Der Sprecher und Regisseur Jochen Nix hat in szenischen Lesungen und öffentlichen Rundfunk-Features dazu beigetragen, neue Wege der Literaturpräsentation zu erschließen. Inzwischen zieht es ihn wieder zurück zur selbstentwickelten Lesung, gern gibt er Autoren fremder Sprachen eine deutsche Stimme. Für Faust-Kultur hat er Auszüge aus dem Roman von Leïla Marouane »Das Sexleben eines Islamisten in Paris«, der in der Edition Nautilus in deutscher Erstveröffentlichung erschien, in einem Audio-Beitrag hörbar gemacht.

Jochen Nix liest Leïla Marouane:

»Das Sexleben eines Islamisten in Paris«

Romanauszug Teil I (Seite 16-23)

Ben Mokhtars Sohn

Ich ging weiter und betrat den weit geöffneten Balkon, und plötzlich hatte ich erneut das Gefühl, mich in einem Film zu befinden. Die Frage war nur, würde ich darin die Hauptrolle spielen, oder war ich bloß ein Statist? Auf einmal schlug mein Herz heftig gegen meine Rippen, meine Brust schnürte sich zusammen und meine Eingeweide fühlten sich an, als würden sie brennen.
Und wenn man sich aus irgendeinem Grund weigerte, mir dieses kleine Versailles zu vermieten? Zum Beispiel weil diese Blondine sich über meinen Geburtsort wunderte und sich einfach so meine Geburtsurkunde besorgte, in der sie dann auf den Vermerk »Name französiert am Soundsovielten in dem und dem Jahr« stieße, und unten auf dem Blatt meinen ursprünglichen Namen las? Meinen eigentlichen Namen, den Namen meines Vaters, der ein Einzelkind und eine Kriegswaise gewesen war – Zweiter Weltkrieg, versteht sich –, und der Name seines Onkels, meines Großonkels väterlicherseits, welcher der Vormund meines Vaters wurde – denn als Ureinwohner kam mein Vater, im Gegensatz zu seinen damaligen Landsleuten, darunter auch der junge Albert Camus, nicht in den Genuss des Status eines »Pupille de la Nation«, eines Staatsmündels.

Wie gesagt, der Name meines Großonkels väterlicherseits der zugleich der Schwiegervater meines Vaters war, also mein Großvater mütterlicherseits, ein Mann so fromm wie Bendy (1), aber so klug wie Gandhi. Auf jeden Fall muss jener Mann, der meinen Vater bei sich aufnahm, in seinem ganzen Leben nur Gutes getan haben, unfähig wie er war, selbst der allerletzten Fliege, die uns in Blida (übrigens mein Geburtsort) im Sommer scharenweise heimsuchten, etwas zuleide zu tun. Dasselbe gilt für meinen Vater, den Analphabeten, den Arbeiter bei Renault, der an Erschöpfung und Melancholie starb, und der, da er mit meinen schulischen Leistungen zufrieden war und meine Mutter ihn dazu ermunterte, alle Hebel in Bewegung setzte, um für mich ein Einbürgerungsverfahren zu beantragen. Er selbst hätte für die Staatsbürgerschaft keine Verwendung, meinte er; da er weder Anwalt noch Arzt war, sondern ein einfacher Arbeiter, reichte ihm eine Aufenthaltsgenehmigung vollkommen aus. Nebenbei bemerkt sollte seine älteste Tochter, meine Zwillingsschwester, eine gute Schülerin, aber viel zu hübsch, nicht von der hiesigen Staatsbürgerschaft profitieren, denn ihr Leben als Ehefrau und Mutter sollte sich bei ihrer Verwandtschaft abspielen, in unserer Heimatstadt, »zu Hause«, in Blida, empfahl meine Mutter. Und auch mein Vater hielt es für gut. Er war strikt dagegen gewesen, dass ich meinen Namen änderte, obwohl ich der Gerichtsangestellten schüchtern zugestimmt hatte. »Als Ben Mokhtar wurden wir geboren, und als Ben Mokhtar sterben wir«, hatte er frohlockt, als wir das Gericht verließen, und mich seinen Doktor genannt, »egal, ob du jetzt Franzose bist, du heißt immer noch Mohamed Ben Mokhtar, Ben Mokhtars Sohn und Enkel von Ben Mokhtar. Nicht wahr, Sohnemann?«
Ja, Vater, versprach ich ihm. Damals war ich sechzehn.

Dann aber, erzählte er, kurz bevor ich an der HEC, der berühmten Pariser Wirtschaftsuniversität, meinen Abschluss machte, schrieb ich, bestärkt durch Martine – die Frau, bei der meine Zwillingsschwester und ich nach unserer Ankunft auf französischem Boden übergangsweise gewohnt hatten, bis wir eine passende Wohnung gefunden hatten –, an den Oberstaatsanwalt.

In meinem Brief äußerte ich den Wunsch, meinen Namen zu französieren. Und schwuppdiwupp wurde mein Name französiert. Meine Familie, diese Prinzipienreiter, durfte natürlich nichts davon wissen – daher auch die von meiner jüngsten Schwester geliehene Anschrift. Sie war meine Freundin und Verbündete geworden, gleich nachdem die Sippe sie verstoßen hatte, weil sie einen Roumi geheiratet hatte, der es strikt ablehnte, zu unserer Religion zu konvertieren. Wie dem auch sei, meiner auf diese Weise veränderten Identität, meinem geglätteten Haar und meiner gebleichten Haut verdanke ich es, dass ich nie irgendwelche Probleme mit Diskriminierungen aufgrund meiner Herkunft hatte. Nach meiner Namensänderung öffneten sich mir alle Türen, und auch Menschen, die zuvor verschlossen gewesen waren, waren auf einmal viel netter zumir.Wenn Sie bitte so freundlich wären Monsieur Tocquard hier, aber ich bitte Sie Monsieur Basile Tocquard da …

Mir ist bewusst, dass der Name etwas Lächerliches hat, aber dafür ist er glaubwürdiger, weniger verdächtig als ein Jean Dupont oder ein Paul Duchemin, oder sogar ein Charles Martel – Karl Martell, das war der Name, den die Gerichtsbeamtin mir vorgeschlagen hatte. Sie hatte sich über den Namen gewundert, »mit dem man es möglicherweise nicht so leicht haben würde«, und mich darauf hingewiesen, dass der Name abgelehnt werden konnte. Aber wenn ich eine ernst zu nehmende Begründung hätte … Also dachte ich mir einen Freund aus Kindertagen aus, und dieser Freund, sehr geehrte Damen und Herren, der leider nicht mehr unter uns weilt, hat eben diesen Nachnamen getragen. Usw. Und schließlich reimte er sich sogar auf meinen ursprünglichen Namen!

»Mokhtar, le toquard!«, so war ich auf dem Schulhof gequält worden.
Später, dort, wo die Wölfe heulen und die Menschen schweigen, kommt es vor, dass ich mich frage, ob diese Wahl nicht eine Art Vorahnung (2) war, oder auch einfach nur ein Mittel, mit dem ich mich selbst für den Verrat bestrafte, den ich an meinem Großvater, an meinem Vater und an allen gegenwärtigen und zukünftigen Nachkommen von Ben Mokhtar beging.

Aber Verrat hin oder her: Wenn mein zehn Jahre jüngerer Bruder, von Geburt an französisch, Statistiker mit dem Diplom einer guten Hochschule, seinen Stolz abgelegt hätte, wenn er sein Kinnbärtchen entfernt, seine Haut mit Bleichcreme eingeschmiert, sein krauses Haar geglättet und an den Oberstaatsanwalt geschrieben hätte, dann würde er jetzt nicht wie ein Meskine, ein armer Mann, zwischen den vier Wänden seiner Mutter und denen der Moschee unseres Viertels versauern.

Ich habe meinen Stolz jedenfalls schon ziemlich früh abgelegt. Doch zu der Zeit, als ich jene Metamorphose in Angriff nahm, im Zuge derer ich meinen Körper und meinen Namen veränderte, war ich genauso fromm wie mein Bruder und ihm, was das Wissen über den Islam angeht, weit überlegen.

Ich war der gute Muslim, der nette Islamist – heute würde man »Fundamentalist« oder »Terrorist« sagen –, den alle Leute im Viertel respektierten und um Rat fragten. Das ging so weit, dass ich gebeten wurde, ein Gebet anzuleiten oder eine Predigt zu halten, oder ich sollte mich zu ebenso einfachen wie komplizierten Fragen äußern: Was tun, wenn ein Kind in der Kantine aus Versehen Schweinefleisch isst? Durfte man seine Frau von einem männlichen Arzt untersuchen lassen? Konnte man einen Job in einer Bar annehmen? Oder in einer Schlachterei, in der Schweine geschlachtet wurden? Erlauben, dass die Tochter in der Schule das Kopftuch ablegt? … Ohne dass der Engel, der über die Vergehen Buch führt, es aufschreibt?

Ich muss zugeben, dass ich manchmal vergaß, wie tolerant mein seliger Großvater, dieser Sufi, gewesen war: Er schenkte den Bannfluch-Verkündern keine Beachtung und ließ seine Töchter, darunter meine Mutter, den Schleier abnehmen und schickte sie zur Schule, er berief sich auf das Lakum dinukum wa li dini (3) und erlaubte seinem Neffen, meinem Vater, sich auf gottlosem Boden nach einem Broterwerb umzusehen; ich aber zeigte mich mitunter strenger als der Papst und schickte junge Männer in die Arbeitslosigkeit und Mädchen in unlösbare Dilemmata …

Ich war also der perfekte Muslim, doch im Unterschied zu meinem Bruder musste ich gleich nach meiner Ankunft in Frankreich alle möglichen Behörden abklappern. Das war mitten in den Siebzigern, ich war noch nicht einmal zehn Jahre alt und mein Bruder wohl gerade erst gezeugt worden.

Ich tat das zusammen mit meinem Vater und weil er mich darum gebeten hatte, denn ich war sein Schreiber und füllte für ihn Formulare aus, kreuzte die richtigen Antworten an, und außerdem war ich sein Übersetzer, für den Fall, dass er einmal ein Wort oder einen Satz nicht verstand; und abgesehen von Äußerungen, bei denen selbst den friedlichsten Zeitgenossen der Kragen platzen würde, verstand er gar nichts, mein Papa, aber ihm platzte nie der Kragen und er verlor kein Wort über die Verschlechterung seiner körperlichen und seelischen Gesundheit. Denn mein Vater war lange vor der Unabhängigkeit seines Landes, gerade mal volljährig und bettelarm, nur mit seiner Arbeitserlaubnis in der Tasche hierher gekommen und hatte als Hilfsarbeiter für den Aufbau Frankreichs Blut und Wasser geschwitzt. Er hauste mal in schäbigen Hotels, mal in Heimen der Sonacotra und heiratete erst mit zweiunddreißig, 1965, seine noch sehr junge Cousine, meine Mutter, die zwar einigermaßen gebildet, aber dürr und ziemlich dunkel war, weshalb es kaum gelungen wäre, sie zu verheiraten, außer eben mit dem Waisenjungen, der weder lesen noch schreiben konnte, und der seiner Frau dann neun Jahre lang während jedes bezahlten Urlaubs beiwohnte und auf den Tag wartete, an dem er reich wäre, nicht wie Krösus, aber doch mit einigen Ersparnissen ausgestattet, um für immer zu seiner kleinen Familie zurückkehren zu können.

Doch als die Ersparnisse sich nicht anhäuften, auf jeden Fall nicht genug, um die Koffer zu packen, und als ein neues Gesetz die Familienzusammenführung erlaubte, da machte jene kleine Familie, die damals mit zwei Kindern gesegnet war – meine Zwillingsschwester und ich –, sich auf und kam zu ihm, in das Land, aus dessen Boden heute noch, so scheint es mir, der Geruch seines Schweißes aufsteigt.

Wie gesagt, damals, als ich ständig all diese Dienststellen aufsuchte, die Rathäuser und Polizeipräsidien, die Wohnungsämter und Familienkassen, und mich für meinen Vater und seinen arabischen Namen schämte, für seine Hautfarbe und sein krauses Haar, für seinen mickrigen Wortschatz und seine Angewohnheit, Schritte und Stimme zu dämpfen, damals hat mein Stolz das Weite gesucht.

Koste es, was es wolle, sagte ich mir, mir war jedes Mittel recht, aber eines stand fest: Egal, ob ich es heimlich tun müsste oder vor aller Augen, ob ich Arbeiter werden würde oder Astronaut, ich würde meine Haut aufhellen, ich würde mein Haar glätten und natürlich würde ich meinen Namen gegen irgendeinen anderen eintauschen, Hauptsache, er hatte nicht diesen harten arabischen Klang, dachte ich jedes Mal, wenn mein Vater den Mund aufmachte und sein Kauderwelsch herauskam.

Zuerst dachte ich an Namen wie Sami Massi oder Élias Sansal, einfach auszusprechende, aber nicht so eindeutige Namen, die meine Gesprächspartner nicht mehr abschrecken, meine Identität aber auch nicht komplett umkrempeln würden.

Erst im Collège – ich konnte doch immerhin eine private Schule in einem der reichen Viertel von Paris besuchen, zwischen den Metrostationen Ternes und Wagram, denn meine Mutter hatte, auf meine intellektuellen Fähigkeiten setzend und von Martine zusätzlich dazu ermutigt, darauf bestanden, mich dort anzumelden, obwohl sie dafür große Opfer bringen musste –, erst dort wurde mir klar, Mohamed, Sami oder Élias, das war gehüpft wie gesprungen. Und dass ich, wenn ich in der Masse der Weißen aufgehen wollte, einen richtig französischen, unverdächtigen Namen brauchte.

So wurde Basile Tocquard geboren. Und niemand ahnte etwas, weder die Headhunter, die nach meinem Abschluss auf mich zukamen, noch die Arbeitgeber bei den anschließenden Bewerbungsgesprächen.

Würde es mit dem Maklerbüro im sechsten Arrondissement wieder so sein?, fragte ich mich, während ich den Kamin aus rosa Marmor betrachtete. »Hallo? Monsieur Mo-amed Ben-mok-tar? Äh, Tocquard? Hier ist das Büro in der Rue de Sèvres … Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass …«

Wie sollte ich bitteschön jemals das Kaminfeuer vergessen? Die ovale Badewanne? Das Eichenparkett? Den Schreibtisch über den Blättern? Die Gedichte, die ich nicht schreiben würde? Die Frauen, von denen ich nicht kosten würde?

Wie sollte ich eine solche Enttäuschung jemals überwinden? Vielleicht würde ich dann alles hinter mir lassen und in eine von Ben Ladens multinationalen Organisationen eintreten – in Anbetracht meines Alters und meiner Diplome würde man mich bestimmt ohne lange zu fackeln dort aufnehmen.Und wer weiß, vielleicht würde mir sogar die Ehre zuteil werden, den Himmel über Manhattan zu zerreißen? Who knows? Und wenn sich die Gene meiner klugen Vorfahren durchsetzten, mit anderen Worten, falls ich für solche Unternehmungen zu feige wäre, dann würde ich eben in das Land meiner Eltern auswandern und die Tochter des Bürgermeisters der Küstenstadt nördlich von Blida heiraten, die sehr jung und sehr hübsch war und auf die meine Mutter, ungeachtet meines mürrischen Gesichts, ein Auge geworfen hatte.

Und dann würde meine blutjunge Ehefrau mir ein paar männliche Nachkommen schenken, sagen wir zehn. Zehn robuste und kluge Söhne, wie ihr Papa, der sich dann ganz viel Mühe geben würde, damit sie lernten, auf Frankreich und auf die gesamte westliche Welt ohne Ausnahme zu spucken.

Nein, im Ernst, für wen halten die sich eigentlich, diese Weißen? Wenn sie die Herkunft und die Namen unserer Ahnen durch den Dreck ziehen, geringschätzen und mit Füßen treten? Wenn sie behaupten, sie hätten im Land unserer Vorfahren das Gute gesät? (4) Und die uns heute, im Jahr 2007, immer noch den Zugang zu ihren schönen Wohnvierteln verwehren, zu den wirklich angesehenen Posten, zu ihren Nachtklubs? Als wären wir immer noch die Eingeborenen und die Wilden aus ihren Kolonien.

  • (1) Ben Laden (Erklärung von Mohamed)
    (2) Ich weise darauf hin, dass in Basile »asile« enthalten ist, Asyl, Heim, Anstalt, insbesondere Irrenanstalt, und was die Bedeutung von »tocquard« angeht… (Mohamed)
    (3) Vers, der besagt, dass die Religionen sich mischen können, ohne sich gegenseitig zu schaden (Mohamed)
    (4) Gemeint ist das Gesetz vom 23. Februar 2005, das schließlich von Jacques Chirac außer Kraft gesetzt wurde. Danke, Monsieur le Président (Mohamed)
Romanauszug Teil II (Seite 162 – 167)

Fastenbrechen

Ich hatte gerade angefangen zu träumen, sagte er, als ich vom Klingeln des Telefons geweckt wurde.
»Ja, Mutter…«
Das Gespräch kurz halten. Auflegen. Ausstöpseln. Weiterschlafen. »Ich hoffe, dass wir dich heute sehen, dass du nicht vergessen hast und nicht vergessen wirst, heute zum Essen nach Hause zu kommen…«

Nein, das würde ich nicht vergessen, ich hatte es ja sogar in Großbuchstaben auf den Merkzettel am Eingang geschrieben. Ich hatte es aufgeschrieben, weil meine Schwester, die Fromme natürlich, mir erzählt hatte, dass meine Mutter am letzten Sonntag beim Essen die ganze Zeit geweint hatte. Und dass sie zusehends dünner würde. Und das alles würde natürlich auch nicht gerade besser dadurch, dass ich sie immer versetzte, und es würde wehtun, sie anzusehen, und mittlerweile würde sie das Essen unterbrechen und sagen: »Jetzt fehlt nur noch euer Bruder, mein Augenstern, der wie in Priester in Paris lebt. Der bestimmt bis zu den Knien im Dreck versinkt und bald am Staub erstickt…« »Und so weiter «, fuhr meine Schwester fort, mit Mühe ihre Tränen zurückhaltend.

»Nein, ich hab’s nicht vergessen, Mutter. Ich bin vor Mittag bei euch…«
»Aber es ist doch schon Mittag«, schrie meine Mutter. »Wir treffen uns, um das Fasten zu brechen. Hast du etwa den Ramadan vergessen? Und dass wir heute, Sonntag, den neunten Oktober, schon den fünften Tag vom Ramadan haben?« »Schon?«, fragte ich und biss mir auf die Lippen. »Was soll das heißen, schon?« »Der neunte Oktober…« »Dein Schwager, Ali, Gott möge ihn beschützen, hat schon angefangen, unsere Reise nach Mekka zu organisieren, mein Sohn. Die Moschee von Paris hat ein sehr gutes Pauschalangebot. Ein ganzer Monat, Essen, Unterkunft, Transport. Eine Woche in Medina, drei in Mekka, mein Sohn. Das kostet uns…« »Das sagst du mir, wenn ich in Saint-Ouen bin.« »Bitte sei etwas früher da, bevor es Zeit ist zum Fastenbrechen, damit wir in Ruhe darüber sprechen können. Dein Bruder ist, dank deinem Auto, schon zurück vom Markt.«

Die Rückbank meines neuen Autos säubern. Bevor es anfängt zu stinken. Bevor ich nach Saint-Ouen fahre. Wenn sie es begutachteten, könnten meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester und ihr Perversling von Ehemann sonst möglicherweise den Geruch von Sperma bemerken. »Ich muss noch mein Auto waschen«, sagte ich mechanisch. »Das kannst du hier machen, dein Bruder wird dir dabei helfen…« »Ich muss auflegen, Mutter, ich muss mich noch vorbereiten…« Genau, mein Sohn. Wir erwarten dich. Ich erwarte dich ungeduldig, mein Augenstern. Außerdem werden die Verlobte deines Bruders und ihre Eltern hier sein. Nach dem Fastenbrechen gehen wir alle zusammen in die Moschee in der Rue Jean-Pierre-Timbaud, für das Tarawih-Gebet. Du kommst doch auch mit, nicht wahr?« »Ja, Mutter…« »Und falls du jemanden hast, mein Sohn, dann lad sie ruhig ein…« »Ich habe niemanden, Mutter. Noch nicht…« »Und dieses Mädchen, von dem du deiner Schwester erzählt hast? Ist sie nicht Algerierin?« »Doch, Mutter. Aber sie ist vierunddreißig Jahre alt.« »Deine Schwester hat mir erzählt, dass sie Astrophysik studiert, und dass sie an einer Doktorarbeit über den Planeten Venus arbeitet, oder so ähnlich.« »Das stimmt, aber sie ist alt, Mutter.« »Die Tochter des Bürgermeisters wartet immer noch auf dich, mein Sohn … Die Eltern der Verlobten deines Bruders verlieren irgendwann die Geduld…« »Dann soll er doch heiraten, Mutter…« »Nie im Leben! Was werden die Leute denken? Sie werden herumerzählen, dass mein ältester Sohn irgendeinen Makel hat…« »Die Leute haben andere Sorgen, und ich bin erschöpft, Mutter…«

»Du bist verhext, mein Sohn. Deswegen wollte ich dir letzte Woche eine Marokkanerin vorstellen, eine gute Frau, die extra aus Carcassonne gekommen ist, um dich zu entzaubern. Das war meine Überraschung für dich, mein Sohn. Aber leider muss man das Ende des Ramadans abwarten, bevor die Entzauberung wirkt. Sie hat mir versprochen, wiederzukommen und sich um dich zu kümmern, als ob du ihr eigener Sohn wärst. Du wirst doch dabei mithelfen, nicht wahr, mein geliebter Sohn?« »Ja, Mutter…« »Ich bin mir sicher, dass dieses vierunddreißig Jahre alte Mädchen dich verzaubert hat, mein armer Junge. Ich hab’s dir doch immer gesagt, ab einem bestimmten Alter werden sie pervers…« »Ja, Mutter…« »Und du hast nicht mal deine Wohnung geputzt. Diese Wohnung, wo du bestimmt im Dreck und im Staub lebst…« »Ja, Mutter…«

»Du hättest wenigstens ein Huhn opfern und die Ecken deiner Zimmer mit Henna bestreichen müssen, wir hätten uns zu einem Couscous zusammensetzen und Kerzen hätten bis zum Morgengrauen brennen müssen. Nichts davon ist geschehen. Es wäre meine Aufgabe gewesen, mich darum zu kümmern. Aber ich weiß nicht mal, wo du wohnst. Und du bist einfach ausgezogen und hast mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Habe ich recht oder nicht?« »Du hast recht, Mutter.« »Was isst du überhaupt, wenn es Zeit zum Fastenbrechen ist? Suppe aus dem Supermarkt? Ich frage mich, ob du überhaupt fastest, mein Sohn…« »Was für eine Frage, Mutter…« »Es war nur eine Frage, mein Sohn. Ich lasse dich jetzt in Ruhe, aber versuche bitte, vor den anderen da zu sein…« Ich legte auf und musste sauer aufstoßen. Warum hatte ich den Ramadan vergessen? Meine Schwester hätte mich daran erinnern müssen, als sie mich auf dem Handy anrief und ganz außer sich gewesen war wegen der Tränen und der Gesundheit unserer Mutter, sie, die Fromme, die Gesegnete der Schwestern, schließlich hatte ich sie sogar gefragt, was sie von meiner Flucht hielt. Wenn mir jemand Bescheid gesagt hätte, dann hätte ich auf jeden Fall aufgehört, Alkohol zu trinken und rechtzeitig meine rituellen Waschungen vorgenommen.

Mindestens eine Woche vor Beginn der Fastenzeit. »Wozu soll das gut sein, deinen Körper und deinen Geist zu reinigen?«, flüsterte die Stimme in meinem linken Ohr. »Wo du doch von jetzt an nie mehr fasten musst. Weder aus Solidarität noch aus Respekt vor wem auch immer.« »Ich bin ein freier Mann«, jubelte ich, stieg aus dem Bett und ging ins Wohnzimmer. Dort trank ich ein kleines Glas Whiskey, damit ich besser wieder einschlafen konnte und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Ich stöpselte das Telefon aus, schaltete das Handy aus und schlüpfte unter die Decke. Als ich aufwachte, war es fast acht Uhr abends. Meine Mutter, mein Bruder, seine Verlobte und die Familie seiner Verlobten, meine Schwester und ihr Mann, der ganze Klan befand sich sicherlich gerade im elften Arrondissement und steckte mitten im Ramadan-Gebet. Und deine Mutter ist dabei, zu weinen und dich zu verdammen, zischte die Stimme in meinem rechten Ohr. »Kann man nichts machen«, sagte ich. Ich duschte und trank einen Kaffee. Dann zog ich mich an und rief die Frau vom Vortag an, Samia, Safia, Nadia, und lud sie herzlich zum Essen ein. Sie hätte keine Zeit, ihr Mann sei von seiner Geschäftsreise zurückgekehrt, sagte sie. Ich schaltete meinen Computer ein und druckte meine Notizen aus. Das reicht schon mal, um ein Kapitel daraus zu machen, dachte ich, als ich sie mir durchlas. Anschließend legte ich sie in die Mappe »Roman«, wischen viele Zettelchen mit Daten und Namen, die ich hier und da zusammengesammelt hatte, dann betrachtete ich das zitternde Laub und freute mich über so viel Material, das mir dazu dienen würde, meine Geschichte zu entwerfen und auszuarbeiten. Dann machte ich den Computer wieder aus und tigerte im Kreis herum, ich wusste nicht, wie ich diese Angst loswerden sollte, die langsam, aber unaufhaltsam in meinem Brustkorb emporkroch.
»Los, fahr ihnen hinterher und schließ dich ihnen in der Moschee an«, zischte die Stimme in meinem rechten Ohr.

Da schrie ich: »Genug! Genug!« Ich trank ein großes Glas Whiskey und ging wieder ins Bett, fest entschlossen, am nächsten Tag sofort zu meinem Psychiater zu gehen und ihm von diesem Gezische und Geflüstere zu erzählen, das noch heute, wenn ich nicht aufpasse, meine Ohren ärgert.

Mit freundlicher Genehmigung der Edition Nautilus, Hamburg.

Audio-Mitschnitte: © Andrea Pollmeier, Redaktion Faust

erstellt am 06.6.2012

Leïla Marouane
Das Sexleben eines Islamisten in Paris
Aus dem Französischen übersetzt von Marlene Frucht
Deutsche Erstausgabe
Gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
Edition Nautilus, Hamburg
ISBN 978-3-89401-727-9

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