Buchbesprechung

Der Biss in die Ewigkeit

Zum 100. Todestag seines Erschaffers ist Dracula, der Vampir aller Vampire, in zwei neuen Übersetzungen auferstanden.

Von Stefana Sabin

Die Harpyen der griechischen Mythologie gelten als Vorfahren jener Gestalten, die seit der Romantik die Literatur zunehmend bevölkern: der Vampire. Es sind unheimliche Wesen, die tot sind und doch lebendig und deren Gelüste und Gewohnheiten Furcht und Schrecken erregen. Coleridges Geraldine („Christabel“, 1800) und Byrons Augustus Darvell („Fragment einer Geistergeschichte“, 1816) sind die ersten, noch schüchternen, literarischen Vampire; ihnen folgte 1872 Carmilla als selbstbewusste lesbische Vampirin in der gleichnamigen Erzählung von Sheridan Le Fanu und schliesslich 1897 jener edel-böse Vampir, der zum Prototyp wurde: Graf Dracula. Er ist die Hauptfigur im ersten Vampirroman der Literaturgeschichte, dem Roman „Dracula“ von Bram Stoker.

Stoker, der am 8. November 1847 bei Dublin geboren wurde und am 20. April 1912 in London starb, war Justizbeamter in Dublin, bevor er sich als Theaterkritiker einen Namen machte und Direktor des Lyceum Theatre in London wurde. In den Londoner Theater- und Künstlerkreisen begegnete er dem Kriminalschriftsteller Arthur Conan Doyle, mit dem er die Vorliebe für Schauergeschichten teilte, und dem ungarischen Orientalisten Arminius Vámbéry, der ihn mit Vampirlegenden unterhielt.

Vámbéry erzählte Stoker von einem walachischen Fürsten aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, Vlad III. Weil sein Vater Mitglied im Drachenorden gewesen war, führte Vlad einen Drachen im Wappen und wurde „Draculea“ genannt, was ‚Der Teuflische‘ heißt, von rumänisch drac ‚Teufel‘ (was seinerseits auf draco, lateinisch ‚Drachen‘, mittellateinisch ‚Teufel‘ zurückgeht). In der Legende wurde Vlad, der seine Gegner durch Pfählung hinrichten ließ, zu einem blutrünstigen Herrscher, dessen Name in der ungarischen Version, die Vámbéry Stoker erzählte, als Dracole überliefert war. Stoker veränderte nur geringfügig diesen Namen für seine Figur des Grafen Dracula und siedelte sie in den undurchdringenden Wäldern der Karpathen in Transsylvanien an.

Im Roman bleibt Graf Draculas Herkunft eher unklar, was ihm eine geheimnisvolle Aura verleiht. In London verkehrt er in der gehobenen Gesellschaft; dort lernt er den jungen Rechtsanwalt Jonathan Harker kennen und lädt ihn auf sein Schloss in Transsylvanien ein, um sich über eine geschäftliche Angelegenheit beraten zu lassen. In dem abgelegenen Schloss wird Harker Zeuge, wie sein Gastgeber in einem Sarg schläft, sich nachts in eine Fledermaus zu verwandeln scheint und durch gezielte Bisse an der Halsschlagader Nichtsahnenden das Blut aussaugt – und sie damit in die Ewigkeit befördert. Zwar gelingt es Harker, aus dem Schloss zu fliehen und nach England zurückzukehren, aber dort trifft er erneut auf Graf Dracula, der seinen Umtrieben nachgeht und es sogar auf seine eigene Verlobte absieht. Mit Hilfe von Dr. Van Helsing, der nicht nur medizinische, sondern vor allem okkultistische Kenntnisse besitzt und weiß, wie man Vampire mittels Knoblauchblüten, Kruzifix und Pfahl bezwingt, gelingt es Harker, Dracula immer mehr in die Enge zu treiben und ihn ein für alle Mal zu erledigen.

So siegen Anstand und Gesittung über das Wilde und Triebhafte, der richtige Glaube über die pervertierte Bigotterie. Denn der Roman inszeniert einen Kampf zwischen Gut und Böse, der nicht zufällig mit allerlei christlicher Symbolik – Kreuzen, vor deren Anblick Dracula die Flucht ergreift; Hostien, die ihm den Sarg als Ruhestätte entweihen und ähnliches mehr – ausgestattet wird. Die Steigerung abergläubischer Motive ins Gruselige führt manchmal zu unbeabsichtigter Komik, aber die Mischung aus Schauerromantik und Naturalismus verleiht der Romanhandlung eine Spannung, die durch die Erzähltechnik effektvoll unterstützt wird.

Denn die Geschehnisse um Graf Dracula werden aus Tagebucheintragungen und Briefen der Beteiligten zusammengefügt, die unmittelbar nach den Ereignissen geschrieben wurden und also höchste Authentizität beanspruchen – überhaupt fungiert der Roman, in den kleine kulturgeschichtliche Exkurse und ethnologische Überlegungen eingeflochten sind, als Tatsachenroman! Es ist nicht zuletzt diese Pseudoglaubwürdigkeit, der der Roman seinen Erfolg verdankt.

Dieser Erfolg setzte erst langsam im Kielwasser der schwarzen Romantik ein, und nicht zuletzt dank des Films, der sich des Stoffes bemächtigte; erst durch die filmische Erzählung von Fritz Murnau 1921 gelangte Dracula in die Popkultur und erhielt durch Bela Lugosis Darstellung in der Verfilmung von Tod Browning 1931 sein seitdem markantes Gesicht.

Stoker selber starb in finanzieller Armut und erlebte nicht mehr, wie sein Roman zum Vorläufer einer literarischen Gattung und seine Figur zum Prototypen einer verzweigten Vampirgeneration wurde. Zu Stokers 100. Todestag liegt nun sein Roman in zwei neuen Ausgaben vor: Im Steid Verlag ist eine Prachtausgabe mit der Übersetzung von Andreas Nohl und in der Reclam Bibliothek die Übersetzung von Ulrich Bossier erschienen. Beide Übersetzungen sind flüssig, die stilistischen Unterschiede eher gering. Nohl ist genauer im Detail und er arbeitet die idiomatischen Charakteristika der verschiedenen Tagebuchschreiber geschickt aus, so dass die Vielstimmigkeit des Originals besonders deutlich wird.

Nun hat Dracula eine schöne neue deutsche Diktion!

erstellt am 30.5.2012

Bram Stoker
Dracula
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Bossier
Reclam Verlag jun., Stuttgart 2012
604 Seiten

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Bram Stoker
Dracula
Herausgegeben und übersetzt von Andreas Nohl
Steidl Verlag, Göttingen 2012
590 Seiten

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