Vierteljährig erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Lese-Entdeckung

Anita Djafaris Buchtipp

Chimamanda Ngozi Adichie
Chimamanda Ngozi Adichie, Foto: Beowulf Sheehan / PEN American Center

Weltempfänger 15 | Juni 2012Chimamanda Ngozi Adichie: »Heimsuchungen«

Vor 30 Jahren habe ich meine Examensarbeit über „Afrikanische Frauenliteratur“ geschrieben. Die Zahl der Autoren aus Schwarzafrika war sehr überschaubar, die der weiblichen allemal. Daran hat sich nicht so viel geändert, wie man nach so langer Zeit vermuten könnte. Und doch gibt es jetzt eine neue Generation von Schriftstellerinnen, die Aufmerksamkeit verdienen und erfreulicherweise auch bekommen. Dazu gehört definitiv Chimamanda Ngozi Adichie, die mit ihrem Erzählband „Heimsuchungen“ (aus dem Englischen übersetzt von Reinhild Böhnke) auf der aktuellen litprom-Bestenliste Weltempfänger 15 auf Platz 4 gelandet ist. Sie steht gleich hinter dem Altmeister und „Vater“ der modernen afrikanischen Literatur Chinua Achebe mit seinem Klassiker „Alles zerfällt“. Dieser bescheinigt seiner jungen Kollegin auch ein großes erzählerisches Talent. Ihr Thema sind die beiden Welten, in denen sie lebt und die sie gleichermaßen gut zu kennen scheint: Nigeria und USA. Welche Konflikte das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten immer wieder hervorbringt, davon legt sie meisterlich Zeugnis ab, in klarer, präziser und nüchterner Sprache. Zum Beispiel in der Geschichte über das Seminar für afrikanische Schriftsteller in Südafrika, die einen – geleitet von einem paternalistischen europäischen Gutmenschen und Bescheidwisser – schmunzelnd, nickend und beklommen zugleich zurücklässt. Ebenso erlebt man die Geschichte über die Begegnung einer jungen Nigerianerin. Sie verdingt sich als Kellnerin in den USA und lässt sich dort auf eine Beziehung mit ihrem hartnäckigen weißen Verehrer ein, der zwar weitgereist und ach so weltoffen ist, sie jedoch mit seinen klischeehaften Vorstellungen von „Afrika“ verletzt. Man ahnt, wie es ausgeht und fragt sich, wie das eigentlich mit den eigenen Vorurteilen und der Einbildung ist, man sei aufgrund seines langjährigen Engagements, seines Weitgereist-Seins und seiner Weltoffenheit (siehe oben) frei davon … Ach, ich wünsche diesen Geschichten einfach viele Leserinnen und Leser und gehe davon aus, dass sie diesen ebenso zusagen wie mir.

erstellt am 11.6.2012

Chimamanda Ngozi Adichie (* 15. September 1977 in Enugu) ist eine nigerianische Schriftstellerin, die heute teils in Nigeria, teils in den USA lebt. Chimamandas Muttersprache ist Igbo, ihre Familie stammt aus Abba im Staat Anambra. Ihr Vater war der erste Statistik-Professor des Landes. Sie wurde als fünftes von sechs Kindern geboren und wuchs in Nsukka in einem einst auch von Chinua Achebe bewohnten Haus auf. Nach ihrem Schulabschluss begann sie ein Studium in Nigeria, ging aber bald darauf mit 19 Jahren in die USA. 2001 schloss sie dort ein Studium der Kommunikations- und Politikwissenschaften summa cum laude ab. Ihre Romane wurden in mehrere Sprachen, darunter Deutsch, Spanisch und Niederländisch, übersetzt.

Platz 4 der litprom-Bestenliste
Weltempfänger

Chimamanda Ngozi Adichie
Heimsuchungen
Aus d. Engl. v. Reinhild Böhnke
12 Erzählungen
300 Seiten. Gebunden.
S. Fischer 2012

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