Jugendstil und Secession

Joseph Maria Olbrich

Die von Februar bis Mai dauernde Ausstellung des Instituts Mathildenhöhe in Darmstadt über ihren Erbauer Joseph Maria Olbrich (1867-1908) ist nun in das Wiener Leopold Museum gewandert und wird dort unter dem geänderten Titel „Jugendstil und Secession“ als eine Art Heimkehr gefeiert. Wien war die frühe Wirkungsstätte Olbrichs.

Wiener Secessionsgebäude
Wiener Secessionsgebäude von Joseph Maria Olbrich

Während der Name Olbrich in Deutschland eng mit der Mathildenhöhe in Darmstadt verbunden ist, spricht das Wiener Museum von dem „großen“ Unbekannten neben Josef Hoffmann und Peter Behrens. Die Ursache für den geringeren Bekanntheitsgrad in Österreich liegt darin begründet, dass der junge Olbrich im Alter von 32 nach Darmstadt übersiedelte und dieses fortan zum Mittelpunkt seiner Tätigkeit machte. Die Ausstellung will zu Bewusstsein bringen, dass der Architekt, Schüler und „Chefzeichner“ Otto Wagners, zu den Gründungsmitgliedern der Wiener Sezession gehörte. Er entwarf ihr Ausstellungsgebäude (1898), ein früher „White Cube“ der Ausstellungsarchitektur, heute wichtige Sehenswürdigkeit der Stadt Wien. Den Briefkasten, den Olbrich für das Privathaus des Dichters und Kunstkritikers Hermann Bahr 1899/1900, unter dessen Dach sich die Künstler Wiens trafen (Hugo von Hofmannsthal, Gustav Klimt, Koloman Moser, Arthur Schnitzler, Otto Wagner und Joseph Maria Olbrich) als amüsantes, an ein Froschgesicht erinnerndes Detail gestaltete, zeugt von der deutlichen Präsenz der Formensprache des Jugendstils in seinem Frühwerk. Das sollte sich ändern.
Nach 1898 folgte Olbrichs rasanter Aufstieg, der 1908 jäh endete. Im Alter von 41 Jahren auf dem Höhepunkt seines nationalen und internationalen Erfolges und nach der Gründung eines zweiten Büros in Düsseldorf erkrankte er unheilbar an Leukämie.

In nur zehn Jahren schuf dieser Künstler ein Werk, das seinesgleichen sucht: Auf der Pariser Weltausstellung 1900 vertrat er gleichzeitig das Land Österreich und Hessen mit zwei Inneneinrichtungen. Mit dem Messeauftritt versuchte sich Hessen als Wirtschaftsstandort zu präsentieren. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen hatte Olbrich 1899 als Gründungsmitglied der Darmstädter Künstlerkolonie geworben. Ihre Zusammenarbeit sollte äußerst fruchtbringend sein. Olbrich erhielt als Leiter der Künstlerkolonie neben weiteren Künstlern wie Peter Behrens, Hans Christiansen, Rudolf Bosselt u.a. die Möglichkeit, frei zu arbeiten. Viele seiner Bauten sind erhalten wie das Ernst-Ludwig-Haus und der Hochzeitsturm auf der Darmstädter Mathildenhöhe oder das 1908 erbaute ehemalige Kaufhaus Tietz (heute Kaufhof) in Düsseldorf.
Die Ausstellung, die erste seit der Retrospektive vor 27 Jahren, wartet mit einer Fülle von sehenswerten Zeichnungen von der Hand Olbrichs (Hauptleihgeber ist die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin), Plänen und zum Teil neu gebauten Modellen, originalen Möbeln und Einrichtungsgegenständen auf. Die ungeheure Produktivität dieses kurzen Künstlerlebens präsentiert sich höchst eindrucksvoll. Olbrichs Formfindungen und eigensinnige Entwürfe, teils in Jugendstilornamentik, teils als expressionistische Gestaltungen lesbar oder Bauhausideen (wie den Kleinwohnungsbau des „Neuen Bauens“ in Frankfurt) vorwegnehmend, machen ihn zu einem der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Die umfassende Ausstellung, die sowohl Olbrichs Wirken als Architekt als auch seiner Tätigkeit als Universalkünstler gerecht wird, begleitet ein umfassendes Katalogbuch (456 Seiten) mit zahlreichen instruktiven Texten und einer Fülle von Abbildungen. Die Ausstellung ist noch bis zum 27.9.2010 zu sehen.

Isa Bickmann

Leopold Museum Wien

erstellt am 13.9.2010

Olbrich_Plakat
Plakat zur Ausstellung 1901
Olbrich_Briefkasten
Joseph Maria Olbrich, Briefkasten