Die Lyrikerin Ursula Krechel hat am 6. Juni 2012 den Lyrikpreis »Orphil« erhalten. Der Preis wurde erstmals von der Stadt Wiesbaden vergeben. Silke Scheuermann, die zur Jury gehörte, würdigt die Dichterin in ihrer Laudatio.

Ursula Krechel. Foto: Alexander Paul Englert
Ursula Krechel. Foto: Alexander Paul Englert
Orphil-Preis für Ursula Krechel

Wortfindungslust pur

Von Silke Scheuermann

Es fällt nicht schwer, eine zehnminütige Laudatio auf die Lyrik von Ursula Krechel zu halten – eine längere ebenso wenig! – , denn ihre Gedichtbände ragen so offensichtlich aus allem heraus, was die Lyrik heute und in den letzen Jahrzehnten zu bieten hatte, dass dies selbst einem lyrikunkundigen Leser auffiele.

Wie das? Nun, es ist zunächst einmal wortwörtlich gemeint: Ursula Krechels Gedichtbände sind einen entscheidenden Zentimeter breiter als die Norm, die Buchrücken ragen aus dem Bücherbord, wenn sie zwischen, sagen wir, K für Kolmar und L für Langgässer, eingeordnet sind.

Vor Jahren hörte ich die von mir seit langem bewunderte Autorin anlässlich einer Lesung in ihrer alten Heimat Frankfurt, im Mousonturm, verschmitzt zum Publikum sagen: „Da danke ich dem Verlag (Sie meinte Jung und Jung) doch sehr. Statt dass meine langen Zeilen zerteilt werden mussten, machten sie einfach die Bücher breiter.“

So einfach, so spielerisch scheint es manchmal zuzugehen in der Literatur, Tanz ohne Exerzitien, Wortfindungslust pur. Wirklich? So einfach und so spielerisch wirkt, im Nachhinein betrachtet jedenfalls, die Jury-Entscheidung, Ursula Krechel den neuen, in Wiesbaden gestifteten und verliehenen „Orphil“preis für Lyrik zuzuerkennen, und zwar für ihr lyrisches Gesamtwerk einerseits, insbesondere aber für ihre beiden zuletzt erschienenen Gedichtbände „Stimmen aus dem harten Kern“ aus dem Jahr 2005 und „Jäh erhellte Dunkelheit“ von 2010.

Auf diese beiden Bände möchte ich daher in meiner kurzen Würdigung besonders eingehen – um noch ein paar mehr Hinweise zu geben, weshalb das Adjektiv „herausragend“ eben nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne in Krechels Fall von Lyriklesern gerne benutzt wird.

Ein gutes Dutzend Gedichtbände, außerdem Romane, Erzählungen, Hörspiele und Essays hat Ursula Krechel bis heute verfasst. Auch die beiden gerade genannten Lyrikwerke können im besten Sinne – und den kritischen Statuten des Orphilpreises gemäß – ‚politisch’ genannt werden.

In „Stimmen aus dem harten Kern“ unternimmt Ursula Krechel das Wagnis, eine Geschichte der Gewalt durch die Epochen hindurch zu schreiben, quasi als einen weiblichen Gegenentwurf zur Ilias. Sie arbeitet sich durch die Mythen, bewegt sich in diesem Buch völlig außerhalb des Modischen, ihr gelingen dadurch Gedichte, die auf bestürzend zeitgemäße Art aufrüttelnd wirken“, so die Jury-Begründung

‚Stimmen’ sind dabei eine immer wiederkehrende Redefigur der inzwischen in Berlin lebenden Autorin. Zuletzt hat sie dieses Verfahren in den aus gesammelten Tatsachenberichten beruhenden Stimmen in „Shanghai fern von Wo“, einem brillanten Exilantenepos vorgeführt. Bereits 2001 ging es in der Erzählung „Der Übergriff“ um Stimme und Gewalt; in dem Text erzählt eine Frauenstimme, die verstummen soll. „Halt´s Maul“ brüllt, flüstert, droht eine andere Stimme ihr immer wieder ins Ohr – es ist eine beunruhigend offene Erzählhaltung. Diese hat ihren Gegenpart Jahre später in „Stimmen aus dem harten Kern“ gefunden. Wo dort ein Frauen-Singular berichtet, ist es hier ein männliches Wir, die Krieger-Kaste in toto.

In dem aus 144 Gedichten jeweils in Kapiteln aus zwölf Zwölfzeilern bestehenden, langem Poem finden sich die Stimmen von Soldaten, Kriegern, Mördern; die poetischen Masken reichen von Philoktet bis Byron, es sind pseudo-heldische Gestalten, die der Zyklus aufruft, Stimmen aus dem peloponnesischen Krieg im fünften Jahrhundert vor Christi bis zum Irak-Krieg. Dabei gibt es durchaus Täter, die sich als Opfer fühlen, die von sich selbst als Opfer erzählen, das macht Krechel für uns heutige Leser sprachlich greif- und erfahrbar. Diese Einzel-Stimmen von Krieger-Figuren wie dem schwärenbedeckten Philoktet oder auch Lord Byron, dem Dichter, erotischen Wüstling und Freiheitskämpfer, widmete sie eigene Kapitel.

Begreift man den utopisch-„idealen“ Schriftsteller mit Elias Canetti als einen Meister der Verwandlung, als einen Künstler also, der sich sowohl die niedrigsten Kreaturen einfühlend anverwandeln kann, als auch in der Lage ist, das durch die großen Heldenepen vorgegebene Personal von Homer und Ovid zeitgemäß weiterzuerzählen, so findet man in Ursula Krechels Werk diese beiden Formen ästhetischer Metamorphose in ihrer schönsten Ausprägung.

Erinnern wir uns, wer vor Ursula Krechel etwa den Philoktet-Stoff vor ihr bearbeitet hat: Es sind – neben dem Urvater Homer – Namen wie Pindar, Vergil, Ovid, Seneca, die da aufgerufen werden. Aischylos´ und Euripides Dramen über den legendären Bogenschützen mit dem brandigen Fuß´ sind bekanntlich verschollen und selbst in die Sphäre des Fiktiven gerückt. Wir kennen heute am ehesten noch die Tragödie des Sophokles, und aus der Moderne beziehungsweise Postmoderne später die Stücke von André Gide und Heiner Müller.

Eine Frau lässt sich auch in der erweiterten Aufzählung nicht finden. Ist es nun eine speziell „weibliche“ Sicht auf den Philoktet, die sich bei Ursula Krechel findet? Dichten Frauen „anders“, wie MRR es in seiner gleichnamigen Anthologie, die Krechel schon lange kanonisiert, einmal versuchsweise behauptet hat, dichten sie „emotionaler“?

Nun, Krechels Stimme, die sie dem Philoktet leiht, ist tatsächlich anders – und zwar so, wie die Stimmen großer Autoren sämtlich „anders“ genannt werden können, nämlich unverwechselbar- , und sie ist emotional, aber dadurch keineswegs von weniger intellektueller Schärfe.

„Dies ist mein Fuß“, beginnt das Kapitel mit dem Titel „Selbststimulation/ Philoktet in zwölf humpelnden Schritten“, wobei die humpelnden Schritte zuerst wörtlich, und dann wiederum nicht anders denn als Koketterie zu nehmen sind, so flüssig rauschen die Verse, so verführerisch ist hier die Erzählkunst angelegt, so sehr schäumt der Reichtum an kühnen und sich oft wie an einer Kette reihenden Metaphern; so nachhaltig überzeugt die aus einem Nebeneinander von Alltagsrede und hohem Ton gefertigte Kunstsprache.

„Der Wundbrand frisst sich bis zum Knochen, Hinkebein schlurft
Durch eine verheerte Welt, dass eine Schlange mich gebissen hat,
dass kein Pfeil mich ritzte, als ich den Bogen trug, den Herakles
Mir gab –
(Nebenbei: Wann wurde ihnen zuletzt so geschickt bewusst gemacht, dass in „verheert“ ein ganzes Heer drinsteckt?)

Bei Krechel hadert Philoktet, und er analysiert sich; er ist sich seiner selbst mehr als bewusst, und doch rettet ihn das – die Zwangsgeschichte es postmodernen Helden – keineswegs, im Gegenteil, die Tragik schlägt zurück, sie wird umso größer, wenn Philoktet am Ende seine Schuld anerkennt, er lädt sie wissend und sehend auf sich, weil er nicht anders kann:

„Ich werde wiederkommen, wieder zu den Waffen greifen, ich werde
Wieder töten, wenn man mich braucht, mich lässt, ich will nicht lernen.“

„Form ist Erfahrung“ zitierte Ursula Krechel vor einiger Zeit, zum Entstehungsprozess von „Shanghai fern von wo“ befragt, den Dichter Ernst Jandl, und so ist es auch hier: Anders hätte es ihr nicht gelingen können ein narratives Langgedicht in der Tradition von Derek Walcott oder auch Ann Carson zu schaffen, erzählerische und lyrische Kraft miteinander zu vereinen. Form, das zeigen die Gedichte in „Stimmen aus dem harten Kern“, ist auch Wagnis.

Peter Hacks hat einmal gesagt, klassische Literatur spiegele die tatsächliche Barbarei der Welt im Stoff wieder und ihre mögliche Schönheit in der Form; diese Maxime scheint in Ursula Krechels Kriegsgedichten erfüllt. Die Schönheit dieser Verse ist utopisch und zugleich archaisch, anmutig und düster, ungeheuer in beiden Bedeutungen des Wortes, und so stellt sie zu guter Letzt alle Werte auf den Kopf: Die dargestellte Welt ist so barbarisch, dass sie auf die Schönheit des Verses zurückschlägt und das Kriegsgedicht zum Moralstück, zum Antikriegsgedicht wird. Die „Helden“ werden auseinander genommen und in ihre Einzelteile zerlegt, so wie die Sprache in Silben und Pronomen, der Soldat, der den Sinn des Befehls verstanden hat „führt aus aus aus.“.

Der Text „Winterkampagne” im Gedichtband „Jäh erhellte Dunkelheit“ von 2010 knüpft an das Thema Krieg mit all den Rückzügen und Schrecken der Kälte an; intertextuell bezieht es sich auf Joseph Brodskys „Verse von der Winterkampagne”. Obwohl es unter anderem Hitler zitiert, ist es mehr als bloß ein historisches Gedicht über den Russland-Feldzug. Es sucht jene strukturelle Wahrheit auf, die in der Sprache beschlossen ist. Die erste, wiederholte und variierte Zeile „Das sind ganz normale Verluste“ ist bitter und historisch leider allzu wahr.

Und doch ist die Sprache so – ja, wie soll man sagen: schön?

*_Krähen krachen mit den Flügeln, schwerfällig, fast eingerostet,
kirre gemacht gegen die Kälte._ (…)*

heißt es da in der „Winterkampagne“, oder:

„…Die Innenwände des Winters sind fellbezogen
dem gefrorenen Pferd aus den Rippen geschnitten
Fell und Flanell und tatkräftiges Schuhwerk, das Leder gefettet
Der Körper mit Nahrung ausgesteift, vermummt, verschnürt

Der Band „Jäh erhellte Dunkelheit“, so teilt sich dem Leser mit, beschwört vor allem eins: die Epiphanie. Es sind ganz und gar erfüllte Augenblicke, die sich da im Gedicht ereignen, in seiner Bildhaftigkeit und eigenen Wahrheit.

Aufschreiben ist Bewahren, Aufsplittern ist Genauigkeit, Genauigkeit bedeutet Gelingen, so mag das poetische Programm dieser Dichterin lauten, die mit ihren Versen die Materialität der Sprache, ihre Laute, ihre Schrift, so freilegt, dass die Dinge von einem feinen Leuchten überzogen werden.

Sie hätte versucht, angesichts der Erfahrung von Shanghai ihr „Nichtverstehen bei der ersten Reise“ in „etwas zu verwandeln, das nicht Wissen“ ist, hat Ursula Krechel ihr Bemühen, die Form für den Roman „Shanghai fern von wo“ zu finden, genannt.

Hier, in den Gedichten, sind es Leichtigkeit und Konzentration, die diese Verwandlung bewirken, man vergisst nie, dass es über den Klang hinaus die Erzählung gibt, oder anders, die Dichterin verwandelt den Klang in Erzählung. Die Reisen müssen auch gar nicht so weit weg führen, sie können persönliche sein, in die eigene Vergangenheit und deren Fremdheit locken. So geschieh es etwa in „Weiß wie“, dem kleinen Text, in dem Krechel einmal mehr von ihrer Mutter dichtet und damit ein Stück deutsche Geschichte aufbereitet:

Meine Mutter liebte die weißen Männer
Hals über Kopf aber die weißen Männer
Liebten keine Frau wie sie oder andere
Nicht vorbei war es mit den Weißen Männern
Mutter war hin und weg Liebe brannte
Beiläufig ging Gottfried von Cramm
In Leinen blendendweiß auf den Rasen
Aufschlag über das Netz und weiter
Gegnerisch ins Herz der Mutter(…)

Krechels Gestus ist mal der des metaphysischen Fragens, mal einer, der auf die Paradoxie des Verstummens hinausläuft. Auch in den immer wieder auftauchenden heiteren Familienszenen beharrt Krechel eigenwillig auf dem Poetischen; ihr ist das Gedicht an sich immer Grund und Anreiz genug, der Hebel, mit dem sie sich an die Welt wagt, um Erkenntnisse zu gewinnen, den Boden der Sprache aufzubrechen. Im Gedicht „Frage“ heißt es ganz am Schluss, in einer schönen ironischen Wendung: „Zu Ende mit dem Latein war erst der Anfang.“

Ein Anfang, wie man ihn Ursula Krechels Leserinnen und Lesern nur immer wieder wünschen kann.

Und das wäre tatsächlich auch ein schöner Schluß gewesen für diese Laudatio, wenn Ursula Krechel nicht selbst noch das Epilogische in den Epiphanien von „Jäh erhellte Dunkelheit“ angelegt hätte – am Schluss des Bandes finden wir einen kleinen Zyklus mit dem Titel „Mitschrift des Sommers“. Er besteht aus 16 Gedichten, die von einem Aufenthalt der Autorin in einem evangelischen Damenstift handeln. „Die Gräber im Klosterhof schweigen“, heißt es da. „Auch ich schwiege, wenn ich nicht schriebe“.

Man spürt eine fremde und bedrohliche Kraft, die der Dichtung entgegenarbeitet und das lyrische Ich zu vereinnahmen droh, selbst wenn es sich wehrt. Zwischen die Gedichte sind dokumentarisch einige Grabinschriften verstreut – so lebt, so schreibt es sich mit den stummen Schatten der Vergangenheit. Und die Erleuchtung ist auch nur Bedingung für die Schlagschatten, die Sprache löst sich ins Schweigen, das Wort auf ins Licht.

Herzlichen Glückwunsch, Ursula Krechel.

Laudatio auf Ursula Krechel zum Orphil-Preis, gehalten am 6. Juni 2012 im Literaturhaus Villa Clementine, Wiesbaden.

Silke Scheuermann

erstellt am 10.6.2012

»Krechels Gestus ist mal der des metaphysischen Fragens, mal einer, der auf die Paradoxie des Verstummens hinausläuft. Auch in den immer wieder auftauchenden heiteren Familienszenen beharrt Krechel eigenwillig auf dem Poetischen; ihr ist das Gedicht an sich immer Grund und Anreiz genug, der Hebel, mit dem sie sich an die Welt wagt, um Erkenntnisse zu gewinnen, den Boden der Sprache aufzubrechen.«