende glänzen etwa die Werke Kants und am anderen die Werke Celans. An der Wirklichkeit und Möglichkeit einer solch absoluten Differenz beißt keine romantische oder dekonstruktivistische Maus einen Faden ab.

erstellt am 01.7.2012