Buchkritik

Weben und Wissen

»Türkische Tagebücher« von Klaus Reichert

Von Clair Lüdenbach

Anatolischer Kelim
Anatolischer Kelim

Tagebücher versprechen oftmals intime Details, die in diesen Aufzeichnungen bei drei Pantoffelpaaren unter einem Doppelbett enden. Denn nicht die Gefühle stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Der Name Klaus Reichert, Anglist und Hebraistiker, verspricht eher eine linguistische, biblische und historische Webarbeit, ähnlich einem anatolischen Kelim. „Stein, Disteln, Dornen – das entspricht dem nach der Vertreibung Adam angewiesenen Land, und wenn Gott ihn aus dieser dunklen Ackererde (adama) geknetet hat, dann muss Adam ein Mohr gewesen sein.“ Dieser Gedanke kommt Klaus Reichert, als er vor dem Hügel steht, wo der Sage nach Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies lebten. Tatsächlich von Adam und Eva bis heute spannt der Autor den Bogen in seinem Buch „Türkische Tagebücher“. Im Jahre 2008 folgt der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler einer Einladung der Arbeitsgemeinschaft deutscher Literaturhäuser und des Goetheinstituts. Wie andere Kollegen soll Klaus Reichert die Türkei kennenlernen und darüber in einem Online-Tagebuch berichten. Im Gegenzug besuchen türkische Schriftsteller Deutschland. Anlass für diesen Austausch ist die Buchmesse mit der Türkei als Gastland 2008. Als erstes Reiseziel wählt Reichert Urfa, die Provinzstadt nahe der syrischen Grenze. Dort finden sich Spuren vieler Kulturen, die bis in die Zeit der Sumerer zurückreichen. Aus der Reflexion dieser Spurensuche entsteht der erste Teil des Buches, das anatolische Tagebuch. Im zweiten Teil, dem ägäischen Tagebuch, beschreibt Reichert die Ausgrabungsstätten am Mittelmeer, Streifzüge durch Istanbul und einen Ausflug nach Edirne nahe der bulgarisch-türkischen Grenze. Dort steht das Alterswerk des berühmten Baumeisters Mimar Sinan aus dem frühen 16. Jahrhundert. „Ich habe mich gefragt und frage mich immer noch, warum Sinans Kunst nicht zu beschreiben ist. Weil sie nicht erzählt? Weil sich nur Maßverhältnisse angeben lassen, technische Problemlösungen? ‚Statt Einfühlung: Abstraktion’ (Le Corbusier)“.

Urfa-Mann
Urfa-Mann

In diesem kompakten Buch von kaum 200 Seiten erzählt Klaus Reichert von historischen Funden, wie dem Urfa-Mann, der ältesten Menschendarstellung, von antiken, auch biblischen Orten, Blumen und Pflanzen, alltäglichen Begegnungen, Träumen und Missgeschicken. Er entdeckt Feministinnen mit Kopftuch, trifft Frauen, die ihn an die Darstellung beleibter, sumerischer Muttergöttinnen erinnern, und gastfreundliche wie geschäftstüchtige Kelimhändler. Den Kelims widmet Reichert seine besondere Aufmerksamkeit, denn die Muster der alten Teppiche erzählen Geschichten und sind Bindeglieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In der Nähe von Harran, unweit der syrischen Grenze, besucht er die Höhle des Propheten Suaybs, der Moses’ Schwiegervater gewesen sein soll. Dort finden sich „Ritzzeichnungen aus der Steinzeit, die der Prophet schon vorgefunden haben muß“, ebenso einen Kultort der Sabäer, eine Bergkette, die den sieben Planeten geweiht ist und auf die Zeit um 2000 vor unserer Zeitrechnung zurück geht. Es ist besonders reizvoll, wenn Klaus Reichert die Fallhöhe der Geschichte an seinen einfachen Beobachtungen deutlich macht: „Wir steigen hinab über kümmerliches Gras mit Löwenzahn, Augentrost, Silberdisteln vom vorigen Jahr. Da kommt uns eine Schafherde entgegen […] irgendwann werden sie wieder zusammengetrieben und wogen als Flechten den Hang hinab, wie das Haar der Geliebten im Hohenlied, von dem es heißt, es woge wie eine Herde Schafe herab vom Berg Gilead“.
Solche Sprachbilder, die unendliche Ferne und unmittelbare Nähe zusammenrücken lassen, begegnen einem immer wieder in den Tagebuchaufzeichnungen. In wenigen Worten vermittelt sich so die Unvergänglichkeit alter Kulturen. Solche Überlegungen und Hinterfragungen des Gesehenen lassen den Übersetzer des Hohenliedes und Sprachgelehrten erkennen. Nicht weniger anschaulich berichtet Reichert von kleinen Niederlagen, wie den Diebstahl eines Handys, das ihm ein Jugendlicher, geschickt wie ein Taschenspieler, entwendet. Diesem Verlust der Mobilität widmet er einen ganzen Abschnitt, in dem er seinen grotesken Hader und die vielen Gedankenspiele ausbreitet, die ihn umtreiben, um seinen Besitz wiederzuerlangen. Doch bald geht es weiter, zu Funden der Urzeit oder biblischen Stätten. Dazwischen streut er seine Beobachtungen der Natur, des Volkes der Anatolier und ihrer Feste. In vielen Gesprächen mit Würdenträgern und einfachen Leuten tritt manchmal eine seltsam anmutende Sicht auf die Geschichte zutage, zu der die Vertreibung der Griechen 1924 ebenso gehört wie das Kurdenproblem.

Pergamon
Pergamon

Zu Anfang des ägäischen Tagebuchs nimmt Reichert ganz direkt auf die Umsiedlungsaktion Kemal Atatürks in den Jahren 1923/24 Bezug: Die Wirtin in der kleinen Pension von Cunda kam als türkisch-stämmige Griechin von Kreta dorthin. „Die alte Frau, barfuß, fast zahnlos, empfängt die Gäste liebevoll-stürmisch mit vielen Küssen wie lange in der Fremde gewesene, heimgekehrte Verwandte“. Die neue Heimat absorbiert alles, die Menschen, die nie heimisch wurden oder die Gartenkräuter und das Olivenöl aus Kreta, das heute zum besten Produkt der Türkei gehört. Nach diesem Einblick in die wunden Seelen der Bewohner am Ägäischen Meer führt der Reiseweg auf die luftigen Höhen des alten Pergamon. „Am höchsten Punkt des Berges steht das riesige Trajaneum mit seinen mächtigen Substrukturen und Teilen der wieder aufgerichteten Säulenhalle“, schreibt Klaus Reichert. „In der Mittagssonne strahlt der Marmor in einer überirdisch-ewigen Helle“. Den Platz, auf dem einst der zweigeschossige Pergamonaltar – heute in Berlin – hoch aufragte, überschatten mächtige Schirmpinien. „Monumental wie der Altar ist die Landschaft, in der er stand, und ich versuche mir die Hunderte der Opfernden vorzustellen, die Rinder, die Schafe, die brennenden Duftkräuter“. Natürlich wird auch Troja besucht, wo Reichert nur mühsam die Bedeutung der Stadt in den Mauerresten ahnen kann. Dafür entzückt ihn die Ausgrabungsstätte von Alexandria Troas, eine Gründung aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert, wo einst Cäsar eine Weltstadt plante. „Wacholderbüsche, dazwischen abgebrochene Granitsäulen. Wie schön, daß das meiste nicht ,verfallen’ ist, sondern in unbekannter Verlorenheit unter der bewahrenden Erde ruht. Das Theater, in dem auch hier Paulus gepredigt hat, ist von der Natur wieder zurückgeholt worden. Schön“. Noch viel reichhaltiger lässt sich die Vielheit der Kulturen und Religionen in den Ruinen von Ephesus erkennen. Hier soll Paulus ebenfalls gepredigt haben, aber auch Johannes und Lukas begraben und Maria gestorben sein. Eindrucksvoller ist es an diesem antiken Ort jedoch, sich Heraklit hineinzudenken, „wie er sich in der noch leeren Landschaft, aber zwischen demselben Pflanzenwuchs wie heute, seine Rätselsprüche ausdachte“. Die Reisen in die unendliche Weite der frühen abendländischen und orientalischen Kultur endet in Istanbul bei den großen Bauwerken aus der frühen osmanischen Zeit, ist doch seit langem der Islam das alles überlagernde Dach der türkischen Zivilisation.

Klaus Reichert hat mehr als einen Reiseführer geschrieben. Es ist ein Tagebuch mit allen eindrücklichen und profanen Gedanken des Tages, aber ebenso ein Werk mit unzähligen Querverweisen zur Geschichte der Menschheit. Trotz aller Dichte der Beobachtungen sind die „Türkischen Tagebücher“ eine unterhaltsame Lektüre. Zudem ist das kleine Buch wunderbar gestaltet mit einem Umschlag, der einen Kelim abbildet. Damit verströmt es die ganze Wärme eines Teppichs und die Wärme vieler Tage auf geschichtsträchtiger Erde.

erstellt am 03.5.2012

Blaue Moschee, Istanbul. Foto: Doris Stickler
Blaue Moschee, Istanbul. Foto: Doris Stickler
Ephesus. Foto: Clair Lüdenbach
Ephesus. Foto: Clair Lüdenbach
Troja. Foto: Clair Lüdenbach
Troja. Foto: Clair Lüdenbach

Klaus Reichert
Türkische Tagebücher
Reisen in ein unentdecktes Land
Sachbuch
Hardcover
S. Fischer Verlag, Frankfurt
ISBN: 978-3-10-062949-4*

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