Erste Blicke auf die documenta (13)

Collapse & recovery

Von Harry Oberländer

Im Kloster Breitenau, 15 Kilometer südlich von Kassel, befand sich in der Nazizeit ein Konzentrationslager. Während der von Rudi Fuchs kuratierten Documenta7 im Jahr 1982 wurde dieser weitgehend vergessene und verschwiegene Teil der Geschichte Breitenaus und der Region in Kassel thematisiert: als Teil der Freien Internationalen Universität (FIU) von Joseph Beuys, einer Reihe von Veranstaltungen, in deren Zentrum die Aktion 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung stand. Die Documenta (13) der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, die am 9. Juni 2012 eröffnet wurde, hat Joseph Beuys einiges zu verdanken, hat viele seiner Impulse aufgegriffen. Auch der Bezug auf Breitenau ist für sie von großer Bedeutung. In Nordhessen war die KZ-Geschichte lange Zeit tabu. Mit einem Erziehungsheim für Mädchen wurde die traurige Geschichte des Ortes zunächst vielmehr unreflektiert fortgesetzt. Erst 1984 wurde in Breitenau eine Gedenkstätte eingerichtet.

Carolyn Christov-Bakargiev sieht ihr Documenta-Konzept als Choreographie im Sinn von Bewegungsabläufen, die harmonische Beziehungen, Ereignisse und Begegnungen von Künstlern, von Kreativen ermöglichen. Die Vorstellung nahm in Breitenau Gestalt an, als sie erfuhr, dass die Erziehungsanstalt für Mädchen (1955-1973) um einen Tanzsaal erweitert worden war. Mit einer Assoziation an die burlesken Tänze von Dixie Evans führte sie den Gedanken fort: „Also begann ich Bamboule zu recherchieren, einen Sklaventanz, der interessanterweise in der Folge des erfolgreichen Sklavenaufstandes in Haiti im Jahr 1791 in New Orleans getanzt wurde und der angeblich aus Sorge, er könnte weitere Rebellionen in Nord- und Südamerika befördern, verboten wurde. Dies passierte lange vor Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs.“ Von den Beschreibungen dieses Tanzes angeregt, formulierte sie den Satz, der nun programmatisch über ihrer Ausstellung steht:

Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit.

So wie Breitenau und damit das Destruktionspotential der Nazizeit einer der Orientierungspunkte für die Documenta (13) ist, so ist es andererseits der Untergang Kassels im Bombenkrieg. Für Kassel brachte der von den Nazis entfesselte Weltkrieg die vollständige Zerstörung seiner mittelalterlichen Altstadt. Die Fachwerkhäuser gingen im Oktober 1943 innerhalb von 45 Minuten im Feuersturm unter, von den Bewohnern kam im Innenstadtbereich jeder Zehnte ums Leben. Carolyn Christov-Bakargievs Stichwort collapse- recovery ist vor allem auch der Auseinandersetzung mit Kassel als Documenta-Stadt geschuldet. Wiederaufgebaut wurde Kassel mit einem städtebaulichen Konzept, das sich zunächst völlig der Moderne verpflichtet sah. Die 50er Jahre Architektur, in der das geschah, unternahm gar nicht erst den Versuch, das Ausmaß der Zerstörungen zu verbergen, sondern setzte auf freie Flächen und die Chance, eine autogerechte Stadt mit vielen breiten Straßen und großen Kreuzungen zu schaffen. Wichtige historische Gebäude blieben als Ruinen erhalten und als Kompensation zur autogerechten Stadt trat von Kassel aus die Deutsche Fußgängerzone ihren Siegeszug durch die Bundesrepublik an. Die Treppenstraße war die erste ihrer Art. Zwar ist in Kassel notgedrungen mehr von der architektonischen Moderne der 50er Jahre erhalten, als etwa in Frankfurt am Main, wo Rundschauhaus und Zürich-Hochhaus umstandslos abgerissen wurden, aber mit der Pflege und Präsentation ist es auch in Kassel nicht weit her. Stattdessen setzt man auf die schönen Seiten der Stadt, seine Schlösser und seine grandiosen barocken Parkanlagen: die Karlsaue und den Wilhelmshöher Bergpark, die auf ihre Anerkennung als Weltkulturerbe warten. Mit dem Fridericianum, der Orangerie und der Karlsaue bespielt die Documenta (13) wie eh und je das Erbe der landgräflichen Residenzstadt, aber sie zeigt auch die Brachen und Wunden der einstmaligen Industriestadt Kassel. Dafür hat Christov-Bakargievs Choreographie vor allem den Kasseler Hauptbahnhof gefunden, der 1991 seine Bedeutung verlor, weil der Fernverkehr seitdem über den Intercity-Bahnhof Wilhelmshöhe rollt.

Über die Gleise und Bahnsteige des alten Hauptbahnhofs schallt zur Documenta (13) Musik: die rekonstruierte Studie für Streichorchester von Pavel Haas. Haas hat sie 1943 in Theresienstadt komponiert und die Künstlerin Susan Philipsz lässt sie über sieben Gleislautsprecher abspielen. 1941 und 42 wurden vom Kasseler Hauptbahnhof aus die noch im Bezirk Kassel lebenden Juden in Konzentrationslager, darunter auch Theresienstadt, deportiert.

2012 nutzt die documenta nicht nur den Südflügel des Bahnhofs, der schon zum wiederholten Mal Austellungsort war, sondern auch die Nachrichtenmeisterei und die Hallen der Post- und Güterverteilung im Nordflügel. Dort ist eine ähnliche Ausgangsituation vorzufinden, wie sie der Gründervater Arnold Bode 1955 bei der ersten Documenta mit dem damaligen Zustand des Fridericianums nutzte, als er Picasso an die kahle Wand der Ruine hängte. Dort im Nordflügel sind die nutzlos gewordenen Aufschriften zur Verteilung der Transportgüter an den Wänden übrig geblieben, Aufschriften wie Zoll, oder Hamm oder Warburg oder Treysa, Numerierungen, Warnhinweise. In diesem Bereich findet man ein ganzes Haus vom Erdgeschoss bis zum Dachboden ausgestattet Photographien, antiken Kunstgegenständen und anderen Preziosen, eine Installation der aus Zypern stammen Künstlerin Haris Epaminonda und von Daniel Gustav Cramer. Man findet in der dahinter gelegenen Halle die aus Holz geschnitzte Nähwerkstatt von István Csákány und die Jalousien der Koreanerin Hague Yang. Auf diesem Weg kommt man zu William Kentridges „Refusal of Time“ und damit in das schönste Kino, das ich seit langem betreten habe.

Der Südafrikaner Kentridge, der bereits auf Catherine Davids Documenta 10 und Okwui Enwezors Documenta11 vertreten war, zeigt in seiner Installation aus Flüstertüten, Rädern und pneumatischen Uhren einen Film, der von riesigen Metronomen dirigiert wird und zugleich doch ein wunderbarer Stummfilm mit dem fulminanten Finale einer vitalen afrikanischen Tanzprozession ist. Licht und Schatten sind fundamental für Kentridges Arbeiten. Er hat an der New Yorker Met Schostakowitschs Oper „Die Nase“ inszeniert und zu seinem diesjährigen Documenta- Projekt gehört eine weitere Performance auf dem Theaterfestival in Avignon. In Licht und Schatten sieht Kentridge eine Metapher für die europäische Aufklärung: die Menschen aus der Dunkelheit der Höhle ins Licht zu führen sei die eine Seite der Angelegenheit, erklärte er dem Kunstmagazin Art. „Die andere hat damit zu tun, was passiert, wenn wir eine Leinwand und eine Projektion betrachten, also das, was ich die ganze Zeit tue. Auch die Projektionen, die wir anschauen, führen wieder zu Platon zurück: Inwieweit sind sie wirklich, oder wann konstruieren sie Wirklichkeit. Das ist eine wichtige zweite Lesart.“

Die Documenta (13) ist eine Ausstellung langer Wege, vor allem in der Karlsaue, aber es lohnt sich, diese Wege zu Fuß zurückzulegen. Von Kassels Hauptbahnhof aus sind Friedrichsplatz und Fridericianum via Treppenstraße einigermaßen schnell zu erreichen. Seit Arnold Bode 1955 die Documenta ins Leben rief und die entwöhnten Deutschen mit der internationalen Moderne konfrontierte, indem er die Ruine des Fridericianums als damals einzigen Ausstellungsort mit Werken von Barlach und Beckmann, Chagall und de Chirico, Dix und Feininger, Picasso, Schwitters und Vasarely bestückte, ist dieses Gebäude das Zentrum der Documenta geblieben. Carolyn Christov-Bakargiev hat das Parterre so sparsam inszeniert, dass eine große Wirkung der schönen, beinahe leeren Räume entsteht und die klassizistische Architektur Simon Louis du Rys, der den Bau 1789 dem Auftraggeber Friedrich von Hessen übergab, sozusagen zum Klingen bringt. Das wird unterstützt durch das Rauschen einer akkustischen Installation Ryan Ganders, zu der noch weitere Elemente in der Orangerie und der Karlsaue gehören. Hier, im Herzen der Documenta, erzeugen sie die Irritation eines leichten Windes, zu der die wehenden Vorhänge man sich denken kann. Dazu kommt ein Rückgriff auf Julio Gonzalez (1876-1942), dessen Installation zweier Skulpturen auf der 2. documenta 1959 quasi wiederholt wird. Hinzu kommt ein Photo, das diese Installation von 1959 zeigt. Will man Christov-Bakargievs Vorwort zur Austellung lesen oder ihre Ouvertüre hören, muss man das Parterre des Friderianiums betrachten. In den vorderen Räumen ist das Herz, im hinteren Teil, der Rotunde, das Hirn der Documenta (13) zu besichtigen. Zu den zahlreichen Ausstellungsstücken, die dort versammelt sind, gehört eine baktrische Prinzessin aus Turkmenistan (3.- 2. Jahrtausend vor Christus) ein zeitgenössisches buntes Landschaftsgemälde des Afghanen Mohammad Yusuf Asefi, gehören Objekte von Man Ray und Antonio Cumella, Guiseppe Penones echter und nachgeahmter Flussstein.

Penone hat zudem eine der wenigen Skulpturen dieser Documenta beigesteuert, den Bronzeguss eines Baumes, in dessen Astgabeln ein Flussstein aus grauem Granit ruht. Zum „brain“ der Documenta (13) gehört schließlich eine Auswahl von Gegenständen, die die Photographin Lee Miller (1907-1977) 1945 als Kriegsberichterstatterin aus Hitlers Münchner Wohnung mitgehen ließ, darunter Eva Brauns Puderdose: ein eher ironischer Schlenker auf die merkwürdigen Verknüpfungen, die Kunst und Weltgeschichte gelegentlich eingehen.

Aber noch einmal wird die Nazizeit auf sehr berührende Weise thematisiert, im ersten Stock des Fridericianums. Hier sind zahlreiche farbige Zeichnungen ausgestellt, die nichts anderes darstellen als Apfelsorten. Von 1910 bis in die die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat der bayrische Dorfpfarrer Korbinian Eigner etwa 900 Apfel- und Birnensorten gezeichnet und damit ein Werk hinterlassen, dass der seriellen Arbeit eines Konzeptkünstlers gleicht. Als dieser Pfarrer in den dreißiger Jahren die Nazis offen kritisierte, wurde er ins KZ Dachau verschleppt, wo er Zwangsarbeit in der Landwirtschaft leisten musste. Er legte im KZ einen Kräutergarten an. Es gelang ihm, verschiedene Apfelsorten zu züchten, von denen eine noch heute angebaut wird: der Korbiniansapfel. Ein solcher Apfelbaum erinnert in Dachau an Korbinian Eigner, drei für die Documenta (13) gepflanzte Bäume stehen jetzt auch in der Karlsaue. Dass eine solche Arbeit ebenso zu dieser Documenta gehört wie das Gemälde Le grand paranoiaque von Salvator Dali gibt noch einmal ihren originellen Spannungsbogen wieder. Weitere Highlights im Fridericianum sind der schwarze Raum von Lyn Foulkes mit einer Musikmaschine und eigenwilligen Mixed-Media-Reliefbildern, der halbkreisförmige Wandteppich von Goshka Macuga, eine digitale und monumentale Schwarzweiß-Photomontage, deren Pendant zeitgleich in Kabul ausgestellt wird und Ida Applebroogs Installation ihres Privatarchivs mit Zeichnungen, Notizen und Gedichten.

In der Documenta-Halle neben dem Staatstheater führen die Gemälde des 1926 in Nürnberg geborenen Gustav Metzger, präsentiert in Schaukästen unter Decken verborgen, auf die große Halle zu. Dort präsentiert Thomas Bayrle sein monumentales 8 × 13 Meter großes Flugzeugbild aus dem Jahr 1984, das sich, wie sollte es bei Bayrle anders sein, aus tausenden kleiner Flugzeugbildchen zusammensetzt. Umgeben ist das Wandbild von echten Flugzeug- und Automotoren, die uns ein Ave Maria der Technik singen, das wir als kühle Verschmelzung menschlicher und technischer Rituale genießen können. Der Traum vom Fliegen wird zur futuristischen Litanei, was nicht ganz ironiefrei ist. Aus den ausgedienten Motoren sind Darsteller geworden, die dem technischen Fortschritt seine eigene Melodie vorsingen.

Hinter dieser großen Halle wartet aber auch noch ein kleinerer Raum, quasi die Krypta der Kunstkathedrale, auf die Besucher. Hier setzt Nalini Malani aus Bombay einen starken feministischen und poetischen Akzent. Eine Reihe sehr schön bemalter, sehr zarter zylinderförmiger Lampions erzählen Geschichten von Frauen, alte Geschichten, wie die von Medea und Kassandra oder von Hindu-Göttinnen, die zugleich als Video-Schattenspiel an die Wände projeziert werden.

Das alles lässt sich in hundert Tagen, die die documenta dauert, in Ruhe betrachten. An einem Tag schafft man vielleicht gerade den Hauptbahnhof und das Fridericianum, an einem anderen die Neue Galerie, mit Gemälden und Skulpturen, das Brüder Grimm Museum, das Ottoneum, die Documentahalle und ein bis zwei der zahlreichen weiteren Documenta-Orte. Um jene Teile der Ausstellung zu sehen, die in Kabul (und Bamyan, wo die Taliban die großen Buddhastatuen sprengten), in Alexandria und im kanadischen Banff stattfinden, sind naturgemäß längere Vorbereitungs- und Anreisezeiten einzukalkulieren. Für die Karlsaue immerhin, reicht ein weiterer Tag vermutlich aus.

Auf dem großen Rasenplatz vor der Orangerie ist ein grüner Hügel aufgeworfen, der Doing Nothing Garden des Chinesen Song Dong. Wehmütig musste ich bei dessen Anblick an die schöne und kritische Skulptur Template von Ai Wei Wei auf der Documenta 12 denken, den Turm aus antiken Fensterläden und Türen, der selbst, als er vom Sturm umgeworfen worden war, noch sein Würde behielt. Template und auch die 1001 Stühle thematisierten die große chinesische Kulturtradition und den achtlosen Umgang mit ihr in der heutigen chinesischen Gesellschaft. Dagegen ist Song Dongs Arbeit eher dekorativ und aussageschwach. Wenigstens aber ist Ai Wei Wei auch auf dieser Documenta im Film zu sehen: in Alison Klaymans Dokumentarfilm Ai Wei Wei – Never sorry, der natürlich inzwischen auch in Kassel angelaufen ist, im Bahnhofslichtspielkino, dem Bali, im Haupt- und Kulturbahnhof, gleich neben der Caricatura.

Der Documenta in der Karlsaue könnte man die Überschrift „Friede den Hütten“ geben, wüsste man nicht, dass die Kasseler Paläste Krieg und Wiederauferstehung bereits hinter sich haben. Lauter kleine Häuschen sind über die Karlsaue verteilt, von außen wirken sie gelegentlich wie von IKEA erfunden, aber das täuscht. Es finden sich subtile Installationen und gute Ideen in großer Vielfalt, wie zum Beispiel der Vorschlag zu Errichtung einer Bank, die mit Zeitzertifikaten handelt statt mit Geld, die Time/Bank von Julieta Aranda und Anton Vidokle. Ganz ohne Hütte kommt der Senegalese Issa Samb aus, der mit den folkloristischen Elementen afrikanischer Symbolik, Fetischen und Ornamentik eine Installation geschaffen hat, in der er selbst im bunten Kostüm mit Silberpfeife wie ein Buschadvokat und Vodoopriester agiert und performt.

Der schönste Ort, den ich auf Erden hab, ist auf dieser Documenta keine Rasenbank, aber doch ein Ökotop. Es liegt mitten in der Aue verborgen und ist gar nicht so leicht zu finden: Gute Erde in großen Haufen, die Kompostieranlage der Karlsaue, verborgen hinter Bäumen und Büschen. Findet man den Zugang, ist man in einer irritierend anderen Welt. Untilled heißt, was der 1962 in Paris geborene Pierre Huyghe hier inszeniert, einen Dschungel aus wild wachsenden und wuchernden, teils toxischen oder zumindest berauschenden Pflanzen und Blumen, Steinhaufen, Komposthügeln, einer gefällten Beuys-Eiche und großen Pfützen. Im Zentrum finden wir die Skulptur einer nackten Liegenden. An der Stelle ihres Kopfes sehen wir einen Bienenstock, bevölkert von einem wabernden, summenden Bienenschwarm. „Gib mir Honig“, lautete eine der Parolen von Joseph Beuys anlässlich seiner gleichnamigen Pumpe mit Dauerseminar auf der Documenta 6, 1977. Auf einem großen schwarzen Hügel aus Komposterde sah ich einen weißen Hund liegen, er lag wie tot. Ich photographierte mehrfach die vermeintliche Hundeleiche – war sie nicht auch handwerklich einwandfrei präpariert? –, da hob das Tier zunächst den Kopf, erhob dann sich selbst, um wie der Wind mit äußerst geschmeidigen Bewegungen den Modus des Todes und den Hügel zu verlassen. Er hatte ein fluoreszierendes rosa Bein, der Hund. Er war, wie ich später erfuhr, ein spanischer Podenco, der Hund, zu dem sich noch ein Welpe mit fluoreszierender rosa Pfote gesellte. Er spielte seine Rolle als Fabelwesen, der Hund, das die Besucher über die Schwelle der Echtzeit in einen grünen Traum geleitet, gut und offenbar gern. Ein Performer, dieser Hund, wie Niklas Maak in der FAZ unübertrefflich formulierte, „ein Reh, das sich für einen eleganten Wolf hält.“

Als ich 1968 mit meinen Mitschülern vom Gymnasium unter Führung unseres Kunstlehrers das erste Mal eine Documenta besuchte, war die Parole, dass jeder Hund ein Künstler sei, noch nicht erfunden. Es wurde noch unentwegt diskutiert, ob das, was wir sahen, denn nun überhaupt Kunst sei oder nicht. Wir glaubten noch fest daran, dass die Kunst das Wesen sei, das im Kunstwerk zur Erscheinung käme oder eben nicht. Da ging es um Jean Tinguely oder Andy Warhol oder Roy Lichtenstein. Heute sind wir weiter. Wir sehen eine Menge Phänomene wie Bienen, Hunde, Pflanzen und Regen, wie Sonne und Sternmotor, wie Quantentheorie, Filme, Konrad Zuses mechanisches Gehirn, wie wehende Gardinen, Gemälde, Masken und Gemäuer. Manchmal stehen wir gar im Wald und hören einfach nur Krach: Das alles ist Kunst, man muss sich nur entschließen, es zu erleben.

erstellt am 20.6.2012

dokumenta 13

9. Juni bis 16. September 2012

in Kassel, täglich 10 – 20 Uhr

Susann Philipsz, Soundtest, Klanginstallation, Hauptbahnhof

Jonathan Borofsky, Sky Walking Man, Documenta 9, 1992, heute vor dem Hauptbahnhof

Kudzanai Chiurai, Installation, Detail, Hauptbahnhof, Südflügel

Sandra Ivekovic, The Disobedient (The revolutionaries), Detail, Neue Galerie

Alle Fotos © Harry Oberländer