Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ zählt zu den führenden Sozialethikern Deutschlands. Von 1992 bis 2006 leitete er das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Im Mai wurde ihm in Frankfurt der Walter-Dirks-Preis 2010 verliehen.

Faust-Gespräch mit Friefhelm Hengsbach

Getriebene der Märkte

Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, dass die Finanzkrise für alle sichtbar wurde. Ab Mitte September 2008 verfielen die Aktienkurse vieler Banken, andere Unternehmen wurden mit hineingezogen. Deutschland befand sich offiziell in der Krise. Rettungspakete wurden geschnürt, Garantien gegeben. Wenn man auf die vergangenen zwei Jahre zurückschaut, bleibt ein zwiespältige Gefühl: Erleichterung, weil man weiß, es hätte noch schlimmer kommen können, und Empörung, weil nicht die Verantwortlichen der Krise die Kosten der Krise tragen, sondern die Allgemeinheit. Und für die Zukunft die Befürchtung, dass zuwenig passiert ist, um die nächste Krise zu verhindern. Wie schätzen Sie die Situation ein? Müssen wir heute schon mit der nächsten Krise rechnen? Was müsste in Politik und Wirtschaft passieren, um sie zu verhindern?

„Wut und Apathie“ – So hat Wilhelm Heitmeyer aus Bielefeld, der Leiter des Forschungsprojekts: „Deutsche Zustände“ die aktuelle Stimmungslage der Bevölkerung nach der Finanzkrise gekennzeichnet. 90% der Befragten erwarten einen gesellschaftlichen Abstieg und eine Verarmung, drei Viertel vermuten, dass das Empfinden für Solidarität abnimmt, zwei Drittel meinen, dass wir es uns nicht mehr werden leisten können, Benachteiligte mit zu tragen, und ein Drittel hält es für ausgeschlossen, dass in Zukunft alle Menschen die gleiche Rechte beanspruchen könnten. Anderseits breitet sich in den Finanzunternehmen, die überlebt haben, eine seltsame Euphorie aus: Wir sind noch mal davon gekommen, das Schlimmste scheint abgewendet. Der Dax klettert auf ein Niveau von vor zwei Jahren, die Exportindustrie verzeichnet einen stürmischen Auftrieb. Die Zahl der Arbeitslosen beginnt abzuschmelzen.
Ziemlich unverständlich klingt die Reaktion derer, die diese beispiellose Krise verursacht haben. „Raubt es Ihnen nicht den Schlaf, wenn Sie daran denken, was Sie angerichtet haben?“, fragte der Chefermittler zur Bankenkrise im US-amerikanischen Kongress einen der ehemaligen Manager. „Wir sind nicht dafür verantwortlich, wirklich nicht. Sorry for that“, war dessen Antwort. Andere erklärten, dass man tanzen müsse, solange die Musik spielt. Kompliziert werde es, wenn sie plötzlich verstummt. Oder dass das Risiko einer solchen Krise wie das Risiko eines Hurrikans sei. Josef Ackermann rechtfertigt sich so: „Wir sind alle irgendwie Getriebene der Märkte. Wer in der ersten Reihe spielt, muss höhere Risiken eingehen, andernfalls ist er schnell draußen“.
Mehrere Wirtschafts- und Finanzwissenschaftler, die mit ihren Analysen gescheitert sind, greifen zur lyrischen Poesie, um abzuwiegeln. Auch das Herz-Kreislaufsystem funktioniere expansiv und kontraktiv. Jahreszeiten würden aufeinander folgen – Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ebenso wechselten auf den Finanzmärkten expansive, euphorische Phasen und schrumpfende, depressive Phasen einander ab. Ein Ende der aktuellen Krise sei dann erreicht, wenn die nächste Blase geplatzt sei.
Allerdings hat der Staat meiner Meinung nach durch seine Intervention dafür gesorgt, dass die unübersehbaren Schäden, die von den Banken verursacht wurden, bereits zweimal, zuerst bei der Bankenrettung und dann bei der Rettungsaktion zugunsten der Euro-Währung auf die Allgemeinheit abgewälzt wurden. Seitdem ist jedoch wenig geschehen, um die nächste Krise zu verhindern. In London und Pittsburgh haben die 20 wirtschaftlich führenden Staaten ihre Absicht erklärt, alle Finanzgeschäfte, alle Finanzunternehmen und alle Finanzplätze einer öffentlichen Aufsicht und Kontrolle zu unterstellen. Sie haben außerdem eine ausgedehnte Liste zusammengestellt, die jene Systemfehler identifizierten, die zu der Krise geführt haben, um entsprechend rigorose Regeln zu formulieren, die in der Lage sind, das globale Finanzsystem zu stabilisieren. Aber die Ad-hoc-Interventionen, zu denen die nationalen Regierungen sich bisher – meist isoliert, unkoordiniert und widersprüchlich entschlossen haben, reichen dazu nicht aus. Die höheren Eigenkapitalquoten setzen auf der Mikroebene an. Sie beseitigen nicht das Risiko, dass eine Bank zu groß und zu stark mit anderen verflochten ist, so dass ihr eine Insolvenz nicht zumutbar ist. Die Staaten bleiben weiterhin erpressbar, weil sie sich nicht trauen, solche Banken zu zerlegen. Ebenso wenig ist erkennbar, wie die öffentliche Aufsicht mit wirksamen Instrumenten ausgestattet wird, um die Kreditschöpfung der Banken und einen Anstieg der Vermögenspreise, welcher sich von der realwirtschaftlichen Entwicklung ablöst, auszubremsen.

Die persönliche Verantwortung wird in einer neoliberalen Wirtschaft groß geschrieben. Mit ihr wird der Umbau der Sozialgesellschaft begründet: Verantwortung für das eigene Alter, die eigene Krankheit, die eigene Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig haben wir bei den Rettungspakten zur Bewältigung der Finanzkrise gesehen, dass die Forderung, die Verantwortung zu tragen, für das Handeln in der Wirtschaft offensichtlich nicht gilt. Gibt es unterschiedliche Welten, in der unterschiedliche Gesetze gelten – die Welt der Wirtschaft und die Welt der Moral? Wenn ja, was müsste passieren, um Moral und Wirtschaft zusammen zu bringen?

Der Begriff der Verantwortung – meist zur gesellschaftlichen Verantwortung erweitert – wird von Unternehmen wie eine flatternde Fahne entrollt, um dem profitorientierten Handeln den Geruch des Unmoralischen zu nehmen. In einer kapitalistischen Marktwirtschaft sind die Unter-nehmen zuerst dafür verantwortlich, Kundenwünsche mit innovativen Gütern und Verfahren zu bedienen, sich also am Markt zu behaupten. Sie sind zweitens für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen verantwortlich, deren Arbeitsvermögen sie in Anspruch nehmen. Indem sie erkennen, dass dies nicht bloß ein Kostenfaktor, sondern meist die kostbarste Ressource der unternehmerischen Wertschöpfung ist, werden sie auch bereit sein, diesen Schatz – im eigenen Interesse – zu kultivieren und zu veredeln. Josef Ackermann erwähnt unter dem Stichwort gesellschaftliche Verantwortung gern die 80 Millionen Euro, die von der Deutschen Bank jährlich für kulturelle Zwecke gespendet werden, einschließlich vermutlich der milden Gaben für Straßenkinder in Rumänien. Gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen ist jedoch in erster Linie die Bereitschaft, jene gesellschaftlichen Vorleistungen, die den Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, dem Staat in Form von Steuern und Abgaben zu entgelten. Und wenn es sich um Großbanken und transnationale Konzerne handelt, zu gewährleisten, dass entlang ihrer Wertschöpfungsketten Menschenrechte respektiert werden, Kinderarbeit ausgeschlossen ist, gewerkschaftliche Organisationen zugelassen und Frauen im Betrieb gleichgestellt sind.
Ich halte Verantwortung indessen für einen singulären Begriff. Einzelne Personen oder Gruppen sind bereit, sich die Folgen ihrer beabsichtigten und vorhersehbaren Folgen ihres Handelns zurechnen zu lassen und dafür einzutreten. Das Ausmaß moralischer Verantwortung erstreckt sich jedoch nur soweit, als die eigenen Handlungsmöglichkeiten reichen. Was Hans Jonas mit dem „Prinzip Verantwortung“ meint, nämlich eine Überlebensethik der technischen Zivilisation, ist damit noch nicht gewährleistet. Er hatte einen ökologischen kategorischen Imperativ im Blick: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“. Da die Übernahme einer solchen unternehmerischen Verantwortung in den genannten drei Dimensionen jedoch vom freien Ermessen und vom guten Willen einzelner Unternehmen abhängig ist, bleiben die Orientierung am allgemeinen Interesse und die Bindungswirkung defizitär. Sie könnten allenfalls durch die Brücke der Nachhaltigkeit gesichert werden, sobald eine möglichst große Zahl von Unternehmen sich diesem Leitbild unterordnet und ein im Ganzen und auf Dauer vernünftiges Wirtschaften verbindlich zusagt.
Erst mit der Anerkennung allgemein verbindlicher Normen, die das Eigeninteresse in den Standpunkt der Unparteilichkeit und Allgemeinheit einbetten, wird die Dimension einer anspruchsvollen Moral erreicht. Eine solche Behauptung erklärt das Gewicht der politischen Regulierung, um eine globale Finanzarchitektur zu entwerfen. Sie erklärt auch den massiven Widerstand der Banken und der Finanzakteure, die Konkurrenz untereinander einer gesellschaftlichen Kooperation, die dem allgemeinen Interesse dient, unterzuordnen. Allerdings bleibt die mühselige Arbeit bestehen, die moralische Kommunikation in die Sprache der Finanzmärkte, nämlich der Kurse und Finanzkennziffern zu übersetzen, damit sie von den Marktteilnehmern nicht als unverständliches Rauschen überhört wird.

Krisen führen zu Angst und Angst zu Abgrenzung und Entwertung der Anderen. In den aktuellen Debatten spüren wir immer mehr, dass einzelnen Bevölkerungsgruppen, die durchaus wechseln können, die Existenzberechtigung aberkannt wird. Oft setzt sich dies auch in Maßnahmen um, die die Lebensbedingungen von Menschen real verschlechtern. Dies verstärkt die Angst, denn immer mehr Menschen spüren, dass es um die eigene Existenz geht. Welche Debatten müssten geführt werden und welche konkreten Maßnahmen müssten umgesetzt werden, um zu einer Gesellschaft zu gelangen, in der die Menschen angstfrei leben können?

Die Finanzkrise hat, wie ich es sehe, eine monetäre, ökologische und soziale Dimension. Das durch die unbegrenzte Geldschöpfungsmacht der Banken getriebene Wirtschaftswachstum hat eine verheerende Zerstörung der natürlichen Umwelt zur Folge, die lange Zeit zum Nulltarif in Anspruch genommen wurde. Eine gesellschaftliche Spaltung, die in Deutschland während der 1950er und 60er Jahre noch unbekannt war, hat die Ausbreitung des Finanzkapitalismus begleitet. Solidarische Sicherungssysteme, die einen durch die Erwerbsarbeit gewonnenen Lebensstandard gewährleisteten, wurden auf das Niveau des Existenzminimums abgesenkt. Die Solidarität wurde ausgehöhlt, die private Vorsorge propagiert. Die Arbeitsverhältnisse wurden entsichert, Leiharbeit, prekäre Arbeit, Niedrig- und Armutslöhne ermöglicht sowie die Spreizung der Einkommens- und Vermögensverteilung zugelassen, auf die steuerliche Belastung nach der Leistungsfähigkeit wurde verzichtet.
Diese strukturellen Verwerfungen wurden vertuscht mit den individuellen Deutungsmustern: Arbeitslose, Kranke, Arme und allein erziehende Frauen sind durch individuelles Versagen in eine miserable Situation hinein geraten. Die Folge einer solchen Erklärung verleitet dazu, dass die Wohlhabenden und extrem Reichen und in der Folge auch die unselbständig Erwerbstätigen sich als Leistungsträger definieren, während diejenigen, die nicht mehr wirtschaftlich eingebunden und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind, als Parasiten der Gesellschaft gebrandmarkt werden. Von der politischen und wirtschaftlichen Klasse sowie über die Ebenen der Mittelschicht bis in die Abgehängten verbreitet sich ein Verachtungsgefälle, das Abgrenzung, Konkurrenz und Selektion erstrebenswert macht.

Gibt es persönliche Bewältigungsstrategien, die den Einzelnen dabei unterstützen können, in einer Welt der wirtschaftlichen Krisen, wachsender Unsicherheit und zunehmenden Spaltung der Gesellschaft seine Existenz und seine Menschenwürde zu bewahren? Sind diese Strategien notwendigerweise „egoistisch“, d.h. allein auf die eigenen Interessen bezogen?

Gesellschaftliche Therapien, die sich auf moralische Appelle an Individuen verlegen, um einen gesellschaftlichen Aufbruch oder Neustart auszulösen, halte ich für Ablenkungsmanöver, die im kirchlichen Milieu ziemlich verbreitet sind und von der politischen Klasse derzeit übernommen werden. Ein angeblich moralisch aufgeladenes Freiheits- und Verantwortungspathos soll die Abhängigkeit und Erpressbarkeit der Regierenden durch Großbanken, Industriekonzerne und Atomlobby vertuschen.
Ich finde, dass man an die Gerechtigkeitsdebatte der Parteifunktionäre vor 10 Jahren anknüpfen und sie umkehren sollte. Damals wurde ein neuer Gerechtigkeitsbegriff propagiert, der das Leitbild der Verteilungsgerechtigkeit ablösen sollte, weil dieses den Herausforderungen der Globalisierung, des demografischen Wandels und der technischen Entwicklung nicht mehr entspreche. Statt dessen wurde für formale „Chancengleichheit“, „Leistungsgerechtigkeit“ und „Marktgerechtigkeit“ geworben, weil sie abweichende Talente und Leistun-gen mit differenzierten Einkommen und Vermögen honorieren. Mehr Ungleichheit führe zu mehr Gerechtigkeit, lautete die politische Devise.
Während und wegen der metastasierenden Finanzkrise haben vertikale Ungleichheit, gesellschaftliche Risse und regionale Segregation extrem zugenommen. Gerechtigkeit kann nicht als Angleichung an diese Situation definiert werden, sondern muss als kreativer Gegenentwurf zu dieser Situation und zwar als Gleichheit angestrebt werden. Gleichheit bedeutet ja nicht Identität. Zwillinge sind zwar gleich aber nicht identisch. Es geht um eine verhältnismäßige Gleichheit. Was jedoch ist deren Bezugspunkt? In antiken und mittelalterlichen Gesellschaften wurden die Tugend, die Funktion, der gesellschaftliche Rang als Kriterium gleicher und ungleicher Behandlung gewählt. In modernen, demokratischen Gesellschaften ist der Bezugspunkt das individuelle Subjekt, die mit Würde ausgestattete menschliche Person. Moralische Gleichheit besteht folglich darin, dass die Mitglieder solcher Gesellschaften sich wechselseitig das gleiche Recht zusprechen, als Gleiche anerkannt und behandelt zu werden. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Differenzen sollten in dem Maß zugelassen werden, als sie auf persönlichen Talenten und Energien beruhen, nicht jedoch auf dem Einkommen, Bildungsstand, Rang und informellen Beziehungsnetzen einer Familie. Moralische Gleichheit kann formal auch als Recht auf Rechtfertigung begriffen werden: Gesellschaftliche Verhältnisse sind vor allen Betroffenen, insbesondere vor den am wenigsten Begünstigten zu rechtfertigen.
Ich setze darauf, dass jene zeitliche Episode ihren Zenit überschritten hat, da der ökonomische und soziale Aberglaube verbreitet war, dass der Grundsatz der Konkurrenz, gesellschaftlicher Ungleichheit und starker Differenzierung alle Mitglieder der Gesellschaft zufrieden und glücklich mache. Inzwischen empfinden mehr und mehr Menschen, was neuere wissenschaftliche Untersuchungen zu bestätigen scheinen, dass materiale Chancengleichheit, eine eher ausgewogene Verteilung der Einkommen und Vermögen sowie eine umfassende wirtschaftliche Einbindung und Beteiligung am gesellschaftlichen Leben den Mitgliedern einer solchen Gesellschaft eine höhere Lebensqualität bieten und sie weniger arm, krank, gewalttätig und instabil sein lassen.

Die Fragen stellte Dagmar Rees.
Dagmar Rees ist Wirtschaftsjournalistin und lebt in Frankfurt. Sie berichtet über Märkte und Unternehmen.

erstellt am 13.9.2010