documenta 13

Ein Rundgang

Von Isa Bickmann

Man hat ja noch im Kopf, mit welch einem opulenten Getöse man auf der Documenta 9, 1992, im Entree des Fridericianums empfangen wurde: Peter Kogler ahmte die Strukturen von Computerchips mit Ameisen nach, Bruce Nauman ließ schreiende Köpfe rotieren. Carolyn Christov-Bakargiev nun führt die Besucher erst einmal in einen leeren Raum und lässt sie dann von einem Windstoß, einer Arbeit des britischen Künstlers Ryan Gander, umwehen. Diese Leere tut gut, denn kurz darauf muss man in einer Schlange warten, um in einen übervollen Raum mit allerlei Werken und Dingen zu gelangen, die sozusagen das Gehirn („das Brain“, wie es im Führer deutschenglisch heißt) der Großausstellung bilden. Die mitunter lange Wartezeit, schlecht lesbare Tafeln, wenngleich mit verständlichen, erläuternden Texten versehen, zehren bereits jetzt am Nervenkostüm. Man muss sich bücken und nah an die Tafeln treten, um diese entziffern zu können. Aber dann erschließt sich ein Kosmos, der die Topoi vorgibt, die fortan diese Documenta bestimmen: Menschenrechte, Gewalt, Zerstörung, Heilung/Reparatur, Diktatur (NS-Herrschaft, Afghanistan, Vietnamkrieg), Kulturerbe, Natur, Ökologie und Nachhaltigkeit, Naturwissenschaft und immer wieder die Zukunft – all diese Punkte werden sowohl im Rückblick auf vergangenes Geschehen als auch auf die aktuelle Zeit betrachtet. Weniger der Einzelne und seine (egoistischen) Befindlichkeiten stehen im Mittelpunkt, sondern das Ganze, die Menschen, die unter der Zerstörung ihrer Welt leiden. Dazu muss der egozentrische Standpunkt verlassen werden. Das ist auch der Grund, warum die von der katholischen Kirche installierte Figur des Bildhauers Stephan Balkenhol den Unmut der Documenta-Leitung auf sich zog. Die Figur schwebt nun hoch über dem Friedrichsplatz, im Turm der Elisabethkirche, wobei sie, sich langsam drehend, in alle Richtungen wendet (auch den Documenta-Orten), sie breitet die Arme aus, als balanciere sie auf der goldenen (Welt-)Kugel oder verteile ihren Segen über Kassel. Auf spirituellen Beistand hofft bei den Documenta-Teilnehmern jedenfalls niemand, zu real und von Kapital und Macht verursacht sind Unrecht und Zerstörung. Eine Heilung kann mit figurativer Skulptur auf einem Kirchturm nicht stattfinden.

Bewegend ist die Deutung jener Fotos, die Lee Miller am 30. April 1945 nach ihrem Besuch des Konzentrationslager Dachau in der Badewanne in Hitlers Wohnung von sich machen ließ: Christov-Bakargievs glaubt darin zu erkennen, dass hier die traumatische Konfrontation mit den Verbrechen der Nazis verarbeitet wurden, während sich der Diktator zur gleichen Zeit in seinem Berliner Bunker das Leben nahm. Dies bleibt nicht der einzige Rückgriff auf die deutsche Vergangenheit.

Immer wieder verbinden sich Kassel und Kabul als Schauplätze, so z.B. in der filmischen Installation von Mariam Ghani (New York/Kabul), die Bilder vom Fridericianum, einst kriegszerstört, mit dem zerstörten Darulaman-Palast in Kabul kombiniert. Sie wird den Film auch auf der Filialausstellung der Documenta in Kabul zeigen, die am 20.6.12 im Queen’s Palace Bagh-e Babur in Kabul eröffnet – für uns normale Westeuropäer unerreichbar, aber es ist beruhigend, dass dort so etwas möglich ist. Damit wird auf dieser Documenta eines überdeutlich: Wenn nicht die Kunst auf etwas aufmerksam macht, wer erfährt denn schon davon? Die Zeit läuft davon, wenig bleibt zurück. Wer denkt noch an den fast vierzig Jahre zurückliegenden Krieg in Vietnam, wenn Vandy Rattana (Phnom Penh) nicht Fotos von den Bombentrichtern, heute von den Kambodschanern „Bombenteiche“ genannt, gegen das Schweigen der Verursacher präsentiert. Oder das nur 70 × 100 cm große Bild von Vann Nath (gest. 2011 in Phnom Penh), der immer wieder die selbst erlebten brutalen Folterverhöre in den Gefängnissen des Pol-Pot-Regimes malte.

Naturwissenschaftler wurden eingeladen, wie der Quantenphysiker Anton Zeilinger. Im Fridericianum sind Versuchsanordnungen zu sehen, deren Betrachtung schon allein viel Zeit in Anspruch nehmen könnte. Weiteres erwartet den Besucher auch in der Orangerie, mit naturwissenschaftlich-künstlerischen Grenzgängen, z.B. des Finnen Erkki Kurenniemi und Konrad Zuses an Lyonel Feininger oder Delaunay erinnernden Arbeiten auf Papier. Im Ottoneum finden sich Werke, die sich mit Natur und Nachhaltigkeit beschäftigen. Auch hier gibt es direkte Bezüge zu Kassel, z.B. in Mark Dions (New York) großartiger Präsentationsidee der „Holzbibliothek“ Carl Schildbachs (1771-1799), einer Sammlung von in Buchform aus Holz entstandenen Kästchen, die den Lebenszyklus der jeweiligen Pflanze dokumentieren.

Die Documenta-Halle bringt zwar ein Zuviel an Arbeiten auf Papier von Gustav Metzger (London), aber auch zentral präsentiert einen ganzen Raum für Thomas Bayrle (Frankfurt) mit seinen betenden Maschinen und großformatigen repetitiv zusammengefügten Kleinbildern. Unbedingt eine Weile verharren sollte man unten im letzten Raum mit dem inspirierend-poetischen Werk von Nalini Malani (Bombay), die ein wunderbares Licht-Schatten-Werk aus Projektionen und drehenden Zylindern geschaffen hat und dabei von Gewalt berichtet. Überdies füllt sie den Raum mit Ton und Text von Christa Wolfs „Kassandra“ bis zu Samuel Becketts „Das letzte Band“. Das „Ende der Welt“ zeigen unten, neben dem Café, Moon Kyungwon & Jeon Joonho (Seoul/Busan) in einer faszinierenden Doppelprojektion.

Der Kulturbahnhof lockt mit William Kentridges (Johannesburg) grandiosem Werk „The Refusal of Time“: ein überwältigend choreographiertes Mehrkanal-Ton- und Bildereignis, das ein bisschen an Charlie Chaplins Kampf mit den Maschinen in „Modern Times“ denken lässt. Roman Ondák (Bratislava) zeigt erstmals vollständig seinen „Observations“-Zyklus, dessen Quelle ein unbetiteltes Buch war, das der Künstler vor Jahren fand, in der Neuen Galerie. Dort sind auch die Fotografien und ein Videobeitrag zur Queer- und Genderthematik in Südafrika von Zanele Muholi (Kapstadt) zu sehen. Feministische Statements ziehen sich sehr verhalten durch das Gesamtprogramm der Ausstellung. Einen Stopp sollte man an den Zelten von Robin Kahn (New York) und der Kooperative Unidad Nacional Mujeres Saharauis, „The Art of Sahrawi Cooking“, wo leckeres Couscous serviert wird und man von den Bewohnerinnen der ehemaligen spanischen Kolonien der Westsahara und heute Staatenlosen mehr über ihr Schicksal erfahren kann. Daran kann sich eine Tour durch die Karlsauen anschließen, die mit über 50 Pavillons und Einzelwerken schon mehrerer Stunden Zeit bedarf und am besten mit dem Fahrrad zu bewältigen ist. Hinzu kommen noch weitere ca. 20 Schauplätze in der Kasseler Innenstadt.

Alle Berichte und Kritiken über die 13. Documenta können nur einen Ausschnitt dessen geben, was an Entdeckungen zu machen ist. Es sind erfreulicherweise viele unbekannte Künstler, die zur Teilnahme eingeladen wurden, einmal abgesehen von den mehrfachen Documenta-Ausstellern Bayrle und Kentridge. Der Kunstmarkt und damit die kommerzielle Seite der Kunst scheinen ein Stückchen weggerückt zu sein, trotz der Adelung „Documenta-Teilnehmer“, die von den Händlern und Kuratoren rege genutzt werden wird. Immer wieder bieten sich Gedanken an, die über die gesamte Ausstellung hinweg in einen Dialog miteinander treten und damit das eigentliche Konzept sind, von dem die Kuratorin sagte, dass sie keines habe. Der konsum- und kapitalismuskritische Tenor erweist sich als wichtig und richtig in dieser Zeit. Und selbstverständlich sind trotz der allgemein hohen Qualität auch schwächere Arbeiten dabei, Werke, die weniger überzeugend und einnehmend sind. „Mit-mach-Werke“ gibt es kaum bis auf den beliebten (!) Schafott von Sam Durant (Los Angeles), der so zentral in der Achse zur Orangerie steht und, einmal bestiegen, einen erhabenen Ausblick über die grüne Parklandschaft bietet.

erstellt am 12.6.2012

dokumenta 13

9. Juni – 16. September 2012
in Kassel, täglich 10 – 20 Uhr

documenta 13

documenta-Halle, Raum mit Werken von Thomas Bayrle
documenta-Halle, Raum mit Werken von Thomas Bayrle
documenta-Halle, In Search of Vanished Blood von Nalini Malani
documenta-Halle, In Search of Vanished Blood von Nalini Malani
The Art of Sahrawi Cooking, Karlsauen
The Art of Sahrawi Cooking, Karlsauen
Sam Durant: Schafott, Karlsauen
Sam Durant: Schafott, Karlsauen

Alle Fotos © Isa Bickmann