Fußballkolumne von Detlev Claussen

III. Üble Nachrede

Die beste Mannschaft hat gewonnen. Das ist das Schönste, was ein Freund des Fußballs erleben kann. Das große Finale huldigte König Fußball. Und es ist wie bei Kaiser Napoleon: Europameister Spanien krönte sich mit vier Toren selbst. Fußball ist keine Ersatzreligion, sondern ein Kultus, der nur im Vollzug erfahren wird. Keineswegs gewinnen immer die Besten; gerade deswegen empfindet man es als einen glücklichen Moment, wenn der beste gewinnt – der höchste Augenblick. Verweile doch, Du bist so schön … Er wird vergehen. Schon im Herbst beginnt die Prosa der Qualifikationsrunden zur Eroberung des Weltmeistertitels, den Spanien auch zu verteidigen hat. In jedem aktuellen Triumph steckt der Keim zukünftiger Niederlagen.

Fußball ist ein Spiel der Gegenwart; glorreiche Vergangenheit zählt nicht auf dem Platz, nur in den Gazetten. Arsch pro toto: BILD. Nach dem Halbfinale, in dem Deutschland verdient gegen Italien ausgeschieden war, fehlte die Anerkennung des gelungenen italienischen Spiels wie die rückhaltlose Analyse des deutschen. Statt dessen sozialchauvinistisches bashing mit Analgeschmack: Fußballspieler, die alles hinten reingesteckt bekommen, statt sich den Arsch aufzureissen. Memmen, die weinen, statt kräftig wie die Italiener mitzusingen. Leute mit Migrationshintergrund, die zwar den deutschen Pass haben wollen, aber nicht mitmachen: Integrationsverweigerer. Zur Erkenntnis eines Fußballspiels taugt diese populistische Propaganda nicht, sondern nur zur Erzeugung eines ungesunden Volksempfindens und zur Kanalisierung des Volkszorns. BILD, BamS, WamS wollen nicht mit Toren siegen, sondern mit der Quote. Fußball interessiert sie nur als Hexenküche der Gefühle. Dem hechelt die Glotze hinterher.

Aber auch in den Medien ist nicht alles so schlecht, wie auf dem Platz nicht alles schlecht war, was wir gesehen haben. Im Gegenteil: Die EM-Gruppenphase brachte spannende Spiele auf hohem Niveau, die K.O.-Spiele waren allesamt sehenswert, das fußballerische Niveau in Europa ist höher als vor vier Jahren; die Spitze ausgeglichener denn je. Wer am deutschen Fussball Interesse hat, kann sich glücklich schätzen. Seit der Klinsmannrevolution 2006 wurde konstant mit begeisterndem Offensivspiel in der Weltspitze mitgespielt. BILD hatte sich von Anfang an gegen diese radikale Veränderung des deutschen Fußballs, in dem der Springerkonzern sich wie das Propagandaministerium vorkam, gesperrt. Als bei der WM der Klinsmannsche Angriffsfußball eine schwarz-rot-goldene Welle der Begeisterung mit Autocorsi erzeugte, dessen Feierformen man sich bei den italienischen und türkischen Immigranten abgeschaut hatte, schwenkte BILD auf Patriotismus um und meinte das Geschehen auf dem Platz als Bestätigung ihres verstorbenen Propheten Axel Springer deuten zu können. Wenn Deutschland verliert, kann das nur noch am mangelnden Patriotismus liegen – und Verrätern in den eigenen Reihen. Die Dolchstoßlegende lacht uns wieder an.

Der chronische Singeschwachsinn geht weiter. Auch heute, einen Tag nach dem Endspiel, spricht BILD von einem „Riesen-Wirbel um unsere Nationalhymne“, den sie selbst erzeugt hat. „Politiker fordern“ eine Singepflicht … und dann gucken wir uns diese Helden des Patriotismus an. Die Namen sprechen für sich: Volker Bouffier, Uwe Schünemann, Joachim Herrmann, Hans-Peter Uhl – alle von der CDU/CSU-Reservebank, die man nie hätte aufstellen dürfen. Die falsche Belehrung folgt auf dem Fuß: „Andere Länder gehen viel unverkrampfter mit ihren Nationalhymnen um …“ Andere Länder habe auch andere Nationalgeschichten … Die Alliierten haben dem demokratischen Deutschland ja einen Tort angetan, als sie den Nachkriegswestdeutschen auf ihre flehentlichen Bitten hin erlaubten, die 3. Strophe von „Deutschland, Deutschland über alles …“ weitersingen zu dürfen. Hoffmann von Fallerslebens Lied stammt ebenso wie das von Buffon mitgegrölte „Fratelli d´ Italia“ aus dem Vormärz und besitzt eben genau das fragwürdige Potential, das auch im Nationalsozialismus und im italienischen Faschismus ein Volksgemeinschaftsgefühl erzeugte. Es steht jedem Menschen frei, ob er so etwas mitsingen will oder einfach das Ritual abwartet. Die italienische Mannschaft hat vor dem Spiel gegen Deutschland wie gegen Spanien demonstrativ die „Fratelli“ geschmettert. Gegen Spanien haben sie 0:4 sang- und klanglos veloren. Spanien singt vor dem Spiel überhaupt nicht; die „Marcha Real“ hat keinen Text. Dann machte das fußballerisch geschlossene team seine Arbeit gloriös. Am Ende konnten sie gegürtet mit katalanischen, baskischen, andalusischen Fahnen– jeder wie er wollte – aus vollem Herzen „Campeónes, Campeónes …“ anstimmen. „We are the Champions“ – das ist die Welthymne des Fußballs.

II. Oskars Club

Über Fußball wird viel Mist erzählt. Auch und gerade von Intellektuellen, die über Fußball reden, ohne zu analysieren, was auf dem Platz geschieht. Das gibt dem im Fußballbusiness weitverbreiteten Antiintellektualismus Futter. Adi Preisslers erkenntnistheoretische Ruhrpott-Maxime, die von Otto Rehhagel gern zitiert wurde, „Die Wahrheit iss´ auf´m Platz“ richtet sich gegen Ballyhoo-Stimmungsmache, Großsprecherei vor dem Spiel und Schlaumeierei auf den Rängen. Umso erschütternder ist es, wenn kluge Leute keine Analyse des gespielten Fußballs betreiben, sondern nur ihren Gefühlen beim Zuschauen Ausdruck geben. Wer die Frankfurter Schulbank in den 50er und 60er Jahren gedrückt hat, als die Philosophische Fakultät der Goethe Uni noch nicht in einen linguistischen Turnübungsplatz verwandelt worden war, musste lernen, dass Kritik ihr Ziel verfehlt, wenn sie nicht aus der Sache selbst entwickelt wird, sondern der Kritiker über der Sache zu stehen vermeint. Zum Grundwissen der Kritischen Theorie gehört Adornos vernichtendes Diktum über den gescheiterten Versuch seines Mentors Kracauer, eine „soziale Biographie“ Jacques Offenbachs zu schreiben: „Offenbach ohne Musik geht nicht!“

In der letzten Wochendausgabe der taz redet sich der nach eigenem Selbstverständnis „politische Intellektuelle“ Oskar Negt um seinen kritischen Kopf und Kragen, wenn er die EM zu den „unterhaltenden Verdrängungsleistungen“ rechnet. Wenn man „panem et circenses“ kritisieren will, kann das doch nicht heißen, man soll kein Brot mehr essen und keinen Spass mehr am Zirkus haben. Ohne Spielanalyse regrediert kritische Gesellschaftstheorie zum kulturpessimistischen Räsonnement, das im spielerischen Konkurrenzkampf von Nationalmannschaften eine Vorstufe des Krieges erblickt und die Kommerzialisierung als gesellschaftszersetzendes Teufelswerk beklagt. Schimpfen auf Kommerz verkürzt die Kritik der Kulturindustrie auf ein Ressentiment gegen cheap thrills – ein Oskars Club für Intellektuelle, die sich über Leute mokieren, die Spass und nicht ernsthafte Hochkultur haben wollen – letzte Nachwehen bildungsbürgerlicher Vorurteile gegen english sports.

In der Tat: Fußball ist im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Ware geworden; aber wie Kultur ist auch Fußball eine „paradoxe Ware“. Ohne das Zur-Ware-werden der bürgerlichen Kulturprodukte im 19. Jahrhundert wäre es nie zur Emanzipation der Künstler von den aristokratischen Auftraggebern und zur Vorstellung autonomer Kunst gekommen; ohne die Professionalisierung des Fußballs wäre er nicht für Proletarier, Migranten und Außenseiter eine bevorzugte Möglichkeit geworden, weltweit am öffentlichen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Erst seit der DFB erkannt hat, dass alle, die in Deutschland Fußball spielen, potentiell auch Nationalspieler sind, wird die nationale fußballerische Organisation der gesellschaftlichen Realität einer ethnisch heterogenen Gesellschaft gerecht. Wer da über Nationalmannschaften als „bunte Völkermischung“ räsonniert, hat nicht nur den Fußball nicht verstanden, sondern versteht auch die Gesellschaft, in der er gespielt wird, nicht mehr.

Frankfurt am Main 25. 06. 2012

I. Mit Kopf gespielt

Über Fußball wird viel dummes Zeug geredet. Martin Walser hat einmal gesagt, es gäbe noch etwas Dümmeres als Fußball, nämlich Nachdenken über Fußball. Lothar Baier hat einmal über Martin Walser gesagt, er denke mit dem Herzen und fühle mit dem Kopf. Das war ein Treffer. Intellektuelle Verachtung des Fußballs gehört zur unseligen Tradition des deutschen Bildungsbürgertums, das es für ein Privileg hielt, von praktischen Dingen nichts zu verstehen: Vorurteil aus Ahnungslosigkeit. Frauen, die stolz darauf sind, keine Ahnung vom Fußball zu haben, sind die letzten Tempelhüterinnen der Fußballverachtung. Aber sie werden immer weniger. Der Fußball hat in der Tat nach dem Ende des 20. Jahrhunderts weltweit die Massen ergriffen … und das ist auch gut so; denn Fussball ist ein schönes leidenschaftliches Spiel, bei dem jeder mitmachen kann – spielend oder zuschauend. Kein Bildungsprivileg muss überwunden werden, um Freude am Spiel zu haben; aber man hat mehr vom Spiel, wenn man seinen Kopf benutzt.

Man hat auch mehr vom Reden über Fußball, wenn man etwas vom Fußball versteht. Leider wird über Fußball auch viel dummes Zeug geschrieben, weil viele Leute, die über Fußball schreiben, keine Interesse am Spiel haben. Das Viertelfinale Griechenland gegen Deutschland wurde von vielen Printmedien „hochsterilisiert“, wie Bruno Labbadia diese Technik in schöner Fehlleistung auf den Punkt gebracht hat, zum Kampf um den Euro, zur Abwehrschlacht gegen die deutschen „Panzer“, während „BILD“ auf alle Griechen als weißblaue Tavernenkellner herabschaut. Wenn es etwas gestern zu sehen gab, dann war es der epische Kampf zwischen effektivem Defensivspiel und risikoreichem Angriffsspiel. Die Anhänger des schönen Spiels, des Jogo bonito, wie es die Brasilianer nennen, haben gestern 4:2 gewonnen – wirklich ein Grund zum Jubeln.

Frankfurt a. M. 23. 06. 2012

Kommentare


Oliver Fritsch - ( 26-09-2012 04:21:21 )
Lieber Herr Claussen, mir gefallen diese Ausführungen so gut, dass ich sie nun schon mehrfach, in regelmäßigem Abstand, gelesen habe. Sehr erhellend. Herzlich grüßend

Kommentar eintragen









erstellt am 23.6.2012

Der Adorno-Schüler und Soziologe Detlev Claussen hat im Weltmeisterschaftsjahr 2006 eine Biographie über einen der erfolgreichsten Fußballtrainer aller Zeiten Béla Guttmann geschrieben und mit der Geschichte dieses Wanderers zwischen den Fußballwelten Europas und Amerikas zugleich ein Stück Kultur- und Sportgeschichte der besonderen Art verfasst.

Detlev Claussen
Béla Guttmann
144 Seiten, Halbleinen
Mit zahlreichen Abbildungen
Berenberg Verlag Berlin

Buch bestellen

‪Detlev Claussen zu seinem Buch über Béla Guttmann‬