Johann Gottlieb Fichte, nach Hegel und Schelling der dritte des idealistischen Trios, war wohl ein ziemlich unangepasster Mensch mit einer rhetorischen Begabung, die seinen Schriften auf die Füße half. Die „Reden an die deutsche Nation“ von 1808, die mehr als hundert Jahre später für totalitäre Zwecke missbraucht wurden, klingen bis heute nach, oder auch seine „Schriften zur Revolution“, die Anfang der 70er Jahre nachgedruckt und wieder gelesen wurden. Otto A. Böhmer gratuliert dem Philosophen zum 250.Geburtstag.

250. Geburtstag – Johann Gottlieb Fichte

Am warmen Winterofen oder

Wie Johann Gottlieb Fichte zum Philosophen wurde

Von Otto A. Böhmer

Die Philosophie des deutschen Idealismus, von unten betrachtet eine hermetisch anmutende Hochgebirgslandschaft des Denkens, in der man auf Klettertouren noch immer zu bemerkenswerten Ausblicken gelangt, wird für gewöhnlich mit den Namen Kant, Fichte, Hegel und Schelling belegt. Dabei gilt Kant als Gründungsvater, der aber eigentlich gar nichts gründen, sondern der Philosophie nur Ordnung beibringen wollte, während Hegel sich über bestehende Sicherheitsbedenken hinweg setzte und der Philosophie, vor allem der eigenen, grundsätzlich alles zutraute. Schelling, der, was er nie recht verstand, als genialer Frühstarter vom spät in Fahrt kommenden Jugendfreund Hegel überrundet wurde, überlebte zwar seine Kollegen, schaffte aber nicht mehr den Anschluss an die bereits abgeleisteten Ruhmesjahre. Zwischendrin machte Johann Gottlob Fichte (1762 – 1814) auf sich aufmerksam, im Rahmen des deutschen Idealismus vielleicht der originellste Denker, der sich im Umgang jedoch als schwierig erwies und zudem nicht gerade wendig war, wenn es galt, der eigenen, insgesamt etwas vorschnell festgezurrten Philosophie zu mehr Spielraum zu verhelfen.

Fichte kam 1790 als Seiteneinsteiger zur Philosophie, als es ihm ausgesprochen schlecht ging: Er war nahezu zahlungsunfähig und betätigte sich damals, mehr schlecht als recht, als Hauslehrer in Leipzig. In dieser ungemütlichen Situation suchte ihn ein Student auf, der ihn um Privatunterricht in der Kantischen Philosophie bat. Fichte sagte zu; das Diktat prekärer Finanzen ließ ihm keine andere Wahl. Dabei hatte er von dem Königsberger Philosophen, der mittlerweile als der größte seiner Zunft galt, noch keine Zeile gelesen. Fichte stürzte sich in die Lektüre der Kantischen Schriften, die ihm wie „eine Offenbarung“ erschienen: „Ich fand darin eine Beschäftigung, die Herz und Kopf füllte; mein ungestümer Ausbreitungs-Geist schwieg: das waren die glücklichsten Tage, die ich verlebt habe. Von einem Tag zum anderen verlegen um Brot, war ich dennoch damals vielleicht einer der glücklichsten Menschen auf dem weiten Rund der Erde.“

Auf der Rückreise von Warschau, wo er sich erfolglos um eine Hauslehrerstelle beworben hatte, machte Fichte in Königsberg Station. Er entschloss sich, dem verehrten Kant seine Aufwartung zu machen, der auf Fichtes Besuch allerdings eher reserviert reagierte. Der Königsberger Philosoph war nicht mehr der Jüngste; er hatte sein Lebenswerk nahezu beendet und wurde zum Dank dafür von allerlei Altersmalaisen geplagt. Fichte schickte ihm seine Erstlingsschrift Versuch einer Kritik aller Offenbarung, die Kant überraschend positiv aufnahm; er lud Fichte zum Mittagessen ein. Das Gespräch bei Tisch verlief in angenehmer Atmosphäre, und Fichte konnte eigentlich zufrieden sein. Einen Tag später jedoch hatten ihn die gewohnten Schwierigkeiten eingeholt; er musste feststellen, dass er, wieder einmal, pleite war. In einem Anflug kühner Verzweiflung setzte er einen Brief auf, in dem er unter Hinweis auf seine weiteren Pläne Kant um ein Darlehen ersuchte: „Höchstzuverehrender Herr Professor! (…) Ich habe noch 2 Dukaten, und diese sind nicht mein, denn ich habe sie für Miete und dergl. zu bezahlen. Es scheint also kein Mittel übrig zu sein, mich zu retten, wenn sich nicht jemand findet, der mir Unbekannten, bis auf die Zeit, da ich sicher rechnen kann, (…) die Kosten der Rückreise vorstrecke. Ich kenne niemanden, dem man dieses Pfand, ohne Furcht ins Gesicht gelacht zu bekommen, anbieten dürfte als Sie, tugendhafter Mann.“

Der tugendhafte Mann indes war zu tugendhaft, um auf Fichtes Ansinnen einzugehen. Statt dessen erklärte er sich bereit, etwas für Fichtes Erstlingsschrift zu tun, die er für publikationswürdig hielt. Durch Kants Vermittlung wurde die Kritik aller Offenbarung dem Königsberger Verleger Hartung übergeben, der, nach einigem Murren, sogar einwilligte, Fichtes Honorar bei Ablieferung des Manuskripts fällig werden zu lassen. Zur Ostermesse 1792 erschien sein Erstlingswerk, das man in interessierten Kreisen für die langerwartete Abhandlung Kants zur Religionsphilosophie hielt. Das „Intelligenzblatt“ der in Jena erscheinenden „Allgemeinen Literatur-Zeitung“ meldete am 30. Juni 1792: „Man hat es für Pflicht gehalten, das Publikum von der Existenz eines in aller Rücksicht höchst wichtigen Werkes zu benachrichtigen, welches diese Ostermesse unter dem Titel erschienen ist: ‚Versuch einer Kritik aller Offenbarung’, Königsberg bei Hartung. Jeder, der nur die kleinsten derjenigen Schriften gelesen, durch welche der Philosoph von Königsberg sich unsterbliche Verdienste um die Menschheit erworben hat, wird sogleich den erhabenen Verfasser jenes Werkes erkennen.“

Der Philosoph von Königsberg, erhabener Verfasser eines Werks, dessen Verfasser er nicht war, sah sich daraufhin zu einer Klarstellung veranlasst: „Der Verfasser des ‚Versuchs einer Kritik aller Offenbarung’ ist der im vorigen Jahre auf kurze Zeit nach Königsberg herübergekommene, aus der Lausitz gebürtige (…) Kandidat der Theologie Herr Fichte (…) Überdem habe ich weder schriftlich noch mündlich auch nur den mindesten Anteil an dieser Arbeit des geschickten Mannes (…) und halte es daher für Pflicht, die Ehre derselben dem, welchem sie gebührt, hiermit ungeschmälert zu lassen. Immanuel Kant.“

Mit dieser Erklärung wurde Fichte unversehens zum bekannten Schriftsteller, ein ans Wundersame grenzender Vorgang, der über die zuvor abgeleisteten Durststrecken hinwegtröstete. Er konnte nun daran denken, eine eigene, über Kant hinausreichende Philosophie zu entwickeln. Die entscheidende Anregung dafür erhielt er, folgt man den Erinnerungen seines Enkels Eduard Fichte, im November 1793:
„Hier sei (…) einer Mitteilung erwähnt, welche er später in Freundeskreisen machte, daß er damals, über das höchste Prinzip der Philosophie lange und anhaltend meditierend, wie mit einer plötzlich ihn ergreifenden Evidenz, während er am warmen Winterofen stand, von dem Gedanken ergriffen worden sei, nur das Ich, der Begriff der reinen Subjekt-Objektivität, könne das höchste Prinzip sein.“

Das Grundprinzip der Philosophie, das Fichte entdeckt zu haben glaubte, lag im Ich selbst, dem Kant zwar die durchgehende Fähigkeit zur Selbstbestimmung im Rahmen nachgewiesener Grenzen zugestanden hatte, das darüber hinaus aber mit einem gestutzten Erkenntnisanspruch auskommen sollte. Fichte indes hielt nichts von falscher Bescheidenheit; er verlagerte den Erkenntnisanspruch des Subjekts ins Objektive, weil er davon überzeugt war, dass im Ich eine unendlich reichhaltige Reflexionstätigkeit stattfand, die Wissen überhaupt erst ermöglichte. Das geheimnisträchtige Wirken dieser Tätigkeit, von Fichte als „Setzen“ bezeichnet, blieb dem normalen Erkenntniszugriff verwehrt und erschloss sich nur der „intellektuellen Anschauung“, einer Wesensschau des Bewusstseins auf dem Grund seiner selbst. Mit der kompromislosen Festlegung auf das Ich, seiner erkenntnisschöpfenden Treue dem eigenen Wissen gegenüber, sah sich Fichtes Philosophie allerdings vor die Schwierigkeit gestellt, Wirklichkeit herleiten zu müssen, Realität also, die für den normalen Wissensbürger die schiere Selbstverständlichkeit darstellt. Fichte löste dieses Problem, indem er seinem Ich per Dekret ein Nicht-Ich zur Seite stellte, das aus der Beschränkung der ursprünglichen Freiheit erwachsen sollte, jener an sich doch end- und zeitlosen Tätigkeit, die auf einmal mit der Widerständigkeit des Wirklichen aneinandergeriet: „Der Urgrund alles Wirklichen ist demnach die Wechselwirkung oder die Vereinigung des Ich und Nicht-Ich. Das Nicht-Ich ist nichts Wirkliches, wenn es sich nicht auf ein Handeln des Ich bezieht … Das Ich ist das erste, das Nicht-Ich das zweite, darum kann man das Ich abgesondert denken, aber nicht das Nicht-Ich.“

Fichte brachte das Kunststück fertig, mit scheinbar einfachen Begriffen eine komplizierte Gedankenmaterie aufzutürmen, deren Argumentationszusammenhang zu einer Angelegenheit für Eingeweihte wurde. Überdies gab die von ihm gewählte Terminologie zu Missverständnissen Anlass und rief versierte Spötter auf den Plan, allen voran Goethe, der nach der Lektüre von Fichtes Abhandlung Über den Begriff der Wissenschaftslehre den Philosophen Jacobi um diskrete Nachhilfe ersuchte: „Möchtest Du liebes Nichtich gelegentlich meinem Ich etwas von deinen Gedanken darüber mitteilen? Lebe wohl und grüße alle die guten und artigen Nichtichs um dich her.“

Goethe, kein Freund abstrakter Reflexionsartistik, behandelte Fichte auch dann noch mit ironischer Distanz, als dieser 1794 in seinen unmittelbaren Einflussbereich geriet und zum Professor an der Universität Jena avancierte. In den folgenden Jahren stand Fichte auf der Höhe eines schnell gewonnenen Ruhmes; man sprach über seine Wissenschaftslehre, ohne sie mehrheitlich verstanden zu haben. Für einige Zeit amtierte Fichte im Rang eines führenden Modephilosophen; dann ging es langsam bergab. Er legte sich mit Kollegen, vor allem aber mit den studentischen Verbindungen an, deren „zügelloses Treiben“ er auf das heftigste kritisierte, worauf man ihm nachts die Fensterscheiben einwarf. Als Fichte sich daraufhin beim Staatsminister Goethe beschwerte, ließ der ihn wissen: „Sie haben also das absolute Ich in großer Verlegenheit gesehen, und freilich ist es von den Nicht-Ichs, die man doch gesetzt hat, sehr unhöflich, durch die Scheiben zu fliegen. Es geht ihm aber wie dem Schöpfer und Erhalter aller Dinge, der, wie uns die Theologen sagen, auch mit seinen Kreaturen nicht fertigwerden kann.“

Für den diplomatischen Dienst wäre Fichte nicht geeignet gewesen; er sah sich gern missverstanden, neigte zu Überreaktionen und hatte, wie es bei Autodidakten oft der Fall ist, ein etwas zu ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Auch auf seinen späteren Lebensstationen (u.a. Erlangen, Königsberg, Berlin) eckte er an, was seine Kritiker in der einmal gefassten Meinung bestätigte, an diesem Philosophen vor allem einen „unvertilgbar gemeinen Grundzug der Natur“ feststellen zu dürfen. 1811 wurde Fichte zum Rektor der neu gegründeten Universität Berlin ernannt. In politisch unübersichtlichen Zeiten, deren Hauptakteur Napoleon war, der eine Doppelrolle als Despot und Freiheitsverweser spielte, dachte er über einen Geschlossenen Handelsstaat nach und hielt Reden an die deutsche Nation (1808), die eindeutig und missverständlich genug waren, dass sich später auch die Nationalsozialisten auf sie berufen konnten.

Insgesamt ist Fichtes Philosophie nicht so verschroben, wie man meint; sie bietet, auch heute noch, die Möglichkeit zu unbedingter Selbstbesinnung, zur Vergegenwärtigung eigener Bewusstseinsleistung vor dem Hintergrund zunehmender Fremdbestimmung. Philosophie, wie Fichte sie betrieb, blieb auf beispielhafte Weise an ihr Subjekt, das reflektierende Ich, gebunden; nicht verwundern kann es daher auch, dass die bekannteste Sentenz Fichtes, bis zum heutigen Tag, ein Ausspruch ist, der diesen Zusammenhang deutlich werden lässt: „Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein toter Hausrat, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat.“

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erstellt am 10.6.2012

Johann Gottlieb Fichte

Johann Gottlieb Fichte – geboren 1762 in Rammenau, gestorben 1814 in Berlin.

Fichte beendete sein in Schulpforta begonnenes Studium der Theologie nicht und arbeitete ab 1784 als Hauslehrer. Er lernte Kant 1792 in Königsberg kennen und veröffentlichte dort seine ersten Werke.

1793 heirate er in Zürich Johanna Maria Rahn, eine Nichte Klopstocks. 1794 erhielt er eine Professur in Jena.

Als entschiedener Gegner Napoleons I. folgte Fichte Ende 1806 der preußischen Regierung nach Königsberg, wo er im Winter ein Semester lang an der Universität lehrte. Von 1810 – 1814 erneute Lehrtätigkeit in Berlin.

Bei der Pflege von an Typhus erkrankten Soldaten infizierte sich Fichtes Frau 1814; sie überlebte dank seiner Pflege, er selbst wurde das Opfer einer dabei erfolgten Ansteckung.

Wer mehr über den Philosophen erfahren möchte, dem seien zwei neue Biographien empfohlen, die von Fichte-Kennern geschrieben wurden:

Wilhelm G. Jacobs
Johann Gottlieb Fichte
Eine Biographie
Insel Verlag
Berlin 2012

Manfred Kühn
Johann Gottlieb Fichte
Ein deutscher Philosoph
Verlag C.H. Beck
München 2012