Beat-Literatur

Jack, oh, Jack

Kleiner Gottesdienst

Von Guido Rohm

Das war noch was, das Jungsein, dieses sich im Bett strecken und recken, fiebernd, weil man ein neues Buch in den Händen hielt. Gebetbücher, so viele, Burroughs, ja, Kerouac erst recht, den ich anhimmelte, weil da so viel war, Leben, Straßen, Züge, Hoffnungen, Freunde, Besäufnisse, als ob es nicht immer darum gehen würde, um eine Vereinigung von All und Alltag, bei all den Autoren, die ich später noch so sehr lieben sollte.

Das Leben sollte aus den Texten spritzen, wie Blut, wie Saft, den man trank, weil man nicht genug davon bekam, ein Wein, ein heiliger Messwein, der einen beschwipst ins Kissen sinken ließ.
Jack Kerouac und seine Träume, notiert im, wie hätte es auch anders heißen sollen, Traumtagebuch, mit all seinen Rosen und Prärien und Bahnstrecken, die nicht endeten, weil sie ein unbekanntes – noch zu entdeckendes – Amerika suchten.

Und da liegt man dann, hier in Hessen, versteckt zwischen Wohnungsdecke und Bettdecke, den Kopf gehoben, weil man lauscht, auf etwas nur, einen Laut aus dem Schlund eines Wolfs, der sich verlaufen haben könnte.

So musste Literatur sein, das wusste man sofort, ich wusste es, weil ich das Atmen und Keuchen in den Zeilen spürte, weil ich es hören konnte. Leben soll sie doch, die Literatur, soll ein Fest feiern, soll sich selbst widersprechen, soll sich verlieren, finden, verdammen, entwürdigen, soll mich beseelen.
Und dann Bukowski, Miller, mit seinen grandiosen Tauchgängen in die Schöße schöner Frauen, eine Reise ans Ende der Nacht, auch dieses Buch, weil die Sätze wie Kugeln waren, die sich in meinen Kopf verirrten und mich sterben und heulen und leben ließen.
Leben, als ob es nicht darum ginge, um den Menschen, der sich verirrt und der sucht, der sich auf einem Altar selbst opfert, der das Messer hebt und schreit: Nun schneide ich mir das Herz aus dem Leib.

Und wieder sinkt mein Kopf auf das Kissen der Jugend, auf diesen fernen Altar, auf dem ich die Zeit opferte, all diesen fernen Göttern, die sich Kerouac nannten, Burroughs, die sich in Paris verirrten, in Tanger.

Es war doch stets nur ein Sprung, schon stand ich im Beat-Hotel und schoss und feierte und feuerte mit Bill, ich hob meine imaginäre Waffe, so wie Jahre zuvor als Kind, da ich durch die heimischen Wälder geritten war, auf einem unsichtbaren Pferd Richtung Westen, weil ich ihn stets suchte, den unbekannten Wilden Westen in mir.
Ich liebe Amerika, kein fassbares, kein wahres Amerika, sondern das Amerika meiner Kindheit, das ich zu Fuß durchstreifte, von Norden nach Süden, saß überall, auch in Big Sur, mit Jack und Henry, und bekam das große Schlottern, als ich erfuhr, dass Jack vor einem Fernseher sterben wird. Beat. Geschlagen. Eine geschlagene Generation. Beat. Rhythmus. Das Gefühl, einen Text nicht nur lesen, sondern auch leben zu können.

Und Jack, der mich sah, und meine Ängste spürte, sagte nichts, er packte seine Schreibmaschine auf einen Fels und schrieb die Nacht über von den Sternen, vom Universum, vom Brennen in seinem Körper, von diesem fleischgewordenen Traum, den er hingab für mich, für dich, für all die Generationen, die noch kommen werden, die sich in weiteren Feuern verzehren werden, wie Salamander, denen nichts übrig bleibt, weil sie sich und dem Licht folgen.

Und wieder und wieder greife ich nach der Straße, nach dem Staub darauf, nach der Fahrbahnmitte, und zerre sie in mein Bett hinein, wo ich liege, jetzt und alle Zeit, bis in Ewigkeit, Amen.

erstellt am 03.6.2012

Jack Kerouac
Jack Kerouac
William S Burroughs
William S Burroughs
Henry Miller
Henry Miller