Erik van Lieshout beim Aufbau seiner Installation im MMK, Foto: Axel Schneider
Erik van Lieshout beim Aufbau seiner Installation im MMK, Foto: Axel Schneider
Videoinstallation

Erik van Lieshout – Commission

Von Isa Bickmann

Zuidplein heißt das Einkaufszentrum im Süden Rotterdams, wo Erik van Lieshout einen temporären Laden eröffnete, der mit »Echter Luxus ist Nichts zu kaufen« überschrieben war. Seinen faszinierenden Film über das Kunstprojekt hat das Frankfurter Museum für Moderne Kunst gerade angekauft.

Schon auf der Art Basel 2011 verführte Erik van Lieshouts Film, der immerhin 49 Minuten lang ist, dazu, den Messerummel und den Zeitdruck zu vergessen, dem man bei solchen Großveranstaltungen zwangsläufig unterliegt, und ihn in voller Länge sehen zu wollen. Denn im Gegensatz zu dem abgehobenen Kunstmarkttrubel um einen herum ließ Lieshout in seiner Videobox, die mit der Aufschrift „Erik makes happy“ lockte, den Betrachter in das wahre Leben eintauchen.

Zuidplein heißt das Einkaufszentrum im Süden Rotterdams, eines der ersten seiner Art in den Niederlanden, das seit seiner Entstehung – 1968, dem Geburtsjahr des Künstlers – vernachlässigt wurde und heute inmitten eines sozialen Problemgebietes liegt, das von alltäglicher Fremdenfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit, Verelendung, vielen Migranten und dem Problem, das Menschen ohne Arbeit viel Zeit haben, aber über keine Mittel und Ideen verfügen, um diese zu füllen, bestimmt wird. Hier eröffnete Lieshout 2010 einen temporären Laden, der allerlei wertlosen Krimskrams, wie ausrangierte Glühbirnen, Transportrollen oder halb verkümmerte Pflanzen, anbot, aber auch Installatives einrichtete, mit dem auch Kinder spielen konnten. Dazu hingen Parolen und Zeichnungen sowie ein übergroßes Foto des 2002 ermordeten Pim Fortuyn an den Wänden, jenes Populisten, der mit starken Sprüchen und ausländerfeindlichen Aussagen kurz vor seinem Tod die Kommunalwahlen im eigentlich sozialdemokratischen Rotterdam gewonnen hatte.

Lieshout verwickelt die Anwohner und Besucher des Ladens in Gespräche über ihre Wurzeln, über Konsum, Sicherheit und allerlei Philosophisches. Nie sind diese entblößend, sondern er begegnet den Menschen freundlich, mit ernsthafter Argumentation, die witzig ist, soziale Beschädigungen in Denken und Handeln der dort Lebenden offenbart, aber nie zynisch wird. Seine Begegnungen mit dem Wachdienst oder mit den schicken Damen der benachbarten Parfümerie, seine Späße mit der grellen Werbung an den Fensterscheiben eines Elektronikmarktes – er verpasst der futuristisch wirkenden Dame im silbernen Anzug sein Konterfei – vieles wird mit einer ungemein sympathischen Anarchie umgesetzt. Lieshout zeigt die Absurditäten des Systems auf, in dem er es quasi von innen unterhöhlt, eben an der Stelle ansetzt, in der sich die Stellung und die Einstellung des Menschen spiegelt: in einem wenig attraktiven Konsumtempel. Sein Anliegen ist ein politisch-soziales. Er spielt mit dem Begriff der Utopie, die ja einstmals die Einrichtung Zuidplein als Zentrum für friedlichen Wohlstand bestimmt hatte. „Echter Luxus ist Nichts zu kaufen“ schreibt er über sein Geschäft und „Erik maakt gelukkig“ (Erik macht glücklich), dabei die Sache niederländisch-pragmatisch angehend: „Keine Utopie ohne Kaffee“, sagt er irgendwann im Film.

Der Film wurde für das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt ankauft und ist dort ab dem 3. Juni 2012 bis zum 13. Januar 2013 zu sehen.
MMK

erstellt am 26.5.2012

Erik van Lieshout. Commission. Filmstill
Erik van Lieshout. Commission. Filmstill
Erik van Lieshout. Commission. Filmstills

Eröffnung 2. Juni, 19 Uhr, im MMK Frankfurt, anschließend Party mit Erik van Lieshout und dem Club Robert Johnson