Am 12. Juni 2012 starb die Psychoanalytikerin, Ärztin und Publizistin Margarete Mitscherlich. Sie galt als »Grande Dame der Psychoanalyse«, engagierte sich zusammen mit Alice Schwarzer als Vorkämpferin des Feminismus und war bis zuletzt eine gefragte Gesprächspartnerin in Presse, Funk und Fernsehen. Noch Ende vergangenen Jahres war sie in der ARD-Sendung »Beckmann« und bei der Herbst-Tagung 2011 der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) stand sie im Mittelpunkt eines Podiumsgesprächs vor 700 ZuhörerInnen. Ihr letztes Buch über »Die Radikalität des Alters« schrieb sie mit 93 Jahren.

Einer größeren Öffentlichkeit wurde Margarete Mitscherlich bekannt durch das gemeinsam mit ihrem Mann Alexander Mitscherlich verfasste Buch »Die Unfähigkeit zu trauern« (1967). Dieses bahnbrechende Werk hatte einen ganz außergewöhnlichen Einfluss auf die psychosoziale Selbstverortung der Nachkriegsgesellschaft. Es analysierte die Weigerung der Deutschen, sich mit ihrer schuldhaften Verstrickung mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzten mit psychoanalytischen Kategorien als »Abwehr« und forderte zur »Trauerarbeit« auf, ein Begriff, der bis heute in der Debatte über die NS-Zeit eine zentrale Rolle spielt. Die Anwendung psychoanalytischer Theorien und Methoden auf kollektive Phänomene knüpfte an Sigmund Freuds kulturanalytischen Arbeiten an, wurde aber auch verschiedentlich als unzulässige Verallgemeinerung ursprünglich individualpsychologischer Begriffe kritisiert.

Im folgenden Beitrag zeichnet der Psychoanalytiker und Soziologe Hans-Jürgen Wirth die Debatte über »Die Unfähigkeit zu trauern« nach und plädiert für eine Neuinterpretation der Thesen der Mitscherlichs, die ihren emanzipatorischen und aufklärerischen Kern bewahren.

»Die Unfähigkeit zu trauern«

als psychoanalytische Zeitdiagnose

oder als sozialtherapeutische Intervention?

Von Hans-Jürgen Wirth

Die Kernthese

In ihrem Buch Die Unfähigkeit zu trauern ging es Margarete und Alexander Mitscherlich um die Psychologie der Mitläuferschaft, nicht primär um die der Täter. Die Mitscherlichs fragen nach den Motiven des massenhaften Mitläufertums und richten ihr Erkenntnisinteresse auf den psychischen Gewinn, den der Einzelne aus seiner Gefolgschaft mit dem NS-Regime ziehen konnte, und die Nachwirkungen in der Nachkriegsgesellschaft. Ihre Antwort: Die Identifikation mit der idealisierten Führerfigur Hitler und mit der Herrenmenschen-Identität bewirkte eine enorme Selbstwertsteigerung. Eben noch im destruktiven größenwahnsinnigen Höhenflug, sich als auserwählte Herrscher der Welt wähnend, erlebten die Deutschen nach der totalen militärischen Kapitulation, die auch eine geistige, moralische und psychische war, nun eine plötzliche Entwertung ihres Ich-Ideals.

Tiefe Trauer, Melancholie und Depression wären als kollektive psychische Reaktionen zu erwarten gewesen. Doch wie Margarete und Alexander Mitscherlich (1967) schreiben, zeigte sich bei den Deutschen eine »Unfähigkeit zu trauern«. Die zu erwartende Melancholie, die Trauer, die Reue, die Scham- und Schuldgefühle blieben aus und wurden durch eine »kollektive Verleugnung der Vergangenheit« abgewehrt. Die deutsche Bevölkerung stürzte sich stattdessen in den Wiederaufbau, der allein »Mut zur Zukunft«, Optimismus und tatkräftiges Anpacken zu erfordern schien und für düstere Gedanken über die zurückliegenden nationalsozialistischen Verbrechen keinen Raum ließ. Die Greuel der Nazizeit gerieten allzu rasch in Vergessenheit und machten einer brüchigen Pseudo-Identität Platz, die auf dem Glauben an die von Amerika vorexerzierte wirtschaftliche Expansion und militärische Stärke beruhte.

Die Verleugnung der Vergangenheit beanspruchte jedoch ungeheure psychische Kräfte, was eine psychische Starrheit und politische und kulturelle Fantasielosigkeit bewirkte. Obwohl sich die Menschen mit dem Wirtschaftswunder und mit ihrem einstigen Gegner Amerika identifizierten, konnten sie mit den neuen demokratischen und kulturellen Freiheiten nicht viel anfangen.

»Die Auswirkung dieser außergewöhnlichen psychischen Anstrengung des Selbstschutzes, die keineswegs aufgehört hat, ist der heute herrschende psychische Immobilismus angesichts brennender Probleme unserer Gesellschaft. Wegen der Fortdauer dieser autistischen Haltung ist es einer großen Zahl, wenn nicht der Mehrheit der Bewohner unseres Staates nicht gelungen, sich in unserer demokratischen Gesellschaft mit mehr als ihrem Wirtschaftssystem zu identifizieren« (ebd., S. 38).

Allein in dem manischen Aktivismus, mit dem sofort mit der Beseitigung der Ruinen und dem Wiederaufbau begonnen wurde und der uns schließlich das deutsche Wirtschaftswunder bescherte, zeigte sich etwas von der Verbissenheit und der narzisstischen Wut, mit der die eigene Schuld an der faschistischen Vergangenheit abgewehrt wurde.

Kleinbürgerliche Ängste, Sündenbocksuche, kurz die »deutsche Dumpfheit« (Wirth 1986), die in den 50er-Jahren fast das gesamte politische und kulturelle Leben in der Bundesrepublik bestimmte, triumphierte über Gelassenheit, Experimentierfreude und Lebenslust. Diese politische und kulturelle Dumpfheit der 50er-Jahre hat Sebastian Haffner (1978) mit einem teils zutreffenden, teils rechtfertigenden Begriff als »Heilschlaf« bezeichnet. »Keine Experimente« – so der Slogan der CDU im Bundestagswahlkampf 1957 –, nur nichts Fremdes, Ungewohntes, Verunsicherndes an sich heranlassen, so lautete die Devise des »dumpfen Deutschen«.
Soweit einige Grundgedanken des Buches.

Die Wirkungsgeschichte

Die Wirkungsgeschichte der Unfähigkeit zu trauern zu analysieren, ist ein höchst komplexes Unterfangen, zumal das Buch und seine beiden Autoren Teil des gesellschaftlichen Feldes sind, das sie diagnostizierend beschreiben, aber auch Teil des selbstreflexiven Prozesses, den sie mit ihrer kollektiv-psychoanalytischen Deutung in Gang setzen wollten. Zum einen gibt es einen psychoanalyse-internen Diskurs über das Buch, zum anderen existiert eine allgemeine politische Debatte über den Nationalsozialismus und seine Nachwirkungen, in der die zentralen Thesen des Buches immer wieder eine Rolle spielen. Schließlich kommt erschwerend hinzu, dass die psychologischen Thesen des Buches auch zu Zwecken der Abwehr, der Rechtfertigung, des moralischen Angriffs oder zur Untermauerung von moralischem Pathos benutzt werden können.

Schon in den ersten Reaktionen auf das Buch tauchte die Frage auf, worauf sich die »Unfähigkeit zu trauern« denn beziehe: Sollte allein der Verlust des Ich-Ideals Hitler oder auch das von den Deutschen angerichtete Leid, d.h. die Opfer des Nationalsozialismus, betrauert werden? Im Buch der Mitscherlichs stand eindeutig der Verlust des destruktiven Ich-Ideals im Mittelpunkt, aber auch die Schuld und die Trauer um die Opfer wurde in vielen Passagen an- und auch direkt ausgesprochen. Bei der öffentlichen Bezugnahme und Verwendung des Buches im Rahmen der deutschen »Gedenk- und Erinnerungskultur« hob man hingegen ganz überwiegend auf die Trauer um Opfer des Nationalsozialismus, insbesondere die Holocaust-Opfer, ab.

Einige Kommentatoren leiteten aus diesem Umstand die Einschätzung ab, das Buch sei von Anfang an gründlich missverstanden und deshalb von der Öffentlichkeit auch nie richtig rezipiert und angenommen worden. Es habe damit seine eigentliche Absicht verfehlt. Die Betonung auf die Trauer um die Opfer zu legen, bedeute eine Verkürzung ums Wesentliche. Sie reduziere die von den Mitscherlichs geforderte schmerzliche Konfrontation mit dem »Hitler in uns selbst« auf Gedenk-, Erinnerungs- und »Betroffenheits-Kitsch« (Schneider 2008, S. 46).

Diese Einschätzung geht meist damit einher, dass der diagnostische Charakter des Buches besonders betont wird. Zwar wird Die Unfähigkeit zu trauern sehr häufig als Zeit- oder Gesellschaftsdiagnose bezeichnet, beispielsweise im Untertitel von Freimüllers Biografie. Trotzdem kann man fragen: Wie ändert sich der Charakter des Buches, wenn man den diagnostischen Aspekt zurücknimmt und die Rede von der Unfähigkeit zu trauern als psychoanalytische Deutung auffasst?

Während eine Diagnose einen Tatbestand feststellt und als – zumindest momentan – unveränderlich konstatiert, hat eine psychoanalytische Deutung eine ganz andere Dynamik und Zielsetzung: Indem eine Deutung die unbewussten Hintergründe eines Phänomens benennt und ausspricht, will sie dieses Phänomen nicht festschreiben, sondern im Gegenteil gerade verflüssigen und verändern.

In jedem psychoanalytischen Prozess kommt es vor, dass der Analytiker zu forciert, zu uneinfühlsam, zu früh deutet, sodass der Patient eher verstört und seine Abwehr gestärkt wird. Aber dann wird die Deutung variiert, anders nuanciert, einfühlsamer formuliert oder auch grundlegend revidiert, und so kommt es schließlich zu einem produktiven psychoanalytischen Prozess, der in eine Selbstaufklärung des Patienten und in ein differenzierteres Verständnis des Analytikers für seinen Patienten mündet. Meine These ist, dass Die Unfähigkeit zu trauern weniger als Diagnose denn als kollektiv-psychoanalytische Deutung und sozialtherapeutische Intervention von den Mitscherlichs gemeint war und auch in diesem Sinne kollektiv-psychologische Wirkung gezeitigt hat. Ganz analog zum psychoanalytischen Dialog hat die psychoanalytische Deutung der Mitscherlichs auf kollektiver Ebene ihre Wirkung entfaltet. Sie war die zentrale Deutung in einer gleichsam unendlichen kollektiven Analyse der deutschen Befindlichkeit. Die Deutung bezog sich auf den Kernkomplex der deutschen Identitätsstörung, d.h. auf den Gründungsmythos der Bundesrepublik. Dieser Gründungsmythos besteht darin, dass ein Versprechen gegeben, einer Hoffnung Ausdruck verliehen wird, nämlich der, dass sich Auschwitz nicht wiederhole und dass gleichzeitig eben dieses Versprechen im Rückblick auf die schreckliche Vergangenheit und im Hinblick auf ihr mögliches Fortbestehen in der Gegenwart und Zukunft immer wieder infrage gestellt werden muss.

Die vermeintliche Wirkungslosigkeit

Interessanterweise sind sowohl so unterschiedliche Autoren wie Tilman Moser (1995), Tobias Freimüller (2009, S. 66), Timo Hoyer (2008, S. 514) und Hans-Martin Lohmann (2009) als auch die Mitscherlichs selbst der Auffassung, das Buch habe keinerlei aufklärerische Wirkung gehabt und seine Ziele verfehlt. Alexander Mitscherlich selbst äußert sich recht abfällig über die doch zahlreichen Rezensionen mit der Bemerkung: »[W]enn ich die Besprechungen ein bisschen genauer lese, so drängt sich mir doch der Eindruck auf, dass wir für die meisten Deutschen noch altchinesisch schreiben« (zit.n. Hoyer 2008, S. 508). Hoyer führt diese »unfaire« Einschätzung Mitscherlichs auf dessen »ausgeprägte Geringschätzung des Massengeschmacks« (ebd.) zurück. Darin hat Hoyer sicher recht: Mitscherlich blieb mit seiner Verwendung des Begriffs der Masse der konservativen Kulturkritik verhaftet, deren Tradition sich von LeBon und Freud über Mitscherlich bis hin zu Kernberg verfolgen lässt. Rationalität billigen diese Autoren allein dem Individuum zu und setzen dieses in diametralen Gegensatz zur Masse, die grundsätzlich als nur regressiv und allein durch unbewusste Affekte gesteuert beschrieben wird (zur Kritik der psychoanalytischen Massenpsychologie vgl. Wirth 2002, S. 55ff). Aber obwohl Hoyer Mitscherlichs Tendenz zur Entwertung der Masse erkennt, schließt sich dem pessimistischen Urteil Mitscherlichs über die öffentliche Wirkung seines Buches an: »Einschneidende Bewusstseins- oder Verhaltensänderungen – kollektive Prozesse des Trauerns, der Vergangenheitsbewältigung oder dergleichen – hatte das Buch zugegebenermaßen nicht ausgelöst. Solch eine Effekterwartung wäre aber auch verfehlt« (2008, S. 514).
Tatsächlich geht Mitscherlichs ausgeprägte Geringschätzung der Masse mit einer »konservativen und elitären Kulturkritik« (Freimüller 2009, S. 56) und einer Selbststilisierung zum »Einzelgänger und Außenseiter« (ebd.) einher. Diese beruhte zu einem guten Teil auf seiner starken Identifikation – man könnte auch von Über-Identifikation sprechen – mit Freud als Vaterersatzfigur. Auch Freud frönte nicht nur ausgiebig seiner Neigung zur »splendid isolation«, sondern er sah sich als Einzelgänger und Außenseiter, der seinen Kampf für die Anerkennung der Psychoanalyse »zeitlebens als Kärrnerarbeit auf feindlichem Terrain« – so Freimüller (2009, S. 56) über Mitscherlich – betrachtete. Mitscherlich war auch in dieser Hinsicht ganz mit Freud identifiziert und ging schlichtweg davon aus, dass seine psychoanalytischen Gesellschaftsdiagnosen den Widerstand der Gesellschaft herausfordern müssten.

Aber war die öffentliche Reaktion auf Die Unfähigkeit zu trauern wirklich so ablehnend oder so gleichgültig? An einer anderen Stelle seiner im übrigen exzellenten Mitscherlich-Biografie stellt Hoyer bei der Durchsicht der Rezensionen fest, dass man sich offenbar gar nicht so angegriffen, mit unliebsamen Einsichten konfrontiert oder wachgerüttelt fühlte, wie die Autoren selbst erwartet hatten und wie man auch aus der Rückschau hätte vermuten können. Vielmehr wird die reinigende und befreiende Wirkung des Buches hervorgehoben und »ein Gefühl von Erleichterung und Entlastung« (Hoyer 2008, S. 508) beschrieben, »so als hätte das Buch einen beklemmenden Bann gebrochen« (ebd.). Was aber will man denn von einer gelungenen psychoanalytischen Deutung noch mehr erwarten, als dass sie »einen beklemmenden Bann bricht«?

Offenbar fühlten sich am Anfang der 60er-Jahre viele Menschen wie »von einem beklemmenden Bann befreit«, der noch in den 50er-Jahren das gesamte kulturelle und geistige Klima dominierte. Das ist sicher nicht allein der Unfähigkeit zu trauern zuzuschreiben, aber dieses Buch war eben Teil eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses, in dem der Mief der Adenauerzeit durchlüftet wurde, und die beginnende Jugendbewegung überkommene Moralvorstellungen infrage stellte und neue Lebensstile experimentell erprobte. Das Buch war nicht die Ursache, aber Teil eines gesellschaftspolitischen und kulturellen Erneuerungsprozesses, zu dem es einen zentralen Beitrag leistete.
Es stellte psychoanalytisch geschärfte Argumente bereit, um den »psychischen Immobilismus« der Adenauerzeit als ein Ergebnis der verweigerten Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu erkennen und zu kritisieren. So gesehen, entfaltete das Buch eine ganz enorme politisch-gesellschaftliche Wirkung, indem es nämlich den Studenten von 68 und allen gesellschaftlichen Kräften, die an den restaurativen und miefigen Strukturen der 50er-Jahre rüttelten, eine Argumentationshilfe lieferte.

Auch die verschiedentlich geäußerte Auffassung, Mitscherlichs psychoanalytische Sozialpsychologie habe keine Nachfolger und keine Fortsetzung erfahren, verkennt die nachhaltige wissenschaftliche Wirkung Mitscherlichs. So schreibt beispielsweise Jan Philipp Reemtsma (2006, S. 86), das »Bemühen um eine ‘analytische Sozialpsychologie’« sei »zum Erliegen gekommen«. Und wie Rolf Vogt betroffen registriert, treffe Timo Hoyer »die vorwurfsvolle Feststellung, daß es in den Reihen der deutschen Psychoanalytiker keine weiterführenden Arbeiten zum Mitscherlichschen Werk gegeben habe« (Vogt 2009, S. 78). Vogt widerlegt diese Behauptung postwendend mit dem Verweis auf seine eigenen psychoanalytischen Studien zur Auseinandersetzung über das Fassbinder-Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« (Vogt 1995) und über die Goldhagen-Debatte (Vogt 1996). Man könnte noch auf den Arbeitskreis »Politische Psychologie« (POPSY) verweisen, der von Mitscherlichs Mitarbeiter am Sigmuns-Freud-Institut, Klaus Horn, gegründet wurde und bis heute weiterarbeitet und zahlreiche Publikationen zur analytischen Sozialpsychologie vorgelegt hat oder auch auf das öffentliche und wissenschaftliche Wirken von Horst-Eberhard Richter. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, beispielhaft die zahlreichen Artikel und Schwerpunkthefte dieser Zeitschrift zu zitieren, die sich – ausdrücklich in der Tradition Mitscherlichs – mit dem Nationalsozialismus und seinen andauernden Auswirkungen auf das aktuelle Leben in der Bundesrepublik auseinander gesetzt haben und verweise nur auf das Buch von Ingrid Peisker (2005), in dem die Autorin detailliert die zahllosen Konflikte, Auseinandersetzungen und Skandale, in denen die Nazi-Zeit zum öffentlichen Thema wurde, rekapituliert und mit den Mitteln der analytischen Sozailpsychologie analysiert und interpretiert.

Zur ungebrochenen Aktualität

Wenn man an die antisemitischen Entgleisungen denkt, die 2008 innerhalb weniger Wochen stattfanden, könnte man meinen, seit dem Erscheinen von Die Unfähigkeit zu trauern im Jahre 1963 habe sich in dieser Hinsicht nichts verändert. Zur Erinnerung: Im Oktober 2008 verglich der Ökonom und Ifo-Chef Hans Werber Sinn die Kritik an der Gier der Manager, die im Zusammenhang mit der Bankenkrise geäußert wurde, mit der nationalsozialistischen Judenhetze: »In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken.« In der Weltwirtschaftskrise von 1929 »hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager«. Die allgemeine Reaktion war die der Empörung über diesen »absurden und absolut deplazierten, die Opfer beleidigenden« Vergleich. Nur wenig später verglich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff in einer Fernseh-Talkshow die Kritik an Managergehältern mit der »Pogromstimmung«. Der Zentralrat der Juden reagierte empört und forderte Wulffs Rücktritt.

Einerseits kann man diese Äußerungen als Beleg für die These ansehen, die Deutschen seien noch immer durch einen latenten Antisemitismus gekennzeichnet. Andererseits kann man in einer solchen Wiederkehr des Verdrängten in der Fehlleistung oder im Symptom auch eine notwendige Bedingung dafür sehen, dass der unbewusste Konflikt sichtbar wird und bearbeitet werden kann. Solche antisemitischen Fehlleistungen eröffnen der kritischen Öffentlichkeit jedenfalls die Möglichkeit, zu zeigen, dass sie ein wachsames Auge auf alle Tendenzen zum Antisemitismus hat – seien sie nur relativ unscheinbarer oder grober Natur. Natürlich besteht dabei auch die Gefahr der rituellen Erstarrung im Wechselspiel zwischen Entgleisung und moralischer Entrüstung, aber der aufklärerische Nutzen solcher symbolischer Konfliktaustragungen besteht darin, dass sie das Thema Nationalsozialismus und Antisemitismus lebendig und im Bewusstsein halten. Auf jeden Fall aber zeigen sie, dass dem Buch der Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern nach wie vor ungebrochene Aktualität zukommt.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Hans-Jürgen Wirth

Die Langfassung des Essays ist erschienen:
Wirth, Hans-Jürgen; König, Hans-Dieter (Hg.)
psychosozial 118:
Biografie und Politik.
Krisen, Brüche, Kontinuitäten
(32. Jg., Nr. 118, 2009, Heft IV)
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erstellt am 20.6.2012

Alexander und Margarete Mitscherlich
Die Unfähigkeit zu trauern
Grundlagen kollektiven Verhaltens

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