Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

kolumne

TEXTLAND von Jamal Tuschick

Absahnen

Kleiner Versuch über eine Demonstration vor dem Neuköllner Rathaus gegen Bezirksbürgermeister Buschkowskys Buch „Neukölln ist überall“.

„Gelesen?“ „Wieso das denn?“ „Wozu lesen?“
Die Rede ist von Heinz Buschkowskys populistischer Bezirksanalyse „Neukölln ist überall“. Das Buch schwemmt seit Stunden erst im Handel und natürlich weiß kaum einer mehr, der an diesem Freitagabend im Vorgefühl des Wochenendes und mit der Aussicht auf etwas Aufregung vor dem Neuköllner Rathaus dagegen Stellung bezieht. Aus einem zeitgenössischen Ghettoblaster „stinkt die BRD aus dem Mund wie ein Hundeklo“. – Sie stinkt lauter als ein vierköpfiger, unter einem dramatischen Himmel versprengt wirkender Sprechchor skandiert: „Was gestern rechte Hetze war, ist heute anerkannte Mitte“.
Das Fernsehen rückt an, da ist auf jeden Fall mehr Equipment als Enthusiasmus. Die Feuerwehr fährt schnell vorbei. Manch einer scheint so recht nicht zu wissen: bin ich jetzt Passant oder Demonstrant. Man fotografiert sich gegenseitig mit Telefonen, die Professionellen pikiert das. Ihr schweres Gerät: leerlaufende Potenzbehauptungen. Für solch eine Petitesse von Demonstration wäre man früher nicht auf die Straße gegangen. Die Polizei bildet eine überwältigende Minderheit. Malerisch zurechtgemacht haben sich ihre Greifer … in der ewig währenden Pubertät von Räuber und Gendarm.
„Ist doch klar“, heißt es dem Vernehmen nach, was in Buschkowskys Buch steht, der Autor sagt es jeden Tag: in seiner unüberhörbaren Eigenschaft als seit elf Jahren amtierender, sozialdemokratischer Bürgermeister von Neukölln. Wasser, das er nicht halten kann, treibt Mühlen der Bildzeitung an.
Ein anderer hätte „Ist doch wahr“ gesagt. Der arabische Jugendstil höhnt gediegen im Benz, wie zur Illustration Buschkowsky´scher Behauptungen.
„Er instrumentalisiert das Quartier“, stellt Initiator Matthias Buchholz fest.
Zu der Demonstration aufgerufen wurde auch auf Facebook. So richtig was losgetreten hat das nicht. Es fehlte das Partyversprechen. Buchholz spricht „von den Auswirkungen eines simplen Weltbildes“ und nennt zum Beispiel die NSU-Morde. Er bezweifelt, „dass Integration von Staats wegen überhaupt erwünscht“ sei. Wie andere auch, suche „Buschkowsky in der Dämmerung seiner Amtszeit nach Sündenböcken“. Er wolle „noch mal absahnen vor der Rente“. „Wie Sarrazin“.
Dann sagt Buchholz etwas, dass in dieser Genauigkeit sonst selten stehen bleibt: „Multikulturalismus ist nicht gestorben. Er hat nie gelebt“. Doch muss man nur die Strukturen so genannter ethnisch homogener Gruppen untersuchen, um erkennen zu können, das diese Sorte Zugehörigkeit keine spannungsarmen Verhältnisse schafft. Wie oft denn noch: es geht nicht um ethnische Differenz, sondern um soziale Probleme. – Es geht um Klassengegensätze.

Nach Buchholz spricht Sascha Klein von „rassistischen Herkunftsscheißdingern“. Er beschwört die Kiezigkeit Neuköllns, begrüßt die zwei Jusos an Ort und Stelle. Er stimmt das Lied von Neukölln als der Heimat der vielen an, vom Glück im Winkel verdichteter Unterschiedlichkeit. Er schließt mit den Worten: „Good Night Buschkowsky´s Pride“.

Der Textetisch

Der Textetisch tagt wöchentlich im „Scotch & Sofa“ an der Kollwitzstraße

„Ich bin noch gesättigt. Kein Hunger treibt mich an. … Es ödet mich an, etwas Zukünftiges zu beschreiben“. Götz liest das vor, im „Scotch & Sofa“, das ist noch so eine Einkehrgelegenheit im Prenzlauer Berg. Da gibt es immer diesen Moment der Originalität, hier sind es Sofas, zur Orientierung im Sund der unbegrenzten Ausgehmöglichkeiten. Soviel steht fest: sämtliche Einzigartigkeitsbehauptungen überleben nur in der Flüchtigkeit, das gilt gleichermaßen für Leute und Lokale. Im „Scotch & Sofa“ tobt die Kaffeemaschine allein, es ist zu früh, um der Berliner Nacht auf den Leim zu gehen. Zurzeit trifft sich an Ort und Stelle jede Woche einmal der „Textetisch“, eine Autorenassoziation, die seit 2002 in wechselnder Besetzung tagt. Sie hieß auch schon verschieden und so tagte sie auch nicht immer im „S&S“. Es gibt einen harten Kern, davon zugegen ist heute Dave, in Berlin seit vierundneunzig. Doch hat erst mal Götz gelesen, wie gesagt. Er machte „schlechte Erfahrung mit der Beschreibung von Träumen“. Eine Kollegin findet seine Geschichte „zu negativ“. Alle Nachfragen und Einreden sind behutsam, ich krache wieder voll dazwischen. Verwunderung moussiert im Missmut. Ich höre Misstrauen und Abwehr. Ich bin ein Delegierter der lauten Welt. Götz hat schon mal einen Roman in zwei Monaten geschrieben, danach war er erledigt. Er schreibt sein „Befinden“ auf, so sagt das Götz. Er beschreibt „den Sumpf, in dem ich lebe“. Manfred kreuzt auf, ein Geburtsfrankfurter, „schon ewig in Berlin“. Er zieht Gedichte aus der Kippe, als hätte er sie immer dabei … vielleicht als Rückversicherung. Damit man sich im Notfall klarmachen kann, wer man zumindest bis eben gewesen ist. Das lyrische Ich: erpresst von der Liebe – und dies „sternhagelnüchtern“. Die Stimme des Dichters droht zu verschwinden. Der Nebentisch bleibt ungerührt bei seinem flächendeckenden Gespräch, ganz ohne Aufmerksamkeit für den Textetisch. Daves neutraler Tonfall nimmt sächsisch Fahrt auf, wenn er sich an einem Detail im Verlauf der Runde erfreuen kann. Er schreibt, „um den Kopf leer zu kriegen“. Zwei Gedichte liest er, eines fängt so an: „Warum schaust du mich morgens eigentlich nie an? fragte die Vogelscheuche die Sonnenblume“. Dave trägt es zweimal vor, darum gebeten. Nicht sicher ist er, „ob meine Gedichte für euch nicht zu schwierig sind“. Er baut das aus … eine Stimmung der Separation. Für mich unbestimmbar. „Gedichte agieren in einer Stimmung“, sagt er. Daher habe ich die Stimmung im Satz davor. So komme ich zu meinen Textstimmungen. Manfred sieht valentin´esk aus, sagt aber: „Lacher habe ich nicht“. Die bräuchte er, um landen zu können auf einer der vielen Berliner Lesebühnen. Er will noch zu den Surfpoeten im Pfefferberg, Billy Idol besingt gerade eine Hochzeit. Die Kollegen kriegen eine Hausaufgabe für das nächste Mal. „Abgeblitzt“ lautet ein Stichwort. Das andere, Europa. Die Wörter sollen dienen nur als „Kondensationskeim“. So entlässt Dave den „Textetisch“ in die Freiheit. Doch gehen dann alle zusammen über den Randstein der Kollwitzstraße, alle außer mir. Vermutlich bin ich eben abgeblitzt, mitten in Europa.

Flughunde über Frankfurt

Marcel Beyer übernimmt das vornehmste Amt in Bergen

Das Amt des Stadtschreibers von Bergen ist in die Jahre gekommen. Es bewährt sich seit 1974 als bürgerliche Einrichtung. Dieser zuerst an Wolfgang Koeppen und nun – im 39. Wechsel – an Marcel Beyer vergebene Literaturpreis bindet einen Autor für die Dauer eines Jahres an den Ort seiner Auslobung, die in Unauffäligkeit schillernde Unterkunft „an der Oberpforte” wurde zuletzt mit einer Geschirrspülmaschine modernisiert. Außerdem hängen zwanzigtausend Euro an der Ehre. Die Choreografie der Amtsübergabe im Festzelt auf dem Berger Markt schafft sich ein eigenes Milieu, so temporär wie der Abend des Aktes. Ritusfern und halbwegs volkstümlich wirkt sie sich auf die Temperamente der Protagonisten aus. Der Eingeladene reagiert hier zum ersten Mal auf die soziale Temperatur von Bergen, um umgehend das Klima als Experten anzuerkennen. In dem Frankfurt zugeschlagenen Städtchen ergibt sich alles deutlich über dem Zentrum des Rheinmaindeltas. Der Höhenunterschied stellt sich jedermann als Vorteil dar, das Beste von zwei Welten in Reichweite: Tempo im Kessel und die Wetterau vor der Tür. Inzwischen kostet der Nierenspiess vier Euro und das Spiessbratenbrötchen zehn Groschen mehr. Marcel Beyer übernimmt das Amt von Thomas Lehr, der feststellt: „Man trägt an Bergen wie an einem Schneckenhaus”. Allerdings habe er sich „nicht über den Ort gebeugt”. Wie seine Vorgänger war Lehr oft in der „Alten Post”, einer Schule hessischer Lebensart im Rippchenkrautmodus. Er rühmt den Charme der Streuobstwiesen am Berger Hang und besteht darauf, da häufiger als im Gasthaus gesehen worden zu sein. In das Kolorit von Ruhe und semi-ländlichem Behagen schleicht sich Erregung beim Autor, angesichts der arabischen Aufstände. Der Nahe Osten soll auch dem Publikum nicht wurscht sein, mit seinem ergrauten arabischen Frühling im jüngsten deutschen Herbst. Das Publikum hat bereits einen Ausflug in die Psychoanalyse hinter sich, das ergibt sich aus der Festrede von Marianne Leuzinger-Bohleber. Die Direktorin des Frankfurter Sigmund Freud-Instituts zitiert aus der Begründung der Stadtschreiber-Jury, die Marcel Beyer als „Fährtensucher und Entdecker in historischen und geografischen Räumen” charaktersiert. Diese Einschätzung verschleift die Psychoanalytikerin zu einem Annäherungsmodell mit ihrem Beruf: „Wie Beyer nach den „Fährten” der Traumatisierungen in den Geschichten seiner Protagonisten sucht, … mag durchaus an unsere Tätigkeit als Analytiker erinnern”. Sie spricht vom „tastenden Verstehen der verstummten Seelen” und von „einer neuen Sprache”, die der Autor von „Flughunde” und „Kaltenburg” dafür erspürt.
Die Festrednerin unterstellt Schriftstellern einen „direkten Zugang zum Unbewussten” – und dann kommt Marcel Beyer mit dem großen Schlüssel als Amtssymbol auf die Bühne und fängt von Wattestäbchen an. Das Auditorium ist umgehend affiziert, schließlich zählen Wattestäbchen zum Ernst des gemeisterten Lebens, während das Unbewusste in seiner Kellerhaftigkeit sich einfach nicht entschmalzen lässt. Beyer behauptet: „Am besten lernt man einen Menschen kennen, indem man ihm beim Kofferpacken zuschaut”. Am Beispiel eigener Reisevorbereitungserfahrungen entwirft der Autor ein Panorama des ambulanten Seins, gleichviel ob im Wallis oder in New York. Zahnseide, Dinkelkissen und Schuhputzzeug werden nie vergessen, aber Wattestäbchen sind so eine Sache, die der Umsicht und Vorausschau gern entgeht. Oft muss man sie nachkaufen sozusagen, so lernt man die „Rossmanns” dieser Welt kennen. Beobachtungsgenau wie sonst kaum einer und voller Hochachtung für die Fluse als Detail leert Beyer seinen Koffer coram publico aus, schon fragt man sich, stirbt gerade einer aus Liebe zur Bagatelle, da kommt Michèle Kiesewetter um die Ecke der Erzählung. Ja, Beyer bedankt sich für den Preis mit einer Geschichte, die aus der Harmlosigkeit direkt auf einen Kongo der gemeinen Dummheit und ins Herz der Finsternis führt. Bekanntlich suchte die Polizei nach dem Mord an der Vollzugsbeamtin eine „Frau ohne Gesicht” mit männlichem Habitus; in die Irre geführt von kontaminierten Wattestäbchen. Eine Groteske rassistischer Unterstellungen lieferte den Begleittext der Ermittlungen. Beyer holt den Gedankenunrat aus deutschen Amtsstuben ins Licht der Gelegenheit, über Vorurteile mit Pensionsanspruch in die Mitte der Gesellschaft hineinzureden. Ja, das Stadtschreiberamt hat sich als Kontaktbörse bewährt – und Marcel Beyer bewährt sich als kritische Instanz. Er ist tatsächlich fähig zu „einer Literatur der Tiefe und Dezenz”: „Ein Polizist bedauert, dass man sogenannte mobile soziale Gruppen, gemeint sind Roma „nicht flächendeckend speicheln”, um DNA-Spuren zu vergleichen”. Die extrem deutschen Täter mussten sich schon selbst enttarnen, sonst wäre die Story vom mordend nomadisierenden osteuropäischen Mannweib immer noch aktuell. Das ist kein kleines Tennis: wie Beyer die Beschaulichkeit im Festzelt aufmischt, in einer Widerrede voller Zustimmung. Er bedankt sich für den Preis mit einer Aufforderung zur Klarsicht und die erreicht das Publikum in der Einsicht: Dazu brauchen wir euch, ihr Seltsamen unter uns, die ihr Schriftsteller sein müsst.

Seelischer Skorbut

Christoph Peters liest im Georg Büchner Buchladen am Kollwitzplatz aus »Wir in Kahlenbeck«

Die Buchhändlerin geht über die Barriere in die Vollen. „Wunderbar gebaut“ sei der neue Roman von Christoph Peters. Ihr Georg Büchner Laden am Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg taugt in seiner Überfüllung zu katastrophischer Metaphorik, obwohl alle soweit glücklich scheinen, in jedem Fall doch wohlgenährt. Genau so ist man dann auf der Titanic ums Leben gekommen.

Peters, Jahrgang 1966, variiert eine französische Existenzform, in der Tradition von Georges Bernanos und Julien Green. Man könnte auch Joyce anführen, nicht deshalb nur, weil der Ire in lateinischen Ländern des Kontinents zu leben beliebte, vielmehr lieferte ihm die katholische Prägung viel Stoff. Im Schisma wurde Joyce produktiv. Seine Devise lautete in diabolischer Abtrünnigkeit: Non serviam. So weit geht Peters nicht. Die Kirche bleibt eine geschätzte Architektin der inneren Aufbauten. Bekannt wurde er gleich mit dem Debüt „Stadt Land Fluß“, kurz vor der Jahrtausendwende. Da hatte ein Autor seinen Hut in den Generationskreis geworfen, der offensichtlich nicht linkerhand schrieb, nicht poppte & dopte. – Der die Schwarte der Lächerlichkeit sauber von seinem bisschen persönliche Tragik trennen konnte. Inzwischen sieht Peters aus wie Buffalo Bill. Etwas Karl May ist auch dabei. Das macht der Knebelbart, eine Zierde der Musketiere und so auch der Richelieus. Waren alle katholisch bis hin zum Kardinal. Peters hat die Familie mitgebracht, seine Siri Hustvedt heißt Veronika. „Wir in Kahlenbeck“ hat zum Helden den 15-jährigen Zögling Carl Pacher. Er wächst so auf wie Peters seinerzeit, das heißt am Niederrhein und unter erschwerten Bedingungen: als Schüler des katholischen Internatsgymnasiums Collegium Augustinianum Gaesdonck. Die Fiktion hört auf Collegium Gregorianum und so ist auch der weitere Schauplatz, ein Kaff namens Kahlenbeck romanhaft. Der moderierende Gregor Dotzauer vom „Tagesspiegel“ meint, Peters sei mit „Wir in Kahlenbeck“ „in die alte Heimat zurückgekehrt“ und das auch Paul Ingendaay von da her käme. So oder so liefert die Schule Szenen zu einem Diskurs von Foucaults „Überwachen und Strafen“. Ich weiß, in diesem Artikel tauchen zu viele Namen auf, ich kann das aber jetzt auch nicht abstellen. Doch will ich verflucht sein, wenn ich jetzt noch Törless schreibe. Ich schreibe einfach Dotzauer, da der sagt, das Buch habe bei ihm einen „antiklerikalen Furor“ ausgelöst und die katholische Kirche sei ein gutes Beispiel für eine effektive terroristische Vereinigung. Dotzauer wägt das Verhältnis von Biografie und Fantasie. Das gibt Peters Gelegenheit zu sagen: „Die Fantasie besitzt größere Bildpräsenz als die historische Realität“. Ferner sagt er: „Ich bin achselzuckend“. … „Ich versuche, so optisch wie möglich in die Szenen zu gehen“. … „Ich visualisiere einen inneren Film“. Daraus ergibt sich: „Die Schärfe des Morgens zwischen Klarheit und Schmerz“. Die Welt ist dem Carl tendenziell unerträglich, er ist längst so geknechtet, dass er das glauben kann: „Der Leib ist das Gefängnis der Seele“. Sein schwaches Fleisch schwärmt vernünftig für Ulla, die nach den Regeln der Zofenerotik als Küchenhilfe eingeführt wird. Die Zöglinge kriegen nichts anderes zu sehen als Ullas, nur sind die meisten Ullas hässlich wie die Nacht. In der Triebfeindlichkeit fault alles, eine Art seelischer Skorbut befällt die Jungen. Unter der Hand gilt das Faustrecht, eine sadistische Ordnung. Das sind lauter toxische Verbindungen. Ja, „Religion hat was Schreckliches“, wie Peters feststellt. – Ohne zu verhehlen, dass er in den Schreckenskammern seiner Kindheit fündig wurde. Zu Liedern von Patti Smith, die den Soundtrack des Romans wie eine Spur von Licht und Gnade beisteuern. Ja, Peters ist durch die ganz harte Schule gegangen und findet das gut so. Vermutlich lässt sich anders auch kein „Kontakt mit dem Absoluten“ herstellen. Komisch, das wollte ich nie. Ach so, „Wir in Kahlenbeck“ bildet den ersten Band einer Trilogie, „konsequent im Präsens und bei Luchterhand und auf jeden Fall super gut geschrieben.

German Gaga –

Terroranalyse in der Tucholsky-Buchhandlung

John Goetz wirbt für die Abschaffung des Verfassungsschutz

Der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) gedieh im Moos des „Nationalen Widerstands Jena“ (NWJ), der auch da rekrutierte, wo ihm die „akzeptierende Jugendarbeit“ mit pädagogisch motivierter Hinnahmebereitschaft rassistischer Militanz entgegen kam. Zu dieser Feststellung gelangen die Journalisten John Goetz und Christian Fuchs in ihrer Dokumentation „Die Zelle – Rechter Terror in Deutschland“ (Rowohlt). Sie folgen den Lebensläufen jener drei „als Zwickauer Terrorzelle“ historisch gewordenen Mörder, Bombenleger und Bankräuber, die da hießen Uwe & Uwe nämlich Mundlos und Böhnhardt – und so weit sie noch leben Beate Zschäpe. Ihre Initiation fiel in eine Furorphase: 1990 kam es zu fremdenfeindlichen Gewaltausbrüchen wie nie zuvor seit Kriegsende. Es könnte den jungen Thüringern so vorgekommen sein, als erfüllten sie eine Mission, mit allerhand unausgesprochener Zustimmung aus der Mitte der Gesellschaft. „Warum“, fragten die Journalisten, „wurde ein rechtsextremistischer Hintergrund der lange so genannten „Döner-Morde“ bis zum Beweis des Gegenteils ausgeschlossen?“ – „Gab es Verflechtungen zwischen Tätern und Ermittlern“? Schließlich ist die Szene, in der das Trio den Stoff für Heldenstorys lieferte, vom Verfassungsschutz unterwandert. Mit vielen Zweifeln an offiziellen Darstellungen fand sich zuletzt ein raumfüllendes Auditorium in der Berliner Tucholsky-Buchhandlung ein, um John Goetz beim Wort zu nehmen. Er wurde eingeführt von Timo Reinfrank von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Zur Stelle waren außerdem Lea Rosh, die Bundestagsabgeordnete Eva Högl und Bianca Klose von der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“. Goetz skizzierte die Täterbiografien, Uwe Mundlos sei stets „schwarz gekleidet“ und zudem „schüchtern“ gewesen. Dem jüngeren Böhnhardt geht Uwe M. voran, er führt ihn ein. Böhnhardt könnte selbst Opfer von Gewalt im Gefängnis geworden sein. Er wird schon als Heranwachsender aus der mittelständigen Kurve seines Elternhauses getragen. Das und auch alles andere im Buch erklärt nicht „die besondere Brutalität und Kaltblütigkeit“, so Goetz, mit der später der Terror in der Praxis zwischen Nürnberg und Kassel betrieben wird. Goetz trug nicht so meinungsvehement auf wie Högl, die im Untersuchungsausschuss NSU sitzt und „das totale Versagen der Sicherheitsdienste“ konstatierte. Dem Verfassungschutz attestierte sie „Ahnungslosigkeit“. Er habe „keine eigenen Erkenntnisse eingebracht“. Der Polizei warf sie vor, „latent rechts“ zu sein und „in (entsprechenden) Schablonen zu denken“. Es sei „systematisch nicht in diese (rechte) Richtung ermittelt worden“. Högl unumwunden: „Die parlamentarische Kontrolle funktioniert nicht“. Sie verlangte für die Zukunft „routinemäßige Abprüfungen auf fremdenfeindliche Hintergründe“. Klose sekundierte: „In Berlin fühlt sich eine rechtsextreme Minderheit“ von der Indifferenz der Polizei „ermutigt“. Man würde die Delikte behördlich bagatellisieren, einschließlich der Einschüchterungskampagnen. Klose erinnerte daran, dass „der Verdacht auf einen rechtsextremistischen Hintergrund“ von Hinterbliebenen der Opfer geäußert und nur eben nicht weiter zur Kenntnis genommen worden war. „Die Migration wusste, dass es Rechtsextremisten waren“, hieß es im Publikum. Die Rede war von „einer Segregation zwischen Zugewanderten, (denen man nicht zuhört) und der Mehrheitsgesellschaft“. Wären Biodeutsche die Opfer gewesen, hätte es stärkeren Ermittlungsdruck gegeben. Am Ende stellte Högl die Frage: „Brauchen wir den Verfassungsschutz?“ Nachdem schon der Sinn von V-Leuten für niemand zu erkennen gewesen war.
Das schönste Wort des Abends ergab sich aus Schilderungen von Ermittlungspannen. Einmal war von einer Verfolgung des Trios abgesehen worden, weil man sonst eine Straßenverkehrsordnungswidrigkeit sich hätte zuschulden kommen lassen müssen. Da sagte dann einer: „Das ist German Gaga“. Genau.

Moderner Biberkopf

Helmut Kuhn vor der Rumbalotte

Helmut Kuhn. Foto: Jamal Tuschick
Helmut Kuhn. Foto: Jamal Tuschick

Gerade hat er die Oma aus Fulda in den Prenzlauer Berg geholt. Das ließe sich womöglich verwegen darstellen als eine Variante verspäteter Familienzusammenführung. – Auf einem Schauplatz, der die Zukunft vorweg nimmt in Probeläufen, mit viel Kunstgewerbe am Nestbau. Davon erzählt Helmut Kuhn in seinem, in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen Roman „Gehwegschäden“. Ich habe das Buch mit heißen Ohren gelesen. Seitdem sehe ich überall soziale Skulpturen und Guerillastrategien in prekären Lagen. – Berlin als Bewerbungsfläche: man ist da, das muss reichen.
„Gehwegschäden“ liest sich mitunter wie ein Anti-Manifest der neuen Mitte, mit sämtlichen Bedeutungen, die in „Mitte“ zu finden sind. Angefangen bei den Titel stiftenden „Gehwegschäden“ als einem Beispiel für städtische Erosionen. Die einschlägigen Schilder deutet Kuhn als kommunale Kapitulationserklärungen. Sie erfüllen „einen juristischen Zweck: Wer sich auf den Gehweg begibt und dabei zu Schaden kommt, kann die Allgemeinheit dafür nicht haftbar machen“.

„Gehwegschäden“ knirscht wie Kies. Kuhn hat sich mit dem Roman in die erste Reihe der neuen deutschen Literatur geschrieben. Das steht für mich fest. Wir sitzen vor Bert Papenfuß´ „Rumbalotte“ im Französischen Viertel. Kollege Kuhn hält sich an Wasser, er will noch ins Training. So sieht er aus, so massiv in die Jahre gekommen. Kuhn betreibt Schachboxen, die Kombination geht auf einen holländischen Aktionskünstler zurück. Sein Romanheld Thomas Frantz tut es ihm gleich. Die biografischen Übereinstimmungen zwischen Frantz und Kuhn müssten eine Liste lang werden lassen. Kuhn wurde 1962 in München geboren. Viel Kinder- und Jugendzeit verbrachte er bei den Großeltern in Fulda. Die letzten Schuljahre verschafften ihm am Chiemsee Internatserfahrungen: „Ich wollte das so.“
Nach dem Abitur kam Berlin. Die große Stadt: ohne Umwege. Darauf habe er angelegt, erklärt Kuhn. Keine Trödelei an der Peripherie und immer gleich das Kilo als erst einmal ein Pfund zur vorsichtigen Ansicht. Der Fünfzigjährige verbreitet noch eine Ahnung von potentem Zugriff, genau so wie Frantz, dieser moderne Biberkopf. Thomas Frantz ist angeschlagen, aber nicht gebrochen. Die Sparringpartner seines Alltags zeichnet effektive Einfalt aus. Jeder kriegt irgendwas hin, nur zum Gelingen taugt es wenig. So steht es geschrieben im Roman: „Ihre Freiheit ist ihr Untergang“.

Ich spüre dieses An- und Aufsaugende bei Kuhn. Das ist ein Staubsauger von einem Mann. Er studierte Geschichte auch in Paris – und befleißigte sich zum Magister über „Adenauer und die hohe Kommission (der drei westlichen Siegermächte)“. Lange unter Verschluss gehaltene Akten prüfte er an der Sorbonne auf politischen Sprengstoff. Kuhn befasste sich mit der „Organisation Gehlen“ in der Gründungsära der Republik und so auch des Bundesnachrichtendiensts. Er kultivierte seine Spürnase, trainierte die investigativen Reflexe … und verliebte sich auf dem Boulevard de Ménilmontant, nahe des Père Lachaise, „in eine Jüdin aus New York“. Nun gab es „nichts mehr außer ihr oder dem Tod“. Das schmeckte anders als Aktenstaub und ein Lob vom Professor. Magister Kuhn erzwang eine amour fou als literarische Erfahrung nicht zuletzt. In New York City ließ sich gut leiden, mit Ironie maskiert Kuhn im Prenzlauer Berg eine abgestorbene Verzweiflung. Auch sonst ging in Amerika allerhand los und vonstatten. Kuhn volontierte auf einem Flaggschiff der Emigration: dem weltweit auf deutsch, bis 2004 von New York aus verbreiteten „Aufbau“-Periodikum.
„Plötzlich steckte ich in all diesen jüdischen Geschichten“.
Kuhn guckt in meinem Gesicht nach, ob ich folgen kann. Ja, auch ich habe diesen wieder und wieder umgeschulten Blick im Angebot. Kuhn fährt die Namen von Autoren auf, die im „Aufbau Magazin“ publizierten: Feuchtwanger, Thomas Mann, Hannah Arendt.
Zum Trotz seien die Emigranten steinalt geworden, so wie die erste Rechtsanwältin, die in Österreich 1925 zugelassen worden war. – In ihrer Sphäre das Fluidum der Weimarer Republik. Eine Air wie in „Casablanca“.

„Sansinet-Boulevard“ nannte man die Magistrale der Ausgewanderten. „Sansinet“ wie „Ja, san Sie net der Herr, wie war doch gleich der werte Name?“

Die Mutter von Henry Kissinger repräsentierte als „Misses K.“ – und die publizistischen Strecken des Helmut K. aus F. wie Fulda wurden immer länger. 1994 kehrte er nach Berlin zurück, mit merklichem Ostdrall. „Die Musik spielte in Mitte.“

„Berlin, das ist die Welt im deutschen Reagenzglas“, heißt es in „Gehwegschäden“. Von den Fußgängern auf den bizarren Bordsteinen vor der „Rumbalotte“ scheint mancher schon froh bis überfordert, im täglichen Kleinklein über die Runden zu kommen. Kuhn verbreitet sich – mit Körpereinsatz – über die Finessen des Schachboxen und über die Kompetenz des kubanischen Trainers. Kubanisch ist eh die Krönung, wenn es ums Boxen geht.

Das schreibt der Autor Frantz zu: „Er ist geerdet in seinem Intellectual Fight Club, dieser Freimaurerloge unter der Stadt“. In der Zwischenzeit erklärt eine Jana am Nebentisch: „Vor Publikum kaufe ich keine billigen Weine“. Mit ihrem Satz könnte sie in „Gehwegschäden“ Karriere machen, als noch eine studierte Solistinnen in prekärer Selbständigkeit. Ich sehe sie förmlich im Gatter der Regale, in rigoroser Konkurrenz mit dem Ich-Ideal. Sonst bietet sich auch kein Gegner an, so gleichgültig wirkt sich der öffentliche Raum aus.

Kuhns Mutter war bei der Kripo Kommissarin, ein Großvater beim BND. Der Vater, ein Chirurg, verschwand spurlos auf einem Törn in der Karibik, (da war Helmut Kuhn vierzehn und in der Form seines Lebens.) Die Story stand im Stern, im Damals der 1970iger Jahre, als man allgemein den Geschichtsverlauf für unumkehrbar hielt, der Kalte Krieg die Welt frösteln ließ und Tod-unter-Palmen-Geschichten gut ankamen. Der Journalist Kuhn recherchierte später dem maritim verschollenen Vater hinterher, es ergab sich ein mörderisches Ergebnis als am Wahrscheinlichsten. Demnach hatte der Skipper in Tatgemeinschaft mit seiner Geliebten einen zeitgemäßen Fluch der Karibik über die Handvoll Männer auf seiner Yacht gebracht. Der Bootseigner war Düsseldorfer Metzger und konnte zweifellos vortrefflich entbeinen. Kuhn spann daraus den akkuraten Seemannsgarn „Nordstern“, seine erste Einzelveröffentlichung (bei Mare). Es folgten Erzählungen, „Regen im 5/4 Takt“ … „ Arm, reich – und dazwischen nichts? Streifzüge durch eine veränderte Gesellschaft“.

Außerdem Klagenfurt. 2005 trieb man Kuhn beim Ingeborg Bachmann-Wettlesen „in die Seile“, wie der Autor sagt. Er stand kurz vor der Hinrichtung, so wenig gefiel Kuhn der Kritik. Mit Murat Kurnaz veröffentlichte er „Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo“.
Kuhn erinnert sich an einen Co-Autor mit abgründigem Humor. Seelisch unverwüstlich: „Der Murat ist nicht zu knacken.“
Mit Cem Gülay brachte er ein Handbuch für die Gangsterkarriere heraus: „Türken-Sam“. Noch in diesem Herbst soll die nächste literarische Kollaboration mit Gülay verbrochen werden, „Kein Dönerland“ als „Antwort auf Sarrazin“, wie Kuhn lapidar meldet. Gerade werden wir von asiatischen Schlümpfen unterbrochen, offenbar halten sie uns für von hier. Wir könnten gut und gern Opfer sein, lebende Leichen der Gentrifizierung, die im designten Biomüll vor der verlorenen Heimat kampieren, aus nostalgischen Gründen. Vielleicht blüht uns das nach dem nächsten Abschwung, aber jetzt geht Kuhn erst mal ins Training – und ich habe mir noch den Sodaclub in der Kulturbrauerei vorgenommen.

P.S.
Im Sodaclub bläst die „Bolschewistische Kurkapelle Schwarzrotgold“ dem Auditorium Gemüt in die Ohren. Eine echte Offensive, „vom Retrogeilsten“ dem Vernehmen nach. Aber das ist eine andere Geschichte.

Helmut Kuhn in der Z-Bar

Mehr Hecht als Hai
ist Thomas Frantz. Unter Karpfen, die sich für Hechte halten, reicht das für eine passable Prognose. Auf jeden Fall reicht es für Berlin, wo immer alles auf Anfang steht und man mit Abitur und kreativen Possen zumindest bis eben der schieren Verelendung entgehen konnte. – Mit Anfang Dreißig schon am Ende und doch noch dreht sich das Karussell.

Helmut Kuhn über Berliner Gehwegschäden, harten Sex und eine Kunstkombination vom Feinsten

Darum geht es in „Gehwegschäden“ (Frankfurter Verlagsanstalt), einer bei Döblin versicherten Fight-Club-Moritat von Helmut Kuhn.

Der Rosenthaler Platz und die Torstraße sind Schauplätze im Roman und im Weiteren nah der Z-Bar, die am Abend des Geschehens glühend knistert wie eine Robe aus dem Fundus für einen abgesetzten Rauschgoldreigen. Kuhn tritt da in Britta Gansebohms literarischem Salon auf, hundertzehn Kilo schwer und auch sonst seinem hypnotischen Helden Frantz ähnlich. „Er kann sich sehen lassen“, so steht es geschrieben im Buch, so street smart und mit einer Kunst bewaffnet. – Ein Bruder Leichtfuß im Geist des Kulturjournalismus, das heißt, der raschen Auffassung und des skrupellosen Einsatzes.

Mit ihren Hinweisen auf „Gehwegschäden“ kapitulieren Berliner Ämter vor städtischen Verwitterungen. Sie schicken Begeher aus, schreiben Begehungsgeschwindigkeiten vor, legen Begehungsklassen fest und führen Begehungsbücher, die vor Gericht nachweisbiblisch standhalten. Vor Gericht und auf hoher See und als freier Journalist lernt man die Ohnmacht kennen und wer nun keinen Gott hat, der sollte boxen können. Wie Frantz & Kuhn. Der eine wie der andere bietet damit seiner „Losigkeit“ die Stirn, er bekämpft so die Rauschlust so wie die Unlust im beinah bürgerlichen Kreisverkehr. Frantz weiß: „Jedem Einzelnen geht unweigerlich die Puste aus. Er beugt sich schließlich (den erdrückenden Verhältnissen) und bietet (dem Callcenter-Kapitalismus) „sein Rektum“ dar. Das ist nicht schön und muss auch nicht wahr werden für jemanden, der Schach mit Boxen verbinden kann. Erfunden wurde dieser Zweikampf von dem holländischen Aktionskünstler Iepe Rubingh um die Jahrtausendwende. Als Aktivist der Berliner „Schachbox“-Sektion popularisiert Kuhn den sportlichen Evolutionssprung im Roman. Mit fünfzehn und gerade einmal sechzig Kilo schwer war er Vizedeutscher Meister im Kraftzweikampf, später brachte ihn der Kollege Michael Lentz zum Boxen. Kuhn erklärt: „Es gibt neun Knockout-Schläge“. Den härteste Schlag setzt ein Haken und vor allem bleibt zu lernen, den Hals mit seinem Kehlkopf zu schützen. – Indem du das Kinn zur Brust nimmst und da behältst, komme was wolle. Kuhn pendelt auf dem Hocker, er setzt der Luft zu, gekonnt mit steifen Händen. Das zeigt Leidenschaft. Kuhn nennt die Regeln im Schachboxen. Elf Runden sind vorgesehen, aber schon nach drei Minuten im Ring „überdreht der Körper total“. Boxen lernt Frantz von dem Kubaner Jesus. „An Jesus brichst du dir die Hände“ behauptet Kuhn, der Jesus persönlich kennt. So hart ist der körperlich, „nach vierhundert Kämpfen“. Dem schenkt keiner ein, dürr wie ein äthiopisches Rind, so zäh ist der Jesus.

Inzwischen wurde der gemütliche Teil eingeläutet. Paar Frauen stehen gleichermaßen erwartungsvoll und instinktsicher knapp außerhalb der Reichweite des Schriftstellers. Kuhn kontert eine imaginäre Hand, wie der Mann vom Fach zum Schlag sagt. Das sieht solide aus. In „Gehwegschäden“ geschieht auch Deep Throating in der Öffentlichkeit eines Clubs, ein „König der Schlaflosen“ hält Hof in der Ergebenheit … und Kuhn sagt in etwa: Der Dreh ist, den affektiven Apparat unter Kontrolle zu kriegen und mit Adrenalin im Blut denken zu können. Wie gesagt, Schachboxen ist ein evolutionärer Aufwärtshaken, das kann nämlich noch keiner bislang so richtig. Jedenfalls keiner aus den Reihen der Prekären, die aus dem Schachboxen eine soziale Strategie ableiten, „nicht im Sinne von Clausewitz, vielmehr von Tyson“. Ja, vor dem Schach kommt das Boxen und nach dem Fressen wird gefickt.

Hardcore Pankow

Arno Wilhelm, die Bornholmer Straße und die Schrecken des Ruhms am Beispiel von „Arizona“-Jack Rodman

In Berlin kann der Abstand zwischen zwei Tischen vor einem Spätkauf zur Barriere werden. Hier eine Schrebergartensituation ohne Schrebergarten, ein biodeutsches Stämmigkeitsfestival kurz vor prekär und schnapsverdrossen – und da die nüchterne Geiselnahme des Inhabers. Die landsmannschaftlichen Zugehörigkeitsfloskeln der türkischen Teekunden plagen ihn. Sein Spätkauf steht für Flaschen gerade, der Weißwein schon gekühlt; Rotkäppchen Sekt gegen das Vergessen. Er spannt eine Lichterkette an seine Gebietsgrenze, das ist ein possierlicher Jägerzaun. Seine Anpassung empfiehlt sich als Maßarbeit, exakter kann man sozial nicht einparken an diesem Rand der Bornholmer Straße. Die Straße bleibt Demarkationslinie. „Der Totalität: Schönhauser Allee“ – als einer Rekordhalterin der Berliner Veränderungsgeschwindigkeit – dient sie zum Auslaufen.

Wie eine Geste von oben herab nimmt sich das Literaturcafé „Periplaneta“ andererseits der Bornholmer Straße aus. Oben im Prenzlauer Berg sieht viel so aus, auf der Pankower Talsohle nichts mehr. „Periplaneta“ liegt dazwischen auf halbem Weg als angeschlagener Angelus Novus. Wer zu früh kommt, bestimmt die Verständnislosigkeit zur Kommentatorin. Sie steht vor dem „Pub 82“, die Zahl im Wirtshausnamen erinnert an die Hausnummer und wirkt wie eine Ermahnung, bloß nicht originell werden zu wollen. Im Rachen der Kneipenhäuslichkeit bricht ein vom Karies der Vergreisung ruinierter steiler Zahn einen Aufbruchsversuch ab. Schließlich ist jetzt auch noch nicht aller Tage Abend. Auf einem gespannten Leibchen flammt in Runenschrift „Sachsen Pride“. Die Frisur dazu bewirbt sich um Aufnahme im Bund deutscher Mädels, sie könnte ferner von Julija Tymoschenko inspiriert sein. Jack Rodman könnte sich an ihr beileibe vergreifen, als Goggleghostrider im Himmel digitaler Phantomprominenz. Doch lieber macht er im „Periplaneta“ von sich reden, als Titelheld in Arno Wilhelms erstem Roman, der außerdem „Die ganze Wahrheit“ heißt. Der Autor steht vor einem Mikrofon aus der Johnny Cash & „The Landsberg Barbarians“-Ära und erzählt die Geschichte von Nerd Sven, bei dem jeder Tag sein Fach im Schrank hat. Sven stoppt die Zeit für häusliche Verrichtungen, er hasst Abweichungen und Coverversionen. Er liebt über seine Verhältnisse und versteht selbst nicht weshalb … Lara ihm gewogen ist. Arno Wilhelm beschreibt sie als Löwin, die den Hamster Sven zur tätowierten Brust nimmt. Bedeutender als der Busen erscheint das Gesäß. Sven verbreitet sich darüber so, als vermutete er in dieser Partie eine Basis des Besonderen, vielleicht mit der Idee, das Leben habe sich was für ihn persönlich ausgedacht. Er vergleicht Lara mit einem siebenstelligen Lottogewinn, mit zu viel Glück sollte kein Nager am Tuch der Dürftigkeit rechnen. Der Roman sieht von Überraschungen ab, bald hat Lara Besseres zu tun als Sven Wunderbares zu bieten. Er verliert seine Freundin, den „Alles-wird-repariert“-Job, die Wohnung und beinah das Leben im Verlauf von vollen vierundzwanzig Stunden. Also Sven ist meistens voll. Bald kommt er zu sich wie einst Lord Byron mit der Feststellung: „I awoke one morning and found myself famous“. Wie kann das sein? Ganz einfach, Sven Dings hat sich als Arizona Singer-Song-Ranger Jack Rodman im digitalen Universum neu erfunden, in der Beherzigung einer Einsicht von Harrison Ford: „Große Veränderungen in unserem Leben können eine zweite Chance sein“. Nun ist es an Jack, Forderungen zu stellen und Frauen zu enttäuschen, die einem Sven dazu keine Gelegenheit gegeben hätten. Die märchenhafte Volte im Roman kommt im „periplaneta“ gut an. In dem Verlag gleichen Namens ist „Die ganze Wahrheit“ auch erschienen.

Dr. House habilitiert sich mit historischem House

Der Engländer Hugh Laurie kann ne Menge mehr als bloß Schauspieler

Ein Schauspieler in seinen Fünfzigern spricht von Passion und Leidenschaft und dabei doch nicht vom Metier seines Erfolgs. Hugh Laurie ist auch Schriftsteller, unter anderem hat er „Bockmist” geschrieben, der Titel taugt zu freundlichen Vermutungen. Laurie wurde berühmt als „Dr. House”, einem TV-Nephrologen von Format und mit Allüren in einer Serie gleichen Namens: das entnehme ich Mitteilungen der Unterhaltungsindustrie. Ich sehe Laurie zum ersten Mal und zwar in der Frankfurter Jahrhunderthalle, einer eher entlegenen Frohsinnsstätte, egal von wo und wem aus betrachtet. In der Ankündigung war von Blues die Rede – und Blues ist in jedem Fall promovierter House, historisch betrachtet. Dies in gebotener Kürze. („Ich bin überhaupt nicht verpflichtet, jetzt hier das große Licht anzumachen”. R.D. Brinkmann, „Westwärts 1 & 2”)

The British Invasion der 1960er Jahre popularisierte und egalisierte den Blues in Europa nicht zuletzt, sie verhalf ihm zu einem Triumph durch die alte Welt. Man könnte nun den Engländer Hugh Laurie einen Verspäteten dieses Transfers nennen, einen Sitzengebliebenen im Unterricht der Geschichte, die – nach Marx – sich als Farce wiederholt. Na gut, Vielseichtigkeit macht verdächtig. (Die Fehlleistung will im Text verbleiben, obwohl Vielseitigkeit bestimmt viel angebrachter wäre.) Immerhin bespielt Laurie die Weltbühne in verschiedenen Fächern.

Er kommt mit „Mellow Down Easy” von Willie Dixon auf die Bühne und nennt „MDE” ein Lied von Little Walter. In Lauries von der Copper Bottom Band nach bestem Wissen verstärkten Version fehlt nichts Wesentliches. Das Ergebnis geht über Einfühlung hinaus, da ist … a reputation of being a real blue(s) battler … so sagt das ein Amerikaner im Auditorium sehr treffend. Nur die Baratmosphäre auf der Bühne könnte aus einer englischen Internatsfantasie vom schwarzen US-Süden und seinen Sünden sein. – Diese Koinzidenz zwischen southern belle & postbellum south. Geschenkt. – Das New-Orleans-Pups-Ambiente mit all den Troddeln (im phonetischen Freilauf) und Fransen, die dazu gehören. Die Kulisse sieht nach maison de tolérance anno Toulouse-Lautrec aus. Sieht einfach nur schwül aus. Seit den Tagen von Sugar Ray Robinson sagt man: „To keep his skin tough, he didn´t shave on the day of the fight”. – Folglich sollte auch Laurie nicht rasiert sein. Natürlich kann er seine Versicherungen gegen das Versagen nicht einfach kündigen.

Laurie schwadroniert, doch dass er als Kind auf Willie Dixon eingestiegen ist, wirkt über jeden Dreh hinaus einnehmend. – Auf Dixon und nicht auf das grassierende Popelend aus dem Radio im Auto. Dixon repräsentierte race music, damals in den frühen 60ern, als Männer wie Laurie und ich uns dem Blues zuwandten. Na gut, wir waren im Kindergarten. Trotzdem kannten wir schon Louis Armstrong und „St. James Infirmary Blues” als intensives Instrumental, bevor der Gesang richtig losgeht. Vielleicht muss man ja der Menschheit so auf die Sprünge helfen, indem man den Blues an die bleiche Schunkel- und Mitklatschmentalität koppelt. Ein Hemd lässt sich so oder so durchschwitzen, auch zu Leadbelly´s „You don't know my mind”. Jerry Lee Lewis hat dem Lied zu Ansehen verholfen. Laurie zitiert aus dem Alten Testament und spielt auf Mahalia Jackson an, auf „Battle of Jericho”. Seiner Interpretation geht der Howlin´ Wolf ab, er klingt nach Gershwin light, und das ist immer noch eine Menge, die seine Band zumal hinkriegt. Sie ergibt sich aus dem Gitarristen Kevin Breit, dem Bassisten David Piltch, dem Schlagzeuger Jay Bellerose, dem Multiinstrumentalisten Patrick Warren, dem Saxofonisten Vincent Henry und der Sängerin Jean McClain. Übrigens hasste Laurie seine Klavierlehrerin. Ihr widmet er „Swanee River Boogie”. Inzwischen steht das Publikum.

Erzählende Gitarre

B.B. King in der Frankfurter Festhalle

In Chicago wurde der Blues elektrifiziert und die Choräle chicagot. Die Türme des Herrn in der schwarzen Kirchenmusik wachsen im Babylon des Urban Blues in einen Himmel voller Miseren und geschundener Sakramente. Kaum hoch genug scheint die antike Donnerkuppel der Frankfurter Festhalle für solche Offenbarungen.

Klar, man ist wegen B.B. King gekommen, aber Blues satt gibt es vorab schon mal von dem Pedal-Steel-Virtuosen Robert Randolph, der mit Familie und Freunden dem Publikum eine Lektion in den einschlägigen Spielarten verpasst.

„Feel it or blood out” lautet heute Abend die Devise in der bestuhlten und nicht eben überfüllten Arena. Wie kann das sein? Für mich ist ein Gott auf Rheinmain gelandet. Robert Randolph chicagot die bewährten Weisen, um alsdann wie die Allman Brothers im southern style anzuheben und hart an Dixie´s borderline auch noch mit Junior Brown einen anderen Pedal-Steel-isten aufzurufen. Er macht es knapp und bündig, ein eher gesetztes Publikum entlässt Randolph & Co. mit der richtigen Begeisterung. Keine Zugabe, steht wahrscheinlich so im Vertrag. Die „Kenny Wayne Shepherd Band” kracht gediegen vor sich hin. Kenny Wayne Shepherd stammt aus Louisiana und seine Gitarre hört sich haarklein wie Stevie Ray Vaughan an, bei dem die Differenz zwischen Mann und Instrument gegen Null tendierte. Der Texas Flood-Sound gefällt den Überirdischen zum Frühstück, aber nicht so. Die „Kenny Wayne Shepherd Band”: das ist Bluesrock mit ein paar Überdrehungen. Die Band bringt das, was der Anstand gebietet, wenn einen der Blues zur Adoption freigegeben hat. Dem Hybrid folgt die Invasion, mit einem vierköpfigen Bläsertrio plus eins; da swingt sich gleich mal eine weltumspannende Saite auf. B.B. bürgt für die Bonität des Blues auch noch in seinem siebenundachtzigsten Lebensjahr. Laid back betreibt er wie eine olympische Disziplin. Seine „Lucille” ist eine erzählende Gitarre. Er hat noch mehr Familie dabei, so „my sister´s son”, der den Namen seines Onkels zu seinem Vorteil trägt und als Walter King am Saxophon mithält. Das greise Genie an der Spitze der Nahrungskette befindet sich längst jenseits … von gut und evil, es unterhält sich und sein ehrfürchtiges Auditorium mit bonbonesken Scherzen und Hervorhebungen, etwa des Trompeters James 'Boogaloo' Bolden: „Dieser Mann kann tanzen”.

Kurz vor sarkastisch erinnert er an seine Heimat Itta Bena, Mississippi,wo er 1925 zur Welt kam. Im Weiteren ist noch alles da, die Stimme vor allem. B.B. King könnte als „the voice” in die Geschichte seines Genres eingehen, „Rock me Baby” … „rock me slow” singt er geradewegs, als wüsste er noch, wovon im Lied die Rede ist. – Wunder und Rätsel bei Methusalem. Moses geht auch, Moses in Zwiesprache mit der Ewigkeit. Die Gitarre strahlt, ja, Lucille lächelt. Sie klingt nach Perlmutt, synästhesistisch gesprochen. Selbst dann noch, wenn B.B. King „just for the ladies” die musikalische Schrecklichkeit „You are my sunshine” anstimmt und schließlich regelrecht abfackelt. Alles andere als müde kommt er auf eine alte Wohltat zurück: „The thrill is gone … You know you done me wrong baby/And you'll be sorry someday”. Aber die Gänsehaut bleibt dem Enthusiasten. In der Festhalle steht hoffentlich keiner für seinen Geschmack gerade und eben … auf dem Stuhl, dem BB King nicht das Alphabet der ganz großen Gefühle noch einmal ins Hirn trichtern konnte.

Ein Auszug aus der Team Tuschick Produktion

Hymen & Pride

Von Cia Torun und Jamal Tuschick

Die Arbeit beginnt mit der Überlegung, einen Türken zu heiraten, um etwas ganz zu sein. Eine Braut, darauf kommen wir zurück. Ein Landsmann wird aufgetan, er rollt an mit Bagage, Lara brüht Blätter auf, schließlich war sie auf der Schauspielschule. Die Brautzitronenrolle gefällt ihr. Wäre das hier echt, hätte sie sich vorher ein fabrikneues Hymen einsetzen lassen. Der Bräutigam fasst seinen Job traditionell auf, er sitzt stoisch die Begutachtung ab. Die Väter plaudern aus ihren osmanischen Grundschulen. Die Güte des Tees könnten den Ausschlag geben. Leider heißt Lara nicht Gül oder Erbse oder sonst wie nach Gemüse. So was kann schon irritieren, beim Einkauf einer Jungfrau in diesem falschen Land. Die Party kommt nicht in die Gänge als historisches Rollenspiel, es hat keiner richtig Bock auf richtig türkisch oder meinetwegen auch kurdisch, exilkurdisch, assimiliert türkisch. Man könnte schlankweg alles sein, nur nicht deutsch. Deutsch geht überhaupt nicht, das ist als Idee schon eine Beleidigung. Lara hat ihren Kater zum Fest gebeten, böse war die Nacht im Voraus der Travestie gewesen. Wenn sie bloß noch wüsste, zu wem sie gesagt: „Wenn du mich nicht sofort mit mehr Einsatz fickst, dann sag ich meinem Freund im Gefängnis Bescheid. Der hat noch Freunde in Freiheit“.

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Bülent C. ist kein Frankfurter

… aber trotzdem ein guter Kerl

Bülent Ceylan in der Commerzbank-Arena

Damnatio ad bestias nannten die Römer die tierische Zerfleischung zumal von Christen in der Arena. Bekanntlich verdanken wir den antiken Italienern die Zivilisation. In den Prozessen der Zivilisation vermindert sich das Leibliche zugunsten des Geistigen. Da geht alles hin, was den Menschen treibt, in der Einsicht, dass seine körperlichen Voraussetzungen (gemessen an fürwahr potenten Karnivoren) kaum wirkungsvoller sind als aus Pfoten gerissene Klauen. So wurde aus Gewalt (in friedlichen Zeiten) Verachtung. Ein Destillat der Verachtung ist der Spott. Dafür gibt es einen gewaltigen Markt, er ergibt sich aus einem kollektiven Affektstau. Damit kann man zeitgenössische Arenen zum Bersten füllen. So macht der Deutschtürke Bülent Ceylan Karriere. Er verputzt das Idiom seiner Gegend, die heißt Mannheim. Die kurpfälzische, zurzeit von Baden beanspruchte Hochburg präsentiert sich seit Joy Fleming und Xavier Naidoo als Melting pot. Da kommen die „Wilden Kreatürken” her, die Bülent Ceylan in sich vereint. Er ist ein Bauchredner deutscher Stimmungen. Sein Geschäft sind seelische Blähungen. Wie gut das geht, zeigten zuletzt 42.000 Zuschauer mit ihrer hingerissenen Gegenwart in der Commerzbank Arena an, die Bülent-„Ich-scheiß-auf-Kommerz”-Ceylan immer noch Waldstadion nennt. Er weiß, was sich gehört, und wo das Volk sein Herz an den Tropf preiswerter Wohltaten hängt. Bülent Ceylan ist supercharismatisch, er könnte auch eine Religion verkünden. Er erinnerte an seine Anfänge vor dreißig Zahlenden in der Frankfurt-Bornheimer “Frau Batz”, manche sagen auch Nordend-Ost zu Bornheim. Im Stadion trugen achthundert Spezialisten zum Gelingen bei, in der Bühne wurden hundert Tonnen Stahl verbaut. (Die Spezialisten verbrauchten beim Aufbau eine halbe Tonne Fleisch.) RTL filmte aus der Krone eines Krans, der über allen Wipfeln wippte, bestimmt auch den telegen beflügelten Verkehr, der immer so wolkig daherkommt. Es gab auch pyrotechnischen Budenzauber und Headbanging für ca. eine halbe Million zu solchen Scherzen: „Ich hab eine deutsche Uhr an. Die ist pünktlich”. Bülent Ceylan bespielte sämtliche Klischees: „Heiratet ein Türke eine Polin: dann vercheckt der eine, während die andere klaut”. Diese Essenz sog das Publikum aus der Bestuhlung. Ein Aufschrei aus zweiundvierzigtausend Kehlen, auf Papier hält der Satz kein müdes Lächeln aus. Bülent Ceylan zeigte sich als Harald mit einem Puma auf dem Herzen. H. leidet jede Nacht unter „standing ovation”. Sein Dilemma: Harndrang in Koinzidenz mit einer Erektion. Das Problem löst die Lebenszeit für so ziemlich jeden Harald, selbst wenn er im nächsten Durchgang Hasan heißt und seinen Hals mit einer Kette drosselt, hätte man realistisch einwenden können, doch wollte die Begeisterung der anderen Hälfte der Menschheit für jedes genitale Detail davon nichts wissen. In unheimlicher Einigkeit mit dem vortragenden Künstler setzte sie den Index für jugendgefährdende Schriften außer Kraft. Nichts kam so an wie Bülent Ceylans Aufklärungsunterricht für Zwölfjährige. Stichwort: „Wie erklärt man seiner Mutter ein unbezwingbares Bedürfnis?” Indem man sagt: „Ich bau mein Zelt ab”, um nicht mit „Höhenangst” leben zu müssen. Im Weiteren, „Was ist für Deutsche im Urlaub wichtig?” – „Keine Russen”. Der Komiker weiß, was emotionale Blockaden sind. Folglich riet er: „Komm Deutschland, lass die Sau raus” … und lach dich schlapp über deine Ressentiments, wenn man sie dir wie Honig um das große Maul schmiert. Das liest sich zu kritisch für gerecht. Wie gesagt, Bülent Ceylan ist ein grandioser Seelenfischer vulgo Rampeneber vor dem Herrn. In seiner Aura stürmt die Bagatelle aufs Siegertreppchen und solange „der Türk” Chef im Ring ist, gehört sie da auch hin. Der Mann lässt jedes Nichts leuchten. Er brachte auch das Auditorium dazu, die Arena mit blitzenden Telefonen auszuleuchten. Umso dunkler stellte sich mancher individuelle Abgang im nächtlichen Forst dar. Auf dem Weg zur Louisa, einer sagenhaften Sachsenhäuser Stelle, sangen die Helden, die zu Fuß gekommen waren und so auch munter gingen: „Wir sind Frankfurter” – und das war das Unverrückbarste an diesem Abend.

Was will das Verhängnis?

Kapielski bringt den Weltgeist in die Z-Bar

Die Hitze reißt sämtliche Fenster auf und eine Frau schreit: „So kommst du mir nicht ins Bett”. Das macht der Mai aus den Menschen in Berlin, dabei könnte das Leben im Sommer so schön sein. So mit leichter Hand zubereitet, könnte es sein, so wie ein Essen aus Resten, so dass man sich erfreuen könnte am Zauber restloser Verwertung. Steckt darin nicht auch eine Metapher für die zweite Lebenshälfte? – vom Gebrauch gebräunt. Die zweite Lebenshälfte duckt sich vor der ersten, sie taucht ab in der Z-Bar. Da ist ein Speakeasy für Literatur, ein Hinterzimmer für Geistreiche, ich finde, das klingt pathologisch, es nennt sich Salon und erscheint gemäßigt plüschig. Der vielseitige Thomas Kapielski, Charlottenburger von Geburt und Nasenflötist aus Passion, liest aus „Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen”, ein Spitzentitel in jeder Hinsicht. „Noch vor Anbruch der Nüchternheit bleicht Morgengraun die Schwärze” heißt es eingangs. Bald nimmt „Zuversicht” die “Gestalt von Milchreis an”. Das ist groß, in diesem Falle große Reiseprosa, denn das kaum von Kapielski unterschiedene erzählende Ich muss erst mal durch die halbe Stadt bis nach Tegel. Unterwegs kommen die Kalamitäten einer alternden Prostata zur Sprache, old age is not for sissies, die Stimme des Vortragskünstlers ist auch schon brüchig und einwenig durch die Hefe gezogen. Das Auditorium trägt sich wie ein Freundeskreis auf Klassenfahrt. Ich notiere Benn´sche Bündigkeit … preußischer Anklang … Genitiv an Stampfkartoffeln. Dazu Kapielski: „Alles, was je war, ging bis eben vorbei” … auf dieser „nie vollendeten Weltenbaustelle”. Inzwischen ist der Erzähler in München gelandet, das bloße Fleisch in der Kammer strebt in seinen Anwinklungen zu kubischen Formen. Was sich raffen und schürzen lässt, dem tat man das längst an. Kapielski fragt indes gescheit: „Was will das Verhängnis?” Es will sich vollenden, ganz klar. Viel fraglicher, wieviel Nächstenliebe darin steckt, seinem Kanarienvogel die Mandeln entfernen zu lassen. Doch wer an Gott glaubt, der hat ihn in jeder Rolltreppe, wie Kapielski treffend feststellt. In „hauptamtlicher Entrückung” reist das Alter ego weiter nach Frankfurt am Main und trinkt da was im Dauth-Schneider, obwohl es an sich lieber im Fichtekränzi einkehren würde. Darüber könnte man nun lange reden, wenn auch nicht mehr mit Michael Rudolf, der zum Zeitpunkt der Kapielski'schen „Reise”, siehe Vesper, noch dabei war – und bestimmt keinen Äpfelwein getrunken hat, als Brauer von Beruf. Na gut, „wir haben die Raf überlebt, wir werden auch BIO überleben”, in diesem Sinne trägt alles und jeder zur Heiterkeit bei, außer diesem blässlichen Rumpelstilzchen, das penetrierend behauptet, Christoph Maria Herbst zu sein. So klein ist doch der richtige Herbst in Wirklichkeit gar nicht, erklärt einer diesen Herbstdarsteller zum Lügner. Nun gibt es Wein zum Bier und eine Ostseeperle vertraut mir persönlich an: „Ostbraut hin oder her, wir haben doch auch nur zwei Brüste und ein' Popo”.

Kafka in der Altstadt

Die Dramatische Bühne gastiert im Familienbetrieb L. Montez in der Breite Gass

Das Spiel beginnt. Unnatürliche Doppelwesen schließen den Familienbetrieb L. Montez von der altstädtischen Magistrale mit dem schmalen Namen Breite Gass hinter schwere Hoftore. Ein saphirischer Kult hat seine Delegierten mit der Aufsicht bloßer Besucher betraut. Die Anhänger rasseln unter Ketten. Die Harmlosen verharren im Regen und in tropischem Dampf. Eine Deportation der Affinität, soweit sie das Theater betrifft, könnte ihren Anfang nehmen. Doch scheint sich der Auflauf im Betriebsgelände vor Verschleppung nicht zu fürchten. Durchaus gewöhnt ist man als Infizierter wohl an den Virus surrealer Emanationen der Dramatischen Bühne, die „Kafkas Prozess“ im Freudenhaus der Fam. Montez verhandelt. – Ein Gastspiel folglich, es hat schon begonnen, wie gesagt. Im Haus der Fam. Montez sind die Maler, vermutlich lauter Genies. Sie erkennen den Menschen als Widerspruch der Natur. Obwohl er die Erde unter sich begräbt, bleibt er eine globale Randerscheinung. Dies als Feststellung schon im Wege der Interpretation von viel Kunst am Bau con Kafka. Eine saugende Wirkung geht in diesem All von alldem aus. Man trifft alte Bekannte, Julian Koenig zum Beispiel, als Franz Kafka wieder. Jemand muss ihn verleumdet haben, denn ohne dass er sich einer Schuld bewusst gewesen wäre, ward er verhaftet. Nun macht man dem Versicherungsangestellten den „Process“ in einem Saal mit höllischem Oberlicht. Die Verteidigung distanziert sich vom Angeklagten. Eben noch Tross, steigt das Auditorium auf zu Geschworenen, belegt allerdings mit einer dreimonatigen Kopulationssperre. Zu entdecken geben sich Simone Greiß und Sarah Kortmann als Herrinnen des Geschehens vor Gericht, die von Thorsten Morawietz in Szenen gesetzte Angelegenheit ist also in den besten Händen. Die literarische Vorlage mit ihrer Terrorbürokratie und Kafkas Idiosynkrasien wird wie auf High Heels überspielt. Die Dramatische Bühne hat den Domina-Effekt von Bockenheim, wo sie hingehört, geradezu beinah bis ins Ostend verfrachtet. Zu Fuß gewordenen Fetischen kurieren menschgewordene Lemuren lebenslange Erkältungen. Sie führen die Geschworenen in eine Unterwelt mit tollen Äpfelweinfässern und Monte Christo´esken Verließen hinter veritablen Luftschutztüren. Inzwischen werden es der Angeklagten immer mehr, lauter Kafkas und kein Freispruch in Aussicht. Furios wirken sich die Vermehrungen in den montezianischen Katakomben aus. Längst haben sich Fraktionen gebildet, unterschieden in ihrer Verurteilungsbereitschaft. Statt findet auch ein soziales Experiment. Mancher mag glauben, er könne der Undurchsichtigkeit des „Processes“ in die Vernunft entgehen, wenn er nur die Verworfenheit des Angeklagten aus einer Schuld sich erklärte. Doch muss die Sache rätselhaft bleiben, sonst wäre sie nicht kafkaesk und bräuchte den Schweizer Käse von einem Labyrinth nur zur Vergeudung dunkler Stimmungen. Das aber kann keiner der Dramatischen Bühne vorwerfen: dass sie, Hydra und Hybris Frankfurter Theatralik, den kürzesten Meter nur verschenken würde, der sich ziehen lässt mit dem Korkenzieher des Grotesken.

erstellt am 17.5.2012