Isabelle Barth, Iris Reinhardt Hassenzahl und Karl Walter Sprungala
Isabelle Barth, Iris Reinhardt Hassenzahl und Karl Walter Sprungala
Theater

Sauerstoff

Von Franziska Lüdtke

Sauerstoff ist das häufigste Element auf der Erde. Ohne ihn können wir nicht leben, aber in hoher Konzentration ist er giftig. Von Sauerstoff handelt auch Iwan Wyrypajews gleichnamiges Stück, das in einer Inszenierung von Tim Egloff am 5. Mai in den Landungsbrücken Frankfurt Premiere hatte.

Sauerstoff ist ein berauschender Text, formal weniger ein Stück als ein Sprechgesang für eine weibliche und eine männliche Stimme, den Stefan Schmidtke hervorragend ins Deutsche übertragen hat. Es geht um die Befindlichkeiten der in den 1970ern geborenen Generation, die auf der Suche nach essentiellen Werten – eben symbolischem Sauerstoff – durch ihr Leben und die Welt taumelt. Personifiziert wird diese Generation durch Alex (ander) aus der Provinz und Alex (andra) aus der Hauptstadt, ein unwahrscheinliches Liebespaar, dessen hedonistischen Lebensstil Wyrypaew mit den Forderungen Jesu aus der Bergpredigt konfrontiert: „Ihr habt gehört, dass den Alten gesagt worden ist: ,Du sollst nicht töten, wer aber tötet, der muss vors Gericht.‘ Ich kannte mal einen Typen, der sehr schlecht hörte. Er hat nicht gehört, als gesagt wurde, du sollst nicht töten, wahrscheinlich, weil er gerade Kopfhörer aufhatte“.

Alex aus der Provinz verliebt sich wahnsinnig in Alex aus der Hauptstadt, eine Frau die purer Sauerstoff ist, so dass er umgehend eine Sauerstoffvergiftung bekommt, „denn das passiert denen, die vorher Sauerstoffmangel hatten“, weil sie jahrelang mit einer Frau gelebt haben, „die nach Schweiß und billigen Parfüm roch, anstatt nach Kinderseife und Brennesselschampoo“. Also erschlägt Alex aus der Provinz seine Frau im Garten mit einem Spaten, um atmen zu können.

Von da aus entfaltet Wyrypajew ein zweistimmiges Poem in zehn Kompositionen, jeweils aufgeteilt in Strophen und Refrain, in dem verschiedene Sprachebenen zu einem treibenden, unwiderstehlichen Rhythmus verschmelzen, und das allmählich vom Monologischen ins Dialogische umschlägt. Biblische Sprache trifft auf Alltagsslang, es geht um Sex und Lügen, Liebe und Hass, Ehebruch, Krieg, Terrorismus, Alkohol und warum wir das alles eigentlich machen, obwohl wir doch gehört haben, wie gesagt wurde, dass wir es lassen sollen. Aber wahrscheinlich hatten wir da alle gerade Kopfhörer auf.

Tim Egloff verzichtet in seiner Inszenierung auf jeglichen Schnickschnack und verlässt sich ausschließlich auf Wyrypajews Text und die exzellenten Schauspieler. Isabelle Barth (Sie) und Karl Walter Sprungala (Er) spielen mit großer Präzision, Leichtigkeit und untrüglichem Gespür für den richtigen Tonfall, den Rhythmus, das Tempo, die ständigen Wechsel zwischen Tiefe, Banalität und Ironie. Sie ziehen das Publikum so restlos in ihren Bann, dass man die gesamte Spieldauer (Wie lange? 60 Minuten? Oder 90? Keine Ahnung. Egal.) an ihren Lippen hängt. Oder an ihren tanzenden Schatten, die wie zufällig auf dem Boden verstreute Scheinwerfern bizarr vergrößert an die Wände werfen. Über allem thront fast regungslos, aber ungeheuer präsent, Iris Reinhardt Hassenzahl als DJ zwischen Klosterschülerin und strenger Hip-Hop-Göttin. Das Trio spielt in einem kargen Bühnenbild: Vor der kahlen weißgetünchten Rückwand steht ein Turm aus drei Scherenpodesten für DJ und DJ-Pult. Davor bilden vier weitere, rot bezogene Podeste einen in zwei L-förmige Inseln geteilten Laufsteg, darauf je ein weißer Universalplastiksessel, auf dem Boden zwei Mikros auf Stativen. Das ist alles und mehr ist nicht nötig.

Erst mal erstaunlich für ein Stück mit DJ ist der extrem sparsame Einsatz von Musik. Kalter, gleichförmig-fantasieloser Hip-Hop markiert die Intervalle zwischen den einzelnen Kompositionen und hat darüber hinaus keine Funktion, stört allerdings auch nicht. Aber womöglich ist auch das Konzept, denn das fast völlige Fehlen von Musik betont die enorme Musikalität des Textes und fügt sich konsequent in die bewusste Kargheit der gesamten Inszenierung ein.

Wer sich diese Produktion nicht anschaut, riskiert auf jeden Fall Sauerstoff-Mangel. Sowas kann übrigens zu massiven Hirnschäden führen … Sorry, no pressure intended.

erstellt am 09.5.2012

Isabelle Barth als Alexandra
Isabelle Barth als Alexandra
Iris Reinhardt Hassenzahl als DJ
Iris Reinhardt Hassenzahl als DJ