Buchkritik

Übermut im Untergrund

Sten Nadolnys Zeitreise in »Weitlings Sommerfrische«

Der große TUNIX-Kongreß, 1978 an der Berliner FU veranstaltet, dürfte heute nur noch von wenigen Veteranen einer alt gewordenen Jugendbewegung erinnert werden. Es war die letzte große Hauptversammlung der Aussteiger und Verweigerer, die sich konsequent den Forderungen einer an Leistung und Effizienz orientierten Konsumgesellschaft entziehen wollten. Mit Latzhosen und Gesundheitslatschen wurde damals, schon auf der Schwundstufe einer ehemals politischen Bewegung, eine Alternative zum Bestehenden signalisiert. Späte Frühsozialisten sozusagen.

Kurz darauf, im Frühsommer 1980, erhielt der noch unbekannte Schriftsteller Sten Nadolny in Klagenfurt für einen Auszug aus seinem (noch unveröffentlichten) Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ den Bachmann-Preis.

„Latzhosen“ und „Langsamkeit“, richtig begriffen, stehen in einem inneren Zusammenhang, der auch einiges über den enormen Erfolg von Nadolnys Roman besagt. Der Titel des Buches hat sich schnell vom Autor gelöst und als Metapher selbstständig gemacht.

Wahrscheinlich hat der Autor unter dieser Entwicklung auch gelitten. Sicher hat er davon profitiert. Beides zeigt sein neuer Roman mit dem altfränkisch provozierenden Titel „Weitlings Sommerfrische“, der sich wacker in die Reihe seiner Vorgänger stellt und zugleich eine Zäsur in Nadolnys Entwicklung markiert. Ein Autor zieht Bilanz und kommt zu dem für ihn erfreulichen Ergebnis, dass er, alles in allem, zufrieden mit sich sein könnte.

Doch, zugegeben, ein bisschen vertrackter ist seine Geschichte schon. (Auf das komplizierte Verwirrspiel ist bereits eine Rezensentin richtig reingefallen.) Nadolny holt weit aus und tritt doch auf der Stelle. Das, was wir am Anfang lesen, wird uns nämlich nicht von dem Erzähler dieses schlicht eleganten Romans erzählt, sondern von seinem Helden, der dem Erzähler allerdings ebenso ähnelt wie die beiden, Held und Erzähler, ihrem Autor.

Held und Erzähler gehen bei identischer Herkunft und deutlich unterschiedenem Lebensweg auf das gleiche Ziel zu, das sie jetzt, am Anfang und Ende des Romans, mit ihren knapp siebzig Jahren, wie auch ihr Autor mittlerweile erreicht haben. Der Rest ist Rückschau. Beide, Held und Erzähler, treten jeweils als Ich-Erzähler auf, einer anfangs, der andere zum Schluss. Das Verfahren erklärt sich zwar erst am Ende, gewinnt aber schon nach wenigen Seiten die nötige Plausibilität, und zwar, so darf man sagen, schlagartig.

Denn: „Plötzlich ein strahlend blaues Leuchten ringsum, dann ein schmerzhaft grelles Licht und ein grausamer Knall, der ihn so erschreckte, dass er umfiel“.
Sten Nadolny wird stets als sympathischer Mensch geschildert. Sicher zurecht. Er ist nämlich auch ein sympathischer Erzähler. Menschenfreundlich, souverän, dazu selbstkritisch, selbstironisch und mit jenem Humor ausgerüstet, der auch die eigenen Kosten nicht scheut. Er ist, seit seinen ersten Schreibversuchen, „Netzkarte“ (1981) bis hin zu der späten Fortsetzung „Er oder Ich“, (1999), stets ein traditioneller Erzähler geblieben, was auch den weltweiten Erfolg seines berühmtesten Romans „Die Entdeckung der Langsamkeit“ immerhin mit zu erklären vermag. Nadolny zweifelt nicht (bzw. nur wenig) an seiner Fähigkeit, Erfahrungen zu machen und sie, erzählend, zu vermitteln. „Die Welt ist unbegreiflich, wenn man noch klein ist, und das Verhalten Erwachsener voller Rätsel. Wichtig ist nur, dass sie es gut meinen, einen beschützen“ – und nicht, wie es im Fall seiner beiden Helden hier geschah, sein Vertrauen zerstören.

Man könnte Nadolny auch postmodern nennen, bevor noch der Begriff in Mode kam. Denn er vermeidet das Experiment, scheut sich jedoch keineswegs vor kühnen Konstruktionen. Gleich ob er seinem Kapitän John Franklin eine schon aberwitzige Langsamkeit durch eine ebenso überdimensionierte Gründlichkeit kompensieren lässt, ob er seinen „Gott der Frechheit“, mit einem kleinen Mann im Ohr bestückt, der ihn durch die Handlung treibt, oder jetzt den Richter a.D. Dr. jur. Wilhelm Weitling seine Jugend ein zweites Mal (mit-)erleben lässt, immer ist die realistische Erzählweise porös genug, um buchstäblich sur-realistische Auswege zu eröffnen. In „Weitlings Sommerfrische“ übernimmt der „Großbaum“ eines kleinen Seglers diese, viele Möglichkeiten eröffnende, Funktion.

Sein Vater hatte Weitling, als kleine Geste des Widerstands gegen die Nazis, auf den Namen Wilhelm taufen lassen. Aufgrund der deutschen Geschichte auch in der Hitler-Zeit ein risikofreies Unterfangen, obwohl mit dem Namensvetter aus dem 19. Jahrhundert eine ganz andere Tradition aufgerufen wird. Wilhelm Weitling, ein Schneidergeselle mit ansehnlicher Literaturliste, war als sogenannter Frühsozialist und späterer, erfolgloser Widersacher von Marx und Engels, zu Ruhm und, 1968 folgende, sogar einigem Nachruhm gekommen. Der Name ist also kein Zufall.

Noch bevor es auf dem Chiemsee, bei dem für ihn überraschenden aufgetretenen Unwetter, zur Katastrophe für Weitling kommt, hatte der sich schon gefragt, „ob er jetzt, mit achtundsechzig Jahren, wirklich wusste, was er in jungen Jahren hätte anders machen müssen.“ Doch bevor seine Träumereien von den Alarmsignalen der Küstenwacht endgültig abgebrochen wurden, war er zu der, wie er meinte, „unvermeidlichen Erkenntnis“ gekommen:
„Nichts würde er ändern können.“

Trotzdem würde er gerne noch einmal „diesen merkwürdigen Jungen begleiten, der er gewesen war“. Gedankenspielereien also. Der kontemplativ eingestellte Richter a.D. lässt gerne seine Gedanken schweifen. Doch dann entfaltet „der Großbaum“ der kleinen Chiemseeplätte, eines zum Segelboot hochgerüsteten Fischerboots, am und im (Hinter-)Kopf unserer, wohlgemerkt beiden Helden seine fatale Wirkung.

Ein Schlag, das darauf folgende Koma, und tatsächlich die Rückkehr in die – nicht ganz identische – Jugend der beiden Helden, in der sich schon einmal, 1958, im Alter von sechzehn Jahren, ein ähnliches Unglück ereignet hatte.

Etwa sechs der insgesamt neun Kapitel des Romans beschäftigen sich im Folgenden mit der Kindheit und Jugend von den beiden Ich-Erzählern und, kaum kaschiert, der ihres Autors. Haus und Garten, der See, die Berge im Hintergrund. Eine alte, andere Welt scheint auf, voller Poesie, immer am Rand der Idylle.

Auch Sten Nadolny, 1942 geboren, ist in Chieming bei Traunstein am Chiemsee aufgewachsen. Auch seine Eltern, Burkhard und Isabelle, waren beide Schriftsteller. Der Vater, nach diversen Studien, nebenbei Fluglehrer und, wohl wichtiger noch, Erfinder, hat zwar viele Bücher geschrieben, doch nur wenig Erfolg gehabt. Die Mutter hingegen landete bereits bei ihrem ersten Versuch, 1958, einen Volltreffer. Mit ihren Liebes- und Familienromanen wurde sie zeitweise ziemlich populär. (Weshalb im Roman nun die Todesdaten von Vater und Mutter vertauscht werden, das wirft nicht nur für Nadolny-Freunde, sondern, eine hübsche Pointe, auch für den zweiten Ich-Erzähler interessante Fragen auf!)
Damit wird schon etwas vom Nutzen dieses kompliziert erscheinenden Verfahrens sichtbar. In Wirklichkeit wird ja ganz brav chronologisch erzählt. Der Sprung in die Vergangenheit scheint plausibel durch das Trauma begründet. Sogar die Ungereimtheiten, die sich aus den Abweichungen in der Lebensgeschichte unserer namensgleichen Ich-Erzähler ergeben, erklären sich am Ende auch noch.

Der Held, der plötzlich neben dem sechzehnjährigen Jungen steht, der er einmal war, erlebt auf diese Weise einen Teil seiner eigenen Lebensgeschichte noch einmal. Er steht, mit all seinen Erfahrungen und all den anderen Errungenschaften fortgeschrittenen Alters, den müden Knochen und permanenten Rückenschmerzen, dem Übergewicht und den Einsichten, die er dem Leben abgewann, regelrecht neben sich. Und zwar beschränkt auf eine einzige Rolle: die des Beobachters. Er sieht alles und kann doch nichts tun. Er weiß immer schon im Vorhinein, was gleich passieren wird, und kann den Gang der Dinge weder anhalten noch gar ändern. Er sieht, was war, und weiß, was geworden ist.

Nadolny muss natürlich das Geschehen so nehmen wie es kommt. Er kann aber auf diese Weise, frei vom Gestus des Neunmalklugen, die Ereignisse mit dem Bewusstsein und dem Erkenntnisstand von heute reflektieren. Er kann die Vergangenheit, gleichsam historistisch, beschreiben, so wie sie war, und im gleichen Moment aus historischer Distanz betrachten. Und bewerten. (Was zum Beispiel an der Konjunktur des Begriffs „Verlogenheit“ eindrucksvoll exerziert wird.)

Das gilt, ganz simpel, für eine Latein-Klassenarbeit ebenso wie für die Einschätzung des Lebens in seinem Elternhaus. Die Unterscheidung zwischen „warmen Abendessen“ und „kaltem Abendbrot“ mag belanglos erscheinen, evoziert aber doch etwas von dem Klima der frühen Nachkriegszeit. Gerade im Alltäglichen werden die enormen Veränderungen von Mentalitäten und Verhaltensmustern, von Normen und Werten, von Einstellungen und Haltungen fast unmerklich oft sichtbar gemacht. Es genügt schon das Augenzwinkern oder Achselzucken des alten Mannes, der neben dem Jungen steht, der er einmal war, um den Wandel der Verhältnisse zu zeigen. Erschrocken wird dem Alten klar, wie sehr er und seine Mitschüler selbst noch „kleinen Nazis“ ähnelten, denen damals nur autoritäre Lehrer imponierten.

Über einige Monate bleibt der alte Weitling, als „Satellit eines Sechzehnjährigen“, an sein jugendliches Ebenbild gebunden. Erst als ihm klar geworden ist, dass er sich „mit dem Jungen abgefunden“ und so mit seiner Vergangenheit „versöhnt“ hatte, ist die Aufgabe seiner Zeitreise erfüllt.

Das ist alles erwartbar, brav gedacht und ordentlich gemacht. Kein großer Wurf, aber eine schöne, durchaus lehrreiche Geschichte. Der Moor kann gehen. Nein. Erst hier entfaltet sich die Brisanz. Nadolny, ja immerhin ein promovierter Historiker, macht uns nämlich zugleich klar, dass zwischen der Faktizität der historischen Ereignisse und dem Fortgang der Geschichte eine Kluft besteht, wie die zwischen dem jungen und den beiden alten Weitlings. Hier öffnet sich der Raum für eine Deutung. Und hier befreit sich im alt gewordenen Schriftsteller Sten Nadolny sozusagen sein „Frühsozialist“. Es ist ein Gesetz der Geschichte, dass sie jeden Tag aufs Neue re-konstruiert werden muss. Nadolny geht noch weiter. Er zeigt, dank einer scheinbar überdrehten Konstruktion, dass diese historische Bewegung nicht still zu stellen ist. Eine vielleicht triviale Einsicht, mit doch oft übersehenen Konsequenzen.

erstellt am 10.6.2012

Sten Nadolny
Weitlings Sommerfrische
Roman
Piper Verlag
München 2012

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