Das halbe Wort

Safiye Can

Die Dichterin. Warum nenne ich sie so? Sie schreibt auch Prosa, und sie ist nicht so, wie ich mir schon mein ganzes Leben lang eine Dichterin vorstellte – kein ätherisches Wesen, kein Mensch, der Luftschlösser baut, keine Frau, die nur aus Empfindlichkeit besteht. Diese Dichterin erinnert mich stets ganz prosaisch daran, dass ich auf dem Boden bleiben soll. Doch schaue ich mir ihre Texte an, weiß ich, wo es herkommt. Eine Dichterin, eine, die mehr sehen und ausdrücken kann als ich. Eine Dichterin, die auch in ihrer Prosa die Worte gut auswählt, kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Eine Dichterin, die das visuelle Moment in ihre Texte einflicht – und besonders interessant tut sie dies in der dritten Strophe von Heyhat: im Bild der Handfläche, in der das Miteinander auseinander bricht. Ein starkes Bild. Auch die Kurzprosa ist sehr bild- und sehr zauberhaft. Die Dichterin lebt Dichtung.
Jannis Plastargias

Heyhat: Türkisch. Ursprung: Altarabisch (هيهات): u.a. vergeblich, ausweglos, schade drum.

Die Wohnung

Wenn ich in eine Wohnung eintrete, in der es keine Bücherregale gibt – und es gibt sie, diese Wohnungen – wundere ich mich sehr. Es ist, als fehlte der Wohnung ein Dach oder doch zumindest eine Wand, als fehlten ihr ein paar Fenster samt Fensterrahmen, als hätte der Mieter oder Eigentümer kein einziges Bett in den Zimmern, keine Messer und Gabeln in den Küchenschubladen, als hätte er keine Dusche oder Badewanne. Das wundert mich ungemein, denn er muss doch schlafen, essen, baden, und es ist kalt so ohne Dach und Hauswand. Doch der Eigentümer lächelt in all seiner Gastfreundschaft und erzählt über dieses und jenes, als sei nichts Ungewöhnliches an seiner Situation und dann fragt er, ob ich Kaffee trinken mag oder doch lieber Tee. Und ich frage zurück: Aber wo nimmst du das Wasser her?

Der Leser

Er riss die Plastikfolie vom Buch, ließ seine Finger durch die weißen Seiten streifen und öffnete eine beliebige Seite. Er steckte die Nase zwischen die aufgeschlagenen Seiten, schloss die Augen und atmete tief ein. Dann tauchte er aus dem Buch wieder auf und atmete aus. Das Buch roch nicht.
Also brachte er das Buch wieder zurück in die Buchhandlung, knallte es auf den Tresen und sagte verärgert zu der Verkäuferin: Es riecht nicht.
Die Verkäuferin schaute über die Brillenränder zu dem Mann hoch, nahm das Buch vom Tresen, schlug die erste Seite auf, hielt es dem Mann hin und sagte: Sie müssen es von der ersten Seite an riechen, sonst ist es eingeschnappt.

Siehe auch:
DAS HALBE WORT

erstellt am 01.7.2012

Safiye Can
Safiye Can

Safiye Can. Geboren in Offenbach. Studium der Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt. Nach dem Magister-Abschluss Zweitstudium in Germanistik und Kunstgeschichte ebenda. Mitarbeiterin der Horst Bingel-Stiftung für Literatur e.V., Leitung von Schreibwerkstätten und Lyrik-Workshops sowie ehrenamtliche Mitarbeiterin bei amnesty international. Lange Jahre Regieassistenz am Landestheater Burghofbühne. Zuvor hat sie an verschiedenen Gymnasien Deutsch unterrichtet. Ihre literarischen Arbeitsgebiete sind Lyrik, darunter auch visuelle/konkrete Poesie, und Prosa. Safiye Can ist mehrfache Preisträgerin und lebt als freie Autorin und literarische Übersetzerin in Frankfurt. Kontakt und Internetpräsenz:
www.safiyecan.de.