Kein cooler Star, der anderntags zum Idol der halben Welt wird, keine brutale Action, keine attraktiven special effects. Was ist das? Ein Dokumentarfilm, kurz: Doku. Dokus werden billiger hergestellt als Spielfilme, und dennoch gehört die Finanzierung zum aufwendigsten und unangenehmsten Teil ihrer Realisierung. Die Doku-Regisseure stehen nicht im Scheinwerferlicht, sondern im Schatten ihrer Filme. Die in Frankfurt am Main lebende Regisseurin Hanna Laura Klar aber, die mit ihrer Arbeit außergewöhnlichen Biographien nachspürt, bringt die Umstände der Interviewsituationen teilweise mit auf die Leinwand und wird so mehr und mehr selbst Teil ihrer Life History Filme. Der Filmhaus-Redakteur Martin Loew stellt die Filmemacherin vor.

Porträt

Life History Filme

Ein Porträt der Filmemacherin Hanna Laura Klar

Von Martin Loew

Zu erwarten war es natürlich nicht, dass Beate Klarsfeld gegen Joachim Gauck die Bundespräsidentenwahl gewinnen würde. Aber wenigstens wurde sie durch ihre Nominierung wieder einer größeren Öffentlichkeit in Erinnerung gerufen, wobei sie zumeist zur „Frau mit der Ohrfeige“ reduziert wird. Deutlich facettenreicher aber ist das Bild, das Hanna Laura Klar von ihr zeichnet mit ihrem Film „Berlin – Paris. Die Geschichte der Beate Klarsfeld“, der im Herbst vorigen Jahres Premiere hatte.

Nur zu gut erinnert sich die Filmemacherin noch an die Entstehungsgeschichte des Projekts: „In Frankfurt fand eine Ausstellung zu den 68ern statt, die mich noch mal nachdrücklich auf Beate Klarsfeld aufmerksam gemacht hat. Und wenig später las ich ein sehr interessantes Interview mit ihr, so daß ich das Gefühl hatte, ich müßte sie treffen.” Klar schrieb ihr nach Paris und erwähnte in der Mail auch, dass sie unter anderem einen Film über die Geschwister Scholl gemacht hat, die zu Beate Klarsfelds großen Vorbildern zählen. Das habe wohl den Ausschlag gegeben. Schon bald kam es zum Treffen in Paris. Der Grundstein für den Film war gelegt.

Das Interesse an außergewöhnlichen Lebenswegen, an Menschen, die einzigartig oder beinahe schon Außenseiter sind, zieht sich wie ein roter Faden durch Hanna Laura Klars Filmografie. Was sicherlich auch an der speziellen Nische liegt, die die Regisseurin für sich entdeckt hat: die „Life History Filme“. Immer wieder holt sie bemerkenswerte Persönlichkeiten vor die Kamera wie Beate Klarsfeld oder den Theatermann Einar Schleef oder die Schriftstellerin Elfriede Jelinek oder schließlich auch Elisabeth Hartnagel, die Schwester von Sophie Scholl. Dabei sind es jedoch nicht allein die faszinierenden Biographien, die ihre Filme so eindrucksvoll machen, sondern insbesondere ihre ruhige, sehr einfühlsame Art der Annäherung an den jeweiligen Stoff.

Dieser spezielle Blick ist sicher auch das Resultat der umfassenden Ausbildung Hanna Laura Klars. Zunächst besuchte sie die Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo damals unter anderem auch Edgar Reitz und Alexander Kluge unterrichteten. Nach ihrem Abschluss an der HfG wandte sie sich in Frankfurt noch dem Studium der Soziologie zu.

Noch zu Ulmer HfG-Zeiten entstand der kämpferische Frauenfilm „Das schwache Geschlecht muß stärker werden“. Alexander Kluge unterstützte seine junge Studentin, die mit ihrem Exposé die Redaktion im WDR überzeugte und mit fünf Kolleginnen, Helke Sander, Ula Stöckl, Claudia von Alemann, Erika Runge und Susanne Beyeler, den Film realisieren konnte. Es folgen Arbeiten für das Fernsehen, vor allem Dokumentationen. Aber auch TV-Movies wie „Marianne findet ihr Glück“ über zwei Frauen, die aus der DDR geflüchtet sind, und Kinderfilme wie „Was eß ich, wenn ich satt bin“ über ein übergewichtiges Mädchen und „Der Schrei des Shi Kai“, dessen Protagonist vom Vater misshandelt wird – Außenseiter, wie Hanna Laura Klar sie immer wieder ins Zentrum rückt.

Dass ein Dokumentarfilm über eine besondere Person keinesfalls nur „talking heads“ beinhalten muss, setzt sie zum ersten Mal bei „Alcopley – Maler und Wissenschaftler“ um, einer Dokumentation die das ZDF in der Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“ in Auftrag gegeben hatte. Stattdessen folgt sie Alcopley durch dessen Alltag und verwebt diese Beobachtungen mit Statements und Interviewpassagen.

Das nächste Projekt galt dem Schriftsteller Richard Plant. Vier Jahre benötigte die Frankfurter Filmemacherin, um die Finanzierung auf die Beine zu stellen; als 1998 endlich gedreht werden konnte, ist Plant so krank, dass er nicht mehr vor die Kamera konnte. Alexander Karp, der in Frankfurt am Sigmund-Freud-Institut promovierte, spielt daraufhin für den Film die Szenen von Plants Leben nach.

Es folgt der Zweiteiler „Faust als Emigrant“ ein einfühlsames Porträt des Theaterregisseurs Einar Schleef. Die Nähe, die sich zwischen Regisseurin und Protagonist während der Dreharbeiten entwickelt, erlaubt nicht nur sehr intensive Einblicke in Schleefs Leben und seine Reflexionen zu Kultur und Alltag. Er ermutigt Klar auch, mit vor die Kamera zu kommen. Die Interviewerin soll nicht vor den Zuschauern verborgen bleiben.

Nach dem Tod Schleefs führt Klar Gespräche mit dessen Tochter, deren Mutter und Elfriede Jelinek. Aus diesem Material entsteht nicht nur der Film „3 Frauen um Schleef“, die Wiener Autorin nimmt Klar auch mit zu ihrer Freundin, der Lyrikerin Elfriede Gerstl. Die langjährige Freundschaft zwischen den zwei unterschiedlichen Frauen Jelinek und Gerstl fasziniert Klar so sehr, dass sie sie im Film „Elfriede und Elfriede“ festhält. „Die Dreharbeiten“, so Klar, „zogen sich über ein Jahr hin. Immer wieder besuchte ich die beiden in Wien und schließlich wurden die Gespräch so vertrauensvoll, als sei die Kamera gar nicht vorhanden gewesen.“

Still aus „Elfriede und Elfriede“
Still aus „Elfriede und Elfriede“

Gerade „Elfriede und Elfriede“ belegt das große Einfühlungsvermögen und die Geduld, mit der Hanna Laura Klar sich ihren Protagonisten nähert. Denn die eigentlich sehr öffentlichkeitsscheue Nobelpreisträgerin, die sich gern hinter exaltierten Outfits versteckt, war vorher kaum vor eine Kamera zu kriegen und schon gar nicht in ihrer Wohnung.

Auslöser für den Film „Sofies Schwester“ war ein anderer Film. „Ich hatte ,Die letzten Tage' im Kino gesehen und war so beeindruckt“, erzählt Klar, „dass mich das Thema nicht mehr losließ. Bei Recherchen stieß ich schließlich auf Elisabeth Hartnagel, die letzte noch lebende der fünf Geschwister Scholl“. Und auch in „Sofies Schwester“ zeigt sich wieder die große Stärke Klars, ihren Protagonisten Raum für Erinnerungen und Erzählungen zu geben und damit den familiären Hintergrund deutlich werden zu lassen, der das Handeln von Hans und Sofie Scholl geprägt hat.

Psychoanalytikerin Alice Ricciardi-von Platen aus „Die Protokollantin“
Psychoanalytikerin Alice Ricciardi-von Platen aus „Die Protokollantin“

Ihre nächste Arbeit beschäftigt sich mit einem Aspekt des Holocaust. In „Die Protokollantin“ porträtiert Klar die Ärztin und Psychoanalytikerin Alice Ricciardi-von Platen, die 1946 von Alexander Mitscherlich in die Beobachterkommission zum Euthanasie-Prozess in Nürnberg berufen wurde. Als letzte noch lebende Zeitzeugin des Prozesses berichtet Ricciardi-von Platen von den Greueln der Menschenversuche und der Ermordung geistig Behinderter. Klar gelingt es, den Schrecken der Worte mit den Bildern der Wahlheimat ihrer Protagonistin – der Toskana – zu einem beeindruckenden Tableau zu verweben.

Ein ums andere Mal wird sichtbar, dass es die spezielle Herangehensweise an das Sujet ist, der geschulte Umgang mit Menschen und das Einfühlungsvermögen, die die Life-History-Filme von Hanna Laura Klar auszeichnen. Fern ab von Effekthascherei und schnellen Erklärungen nehmen die Filme sich die Zeit, die es braucht, um die Lebenswege außergewöhnlicher Menschen nachzuzeichnen. Gleichzeitig gewinnen die Filme mit der Zeit eine Reife, die ein Wiedersehen immer wieder zu einem neuen, besonderen Erlebnis macht.

Und Gelegenheit dazu gab es erst kürzlich wieder. Als in der Reihe „Frankfurt liest ein Buch” die Autorin Silvia Tennenbaum und ihr Frankfurt-Roman „Straßen von gestern“ ausführlich vorgestellt wurden, kam im Begleitprogramm auch Hanna Laura Klars Film „Die Frau des Rabbiners” mehrfach zur Wiederaufführung – das filmische Porträt eben der Frankfurter Schriftstellerin Silvia Tennenbaum, das Hanna Laura Klar 2002 gedreht hat.

Mit freundlicher Genehmigung von GRIP – Zeitschrift des Filmhaus Frankfurt

Martin Loew

erstellt am 03.6.2012

Hanna Laura Klar
Hanna Laura Klar

Hanna Laura Klar, geb. 1946, Studium Information und Film an der Hochschule für Gestaltung Ulm (Dipl. HfG), Studium der Philosophie in Heidelberg. Studium der Soziologie in Frankfurt (Dipl. Soz.). Assistentin bei Alexander Kluge. 1994/95 Gastprofessur für Drehbuch an der Filmakademie Ludwigsburg. Redakteurin bei Tages- und Hochschulzeitungen, freie Tätigkeit als Autorin und Regisseurin bei Rundfunk und Fernsehen. Seit 1980 Dozentin für Video an der Fachhochschule Frankfurt.

Aktuelle Filmvorführungen:

Elfriede & Elfriede am 16. Juni um 19.00uhr im Admiralkino in Wien

Berlin-Paris, die Geschichte der Beate Klarsfeld, am 19.Juni , 19.00 Uhr im Admiralkino in Wien

Filmplakat: Berlin-Paris, die Geschichte der Beate Klarsfeld
Filmplakat: Berlin-Paris, die Geschichte der Beate Klarsfeld

Filmografie (Auswahl)

Berlin-Paris, die Geschichte der Beate Klarsfeld
Dokumentarfilm 2010

Die Protokollantin
Dokumentarfilm 2008

Filmplakat: Sofis Schwester
Filmplakat: Sofis Schwester

Sofie's Schwester
Dokumentarfilm 2006

Elfriede & Elfriede
Dokumentarfilm 2003

3 Frauen um Schleef
Dokumentarfilm 2002

Die Frau des Rabbiners
Dokumentarfilm 2002

Faust als Emigrant – Einar Schleef in New York
Dokumentarfilm 1999

Faust als Emigrant
Dokumentarfilm 1998

Ich habe zwei Gesichter – Der New Yorker Schriftsteller R. Plant
Dokumentarfilm 1998

Bodybuilder und Pianist – Tzimon Barto
Dokumentarfilm 1997

ALCOPLEY, Maler und Wissenschaftler
Dokumentarfilm 1996

Diesseits des Schreibtischs
Dokumentarfilm 1993

50 × 60 – Toto Firma
Dokumentarfilm 1990

Bye, bye Amerika
Fernsehspiel 1989

As time goes by – Das schwache Geschlecht muss stärker werden, Teil 2
Dokumentarfilm 1988

Das neue Opium für die Frau: Der Islam
Dokumentarfilm 1987

Eine Frau für alle Fälle
Dokumentarfilm 1985

Wir Kinder vom Kreuzberger Märchenzirkus
Dokumentarfilm 1982

Der Schrei des Shi Kai
Kinderfilm 1981 /

Stadtliebe
Fernsehspiel 1981

Was eß ich, wenn ich satt bin
Kinderfilm 1980

Martha und Laura auf See
Fernsehspiel 1977

Marianne findet ihr Glück
Fernsehspiel 1974

Das schwache Geschlecht muß stärker werden
Dokumentarfilm 1970