Die Diskussion über das Urheberrecht ist längst überfällig und betrifft ganz besonders den Kreis, für den Faust-Kultur gegründet wurde. Als Online-Plattform für Autoren, Künstler und Wissenschaftler stellen wir darum auf Faust-Kultur die Sichtweisen unterschiedlich betroffener Interessengruppen vor und führen nach und nach die Stimmen von Urheberrechtsexperten, Juristen, Autoren, Musiker, Verleger in die dynamisch gewordene Debatte ein.

Der Zynismus der freien Marktwirtschaft erlaubt die legale Ausbeutung. Sonst gäbe es keinen sogenannten Niedriglohnsektor und kein Leben unter der sogenannten Armutsgrenze. Dass dieser Skandal auch in die Arbeitsfelder der Künstler, Musiker, Intellektuellen und Schriftsteller hineinreicht, ist bisher gerne mit „Jammern auf hohem Niveau“ abgetan worden. Wie viele Autoren leben nach dem „Berliner Modell“, werden also von der Lebensgefährtin oder dem Lebensgefährten durchgefüttert? Wie viele müssen für die Veröffentlichung ihrer Bücher erhebliche Summen an Verlage bezahlen, statt für ihre Arbeit von diesen bezahlt zu werden? Wie viele auch müssen mit deutlich reduzierten Honoraren auskommen und werden unter Androhung der Nichtbeschäftigung gezwungen, sogenannte Buy-out-Verträge zu unterschreiben, die sie gegen eine Einmalzahlung von der Weiterverwertung ihrer Leistung ausschließt? Und wie viele sind froh, wenn der Verleger davon spricht, dass mit ernsthafter Literatur kein Geld zu verdienen ist, wenn er nur das Buch herausbringt? Was ist da das geltende Urheberrecht noch wert? Wie groß ist für einen Autor der Unterschied zwischen einer verlustreichen Publikation und dem Open-Access? Marion Victor hat in ihrer Rede im Rahmen der Gesellschafterversammlung des Verlags der Autoren in Frankfurt am 2. Juni mit der Entstehungsgeschichte des Urheberrechts seine Berechtigung für die Gegenwart untermauert. (-ert)

Thema Urheberrecht

Der Barbier und die Folgen

Von Marion Victor

Vorbemerkung

Seitdem die neue Partei der Piraten die ersten Sitze in Landesparlamenten erobert hat, ist das Thema „Urheberrecht“ in aller Munde. Für mein Empfinden muss man den Piraten – so unausgegoren manches klingt – zugute halten, dass sie das Thema „Urheberrecht“ populär gemacht haben. Bis vor wenigen Monaten war mit diesem Thema kein Blumentopf zu gewinnen. Heute aber findet man fast täglich in den großen Zeitungen einen Artikel zu diesem für mich zentralen Thema. Für mich ist dieses Thema so zentral wichtig, weil unsere Entwicklung zur bürgerlichen Gesellschaft ohne die Entwicklung des Urheberrechts nicht denkbar ist.

Ich will in ein paar Sätzen vorab versuchen zu erläutern warum.

Die gesellschaftliche Macht des Adels war geknüpft an Grundeigentum und an die Abgaben zinspflichtiger Bauern. Mit der Renaissance gewann das Handelskapital der großen Städte an politischem Einfluss. Aber erst die Anerkennung von Werken der Kunst und Wissenschaft als Eigentum, nämlich als geistiges Eigentum seines Urhebers, zog schrittweise auch die politische Gleichberechtigung des Bürgers nach sich. So ist es denn kein Wunder, dass zu den Kernpunkten der französischen Verfassung von 1791 und 1793 das geistige Eigentum gehörte, wobei zu der propriété intellectuelle sowohl die propriété litteraire et artistique als auch die propriété industrielle zählte.

Das Urheberrecht ist Teil der Identität der bürgerlichen Gesellschaft. Man mag es beklagen, aber solange Geld in unserer Gesellschaft das wichtigste Ausdrucksmittel für die Anerkennung einer Leistung ist, bedeutet die Forderung, das geistige Eigentum solle der Allgemeinheit ohne angemessene Honorierung der Schöpfer zur Verfügung stehen, eine Missachtung geistiger Arbeit.

Jeder Angriff auf das Urheberrecht, oder präziser: auf das geistige Eigentum, ist in meinen Augen deshalb auch ein Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft – ohne dass dies den heutigen Angreifern immer bewusst zu sein scheint.

Weil ich also überzeugt von der Wichtigkeit unseres heutigen Themas bin, möchte ich einen kleinen Abriss über die Geschichte des geistigen Eigentums geben. Es erscheint mir für unsere Debatte erhellend.

Geschichte

Die Antike kannte kein geistiges Eigentum. Im römischen Recht war der Eigentumsbegriff ausschließlich an Sachen geknüpft.

Der Autor bedurfte eines Mäzens (der des Dichters Horaz hieß Maecenas), der für die Verbreitung des Textes sorgte und ihm durch Zahlung eines Honorars bzw. Zuweisung einer Sinekure den Lebensunterhalt sicherte. Einen solchen Mäzen zu gewinnen, erfolgte zum Beispiel dadurch, dass der Verfasser sein Werk einem möglichen Mäzen widmete. Nur der bildende Künstler, der in erster Linie als Handwerker betrachtet wurde, wurde auch für seine Arbeit bezahlt. Der Mäzen im alten Rom konnte mit dem Manuskript machen, was er wollte, denn es gehörte ihm. Er konnte es zum Beispiel von Sklaven abschreiben, also vervielfältigen lassen. Im Mäzenatentum kann man damit eine Urform der verlegerischen Arbeit sehen. Der Handschriftenhandel stand in Rom hoch im Kurs; aber Mühe und Kosten des Abschreibens wurden höher bewertet als die schöpferische Leistung.

Im Mittelalter war die Situation nicht viel anders. Kunstwerke entstanden vor allem aus religiösen Gründen. Klöster waren wichtige Orte der Kunstproduktion – und nicht zuletzt des Kopierens von Kunstwerken. Der Werkschöpfer war vor allem Mittler zwischen Gott und dem Rezipienten, seine Schöpferpersönlichkeit verschwand hinter dem „unbekannten Meister“. Einen Schutz gegen Vervielfältigung gab es nicht. Die Existenz des Autors, Malers oder Musikers war durch seine Zugehörigkeit zu Kirche, Adel oder Zunft gesichert.

Mit Beginn der Neuzeit entwickelte sich erstmals eine selbstbewusste künstlerische Identität. Fast parallel dazu erleichterten in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Vervielfältigungstechniken, wie der Buchdruck, Kupferstich und Holzschnitt, die Reproduzierbarkeit von Kunstwerken. Und erst damit entstand auch das Bedürfnis nach einem rechtlichen Schutz vor der Reproduzierbarkeit. Denn das Risiko des Aufwands an Arbeit und Kapital musste durch Nachdruckverbote abgesichert werden. So entstanden Druckprivilegien, die das Verfahren der Reproduktion schützten, nicht aber das literarische Werk.

Mit steigendem Persönlichkeitsbewusstsein und der Betonung der Individualität suchten auch immer mehr Urheber diesen Schutz zu erreichen. Die ersten Autorenprivilegien wurden Ende des 15. Jahrhunderts in Venedig vergeben. Zu den Ersten, die ein solchen Autorenprivileg in Deutschland erreichten, gehörte Albrecht Dürer, denn in einem kaiserlichen Privileg aus dem Jahr 1528 wurde jedermann verboten, sich die Urheberschaft an seinen Kunstbüchern anzumaßen. Martin Luther erreichte 1532, dass Nachdrucker ihren Namen und den Erscheinungsort hinzufügen mussten, damit er gegen Fälschungen vorgehen konnte. Kurz, auch das Autorenprivileg bedeutete noch keinen Schutz des geistigen Eigentums, war es doch geknüpft an das materielle Druckerzeugnis.

Erst langsam wurde der Gewerbeschutz mit der Theorie vom Verlagseigentum (der owners copy) zugunsten der Vorstellung vom geistigen Eigentum und dem Schutz des Urhebers abgelöst. Auch wenn in England und in den Vereinigten Staaten das Verwertungsrecht im Mittelpunkt stand, so waren doch die dortigen Gesetze wichtig für den Schritt vom Verlegerschutz zum Urheberschutz. Denn in England wurde 1710 bereits das Autorenrecht erstmals als das angeborene Recht des Menschen an den von ihm geschaffenen Gütern definiert. John Locke leitete Eigentumsansprüche aus der Arbeit ab. Im deutschsprachigen Raum wurde zwar auch bereits Mitte des 18. Jahrhunderts geistiges Eigentum entsprechend der Naturrechtslehre als ein ewig dauerndes Recht des Urhebers begriffen, aber es sollte noch fast 100 Jahre dauern, bis es 1848 in die Verfassung der Paulskirche aufgenommen wurde. Dort heißt es: „Das geistige Eigentum soll durch die Reichsgesetzgebung geschützt werden.“

Für die Aufnahme des „geistigen Eigentums“ in die Verfassung der Paulskirche stand vor allem Frankreich Pate, war die bürgerliche französische Verfassung von 1791 und 1793 Vorbild für den Verfassungsgebenden Ausschuss in Frankfurt.

In Paris hatte 1753 ein junger 21-jähriger Uhrmacher eine bahnbrechende Erfindung gemacht, nämlich die der Unruhe, der sog. Doppelkommahemmung. Er zeigte sie stolz dem königlichen Uhrmacher, der nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich selbst dieser Erfindung zu brüsten. Pierre Augustin Caron, so hieß der junge Uhrmacher, war empört. Er veröffentlichte im Mercure de France einen Brief, in dem er den königlichen Uhrmacher des Diebstahls an seinem geistigen Eigentum bezichtigte. Die Académie Royale des Sciences war von der Argumentation Carons beeindruckt und gab ihm Recht. Pierre Augustin Caron wurde neuer königlicher Uhrmacher. Sein gesellschaftlicher Aufstieg begann, er heiratete eine 10 Jahre ältere reiche Witwe, erwarb Grund und Boden und durfte sich fortan de Beaumarchais nennen. Aber die Erfahrung, dass es keinen gesetzlichen Schutz gegen Diebstahl an geistigem Eigentum gab, konnte der selbstbewusste Beaumarchais nicht vergessen. Am 3. Juli 1777 lud Beaumarchais, als er nach einer erfolgreichen Serie von Vorstellungen seines Theaterstücks „Der Barbier von Sevilla“ an der Comédie Francaise mit seiner Honorierung nicht einverstanden war, eine Gruppe von Kollegen ein und gründete mit ihnen zusammen das Bureau de Législation Dramatique, einer Vorläuferorganisation der heutigen SACD. Denn Beaumarchais, inzwischen längst nicht mehr am Hofe angestellt, sondern selbstständiger Geschäftsmann und freier Autor, wusste genau, dass man vom Ruhm allein nicht leben kann, sondern dass man jeden Tag etwas zum Mittagessen braucht.

Sein Eintreten für das geistige Eigentum hatte Erfolg. 1791, in der ersten Gründungsversammlung der jungen Republik, wurde das geistige Eigentum beschrieben als „la plus sacrée, la plus personelle de toutes les propriétés est l'ouvrage fruit de la pensée d'un écrivain“.

In Frankreich also wurden mit der Französischen Revolution die Privilegien abgeschafft und dafür in zwei Gesetzen von 1791 und 1793 eine naturrechtlich begründete Propriété intellectuelle mit der Propriété litteraire et artistique neben einer Propriété industrielle anerkannt. Dass in Frankreich von Beginn an das Patentrecht ein Teil des Urheberrechts war, erschließt sich in meinen Augen nicht zuletzt aus dem Lebenslauf von Beaumarchais, dem Uhrmacher und Dramatiker. Die Gesetze begrenzten jedoch die Schutzdauer des geistigen Eigentums auf nur 10 Jahre nach dem Tod seines Urhebers. Nach Ablauf der Schutzfrist fiel das Eigentum an Geisteswerken in die Herrschaftssphäre der Allgemeinheit (Domaine publique). Das Urheberpersönlichkeitsrecht (Droit moral) hingegen dauerte ewig. Auch das heutige Gesetz von 1992 heißt in Frankreich immer noch Code de la Propriété Intellectuelle.

In Deutschland war alles viel komplizierter, nicht zuletzt aufgrund der Vielstaaterei. So musste Goethe zum Beispiel für die Ausgabe seiner Werke 1827-30 bei Cotta allein 39 verschiedene Privilegien (nämlich von 35 Fürstentümern und 4 freien Städten) einholen. Aber zweifellos übte der französische Code de la Propriété Intellectuelle einen großen Einfluss auf die deutschen Intellektuellen und Politiker aus.

1835 beschloss schließlich der Deutsche Bund, das schriftstellerische Eigentum sei festzustellen und zu schützen. Preußen ergriff die Initiative und erließ 1837 ein Gesetz zum Schutz des Eigentums an Werken der Wissenschaft und Kunst. Und wie erwähnt, wurde das geistige Eigentum auch in der Verfassung der Paulskirche verankert. Allerdings verzichtete der Verfassungsgebende Ausschuss im Gegensatz zum französischen Vorbild mit Blick auf einen absehbaren Konflikt zwischen Kapital und Arbeit auf eine Definition der Rechte der Erfinder. Weshalb in Deutschland der Begriff vom „geistigen Eigentum“ im Lauf des 19. Jahrhunderts erst einmal zugunsten der Formulierung „Urheberrecht“ aus der Diskussion verschwand und das Patentrecht dem Gewerbeschutz zugeschlagen wurde. Allerdings ist zu beobachten, dass nicht zuletzt mit dem Blick aufs Patentrecht mit zunehmender Globalisierung der Begriff vom „geistigen Eigentum“ sich auch bei uns wieder durchzusetzen beginnt.

Das Urheberrecht hat also eine vergleichsweise kurze und bewegte Geschichte. Die Schutzfristen wurden in den vergangenen 150 Jahren stufenweise verlängert, internationale Abkommen wurden getroffen. Aufgrund der rasanten technischen und digitalen Entwicklung ist die Geschichte des geistigen Eigentums noch längst nicht abgeschlossen. Die Diskussionen der letzten Wochen zeigen das deutlich.

Damit will ich meinen kleinen geschichtlichen Exkurs beenden. Und nun endlich zur Darstellung des Urheberrechts kommen.

Das Urheberrecht sichert dem Urheber, also dem Schöpfer von Werken der Kunst und Wissenschaft, den Schutz in seiner geistigen und persönlichen Beziehung zum Werk und in der Nutzung des Werkes zu, es besteht also aus zwei unterschiedlichen Rechten, nämlich 1. dem Persönlichkeitsrecht und 2. dem Verwertungsrecht.

Zu den durch das Urheberrecht geschützten Werken gehören insbesondere literarische, musikalische, dramatische, dramatisch-musikalische sowie filmische Werke, aber auch – in der Formulierung des Gesetzes – Übersetzungen und andere Bearbeitungen.

Der Urheberrechtsschutz wird von der Verfassung als Teil der Eigentumsgarantie gewährleistet (Artikel 14, Absatz 1 Grundgesetz). Der Schutz beginnt mit der Veröffentlichung bzw. mit dem Erscheinen des Werkes. Der Urheberrechtsschutz erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Berechnet wird die Frist mit Beginn des Folgejahres. Der urheberrechtliche Schutz ist aufgrund europäischer Richtlinien für alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verbindlich. Gemeinfreie Werke, also Werke, deren Schöpfer länger als 70 Jahre tot sind, haben keinen Urheberschutz mehr.

Die Persönlichkeitsrechte garantieren dem Urheber, dass sein Werk nicht entstellt werden darf und dass seine Vorbehalte gegen das Ob und Wie der Veröffentlichung seines Werkes beachtet werden müssen.

Sinn des Verwertungsrechts innerhalb des Urheberschutzes ist es, die schöpferische Arbeit, das schöpferische Ergebnis des einzelnen Urhebers nicht nur anzuerkennen, sondern in erster Linie zu honorieren. Es soll dem Urheber grundsätzlich ermöglichen, von seiner Arbeit leben zu können. Die „angemessene Vergütung“ des Urhebers für seine Leistungen und „die angemessene Vergütung für die Nutzung der Werke“ sind seit 2002 ausdrücklich gesetzlich verankert.

Weil das Kunstwerk letztlich der Gesellschaft insgesamt zugute kommt, fällt es dann auch nach Ablauf der Schutzfrist in die „Domaine publique“ und gehört der Allgemeinheit. Bei materiellen Gütern hingegen erlischt der Eigentumsanspruch nie. Dass der Urheberschutz im Gegensatz zur Eigentumsgarantie begrenzt und bereits 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlischt, beruht auf dem Interesse der Gesellschaft an einem lebendigen Kommunikationsprozess, der auf dem schöpferischen Schaffen, Erkenntnissen und Vorstellungen früherer Generationen aufbaut.

Jedes Werk hat verschiedene Verwertungsrechte, die beiden bekanntesten sind das Publikationsrecht und das Aufführungsrecht. Beides sind sogenannte große Rechte. Von ihnen leiten sich eine ganze Reihe sogenannter Nebenrechte ab. Bei den Publikationsrechten sind das zum Beispiel der Abdruck von Auszügen in Zeitschriften und Zeitungen oder das Recht der Vergabe einer Lizenz an einen Taschenbuchverlag, die Lizenz an fremdsprachige Verlage und das Übersetzungsrecht, und natürlich relativ neu: die hinzugekommenen Rechte an E-Books.

Zu den Aufführungsrechten gehören ebenfalls das Recht der Vergabe der Übersetzungsrechte, der Hörspielrechte, der Vertonungsrechte, der Verfilmungsrechte, also auch die öffentliche Wiedergabe oder Darbietung eines Werkes in „unkörperlicher Form“. Teil der öffentlichen Wiedergabe ist auch die öffentliche Zugänglichmachung, womit der Zugang zu einem im Internet digital eingestellten Werk gemeint ist, das von der Öffentlichkeit von Orten und zu Zeiten ihrer Wahl abgerufen werden kann.

Für die Publikation wie für die öffentliche Darstellung auf einer Bühne eines urheberrechtlich geschützten Werkes wie seine öffentliche Zugänglichmachung bedarf es grundsätzlich der Einwilligung des Urhebers bzw. seines Verlages und einer Honorierung.

Für das Publikationsrecht wie für das Aufführungsrecht gilt neben dem Verwertungsrecht. Auch das Urheberpersönlichkeitsrecht.

Das bedeutet für die Praxis zum einen, die geschützten Werke dürfen in ihrer Struktur nicht verändert, eben „entstellt“ werden. Konkret bedeutet das, dass die Werke nicht umgeschrieben oder fremde Texte hinzugefügt werden dürfen. Zulässig sind bei der Aufführung von Theaterstücken lediglich Kürzungen, solange diese nicht die Gesamtstruktur des Werkes verletzen.

Allerdings wird die Verfügungsmacht des Urhebers sowohl beim Publikationsrecht wie beim Aufführungsrecht in den sogenannten „Schrankenregelungen“ eingeschränkt, dann nämlich, wenn es ein öffentliches Interesse gibt, also zum Beispiel auf dem Gebiet der Bildung: Konkret im Unterricht an den Schulen. Hier muss keine Genehmigung des Urhebers für eine Veröffentlichung in einem Schulbuch vorliegen. Das heißt, der Urheber kann danach zwar die Benutzung seines Werkes in diesem Rahmen nicht mehr untersagen, aber sein Anspruch auf „angemessene Vergütung“ bleibt bestehen. Das gilt ebenso für Aufführungen von Theaterstücken. Eine Genehmigung aber muss eingeholt werden, sobald zu der Aufführung eine Öffentlichkeit, die über den Klassenverband hinausgeht, zugelassen ist.

Das Gesicht unserer Gesellschaft wird davon geprägt, wie es zu seinen Autoren, den Schöpfern geistigen Eigentums steht. Drei kleine Beispiele aus den letzten Wochen scheinen mir symptomatisch. So wurde in der FR vor ein paar Wochen auf die Frage „Warum ist das Urheberrecht gerade jetzt wieder ein Thema?“ folgende schlichte Antwort gegeben: „In den letzten Jahren (haben) Internet-Konzerne wie Google und Facebook für Milliardenbeträge digitale Vertriebsplattformen wie Youtube oder Instagram gekauft; solche enormen Summen gibt man nur dann aus, wenn man über geeignete Geschäftsmodelle verfügt und sich entsprechende Renditen erhofft. Kurzum, jetzt geht es um das große Geld.“ Oder ein zweites Beispiel; letzten Donnerstag, am 31. Mai, erschien in der FAZ ein Aufsatz unserer Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, in dem sie ein „starkes Urheberrecht“ forderte und ihre Forderung folgendermaßen begründete: „… das Urheberrecht ist die Wirtschaftsordnung des Internetzeitalters. In der Informationsgesellschaft ist das Urheberrecht eine wesentliche Ressource für die Kreativität des Einzelnen und damit ganzer Gesellschaften.“ Und das dritte Beispiel: Wirtschaftsverbände, Handelskammern und Stiftungen werben mit Sätzen wie: „Ideen sind das Kapital von morgen“. Alle drei Beispiele zeigen – auf unterschiedlichem Niveau -, dass in der Werteskala unserer Gesellschaft heute Geld ganz oben steht, während Menschlichkeit, Glück, Gerechtigkeit als Kategorie kaum ins Gewicht fallen. Dass wir aber die Autoren, die Künstler brauchen, um noch etwas anderes erstrebenswert zu finden als Geld, dass es Bereicherungen und geistige Welten gibt, die außerhalb des Geldes liegen, scheint vergessen zu werden. Deshalb halte ich eine Debatte über den Wert und Sinn des geistigen Eigentums in unserer Gesellschaft für notwendig. Indem wir auf einer Skala bewerten, was wir für wichtig halten, entscheiden wir auch über unsere künftige Lebensform.

1777 gründete Beaumarchais die erste Autorengesellschaft. 1969 gründeten Lektoren und Autoren den Verlag der Autoren. Ausgangspunkt war beide Male das Bedürfnis, die Rechte der Schöpfer geistigen Eigentums zu stärken. In der aktuellen Diskussion um eine Reform des Urheberrechts wird immer wieder der Verdacht geäußert, dass nicht nur die Nutzer, sondern auch die Urheber vor den Verwertern zu schützen seien. Abgesehen davon, dass ich Gründe für diesen Verdacht eigentlich eher in der Musik-, Film- und Unterhaltungsindustrie ansiedeln würde, ein solcher Verdacht kann den Verlag der Autoren nicht treffen, denn hier sind die Urheber gleichzeitig ihre Verwerter. Aber diese Vorwürfe der Nutzer, der Netz-Community, erinnerten mich an Walter Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Darin konstatiert er – meiner Einschätzung nach – verblüffend weitsichtig: „Die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum (ist) im Begriff, ihren grundsätzlichen Charakter zu verlieren.“

Es bedarf also einer breiten Diskussion über die Rolle von Kreativen in unserer Gesellschaft im neuen, digitalen Zeitalter, in der die Reproduzierbarkeit sich ins Unendliche potenziert hat. Es gibt Stimmen, die die Erfindung der neuen Medien für ähnlich revolutionär halten wie ca. 500 Jahre zuvor die des Buchdrucks. Diese rasante Veränderung der Reproduktionsbedingungen – vielleicht erfordert sie einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen dem Drang von Konsumenten nach unbegrenzter und möglichst kostenloser Nutzung von „allem“ und den Interessen von Urhebern samt denen, die ihre Produkte mit erheblichen Investitionen bei der Entwicklung fördern und ihnen dann den Weg zum Markt bahnen. Wir sollten das Feld nicht den großen Internetkonzernen überlassen und versuchen, die Zukunft aktiv zu gestalten.

Rechtsvorschriften

Europäische Union:
Richtlinie 2006/116/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über die Schutzdauer des Urheberrechts und bestimmter verwandter Schutzrechte vom 12.12.2006

Richtlinie 2011/77/EU des Europäischen Rates und des Parlaments vom 27.09.2011 zur Änderung der Richtlinie 2006/116/EG über die Schutzdauer des Urheberrechts und bestimmter verwandter Schutzrechte (muss bis 11/2013 in nationales Recht umgesetzt werden)

Grundgesetz: Artikel 1, 2, 6, 7, 14

Urheberrechtsgesetz: §§ 2, 3, 8, 9, 11, 12 – 14, 15 – 17, 19,
19a, 23, 24, 32, 32a, 44a, 46, 51, 52, 52a, 64, 69

Urheberrechtswahrnehmungsgesetz: §§ 6, 11 – 13b Kunsturhebergesetz: §§ 22, 23

Literatur:

  • Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, in: Wikipedia
    Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt 1973
    Albrecht Dümling, Solidargemeinschaften für die Rechte der einzelnen Urheber. Zur Geschichte der Verwertungsgesellschaften GEMA; GVL, VG WORT und VG BILD-KUNST
    Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Kein Grund zum Kulturpessimismus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. 5. 2012
    Mercure de France, September 1753 und Februar 1754
    Manfred Rehbinder, Urheberrecht, München 2002
    Hannes Siegrist, Geschichte des geistigen Eigentums und der Urheberrechte. Kulturelle Handlungsrechte in der Moderne
    Elmar Wadle, Geistiges Eigentum, Bausteine zur Rechtsgeschichte, Weinheim 1996

Kommentare


Harsh - ( 12-07-2012 10:31:07 )
Hallo zusammen,gut, dass der Junge mit den Medikamenten sein Leben eiasgermnisen leben kann. Und vielleicht kommt es sogar zu einer Remission! Ich bin ebenfalls der Auffassung, dass den Reportern Myasthenie einfach nicht spektakule4r genug erscheint. Da sind doch Rechtsanwe4ltinnen, die abends einschle4gigen Leidenschaften nachgehen und sich daffcr bezahlen lassen, ffcr den Fernsehsender AKTE weitaus interessanter. So etwas habe ich selbst erlebt. Schon zu Beginn meiner Erkrankung wollte ich die d6ffentlichkeit fcber die neurologische Unterversorgung in Aachen informieren, bekam aber vom Fernsehsender SAT1 die Absage mit der Begrfcndung, meine Situation sei eine von vielen und die Themen mfcssen nunmal die Quoten sichern! Daher meinen Dank an alle die gezielt d6ffentlichkeitarbeit betreiben und sich auf den Messen die Beine in den Bauch stehen ffcr die verschiedenen Formen der Myasthenie: Myasthenia gravis, Lambert-Eaton-Syndrom und die Kongenitale Myasthenie.Ihnen allen Frohe Ostern und eine gute Zeit! LG Jutta O. aus Aachen

Kommentar eintragen









Weiterer Beitrag zum Thema:
Urheberrecht: Thomas Hoeren

erstellt am 10.6.2012

»Das Urheberrecht hat also eine vergleichsweise kurze und bewegte Geschichte. Die Schutzfristen wurden in den vergangenen 150 Jahren stufenweise verlängert, internationale Abkommen wurden getroffen. Aufgrund der rasanten technischen und digitalen Entwicklung ist die Geschichte des geistigen Eigentums noch längst nicht abgeschlossen. Die Diskussionen der letzten Wochen zeigen das deutlich.«

»Dass wir aber die Autoren, die Künstler brauchen, um noch etwas anderes erstrebenswert zu finden als Geld, dass es Bereicherungen und geistige Welten gibt, die außerhalb des Geldes liegen, scheint vergessen zu werden. Deshalb halte ich eine Debatte über den Wert und Sinn des geistigen Eigentums in unserer Gesellschaft für notwendig.«

»Es bedarf also einer breiten Diskussion über die Rolle von Kreativen in unserer Gesellschaft im neuen, digitalen Zeitalter, in der die Reproduzierbarkeit sich ins Unendliche potenziert hat. Es gibt Stimmen, die die Erfindung der neuen Medien für ähnlich revolutionär halten wie ca. 500 Jahre zuvor die des Buchdrucks.«