Muepu Muamba zählt zu den Dichtern, die sich inmitten extremer Gewalttätigkeit den Glauben an die Würde des Menschen bewahrt haben. Diese Kraft initiiert sein Schreiben, auch, wenn er voll Wut über Folter und Missbrauch spricht. Er wurde im damaligen „Belgisch-Kongo“ geboren, engagierte sich als Autor und Journalist in seiner inzwischen unabhängig gewordenen Heimat und musste wegen seiner kritischen Haltung 1979 das Land verlassen. Erstmals ist eine Sammlung seiner Werke, im Draupadi-Verlag unter dem Titel „Sisyphos im Lärm der Stille“ auf Deutsch erschienen. Eine Gedichtauswahl ist auf Faust-Kultur im Originalton auf Französisch und in deutscher Übersetzung zu lesen und zu hören.

Muepu Muamba. Foto: Henry Roy
Muepu Muamba. Foto: Henry Roy
AUDIO und TEXT

Muepu Muamba

Mein Land O

an Nani de Vries

            Nein
nicht nur ein gespannter Abzug am Revolver Afrika ist meine
wellige Heimat ich komme aus dem Wasserland von Früchten
überladen wie ein lachender Garten und Träume zieht mein Herz
hinter sich her die unaufhörlich hoffnungsvoll Wellen schlagen mein
gefangengenommenes Land

             einst war

Zaïre ein Kind der musizierenden Bäume von träumerischem Wasser
bedeckt mein Land O wie die doppelte feenhafte Mondsichel der
Zärtlichkeit dort wuchs das Lachen aus Blütenkronen wie die Verführung
der Freude am Vagabundieren

            aber
heute ist mein Land aufs letzte Hemd ausgeplündert ein Kind des Elends
wie könnte ich euch von den zauberhaften Verwandlungen meines alten
unzähmbaren Landes erzählen wo doch in jedem Augenblick die Farbe des
Todes Tränen und Trauer über sein azurblaues Bett ergießt

            diese
Landschaft der Zärtlichkeit vielleicht kann ich noch einmal euch vom
göttlichen Zauber des Munkamba und vom stolzen Blick des Kivu
erzählen mein Wasserland Glanzlichter der Flüsse die sich nach
Liebkosungen sehnen mein Wasserland eine Unendlichkeit
von fröhlichen Flüssen und samtigen Bächen
    noch
ist der feenhafte Gesang der Quellen nicht versiegt
deshalb kann ich nicht wirklich anderswo sein ich
der so lange woanders lebte mein Land O.

Amsterdam, 15. April 1990

Übersetzt von Maria Kohlert-Németh.

Ungewissheit

für Maria Rupp

Was hätte ich davon
wenn ich euch meine inneren Wirren aufhalste
die ich dem dichtgedrängten Wort meines Körpers
abtrotzen müsste
es sind hölzerne Flüsse
zwischen Trümmern verharrend
wie ein verletzter Traum
meine Irrfahrten in der Erschöpfung
in der Ermüdung
in Ernüchterung vor dem Immergleichen
doch im Hagel der Zwänge
türmen sich auf
manchmal
starke Wellen der Aufsässigkeit
vollgeladen mit Dingen die
mir unzählige Diktaturen
nicht haben entreißen können
Wellenkämme so steil
dass sie bis an die anämischen Flanken
des Himmels reichen
und
ohne Genehmigung abstürzen
in welke Täler wo Nebelmenschen
sich anklammern
an das Astwerk der Magerkeit
nun aber
bahnt mir ein nacktes Schweigen
behängt mit kahlen und kümmerlichen Wolken
bahnt mir immer wieder
einen Pfad
der murmelt
seit der Nacht bevor die Zeit gefesselt wurde
dass alles Leben weiterlebt
trotz
der knotigen Risse die der Tod
in denen hinterlässt die bleiben

Frankfurt, 2. November 1991

Übersetzt von Barbara Höhfeld.

Dieser Name Mensch

Wisst ihr
dies ist mein Bruder
der in der Blüte seiner Kraft
dort unten hingestreckt liegt
ausgeweidet
badend in seinem Blut
wie ein zerbrochener junger Trieb
inmitten von Ruinen
Er trug den gleichen Namen
w i e i c h
diesen berühmten N a m e n
so verleumdet
und so beschmutzt
M e n s c h
den ich von Ahnen geerbt
so entfernt
dass in meiner Erinnerung von ihnen
kaum mehr als Spuren übrig blieben

Die Grausamkeit tilgt alles Leben

Wisst ihr
dass die Kugel
die vom Hass gebläht
im Lärm der Zerstörung
ihn hingemäht
zerfetzt und über den
Saum des Lebens zerstreut hat
aus der nicht ausgestreckten Hand
eines anderen Bruders kam
Er hat die gleiche N a t i o n a l i t ä t
w i e i c h
so nackt und so geschändet
M e n s c h
die man mir mitgab vor ewigen Zeiten
wie ein verheißenes doch nie eingelöstes
Versprechen von Zärtlichkeit

Die Metamorphose schafft alles Leben

Ihr wisst ja
nur die Achtung
in den Blicken
ist es
die den Nährboden schafft
der das Segel allen Friedens spannt
der im M e n s c h e n wurzelt.

Frankfurt am Main, 17. Oktober 1992

Übersetzt von Maria Kohlert-Németh.

Wut-Rede

Welche Wut auszusprechen
Worte die schwanger gehen mit
jähen schmerzenden schneidenden Bildern
auswuchernd wie die Tinte von Tintenfischen

Wut euch die Verknotungen zu zeigen
die immer sperriger im Bauch umherwandern
unsere Spannungen die durch zwanzig Jahre
in Säure gebleichter Ungewissheit
patiniert wurden

Wut zu sprechen über das düstere Fest
der Barbarei das immer wieder neu gefeiert wird im
Spinnennetz der Gefängnisse von wahnsinnigen Wärtern
in schleimiger eisiger Ausgelassenheit das Fest
rollt unbekümmert über das Gold der
Hochstapelei die mit ihren Zangen
ins lebende Fleisch reißt

Wut euch vor die Füße zu werfen
den Bodensatz unserer Existenz
mit Bergen von toten Kindern die ohne Rechte
in der Gosse geboren wurden und ohne Leiter im Mund
aufwuchsen auf der sie
behände die Sprossen hätten hinaufklettern können wo
die obersten Privilegien
konfisziert lagern

Wut zu erzählen
von jenen Kindern die an Entkräftung dahinsiechen
im Sahel und in Uganda
jene die ermordet werden
von den Bomben der Freiheitssaat nach Onkel Tom
in Zaïre und in Soweto in Namibia und in El Salvador
alles
was das Herz unseres Elends umschlingt und
unsere tägliche Hölle die wir
in unserm Fleisch erleben und in unserm Geist

Wut euch vor die Füße zu werfen
den Fackelglanz der Folterungen und die Bündel
unserer einsamen Ovarien
unser Lachen
blutunterlaufen von gelb sich färbenden blauen Flecken
schleppt in seiner Angst einen säuerlichen
Nachgeschmack von Verhören mit sich
unser Lachen
gejagt von Hunden die bereit sind ihm
Fleischfetzen aus dem Hintern zu reißen vor allem
wenn es aus jenem Stadtteil zu fliehen wagt das
zur Kategorie ‚Dienst’ gehört seitdem
haben die Nächte und die Tage ihre Freude-Foeten abgetrieben

Wut euch zu benennen
eine Zukunft ohne Namen ohne Lebenslauf
die sich in den Harnwegen in winzigen Bruchstücken anhäuft
wie echtes Haar
das wie falsches aussieht
wo dünne zerbrechliche Bäume tropfen mit
einer großen Nase die auf ihre eigene Weise
widersteht

Wut euch zu zeigen
den Totentanz der Wetterhähne wie sie
im rasenden Spaß ihrer teuflischen Wendungen
ausgelassenen Spukgestalten mit
gebrauchter Perücke gleichen

Wut zu schreien
über den Strom der Ausgestoßenen die
als Skelette für ihre Verdienste
dauernd auf dem Ehrenfeld gepriesen werden
wo ein Recht zum Atmen und zum Anschauen der Sonne
ihnen keinesfalls als unveräußerliche
Freiheit garantiert ist

Wut herauszubrüllen
dass wir in entsetzlich dreckigen Nationen
unter schreckenserfülltem und
alptraumhaftem Himmel leben.

Niamey, 14. Januar 1981

Übersetzt von Barbara Höhfeld.

Pflicht zur Einmischung

an Mavuba

Eines Tages
vielleicht morgen
wird Leben sich befruchten
auf der ganzen Erde
aus der Liebesumarmung
Es wird keine
    inneren Angelegenheiten mehr geben
    Zärtlichkeit wird
    M e n s c h und S t a a t
    T o t e n v ö g e l
    von ihrem Sockel stoßen
    das Recht auf Einmischung
    wird zur universellen Pflicht erhoben
    Leiden diese Trübsal die sich
    frisch-fröhlich um uns auftürmt
    endlich entfernt
dann erst wird unsere Welt
    m e n s c h e n – w ü r d i g erstehen

Eines Tages
vielleicht morgen
wird Brüderlichkeit die Zahlung
aller auf den Garten den Herzens
ausgestellten Wechsel einfordern
die Grausamkeit muss notgedrungen
ihre schreckliche Blutschuld begleichen
Es wird keine
    äußeren Angelegenheiten mehr geben
    die Feuerwolke der Liebkosungen
    wird Gleichgültigkeit diesen
    Grabgesang der Seele
    von ihrem Sockel stoßen
    zugunsten der Hilfsbereitschaft
    Den Völkern in Gefahr
    nicht gewährter Beistand
    wird als unsühnbares Verbrechen gelten
dann erst hört Leben auf
    den widerlichen bitteren
    den Aschengeschmack zu haben.

Paris, 24. Januar 1986

Übersetzt von Maria Kohlert-Németh.

Terror

an Peter Fasold

    Das asthmatisch blökende Schafsglück lockt
    verführerisch den kriechenden Konsummenschen
    dessen Magen von Angst gedörrt
    sich in Krämpfen windet
Aber je mehr Angst er hat
    um so mehr schweigt er
und je mehr er schweigt
    um so mehr wird er terrorisiert
Und je mehr man terrorisiert wird
    um so mehr schrumpft man
und je mehr man zusammenschrumpft
    um so mehr schluckt man die Kröten
und je mehr man die Kröten schluckt
    um so mehr wird die Seele geplündert
Und je mehr die Seele ausgeplündert wird
    um so mehr schwindet die Kristalldichte des Seins
und je mehr der Kristall des Lebens zertrümmert wird
    um so mehr wird man zum Objekt
und je mehr man zum Objekt wird
    um so mehr versinkt man im Treibsand der Stummheit
Und je mehr man im Treibsand der Stummheit versinkt
    um so mehr unterwirft man sich
und je mehr man sich unterwirft
    um so mehr kuschelt man sich in die Sklaverei
und je mehr man kuschelnd kuscht
    um so mehr wird man von Vordenkern des Betrugs kolonialisiert
Und je mehr betrügerische Denker den Geist kolonisieren
    um so mehr wird die Würde des Daseins von Sklerose ausgehöhlt
und je mehr die Würde des Daseins von Sklerose zersetzt wird
    um so höhnischer blickt der Zynismus auf den
    verzweifelten Widerstand
    des gekidnappten Lebens herab.

Paris, 27. Januar 1986

Übersetzt von Maria Kohlert-Németh.

Mit freundlicher Genehmigung des Draupadi Verlags.

erstellt am 11.6.2012

Die Gedichte von Muepu Muamba, gelesen von Bernd Leukert in deutscher Übersetzung:

Audio-Mitschnitte © Bernd Leukert, Redaktion Faust-Kultur

Die Gedichte sind folgendem Band entnommen:

Muepu Muamba
Sisyphos im Lärm der Stille
Eine Anthologie
Hg. v. Barbara Höhfeld
Draupadi Verlag, Heidelberg 2012
ISBN 978-3-937603-66-7

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Zur französischen Original-Lesung von Muepu Muamba:
AUDIO: Muepu Muamba liest