Die Alte Oper in Frankfurt ist regelmäßig ausverkauft, wenn Paolo Conte aus dem nordwestitalienischen Asti sich die Ehre gibt. Wenn Paolo Conte musiziert, ist es, als spräche Thomas Mann zu uns: spielerisch und tröstend – so schrieb vor drei Jahren Andreas Maier. Auch Mitte Mai 2012 zieht der italienische Liedermacher, Chansonier und Jazzer wieder die ganze musikalische Aufmerksamkeit der Mainmetropole auf sich. Im Konzert tritt er mal als zarter Pianist, dann wieder mit einem perfekt eingespielten Orchester auf. Mal verliert sich Paolo Conte im Dixieland, um darauf Klezmer-Töne anzuschlagen. Ebenso verarbeitet er Chanson-Elemente und lässt spanische Tänze anklingen. Mit seinem Bruder Giorgio veröffentlichte er schon 1962 The Italian Way To Swing mit Jazzstandards, in denen er aber selbst nicht sang. Mit ihm schrieb er auch das unvergessliche Una giornata al mare – ein Tag am Meer. Eigentlich komponierte er dann Erfolgslieder wie Azzuro für Adriano Celentano, doch die Tapes, die er Anfang der 70er nur für sich aufnahm, machten die Runde und ihn dann zum Weltstar. Auf der Bühne hat er eine enorme Präsenz und ist trotz seines Erfolges ganz bescheiden, geradezu liebevoll zeigt er sich seinem Publikum. Nelson heißt seine neue Platte, es ist Nummer 27; der 75-Jährige hat sie schlicht nach seinem Hund benannt, der auch das Cover ziert. Florian Koch befragt den Charmeur mit der rauen Stimme zu seinen Vorlieben und Kompositionsprinzipien.

Interview

Fragen an Paolo Conte

Als Kind wollten Sie Arzt werden, sie wurden aber Rechtsanwalt, dann endlich Songschreiber, schließlich Sänger. Sie machen sich auch einen Namen als Maler. Wie viele Gesichter hat Paolo Conte?

Viele Gesichter, vor allem wenn es um die mentale Konfusion geht. Aber ich würde sagen, dass die älteste Leidenschaft die Malerei ist. Ich habe schon als Junge damit angefangen. Danach habe ich die Malerei etwas kultiviert – und es vergingen viele Jahre, dass sich keinen Pinsel in der Hand hatte.

Woher kommt Ihre Vorliebe für schwarze amerikanische Jazzmusiker? Sie sind ein wichtiges Thema in Ihrer Malerei.

Ich würde sagen, das lag daran, dass meine Generation in Italien den Jazz entdeckt hat. Die ersten Jazz-Platten waren die absolute Neuigkeit für uns. Es kam einfach etwas Stimmiges zusammen, etwas, das es vorher so nicht gab. Für uns war es eine Jagd, die neusten Platten zu besorgen, es herrschte ein Jazz-Kult. Wir müssen, glaube ich, erkennen, dass der Jazz die Wiege der künstlerischen Avantgarde war und dass jedes neue Konzept einer Moderne in Bescheidenheit dahin zurückkehren muss.

Was gab den Ausschlag, dass Sie eines Tages anfingen, selbst zu singen?

Ich habe nie gedacht, dass ich jemals selbst singen würde. Ich habe jedoch meine Lieder aufgenommen, um sie anderen Sängern vorzuspielen, und eines Tages hörte das ein Produzent, der meinte: Daraus lässt sich etwas machen. Dann haben wir die erste Platte eingespielt, das war 1974, und dann ging es immer weiter.

Arbeiten Sie beim Komponieren mehr mit dem Bauch oder mehr mit dem Kopf?

Ganz eindeutig: mehr mit dem Bauch.

Wie würden Sie Ihre Musik selbst beschreiben, mir scheint, als arbeiten Sie zwischen allen Genres?

Meine Musik ist die Summe aller Schätze, die mir wichtig waren. In der alten Musik gibt es unglaubliche Preziosen, auch in der Musik des 19. Jahrhunderts. Bei meiner Platte Razmataz etwa verwende ich aber auch dämonische javanische Lieder oder auch eine symphonische Suite. – Ich verarbeite, was mich bewegt.

Was ist bei Paolo Conte zuerst da, die Musik oder der Text?

Zuerst ist immer die Musik da.

Wann komponieren Sie? Beiläufig und wie aus dem Ärmel geschüttelt, oder konzentriert zu einer bestimmten Tageszeit?

Das hängt völlig von der Inspiration ab. Meistens setze ich mich nachts ans Klavier, wenn ich alleine bin und eine gewisse Einsamkeit spüre. In Ruhe, ganz langsam, piano piano.

In welcher Tradition sehen Sie sich selbst? Mehr Jazz oder mehr Chanson? Gibt es Vorbilder?

Beide Traditionen sind wichtig für mich. Am Ende des Tages würde ich aber sagen, 70 Prozent Chanson und 30 Prozent Jazz. Vorbilder gibt es, im Jazz die 1920er Jahre, beim Chanson die Franzosen, die Südamerikaner und der alte neapolitanische Gesang.

Was bedeutet Ihnen der Kazoo, dieses schräge Blasinstrument? Steckt Ihr Credo darin?

Ja bestimmt. Ich spiele den Kazoo djangomässig, im Stile von Duke Ellington. Erste Versuche mit dem Kazoo gab es schon in meiner Kindheit. Mit meinem Bruder habe ich mir einige aus Papier gebaut. Eines Tages hat er mir dann ein echtes Kazoo geschenkt, und seither bin ich diesem eigentümlichen Instrument definitiv verfallen. Das war zu jener Zeit, als ich mir noch kein Orchester leisten konnte, und ich mir so, nur mit Klavier und Kazoo, vorstellte, ein ganzes Orchester zu haben.

Was macht Paolo Conte, wenn er einen Abend ganz für sich hat?

Das ist wahrscheinlich weniger aufregend, als Sie denken. Meine Frau und ich leben eher zurückgezogen, wir führen kein gesellschaftliches Leben, und wenn ich mal einen Abend Zeit habe, dann genießen wir die Zweisamkeit.

Haben Sie ein Lieblingsland, wo treten Sie besonders gerne auf?

Das ist wirklich überraschend: In allen Ländern spreche ich offenbar einen ähnlichen Schlag Menschen an, so dass ich beim Konzert den Eindruck habe, mein Publikum ist überall gleich, es hat die gleichen Charakteristika: Sie hören gut zu, sind warmherzig – ich möchte zwar keine Komplimente machen, aber das deutsche Publikum ist besonders sensibel.

Haben Sie ein Rezept für Ihren Erfolg, oder wovon hing der ab?

Erfolgsrezepte nicht von mir, weil ich kein Stratege bin. Ich habe mein Publikum ganz langsam erobert. Ohne Werbung oder ohne im Fernsehen gewesen zu sein, unauffällig, das Publikum waren meine Freunde, wie eine Familie, ohne Besessenheit, sie mochten meine Lieder und irgendwie sprach sich das rum.

Die Fragen stellte Florian Koch
Übersetzung: Ewa Doerenkamp

erstellt am 09.5.2012

Zeichnung von Paolo Conte
Zeichnung von Paolo Conte