Silvia Tennenbaum. Foto: Wolfgang Becker
Foto: Wolfgang Becker

In dem Roman »Straßen von gestern« beschreibt die heute 84-jährige Silvia Tennenbaum den Alltag einer alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familie über vier Generationen hinweg. Im Rahmen des Projekts »Frankfurt liest ein Buch« spricht Ruth Fühner mit der Autorin über das Leben als jüdische Emigrantin in den USA. Ein Audiomitschnitt und ein Buchauszug geben Einblick.

Audiosequenz aus einem Gespräch zwischen Silvia Tennenbaum und Ruth Fühner in der Buchhandlung »Land in Sicht«, Frankfurt 2012.

Romananfang

Straßen von gestern

Von Silvia Tennenbaum

1903

Eduard Wertheim fand alle Babys häßlich, und er versäumte es nie, dies ihren Müttern mitzuteilen. Als er an einem strahlenden Frühlingstag das Wohnzimmer seiner Schwägerin betrat, um sich zum erstenmal Helene anzusehen, die in Caroline Wert- heims Armen lag, rief er: »Mein Gott! Sie sieht aus wie ein wütendes Äffchen!«

Hedwig, die Kinderfrau, schnaubte entrüstet, und das zaghafte Lächeln verschwand aus Carolines Gesicht. Sie saß auf einer eleganten Empire-Chaiselongue, einen weichen, weißen Morgenrock aus Musselin über ihrem voluminösen Batist- nachthemd, doch sie fühlte sich nicht wohl; ihre Brüste waren fest umwickelt, um den Milchfluß zu unterbinden. Dr. Schlesin- ger, der Arzt der Familie, beachtete es nicht, wenn sie über ihren unbehaglichen Zustand klagte, und verordnete weiter Ruhe und leichte Nahrung. »Kein Gänseschmalz«, sagte er schmunzelnd.

Trotz der Beschwerden versuchte Caroline, zu all ihren Be- suchern freundlich zu sein, besonders zu Edu, über den sie sich häufig ärgerte. »Ich finde, sie ist schön«, sagte sie. »Du magst einfach keine Babys!«

»Sie wird schön sein, sobald sie anfängt, ihrer Mutter zu ähneln«, erwiderte Edu galant. Eine Wolke von Zigarrenrauch quoll aus seinen Nasenlöchern; er wartete darauf, daß Caroline ihm verzieh.

»Das Kind wird noch ersticken«, brummte Hedwig, nahm Lene aus den Armen ihrer Mutter und rauschte mit ihr hinaus.

Caroline, die keineswegs besänftigt war, wußte nicht, was sie mit diesem Schwager reden sollte, der sich, obwohl erst zwanzig, das Air eines Mannes von Welt gab. Er war gerade von einem zweijährigen Aufenthalt in Amerika zurückgekehrt und hatte ein festes Urteil über alles und jedes. Aber auch er wußte im Augenblick nichts zu sagen. Er besaß noch nicht die nötige Ungezwungenheit im Gespräch mit Frauen und auch nicht die Gewandtheit, einen toten Punkt in der Unterhaltung mühelos zu überwinden. Er war geistreich und witzig, aber er brauchte ein männliches Gegenüber, um in bester Form zu sein; bei Frauen wurde sein Esprit allzu leicht zur Kränkung.

»Jetzt, da ich das kleine Monstrum bewundert habe, kann ich mich verabschieden«, sagte er. Caroline lächelte ihm erleichtert zu. Sie hatte weder etwas für seinen Zigarrenrauch noch für sei- nen Humor übrig, und seine Selbstgefälligkeit empfand sie als beleidigend.

»Ich danke dir für deinen Besuch«, sagte sie, seinen flüchtigen, pflichtschuldigen Kuß entgegennehmend. »Wir haben uns alle gefragt, ob du wohl in Amerika bleiben würdest.«

»Amerika ist nichts für mich«, verkündete er großspurig. »Die Männer haben nicht einen kultivierten Knochen im Leib; sie könnten ebensogut mit Kriegsbemalung herumlaufen wie die Indianer. Und die Frauen! Alles alte Vetteln! Und Frauenrechtlerinnen«, setzte er hinzu. Er war aufgestanden, um zu gehen, blieb aber einen Augenblick stehen – ein schlanker, gutaussehender Mann, in das Beste gekleidet, was englische Schneiderarbeit liefern konnte – und blickte sich im Zimmer um. Er sah, wie das Licht, das über die Mahagonimöbel glitt, den alten Teppich in einen üppigen, farbenfrohen orientalischen Garten verwandelte. Es war schön, wieder daheim in Deutschland zu sein, vor allem in Frankfurt, bei den Seinen.

Edu drückte die Zigarre in dem sauberen Marmoraschenbecher aus, der genau in der Mitte der Brokatdecke auf dem kleinen Tisch neben der Tür stand. »Laß es dir gutgehen«, sagte er zu Caroline, die ihre Augen vor der eindringenden Sonne geschlossen hatte, »und grüße meinen Bruder Nathan von mir.«

»Wir sehen uns am Samstag«, murmelte sie.

Er schloß behutsam die Tür. Es war niemand in der unteren Halle, um ihn hinauszulassen, und so nahm er selbst seine Melone vom Hutständer und hinterließ kein Trinkgeld für das unaufmerksame Hausmädchen. Er stieg die breiten Stufen vor dem Haus seines Bruders hinab, und sein Blick fiel auf den lila Flieder, der in duftender Fülle kaskadenartig über die Garten- mauer fiel, und die stattliche Kastanie, über der zarte, weiße Lämmerwolken im endlosen blauen Maienhimmel schwebten. Aber er sah auch, daß die geschwungene steinerne Balustrade gereinigt werden mußte und daß das Eisentor einen neuen Anstrich brauchte.

Edu war mit sich und der Welt zufrieden. Er beschloß, auf dem Heimweg einen Bummel durch den Palmengarten zu machen. Während er gemächlich dahinschlenderte, dachte er an die Zeit in New York, wo er im Bankhaus Kuhn, Loeb & Co. gelernt hatte. Für ihn war es eine Verbannung gewesen. Er hatte seine Arbeit gewissenhaft, ja sogar eifrig erledigt, aber es war ihm nicht gelungen, seine Einsamkeit zu überwinden. Die lärmenden Amerikaner, voller Optimismus und Naivität, hatten ihn eingeschüchtert. Er hatte keine Freunde gefunden. Und er war nicht, wie er gehofft hatte, von den besten amerikanischen Familien mit offenen Armen empfangen worden, obgleich sein Vater, Moritz Wertheim, sich seiner guten Beziehungen zu Jacob Schiff rühmte.

»Mein Großvater hat in der Judengasse direkt gegenüber von den Schiffs gewohnt«, sagte Moritz jedesmal, wenn er an die Zeit im Judenviertel zurückdachte, »und die Familien waren eng befreundet. Alle Welt spricht über die Rothschilds, aber sie sind nicht die einzige bedeutende Familie, die aus dem Frank- furter Ghetto stammt. Sie sind die reichste, gewiß, aber auch einigen anderen von uns ist es nicht gerade schlecht ergangen.« An diesem Punkt angelangt, neigte er sich unweigerlich vornüber. Er hielt diese kleine Rede schon fast gewohnheitsmäßig jedem seiner Kinder und Enkel, sobald sie alt genug waren, ihn zu verstehen. »Und etwas darfst du nicht vergessen«, pflegte er zu sagen. »Es gibt noch eine andere Art von Prestige – die alten Juden nannten es jichus –, und davon besaß unsere Familie sehr viel, selbst als wir noch nicht das Geld hatten.«

»Ich weiß«, pflegte Edu seinem Vater zu antworten, aber die kleine Predigt umschwebte seinen Kopf wie die Dämpfe, mit denen seine Mutter Erkältungen kurierte – ein seltsam duften der Hauch der Vergangenheit, ohne Beziehung zu dem, was er als Gegenwart kannte.

»Es hat etwas mit Rechtschaffenheit und Tugend zu tun, mit Güte und Ehrfurcht vor denen, die Reichtümer des Geistes besitzen: Wissen und Gelehrsamkeit. Geh hin und lies – aber natürlich kannst du das nicht – die Worte auf den Grabsteinen des alten Friedhofs, dann wirst du wissen, was deine Vorfahren für so wichtig hielten, daß die Welt es erfahren und Gott nicht vergessen sollte.«

Daraufhin lehnte sich Moritz immer in seinem Stuhl zurück, und Edu machte ein ernstes Gesicht, denn er wußte, daß das von ihm erwartet wurde. Aber jetzt fragte er sich, warum er während seiner Lehrzeit so wenig von Jacob Schiff zu sehen bekommen hatte, wenn die Familienbeziehung so eng war, wie sein Vater behauptete. Nur ein einziges Mal war er zu einem Freitagabend-Essen eingeladen worden. Es hatte ihn, wie er seiner Familie berichtete, nicht sehr beeindruckt. Die Frömmigkeit stieß ihn ab. »Stellt euch vor, die Männer mußten Scheitelkäppchen tragen! In der heutigen Zeit!« Außerdem (und dies war, wie er zugab, nicht die Schuld von Jacob Schiff) wurde New York von einer Million oder mehr mittelloser Einwanderer überschwemmt, von denen viele, wenn nicht die meisten, Juden aus Osteuropa waren. »Ihr werdet schon sehen, was das für einen Antisemitismus in ihrer kostbaren Demokratie hervorrufen wird«, sagte er, und seine Mutter, Hannchen, nickte. Sie stimmte immer mit Edu überein; er war der jüngste ihrer fünf Söhne und ihr erklärter Liebling.

Edu schlenderte zufrieden durch den Palmengarten, den er wegen seiner Vielfalt an heimischen und exotischen Pflanzen liebte. Er hatte seine Wege und Treibhäuser ausgekundschaftet, solange er denken konnte, hatte die Blumen und Kakteen, die tropischen Palmen und Orchideen genau untersucht und sogar ihre lateinischen Namen gelernt. Die Gärtner kannten und grüßten ihn. Obwohl sie im allgemeinen wortkarg waren, erklärten sie ihm sogar hin und wieder die Pflege einer besonders kostbaren Pflanze. Pflanzen zu züchten erschien Eduard Wertheim eine großartige und befriedigende Beschäftigung; die schwere Arbeit wurde mit Schönheit oder süßem Duft belohnt, und man brauchte dabei keine rührselige Zuneigung zu zeigen.

Auszug mit freundlicher Genehmigung vom Verlag Schöffling & Co.
© Schöffling & Co., Frankfurt 2012

erstellt am 06.5.2012

Silvia Tennenbaum
Straßen von gestern
Roman
Aus dem Englischen von Ulla de Herrera
Gebunden, 656 Seiten
Schöffling & Co, Frankfurt am Main

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