Pontikaki kai gataki

Von Jannis Plastargias

Ich verschlief Erdbeben. Am Morgen wachte ich auf und alles stand an einem anderen Platz. Bestürzt schaute ich in die verstörten Gesichter meiner Familie, samt Oma und Opa, die ich in diesem Moment nicht vor mir erwartete, und fragte, was denn hier für ein Aufruhr stattfinde. Mein Vater, der selten seine Nerven verlor – im Gegensatz zu meiner Mutter – zog seine Augenbrauen hoch, wie er das immer tat, wenn er mich aufziehen wollte, und sagte in seinem vermeintlichen Insolaner-Singsang: „Du glaubst, dass jetzt ein Aufruhr herrscht? Dann weißt du nicht, was deine Mutter für einen Aufriss in der Nacht gemacht hat, als sie sich schon im Himmel wähnte, und mich dafür verfluchte, dass ich aus diesem Höhlenloch komme.“ Irritiert fragte ich nach: „Höhle oder Hölle?“ Er erwiderte: „Höhle natürlich. Sie glaubt wie die alten Griechen, dass Erdbeben aus Höhlen ausbrächen.“ Er schüttelte sich dabei, wie ein großer dicker lachender Bär und meine wütende Bären-Mutter schnaubte verächtlich: „Ach ja, ICH glaube. Ich bin Christin und glaube nicht an so einen Kokolores wie deine Leute. DIE denken doch, dass sie das auf Poseidon zurückführen können.“ Mein Vater, der sich von solchen Kommentaren nicht beeindrucken ließ, lachte nur noch beherzter. Es war ein alter Streit zwischen ihnen, vielleicht etwas, das üblich war zwischen Insolaner- und Festland-Griechen, ich wusste es damals nicht und bis heute ist dies so geblieben. Während man den Insolanern aus der Ägäis ein frohes Gemüt nachsagte, dichtete man den Menschen aus Epirus immer eine Schwermut an. Dies konnte ich nicht beurteilen, die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in Deutschland, und bereits da fiel es mir schwer, den badischen Dialekt zu verstehen, aber noch mehr die ganzen Vorurteile und Klischees über Badener, Schwaben und Pfälzer nachzuvollziehen oder gar auseinanderzuhalten. Ich verschlief Erdbeben und alles, was mit dem Bewerten anderer Menschen zu tun hatte. Es ging mir auf die Nerven, wenn jemand mich fragte, bist du Deutscher oder bist du Grieche. Es ging mir auf die Nerven, wenn jemand wissen wollte, wie es denn sei, in zwei Kulturen zu leben, während ich mich irritiert fragte, welche beiden Kulturen gemeint sein könnten. Mir reichte es schon an Aufgabe, meine Eltern davor zu bewahren, sich tatsächlich an die Gurgel zu gehen, wie sie es verbal ständig taten, wie zwei Hähne, die ihr Revier markieren wollen, wie zwei Bullentiere, die ihre Hörner aneinander stoßen, oder wie Katz und Maus, wenn es gut lief.

Ich verschlief die Kirchgänge im Dorf, etwas, das mich noch heute in meiner Meinung bestärkt, dass all die sonstigen Bemühungen meiner Mutter, aus mir einen guten Christen zu machen, zum Scheitern verurteilt waren, weil mein Fleisch noch mehr als mein Geist gegen solch eine religiöse Vergeistigung wetteiferte; sie bekam mich einfach nicht wach. Ich saß am stark lädierten Holztisch meiner Oma, die schon in meiner Kindheit halbblind war, ließ mir „Berg-Tee“ machen, der den botanischen Namen Sideritis Tesan Flomis Cladestina trägt, wie ich allerdings erst sehr viel später – in meinem Erwachsenenleben – in Erfahrung brachte, und der nah verwandt mit dem Salbei ist. Dazu gab es schwarze Oliven und Weißbrot. Eine merkwürdige Mischung vielleicht, aber ich kam mir dabei immer so weise vor, vielleicht weil mein Opa seit fünfzig Jahren auf diese Frühstücksmischung schwor. Etwas, übrigens, was meine Oma nicht so gut fand, denn sie wollte, dass ich in den wenigen Tagen, in denen ich da war, ihren selbst gemachten Käse und Joghurt essen sollte, doch wie in vielen Dingen konnte sie sich nicht gegen die stoische Ruhe meines Opas durchsetzen. Berühmt wurde in unserer Familie ihr Disput, wie viele Stunden der Joghurt in warme Decken eingewickelt werden müsste, den meine Eltern regelmäßig in Deutschland nachspielten, wenn sie auf die irrsinnige Idee kamen, Joghurt selbst herzustellen. Oma und Opa hatten ihr ganzes Leben in diesem Ort gelebt und nie etwas anderes gesehen. In ihrer Welt gab es das Wort Scheidung nicht, selbst als ihre Kinder ihnen von ihren ersten Trennungen erzählten, wollten sie das nicht wahrhaben, ignorierten dies, vor allem mein Opa, der kein Problem damit zu haben schien, dass meine Tante, die vorher einen dunkelblonden grünäugigen Mann gehabt hatte, nach ihrer Scheidung einen braunhaarigen Braunaugen-Typen mit nach Hause brachte, den er ebenso Nikos wie den Mann davor nannte, es war ihm einerlei, Wasilikis Mann war eben der Nikos. Ich beobachtete meine Oma jeden Morgen bei ihren Handgriffen, die so langsam wie in Zeitlupe von sich gingen, was mich total faszinierte, weil ich immer dachte, ich schliefe dabei ein, wenn ich sie selbst in diesem Tempo durchführte, die aber vor allem jeden Tag die gleichen zu sein schienen. Ich war ein Kind, ich versuchte jeden Tag alles anders zu machen, eine andere Hand zu nehmen, den Finger anders zu halten, die Geschwindigkeit zu ändern, irgendetwas. Ihre Falten faszinierten mich, diese Falten, die davon zeugten, dass sie sich vermutlich ein ums andere Mal in den Schlaf geweint, vielleicht auch in der Küche eingeschlossen hatte, damit es keiner sieht. Geweint, weil ihr Mann, mein Opa, sie einmal mehr angefahren hat, geweint, weil ihr ältester Sohn nach Deutschland geflüchtet ist, geflüchtet vor diesen ärmlichen und unglückseligen Verhältnissen.

Ich verschlief den qualvollen Tod meiner Oma. Jahrelang hatte ich mich geweigert, nach Griechenland mitzugehen, nun in meinen Teenie-Jahren sei ich ja wohl alt genug, zuhause in Deutschland zu bleiben, um mit meinen Freunden alleine zu reisen. Man beschrieb mir diesen langsamen Tod kaum verständlich, ich ging davon aus, dass meine Oma niemals schlief oder immer schlief, denn das Bild, das mir vermittelt wurde, war Folgendes: Sie sitzt in einem Schaukelstuhl, vor sich hinstarrend, nimmt nichts wahr, starrt an die Decke vielleicht, an die Wand vielleicht, nimmt aber ihre Kinder und Enkel nicht mehr wahr, regt sich nicht, zuckt nicht einmal mit ihren Augenlidern, starrt nur, während mein Opa sich ganz bösartig weder um sie kümmert noch ein Herz für sie hat. Er höhnte: „Die war doch in ihrem ganzen Leben so, keinen Muckser gab sie von sich, nie hat sie sich gegen mich durchgesetzt, nie!“ Meine Mutter war dann immer nahe dran, ihm nicht nur eine Ohrfeige zu geben, sagte sie, sondern eine für jedes verdammte Jahr, welches meine Oma mit diesem A… verbringen musste. So erzählte sie mir davon, und nur mein Vater habe sie regelmäßig daran gehindert, nicht etwa der Respekt vor dem Alter, auf den sie in so einem Fall pfeife, aber nicht so dein Vater, lästerte sie, da ist er plötzlich Christ und proklamiert irgendwelche Bibel-Psalmen, die das Alter ehren. Ich hörte gar nicht richtig zu, vielmehr war ich damals mit mir beschäftigt, mit meinem Ziel, mich von der Familie, von der Geschichte abzunabeln, von diesen Mythen, die mein ganzes Leben nicht nur zu füllen, sondern zu überfüllen drohten. Eine Zeit lang hatte ich diese ganzen Anekdoten, Welt-Erklärungen, Entschuldigungen und Sehnsüchte einfach satt. Diese Sätze, die mit „Dein Opa musste noch…“ oder „Dein Vater kam her, um den Entbehrungen zu…“ begannen, ich konnte, ich wollte sie nicht mehr hören, sie gingen mich nichts mehr an. Auch die Erläuterungen meiner Mutter in ihren schlechten Momenten, als sie schon zu viel getrunken hatte, dass sie nur wegen mir und meiner Geschwister noch mit meinem Vater zusammen sei, sonst hätte sie… Das interessierte mich nicht, alles nicht. „Trenn dich doch von ihm!“ schrie ich ihr entgegen. „Mach doch, was du willst!“ Und sie brüllte mich an: „Ja, genauso wie du, dein ganzes Leben lang schon, nie hat dich etwas außerhalb deiner Person interessiert!“ Vermutlich hatte sie Recht damit, doch mir war das gleich.

Ich verschlief meine erste Beziehung mit einer Frau. Bevor ich es realisiert hatte, dass das etwas Festes sein soll, führte sie schon das Beziehungsende-Gespräch, wie sie es nannte, mit mir. Viel zu sehr von den Beziehungen verstört, die mir vorgelebt wurden, hatte ich nicht gemerkt, dass wir eine führten, zu wenig Streit gab es da, zu wenig Kabbelei, zu viel Harmonie, zu viel Geknutsche, zu viel Lächeln, Lachen, sich Freuen. Als wir uns kennenlernten, mehr durch Zufall, wir waren beide auf eine Party eingeladen und liefen uns über den Weg, als wir das Haus suchten, das, wie wir nicht wussten, im Hinterhof zu finden war. Sie, die blonde blauäugige Hamburgerin, mit ihrem aristokratischen Akzent, ich, der mit seinem dunklen Teint im Sommer, mit seinen dunklen Augen und Haaren, mit seiner leicht schnodderigen Art zu reden, wir, die am Ende der Party auf einer Couch lagen und knutschten, stundenlang. Tagelang überlegte ich nach unserer Trennung, ob meine Eltern oder Großeltern solche Momente wohl erlebt hatten. Und ich begann mich nach ihr, der hellen Schönheit Nike, mit ihrem griechischen Namen, zu sehnen, so wie sich meine Eltern nach ihrer vermeintlichen Heimat, ihren Geburtstorten gesehnt hatten, jahrelang, jahrzehntelang, bis sie mir hoffnungslos verkündeten, dass sie nun in Deutschland begraben werden, von ihren Enkelkindern, meinen Nichten und Neffen, diesen Deutschen, so wie wir alle Deutsch geworden sind. Nike und ich trafen uns wochenlang im Park und picknickten, in alternativen Tee-Läden, in denen wir „Bergtee“ aus der Türkei tranken, den sie besonders mochte und was mich besonders schmunzeln machte, auf Partys von Freunden, die alle „so cool“ und „so anders“ waren, und außer Küssen und Schmusen lief nichts, wochenlang, wahrscheinlich war dies der Grund, wieso ich mich nicht gebunden fühlte, anders als sie. Doch ich fragte mich, ob sie nicht das Bedürfnis hatte weiterzugehen, wenn ich sie am Hals zärtlich küsste, dann mit meinem Mund weiter Richtung Ausschnitt hauchte und meine Zunge zum Liebkosen einsetzte. Umgekehrt konnte ich kaum an mich halten, wenn sie das bei mir tat, ständig war ich kurz davor, mich zu vergessen und ihr ihre Kleider vom Leib zu reißen, selbst wenn Leute um uns herum saßen. Doch sie wehrte das alles ab. Ich wollte sie Kätzchen nennen, so wie mein Vater gataki zu meiner Mutter sagte in guten Momenten, doch sie ohrfeigte mich für diesen Wunsch, leicht zwar, und auch nur einmalig, aber unmissverständlich. „Sicherlich möchtest du nicht Mäuschen genannt werden von mir, mein Freund!“ erwiderte sie, und ich dachte, wenn es gut läuft, wird mein Vater pontikaki von meiner Mutter genannt. Am liebsten beobachtete ich Nike, wenn sie mit anderen sprach, wie sie ihre Augen leicht zukniff, wenn sie konzentriert zuhörte, wie sie verständnisvoll nickte, wenn das Gegenüber ein Feedback erwartete, immer mit einem leichten Augenzucken, das man fast als Tick bezeichnen könnte, aber nur fast. Ich mochte auch, wie sie beim Rat geben nervös an ihrem Ausschnitt nestelte, immer mit der Angst, vielleicht etwas Falsches zu sagen, das dann zu einer falschen Handlung führen könnte, sie, die immer Stellung bezog. Níki sprach ich ihren Namen aus, griechisch, ich, der das Griechische gerade ganz aus sich tilgen wollte, der, der nicht wusste, was „das Griechische“ denn überhaupt sein sollte. Nike, meine Nike, die schon nicht mehr meine war, als ich sie die MEINE nennen wollte. Nike, die Siegesgöttin, die von Eltern aufgezogen worden war, die so ganz anders als meine Erzeuger waren, gebildet, mit Studium, akademischen Titel und einem guten, angesehenen Job. Wir blieben Freunde… so sagt man doch ganz klischeehaft nach so einem Versuch einer festen Beziehung, die nicht so recht klappen mag, doch ich versuchte es immer wieder bei ihr, ließ nicht locker.

Ich verschlief meinen eigenen Tod. Ich hörte diesen verdammten Wecker am Morgen nicht, müßig darüber zu urteilen, ob es Schicksal war, wie es Nike behauptet, oder purer Zufall. Zu spät aufgestanden, konnte ich es bei aller Eile nicht rechtzeitig an den Check-Inn schaffen, ich sah das Flugzeug gerade noch abheben, mit Tränen in den Augen, weil mich diese Reise ans Atlasgebirge in Marokko so viel Geld gekostet hatte. Dort wollte ich den Ort finden, an dem sich Nacht und Tag einander begegnen, wo Atlas das Himmelsgewölbe tragen und vor allem der Gott des Schlafes, Hypnos, nach Hesiod wohnen sollte. Hypnos war dank Nike mein Forschungsgegenstand in meiner Magisterarbeit in Gräzistik. Meine Eltern hatten vor Stolz tagelang nicht schlafen können, hatten alle Verwandten angerufen, damals, als ich ihnen meinen Studienwunsch mitteilte. Sie konnten kaum wissen, dass ich in der Nähe von Nike sein wollte, um sie weiter zu becircen, so lange bis sie eingesehen hatte, dass ich reifer geworden sei, dass ich sie bis an mein Lebensende lieben wolle, im Schlaf – aber vor allem in der wachen Zeit. Ihre Eltern hatten nicht ebensolche Luftsprünge gemacht, doch sie sagte ihnen, wer seiner Tochter einen solchen Namen gebe, dürfe sich über solcherlei Konsequenzen nicht wundern. Dieses Interesse für ihren eigenen Namen hatte ihr Lust auf mehr Mythengeschichten gemacht, so viel Lust, dass dies nun ihr Hauptinhalt im Studium werden solle. Und deine Zukunft? riefen ihre Eltern, was möchtest du damit später anfangen? Doch Nike zuckte nur die Schultern und siegte, wie immer, wie bei mir. Anfangs versuchte sie mir ihrerseits diesen Studienwunsch auszureden, ich hatte doch immer „dieses Griechische“ verleugnen wollen, brachte sie mir entgegen, wie könne ich nun… und warum, das wäre doch alles nur, weil… Wegen ihr, ja, wegen ihr, sie vermutete natürlich richtig, auch wenn ich ihr das niemals gesagt hätte. Doch ich erwiderte niemals etwas, ich zuckte ebenso mit den Schultern, ich war nicht fähig, ihre Maus zu sein, nicht in diesem sprichwörtlichen Sinne, nein, ich konnte ihr nicht Paroli bieten, ihr, die so klug, so gebildet, so belesen war, die mich mit ihren Worten wie ein Kindergartenkind dastehen lassen konnte. Als ich vom Flughafen zurückkehrte, legte ich mich erneut ins Bett, es war erst sieben Uhr morgens, viel zu früh, um den Tag tatsächlich zu beginnen. So lag ich in meinem Bett aus Ebenholz, wurde von meinem Radio mit den Zehn-Uhr-Nachrichten geweckt, noch ganz benommen hörte ich die Nachricht, dass das Flugzeug, das um halb sechs vom Frankfurter Flughafen in Richtung Marokko geflogen war, abgestürzt sei, alle Insassen und das Flugpersonal vermutlich tot, man habe noch keinen Anhaltspunkt, wie es zu diesem Flugzeugabsturz hatte kommen können. In der nächsten Minute rief mich Nike an, die mich zu diesem Forschungsgegenstand und zu dieser Reise gedrängt hatte, schließlich könne ich das ja wohl am besten von allem, schlafen, dann sollte ich mich auch damit beschäftigen. „Du hast verschlafen!“ schrie sie heraus. „Du hast verschlafen!“ Zufall, versuchte ich ihr entgegenzuhalten, doch die nächste halbe Stunde erzählte sie mir von ähnlichen Fällen, Koinzidenzen… Ich sagte ganz ruhig und langgedehnt: „Heiratest du mich?“

erstellt am 30.5.2012

Jannis Plastargias
Jannis Plastargias

Jannis Plastargias, am 6.7.1975 in Kehl geboren, freier Autor und Blogger, im Brotberuf Diplom-Pädagoge mit Schwerpunkt Interkulturelle Erziehung, hat sich viel mit Migrantenliteratur und Interkultureller Literaturdidaktik beschäftigt.
Jannis Plastargias