Das halbe Wort

Levend Seyhan

Herzblut. Wenn ich Levend Seyhan in einem Wort charakterisieren sollte, dann wäre das Herzblut. Alles, was er tut, tut er mit einem Engagement, das seinesgleichen sucht. Er lebt Literatur, atmet sie. Möchte sie aber auch anderen, benachteiligten Jugendlichen zum Beispiel, näher bringen: hier. Wie er schreibt? Exzessiv, sich selbst nicht schonend. Ob in seinem Blog , in seinen Prosa-Texten oder in seinem Roman-Projekt, in das ich einen Blick werfen durfte. Liebe, Krankheit, Tod – die großen Themen der Literatur, auch bei ihm allgegenwärtig, zum Beispiel in diesen Texten. Das Gedicht ist dabei sehr gegenständlich, realistisch, während der Prosa-Text ein wenig surreal wirkt und sehr dunkel. Jannis Plastargias

himmelweit

Ein Lächeln von samtener Schönheit
Wie Strahlengewitter – himmelweit
Auch wenn das Leben schweigt
Ihr Lächeln – ihr Lächeln treibt
All´ Sinnesglut in meine Venen
Als ob nimmer war das Sehnen
Nach der ihrer Blicke Gunst
Nach der ihrer Liebe Kunst

Ihr Lächeln – der Liebe Versprechen
Nach ihr das Herz wollt´ lechzen
Auf dem dürren Schmerzensgrunde
Vor der stillen Wahrheit Stunde
Ihr Lächeln – Botin der Schönheit
Beraubt mich der Leere meiner Zeit
Meiner Gedankenzauber Tor
Ihr Lächeln – ihr Lächeln nur

Die Zeit der Wünsche

„Lasse dich wiegen in der Melodie der Stille. Lausche dem Winde, der durch das seidene Tuch der Dunkelheit weht“, hört er unaufhörlich die Stimme, die ihm zuflüstert. Er dreht sich mehrmals um seine Achse, schaut nach rechts, nach links, aber er kann niemanden ausmachen. Die geheimnisvolle Stimme ist doch irgendwie da, sie flüstert ihm wiederholt die Worte zu.
Als er schließlich seinen Blick auf den Boden richtet, sieht er zu seinen Füßen einen Mann, der auf dem Rücken liegt und mit weit aufgerissenen Augen nach oben starrt – so wie es Tote tun.
Irgendetwas kommt ihm an dem Mann bekannt vor, aber es fällt ihm schwer, sich zu erinnern. Er greift ihm in die Jacke und entnimmt ihr das Portemonnaie. Der darin enthaltene Ausweis gibt ihm den Namen Emmeran Frey, allerdings bringt er ihn kein bisschen weiter. Auch das Gesicht des Toten nicht, weder die vielen markanten Narben in den Wangen noch der dunkle Teint oder das kurze Haar mit den kleinen roten Locken, bis er plötzlich neben dem Kopf des Toten eine kleine Pfütze entdeckt, die vorhin noch nicht da gewesen ist, mitten auf der trockenen staubigen Straße der Einöde. Er tritt zur Pfütze, beugt sich vor und will hineingreifen, stoppt aber plötzlich ab, als er merkt, dass sein Gesicht, welches sich darin spiegelt, identisch mit dem des Toten ist. Er fährt erschrocken zurück und blickt wild umher, verzweifelt nach einer Erklärung suchend. Vor Angst werden seine Beine ganz schwach. Er taumelt, fällt dann zu Boden. Minuten vergehen. Als er sich mühsam beruhigt hat, sucht er um sich blickend nach einer Antwort darauf, was er aus der Situation, überhaupt mit der Zeit in dieser weiten Einöde machen soll. Als er genug vom Sitzen hat, steht er auf und geht einfach drauf los, denn jede Richtung gibt das gleiche Bild der unendlichen Weite ab und ist somit gleich gut.
An einer Weggabelung trifft er auf eine andere Person. Aber diese ist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihn nicht wahrnimmt. Mal geht sie in eine Richtung, nur um gleich wieder umzukehren und eine andere einzuschlagen. Sie wirkt unschlüssig. Doch dann bleibt sie stehen und starrt Emmeran ausdruckslos an, die Pupillen, die Hornhaut, die Augen sind ganz schwarz, und bei diesem Anblick ist es, als würde sich in diesen Augen ein Abgrund auftun.
„Was ist dein Wunsch?“, sagt die Gestalt mit tiefer, dämonischer Stimme.
Emmeran bleiben die Worte im Hals stecken. Die Gestalt, von der er dachte, dass sie ein Mensch sei, da die äußere Erscheinung trotz zerschlissener verstaubter Kleidung einem Menschen ähnelt, wiederholt ihre Frage, worauf Emmeran zaghaft antwortet: „Ich verstehe nicht.“
Die Gestalt wiederholt die Frage.
Unsicher darüber, was er antworten soll, gibt Emmeran die Frage vorsichtig zurück.
Daraufhin die Gestalt: „Überall hin zu gelangen, überall zu sein, überall hin zu entschwinden.“
Nachdem sie dies gesagt hat, macht sie sich gleich wieder in alle Richtungen auf, mal in die eine, mal in die andere. Emmeran zögert, zieht aber dann ratlos weiter.
Alles wirkt auf ihn widerspenstig. Der Wind, der den Staub gleich neben ihm aufwirbelt, berührt ihn nicht. Die Sonne, die von oben herunterknallt, setzt ihm mit ihrer Hitze nicht zu. Es scheint rein gar nichts einen Sinn zu ergeben.
Als nach einer Stunde des Voranschreitens die Wüste das immergleiche Bild bietet, macht sich so langsam Verzweiflung in ihm breit. Bis ihm die flüsternde Stimme ohne Gesicht wieder zuredet: „Lasse dich wiegen in der Melodie der Stille. Lausche dem Winde, der durch das seidene Tuch der Dunkelheit weht.“
Nur wenig später, wie aus dem Nichts, erscheint vor ihm eine weitere Gestalt – schwarze Augen, Menschengestalt in verschlissener Kleidung, nur dass sie eine weibliche Form hat. Auf einem großen Steinsbrocken sitzt sie am Wegesrand und blickt plötzlich, kaum dass sie Emmeran wahrnimmt, auf, und guckt ihm geradewegs in die Augen.
„Was ist dein Wunsch?“, sagt sie mit ähnlich angstein-flößender Stimme wie die Gestalt davor.
„Ich weiß es nicht“, sagt Emmeran nachdenklich. „Was ist deiner?“
„Ich warte auf ihn, so wie ich es versprochen habe. Ich warte auf ihn“, sagt sie und senkt gleich darauf wieder den Kopf, lässt ihn hängen.
Emmeran verweilt noch ein wenig, hofft, mehr zu erfahren. Er setzt mit seinen Fragen nach, schon beinahe panisch, die Gestalt jedoch scheint ihn nicht mehr wahrzunehmen. Schließlich setzt er seinen Weg fort.
Als er einen Felsvorsprung erreicht, stellt er sich an den Rand und kann so einen großen Teil der vor ihm sich ausbreitenden Wüste überblicken. Und es ist nicht nur die Wüste, die er erfasst mit ihrem ewig verlaufenden Braun, den Steinen und Kakteen und anderen Pflanzen, sondern auch die vielen Gestalten, die hier und dort unruhig und ziellos umhertreiben. Es sind unzählige. Sie alle sind in Bewegung oder ruhen, entweder liegend, sitzend oder auf Knien. Sie gehen und kehren sogleich wieder um, oder drehen im Kreise oder springen oder jagen etwas hinterher.
Plötzlich trägt ihm der Wind erneut die Worte zu, die er von Zeit zu Zeit zu hören bekam. In dem Moment, wie er sich umdreht, erblickt er eine weitere Gestalt, nur dass diese sich von den anderen unterscheidet. Sie ist schön und gewaltig und geheimnisvoll.
Sie streckt langsam beide Arme von sich und mit einem Mal spannen zwei gewaltige schwarze Flügel hinter ihrem Rücken auf. Die Augen dieser Gestalt sind wie bei den anderen…tiefschwarz. Ihr Haupt jedoch ist weiß, die weiße Kleidung sauber und unbeschadet.
„Wer bist du?“, entfährt es Emmeran angstvoll.
„Ich war es, der zu dir sprach“, sagt die Gestalt sehr langsam und in sehr ruhigem, vertrauenswürdigem Ton.
„Was? Was sprachst du?“
„Die Worte. Erinnere dich!“
„Worte? Welche Worte?“
„Lasse dich wiegen in der Melodie der Stille. Lausche dem Winde, der durch das seidene Tuch der Dunkelheit weht.“
„Warum sprachst du sie? Was willst du von mir?“
„Nicht mehr als du verlangst“, sagt die Gestalt und tritt auf Emmeran zu, der ein, zwei Schritte zurückweicht und am Abgrund sogleich die Leere unter seiner rechten Ferse spürt. Er muss um sein Gleichgewicht kämpfen, fängt sich aber sofort wieder. Die Gestalt stellt sich an den Abgrund und deutet mit einem Fingerzeig auf das Treiben vor ihnen.
„Die, die du dort siehst, sind Engel. Sie alle haben einen Wunsch, den letzten Wunsch. Sie warten auf seine Erfüllung. Dann finden sie den Weg.“ Dann wendet sich die Gestalt ihm zu und sagt: „Welcher ist deiner?“
„Meiner?“
„Erinnere dich!“
„Woran?“
„Du weißt, woran.“
Emmeran geht in sich, strengt seine Gedanken und Sinne an, aber es will ihm irgendwie nicht einfallen. Die Gestalt sieht ihn unablässig an und legt ihm dann langsam, beinahe vorsichtig die Hand auf die Schulter. Und auf einmal schießen ihm mit dieser Berührung Erinnerungen in den Kopf –

Der kleine Emmeran hörte bei jedem Schritt die hölzernen Treppenstufen knarzen. Er suchte Schutz hinter dem Bett, hoffte dahinter nicht gesehen und gefunden zu werden, als langsam die quietschende Tür aufging und sein Vater einen großen Schatten in den Raum sandte als Vorbote ewiger Wiederholungen. Er trat ein, grölte lautstark seinen Namen heraus und forderte ihn auf, vor ihm zu erscheinen. Emmeran wusste, er würde gefunden werden, und er wusste, dass es besser wäre, hervor zu kommen. Aber er zögerte. Der Vater grölte nun wutentbrannt seinen Namen heraus, aber Emmeran rührte sich noch immer nicht, als plötzlich über ihm sein Vater stand und ihn wütend anblaffte. Er griff nach seinem Hals und zog hinter dem Bett hervor. Er stellte die Flasche weg, zog den Gürtel aus und trieb sich mit jedem Schwung den Frust aus der Seele. Die Wiederholungen kamen. Die Jahre gingen. Schließlich führte ihn seine Mutter fort. Ein neues Zuhause wartete auf beide. Aber ein altes Leben. Sie hatte Affären und brachte ihm gelegentlich einen neuen Stiefvater. Es waren Versager. Und sie lebten ihr Versagen aus, an seiner Mutter, und an ihm, mit einem Schraubenschlüssel auf den Knochen, mit einem Schraubenzieher ins tiefe Fleisch. Er schlug zurück, schlug den einen Jungen, mal einen anderen, verlor, gewann, flog von der Schule, lief fort, hatte Jobs, dann wieder keine, die erste Freundin, die erste Trennung, bis er dann schließlich die Eine fand. Das erste Kind war eine Fehlgeburt. Das zweite bekam Leukämie. Emmeran verzweifelte. Seine Frau verzweifelte. Das Schicksal machte sich einen Spaß. Sie betrog ihn. Er griff zur Flasche. Verschuldete sich. Lief davon, den Gläubigern und ihren Schlägern. Er stieg in den Wagen und fuhr los, ohne jedes Ziel, einfach los und immer weiter, bis sein Wagen zum Stillstand kam, der Tank war leer gefahren. Emmeran stieg aus und setzte seine ziellose Reise zu Fuß fort, unaufhörlich und ohne sich einmal umzudrehen. Die Sonne schlug ihm auf den Kopf. Er hatte Hunger. Noch mehr aber hatte er Durst. Zwei Tage war er schon unterwegs in ein und dieselbe Richtung. Und vor dem Ende, als er das Bewusstsein verlor und verdurstete, –

schlägt Emmeran von der Last der Bilder benommen die Augen sofort wieder auf und ringt nach Atem.
„Erinnere dich!“, sagt der schwarze Engel, „Wolltest du nicht Frieden? Nicht Ruhe? So nimm dir nun die Zeit. Sie ist dir gegeben. Lasse dich wiegen in der Melodie der Stille. Lausche dem Winde, der durch das seidene Tuch der Dunkelheit weht.“
Emmeran erinnert sich wieder. Er schließt langsam die Augen und gibt sich dem ihn sanft umfangenden Frieden vollkommen hin. Nur kurz, als ob eine Sternschnuppe vorübergeflogen wäre, huscht ein sanftes friedvolles Lächeln über sein Gesicht. Dann hat er sich eingebettet in den wärmenden Mantel der Stille.

erstellt am 30.5.2012

Levend Seyhan
Levend Seyhan

Levend Seyhan, geboren in Wesel, NRW. Studium der Rechtswissenschaft in Mainz, 2008; arbeitet seither als Außendienstmitarbeiter für den Schweizer Vertrieb OLF S.A. Set-Aufnahmeleiter-Assistenz für Colonia Media in Kooperation mit dem WDR bei der Fernsehserie »City Express« 1999, Köln. Filmpraktikum vornehmlich im Bereich der Pre-Production bei der @cineteam Filmproduktion in Frankfurt. Levend Seyhan schreibt Prosa und Lyrik, letztere veröffentlicht er in seinem Blog