Cinema Jenin
Filmkritik

Traum und Wirklichkeit

Der Dokumentarfilm „Cinema Jenin“ erzählt die Geschichte eines Kulturprojekts. Auch die Geschichte eines Scheiterns?

Von Katja Maurer

Der Vater eines im Krieg ermordeten Kindes spendet die Organe den Kindern der Gegner. Diese Geste des Friedens und Versöhnungswillen eines Vaters, der sein Kind durch Gewalt verlor inmitten des israelisch-palästinensischen Konflikts, hat der deutsche Dokumentarfilmer Marcus Vetter in „Das Herz von Jenin“ erzählt und aufbewahrt. Es ist eine der anrührendsten und empörendsten Geschichten aus dem nahöstlichen Konflikt. Denn viele der israelischen Eltern, deren Kinder die Organe des toten Jungen erhielten, haben ihr Herz durch diese Geste keineswegs geöffnet und verharrten im Freund-Feind-Denken. Der Vater Ismail Khatib blieb allein. Aber was sagt uns diese Geschichte, wenn man über die große Geste von Khatib hinaus sieht? Vielleicht auch, dass so der Frieden ein Traum ist, aber nicht Wirklichkeit wird?

Filmemacher Marcus Vetter beharrt auf dem Traum und setzt seine dokumentarische Arbeit in Jenin fort. Angerührt von der Geste des palästinensischen Vaters und vielleicht empört über die schwache empathische Resonanz auf israelischer Seite sah sich Vetter in der Pflicht den Palästinensern etwas zu zurückzugeben. Er begann das Projekt Cinema Jenin, den Wiederaufbau eines Kinos, das im Zuge der 1. Intifada geschlossen wurde.

Der „Cinema Jenin – die Geschichte eines Traums“ dokumentiert den Wiederaufbau des Kinos. Er ist eine regelrechte Dokusoap. Kameras sind dabei, wenn Vetter mit dem palästinensischen Ministerpräsidenten Salam Fayyad um die Herausgabe von Geld verhandelt, sich mit den Kinobesitzern, die nur auf ihren Vorteil Bedacht sind und kein Interesse an Kunst haben, verkracht, mit den Honoratioren von Jenin bei palästinensischer Mezze und Wasserpfeife sitzt, um sie für das Kino zu gewinnen und damit das Projekt zu sichern. Zwischendurch sitzen Vetter und der palästinensische Kinomanager Fakhri Hamad im Jeniner Wohnzimmer und prüfen die Belege, die – ein hübsches Detail – unter einem Aschenbecher gestapelt werden, dessen Deckel zum Herunterdrücken aus einem himmelblauen Plastikauto besteht. Das ist alles von großer Authentizität.

Da gibt es Leute, die an das Projekt glauben, und sie setzen dies mit ungeheurer Einsatzbereitschaft und Learning by Doing um. Das drückt sich auch im Zigarettenkonsum aus. Hier wird geraucht, was die Lunge nicht mehr aushält. Physische Folgewirkungen eines Projekts, das ungleich schwieriger zu realisieren ist, als es sich Vetter und seine palästinensischen Kollegen gedacht hatten. Das zeigt sich insbesondere während der israelischen Angriffe auf Gaza um die Jahreswende 2008/2009. Wieder ist die Kamera dabei, zeigt die entsetzten Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner in Jenin auf die Bilder der Toten aus dem Gaza-Streifen. Ismail Khatib spricht seine ganze Verzweiflung in die Kamera. Er könne das Kino-Projekt nicht mehr unterstützen, weil solche Projekte angesichts der israelischen Gewalt keinen Sinn mehr machten. Das ist eine Schlüsselszene.

Tatkraft der Volontäre

Danach verändert sich die Erzählweise über das Projekt und vielleicht auch das Projekt selbst. Denn nun treten internationale Volontäre auf den Plan, die mit Tatkraft den Wiederaufbau des Kinos durchziehen. Nun wird erst mal ein Guest-House errichtet, um die jungen Europäerinnen und Europäer mitsamt ihren Laptops und ihrem guten Willen und ihrem Spaß beim gemeinsamen Kochen aufzunehmen. Bis auf den alten palästinensischen Filmvorführer und den Projektmanager sind sie, die Jungen aus der Fremde, nun die Akteure des Projekts. Sympathisch, zupackend, um nicht zu sagen: zuverlässig. Ohne ihre Hilfe wäre das Projekt nicht realisiert worden. Im Abspann wird ihnen deswegen gedankt.

Das ist alles spannend zu sehen, aber auch schmerzhaft. Denn unversehens sind es die Fremden, die statt der Palästinenser handeln. Der Wille und der Druck, die eingenommenen öffentlichen und privaten Gelder zu verausgaben, zwingt dazu, dieses Projekt zu Ende führen zu müssen. Dabei geht es über alle Fragen hinweg, die im Film gestellt, aber unbeantwortet bleiben. Der ermordete jüdisch-palästinensische Schauspieler und Theatermacher Juliano Mer Khamis hat dafür einige Auftritte im Film. Er fordert von Vetter, dass er sich politisch positionieren müsse, und zwar gegen den „Terror Israels“. Soziale Projekte könnten, so Mer Khamis, unter diesen Bedingungen nicht durchgeführt werden, ohne zur „Normalisierungspolitik“ beizutragen. Normalisierung versucht in den Augen vieler Palästinenser, in Jenin durch ökonomische und soziale Projekte die Frage nach der palästinensische Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit von der politischen Agenda zu nehmen. Das ist ein Entmächtigungsprogramm gegen die Palästinenser. Ein bisschen Frieden reicht nicht, sagt Juliano. Der Film gibt keine Antwort darauf.

Teil der Normalisierung?

Zweifellos will sich das Projekt Cinema Jenin nicht an der Normalisierung beteiligen. Aber tut es das nicht trotzdem? Wer den Film sieht, lernt etwas über die Schwierigkeiten, ein Projekt durchzuführen, aber begreift wenig über die Situation der Menschen, über den Kontext der Verhältnisse, über die schleichende Veränderung in der palästinensischen Gesellschaft. Es bleibt alles im Nebel des guten Willens verborgen. Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass die Bundesregierung mit ihren Brunnen- und Schulprojekten in Afghanistan oder die Baubrigaden der Nicaragua-Solidaritätsbewegung ähnlich vorgegangen sind wie dieses deutsch-palästinensische Unternehmen: Mit einer klaren Vorstellung, was gut für die einheimische Bevölkerung sein könnte. Und an diese Vorstellung hat sich die konkrete Wirklichkeit anzupassen. Das klappt dann nicht immer. Die alten Besitzer wollen das hübsche neue Kino wiederhaben, um dort mit Vermietung für Hochzeitsgesellschaften Gewinne zu machen. Was bliebe dann von dem sozialen Unternehmen und dem aufklärerischen Anspruch, den das Projekt ursprünglich hatte?

Das entscheidende Problem schneidet Juliano Mer Khamis an. Er schlägt dem deutschen Filmemacher vor, eine Filmschule zu gründen. Julianos Auftritt ist kurz. Der Filmemacher blickt mit der Kamera dem davonziehenden Juliano hinterher und sagt: „Er hat uns ratlos gelassen.“ Julianos Idee verrät die Unterschiede im Konzept. Das von ihm gegründete Freedom Theatre in Jenin ist ein Ort, an dem junge Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt durch Theater-Arbeit lernen sich mitzuteilen, sich Wirklichkeit anzueignen und zu reflektieren und in eine Sprache der Kunst zu übersetzen. Es ist eine Arbeit, die der Befreiung des Individuums genauso wie der Befreiung der Palästinenser gewidmet ist. Eine Befreiung, die nur sie selbst bewerkstelligen können. Cinema Jenin muss sich daran messen lassen, ob es zu dieser Befreiung einen Beitrag leistet. Zur Emanzipation der Palästinenser ist eine belehrende Haltung wenig hilfreich, selbst wenn sie in Filmrollen des Autorenkinos gewickelt ist.

erstellt am 01.6.2012

Donnerstag 16. bis Mittwoch 22. August jeweils 18.00 Uhr / So. 19.08. bereits 17.30 Uhr im Mal Seh'n Kino, Adlerflychtstr. 6, Frankfurt

CINEMA JENIN (OmU)
Dokumentarfilm von Marcus Vetter, Israel / D 2012, 106 Min., DCP
So. 19.08. Anschließendes Gespräch mit Fakhri Hamad, Projektleiter Cinema Jenin.

Siehe auch:
FAUST-KULTURTIPPS