Was wissen wir über den amerikanischen Dichter Wallace Stevens? Mit Sicherheit zu wenig. Stevens gilt als der bedeutendste amerikanische Lyriker des 20. Jahrhunderts. Sein Werk gehört einerseits zur amerikanischen Tradition, weil er davon überzeugt war, dass Dichtung eine Offenbarung der Natur sein muss. Andererseits, weil er der Betrachtung und Reflexion anhing, weicht es davon ab. Allfällige Liebesgedichte oder Hymnen auf God’s Own Country sind nicht zu finden. Er war ein Kenner, ein skrupulöser Künstler, der wusste: Das Unvollendete ist unser Paradies. Der Gedichtband „Hellwach, am Rande des Schlafs“ führt mitten hinein in die kontroverse Weltsicht des Poeten Stevens.

Porträt

Hellwach

Die Gedichte des amerikanischen Dichters Wallace Stevens (1879 – 1955)

Von Bernd Leukert

„Wallace Stevens gilt heute unangefochten als der bedeutendste amerikanische Lyriker des 20. Jahrhunderts – Und sein Ruhm und sein Einfluss nehmen immer mehr zu.“ Das ist freilich ein Klappentext, wie er im Buche steht. Und obwohl niemand ficht und der Superlativ allein im dichterreichen Nordamerika zu den absurden Pflichtübungen gehört, müssen auch wir, im alten Europa, feststellen, dass die Dichtung von Wallace Stevens aus dem Rahmen dessen fällt, was uns an gedruckter ‚Poetry’ aus der neuen Welt bekannt ist. Es ist sicher ein europäischer Zug, der die Herangehensweise seiner poetischen Werke kennzeichnet: Im Gegensatz zu vielen anderen Dichtern, die eher einem antieuropäischen Impuls folgen, indem sie das Kunstvolle im Gedicht vermeiden, Virtuosität ganz ablehnen und Reflexion nur zulassen, sofern sie das Alltägliche als das Wundervolle erkennen lässt, verweilt Stevens bei seinen Gegenständen, um zu reflektieren. Und man bekommt den Eindruck, dass er Natur ohne metaphysische Bemerkungen gar nicht thematisiert. Helen Vendler, eine Institution der amerikanischen Literaturkritik, schrieb im Vorwort ihrer 1986 erschienenen ‚Anthology of Contemporary American Poetry’: „Jedes Gedicht ist, nach einem Satz von Wallace Stevens, ‚ein letzter Blick auf die Enten’. In gewisser Weise steht Dichtung im Gegensatz zum optimistischen Amerikanischen Traum von einer ewig sich entrollenden Grenze. … Stevens’ Version der poetischen Intensität des Blicks erscheint in ‚Credences of Summer’: … Die optische Konzentration, die von Stevens und anderen Modernen angekündigt wird, wird zur allgemeinen Pflicht im späten 20. Jahrhundert.“ Stevens selbst hat dekretiert: Dichtung muß mehr sein als eine Vorstellung des Geistes. Sie muß eine Offenbarung der Natur sein. Vorstellungen sind künstlich. Wahrnehmungen sind wesentlich. (Adagia) Dass er das Künstliche und das Wesentliche in seiner Dichtung mitunter kühn vermischt hat, macht ihren Reiz aus und erschwert zugleich ihren Zugang.

Der Schriftsteller Joachim Zünder in den „Akzenten“ (4/2011), der Übersetzer Kurt Heinrich Hansen in der Ausgabe „Planet auf dem Tisch“ (1961), sogar der Dichter Jan Wagner in seiner FAZ-Hommage „Der junge Dichter als Gott, der alte als Landstreicher“ (24. Juli 2010) haben – mehr oder weniger – auch ihre Schwierigkeiten mit der Kunst des amerikanischen Dichters bekannt. „Das Gedicht düpiert die Rationalität.“, heißt es da, „Die Wirklichkeit des Gedichts ist eine Erfahrung von Differenz.“ Oder: „Er gilt in Amerika seit langem als major poet, bei uns aber ist er bis zum heutigen Tage so gut wie unbekannt. Das liegt gewiss zum Teil an der Schwerverständlichkeit und damit auch an der Schwer-Übersetzbarkeit seiner Dichtung.“ Der 2010 gestorbene, britische Kritiker Frank Kermode bekannte, nachdem er Stevens’ „Le Monocle de mon Oncle“ gelesen hatte: „ Diese Verse gehören zu dem Schönsten, was Stevens geschrieben hat, aber ich weiß nicht, was sie bedeuten.“ Es geht etwas Widerständiges aus von den Versen des Dichters Wallace Stevens. Und es ist nicht einmal gut benennbar.

Stevens wurde 1879 in Reading, Pennsylvania, geboren, studierte Jura an der Harvard University, veröffentlichte erste Gedichte während des Studiums, zog nach New York, wo er als Journalist und dann, bis 1907, als Anwalt arbeitete, bevor er Justitiar in einer Versicherungsanstalt wurde. Er stieg in dieser Firma zum Vizepräsident der New Yorker Niederlassung auf, wechselte aber 1916 von New York zur ‚Hartford Accident and Indemnity Co.’ in Hartford, Connecticut. Sein erster Gedichtband „Harmonium“ (1923) stand im Schatten des kurz zuvor erschienenen „The Waste Land“ von T. S. Eliot. Erst in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde seine Dichtung wahrgenommen; er bekam Preise, darunter den National Book Award. 1955 starb er in Hartford. Nach seinem Tod gab seine Tochter Holly Stevens die Werke ihres Vaters heraus.

Zwei Sammlungen sind bei uns zweisprachig erschienen, die erwähnte, von Kurt Heinrich Hansen in der Ausgabe „Planet auf dem Tisch“ (Claassen, Hamburg 1961) und „Menschen, aus Worten gemacht“, herausgegeben von Klaus-Dieter Sommer (Verlag Volk und Welt 1983), ohne dass sie an der Unkenntnis des lesenden Publikums merklich etwas geändert hätten. Joachim Sartorius, Schriftsteller, Dichter und bis Januar 2012 Intendant der Berliner Festspiele, hat nun mit der Herausgabe des Bandes Wallace Stevens: Hellwach, am Rande des Schlafs. Gedichte (Hanser, München 2011) einen neuen Anlauf unternommen, mit einer zweisprachigen Auswahl neue Leser für den Klassiker der amerikanischen Poesie zu gewinnen. Etwa 30 Titel hat Sartorius selbst übersetzt, bei den anderen handelt es sich um Übertragungen von Hans Magnus Enzensberger, Karin Graf, Durs Grünbein, Michael Köhlmeier und Bastian Kresser. Aufgenommen sind neben der nach persönlichen Vorlieben zusammengestellten Kollektion zum ersten Mal auf deutsch The Rock, Gedichte aus dem Nachlass und das Langgedicht Notes Toward a Supreme Fiction.

Der erste dieser dreiteiligen „Notate auf dem Weg zu einer höchsten Fiktion“ besteht aus zehn Abschnitten, dessen erster, „Es muß abstrakt sein“, nach einem Prolog, im hohen Ton ansetzt mit Beginne, Ephebe, mit dem Erfassen der Idee/ dieser Erfindung, dieser erfundenen Welt,/ der unfassbaren Idee von der Sonne.// Du mußt wieder ein unkundiger Mensch werden/ und die Sonne mit unkundigem Auge wieder neu sehen/ und sie klar sehen in der Idee von ihr.// Nimm niemals einen erfinderischen Geist als Quelle/ dieser Idee an, noch forme für diesen Geist/ einen mächtigen, in seinem Feuer eingehüllten Meister.// Wie rein die Sonne, wenn in ihrer Idee betrachtet,/ gewaschen in der fernsten Reinheit eines Himmels,/ der uns und unsere Bilder ausgestoßen hat … Der politisch konservative Atheist Stevens verkündet hier programmatisch das WerdetwiedieKinder und die Offenbarung der Natur. Das ist nun ganz im Sinne einer in Amerika weit verbreiteten transzendentalen Sicht – vor allem auf künstlerische Hervorbringungen, die dem altgriechischen ‚Entbergen’ nachempfunden sind. Und apodiktisch sagt er in seinen ‚Adagia’: Das Gedicht offenbart sich nur dem Unwissenden. Und: Dichtung muß der Intelligenz nahezu ganz widerstehen.

Wie stellte Stevens es an, seine Dichtung über den Abgrund einer mystischen Blödigkeit hinwegzuführen? Ich nehme an, er hat in seinen Gedichten und aphoristischen Notizen der Antinomie keine Beachtung geschenkt, die sich notwendigerweise ergibt, wenn er immer wieder mit abstrahierender Anstrengung und phantastischer Projektion einen paradiesischen Zustand beschwört, wie in „Vom reinen Sein“: Die Palme am Ende des Geistes,/ jenseits des letzten Gedankens, ragt/ in die bronzefarbene Ferne.// Ein Vogel mit goldenen Federn/ singt in der Palme, ohne Menschensinn,/ ohne Menschengefühl, ein fremdes Lied.// Du weißt dann, nicht die Vernunft ist es,/ die uns glücklich oder unglücklich macht./ Der Vogel singt. Seine Federn glänzen.// Die Palme steht am Rande des Raums,/ Der Wind bewegt sich langsam in den Zweigen./ Die flammenden Federn des Vogels hängen herab.

Es finden sich anrührende Gedichte in diesem Band, wie die „Trümmer des Lebens und des Geistes“, das beginnt mit der Zeile Es gibt so weniges, das nah ist, warm., evoziert eine rote und goldene, Verse sprechende Frau und schließt mit Bleib da. Sprich von vertrauten Dingen ein Weilchen.

Und es gibt nicht selten formale Einfälle, wie die Wiederholung eines Wortes innerhalb einer Strophe oder eines ganzen Gedichts, wobei der jeweils andere Kontext dieses Wort ‚umfärbt’. Dieses permutative Verfahren ist zum Beispiel konstitutiv für den Zyklus „Der Mann mit der blauen Gitarre“. In jedem der 33 Gedichte wird die blaue Gitarre, das Blau und die Gitarre auf irgendeine Weise dekliniert und modifiziert. Ohne Intelligenz ist das wohl nicht zu machen. – Diese Auswahl repräsentiert nicht ein homogenes Werk. Allein deshalb gäbe es sehr viel über dieses Buch zu erzählen. Auffallend ist aber, dass es keine anspruchslosen Gedichte darin gibt, keine Gelegenheitsgedichte, aber auch keine Liebesgedichte. Den Widerstand, den er vorfand – Ich kriege die Welt nicht rund und ganz,/ doch stückle ich sie so gut ich kann., heißt es im „Mann mit der blauen Gitarre“ – den muss auch der Leser überwinden, wenn er sich diese Dichtung zu erobern will. Man kann aber auch scheitern. In „Eine Entdeckung des Denkens“ heißt es: An den Antipoden der Poesie der dunkle Winter,/ wenn die Bäume von dem glänzen, was sie entblößt,/ Tageslicht verdunstet wie ein Laut, den ein Kranker hört.// Man wird wieder ein Kind. Die goldenen Bärte der Wasserfälle/ lösen sich auf wie in unmündigem blauen Schnee./ Es ist eine Laube gegen den Wind, ein Abgrund im Nebel,/ ein Versickern des nördlichen Stammbaums,/ die Sommergrille sich selbst aus dem Eis bildend./ … Ein Kranker? Unmündiger Schnee? Sommergrille?

„Es ist auch schön, dachte ich einmal, sich mit unverständlichen Wörtern ins Bett zu legen, des Nachts. Sie umhüllen die Füße mit zweitem Dunkel – und das wärmt auf seine Art.“ Das schrieb Hendrik Jackson in „Helm aus Phlox“, einem erstaunlichen Buch voller spielerischer Dummheiten und intelligenten Überlegungen zur zeitgenössischen Lyrik. Aber das ist ein anderes Kapitel.

erstellt am 17.5.2012

Wallace Stevens (1948)
Wallace Stevens (1948)

AUDIO: Wallace Stevens liest »Final Soliloquy Of The Interior Paramour«

Wallace Stevens  (1900)
Wallace Stevens (1900)
Wallace Stevens (1922)
Wallace Stevens (1922)
Wallace Stevens mit Tochter Holly (1925)
Wallace Stevens mit Tochter Holly (1925)

AUDIO: Wallace Stevens liest »Not Ideas About The Thing But The Thing Itself«

Wallace Stevens
Hellwach, am Rande des Schlafs
Gedichte.
Hrsg. von Joachim Sartorius
Fester Einband, 352 Seiten
Hanser, München 2011

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Ann Cotton, Daniel Falb, Hendrik Jackson, Steffen Popp, Monika Rinck
Helm aus Phlox
Merve Verlag, Berlin 2011

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