Gerhard Polt – 70. Geburtstag am 7. Mai 2012
Gespräch

Indien muss warten

Jürgen Roth im Gespräch mit Gerhard Polt über den Biergarten, das Wetter, die Zeit und andere windige Dinge

Roth: Ich würde übers Wetter reden.

Polt: Das find’ ich auch am besten.

Es ist schon auffällig, da das öffentliche Reden übers Wetter jedes Jahr weiter zunimmt.

Das kann sein, ja. Das Wetter ist nach wie vor eine beständige Sache. Und vor allem, ich glaub’, das Wetter wird interessanter, weil: Es ist ja auch interessanter. Es gibt doch Filme – The Day After Tomorrow zum Beispiel, ich hab’ den Film nicht gesehen –, die jetzt schon die Bedrohung übers Wetter ansprechen. Die Apokalypse kommt eigentlich übers Wetter. Jedenfalls, die Aufmerksamkeit fürs Wetter kann man im Fernsehen durch den Wetterbericht immer weiter steigern. Vielleicht werden irgendwann Wiederholungen kommen, dass man mal sagt: Na ja, wie war denn der Donnerstag im Juli sowieso, da ham wir hier Aufzeichnungen. Ich kann mir schon vorstellen, dass das kommt.

Wie kann man sich das erklären? Ich kenne Leute, die regelrecht nach Wetternachrichten gieren und sich mehrmals am Tag bestätigen lassen müssen, wie das Wetter morgen wird. Warum ist der moderne Mensch beim Wetter so nervös?

Da müsste man vielleicht mit Unterstellungen arbeiten. Vielleicht ist wirklich zunehmend die Küche so schlecht, dass die Leute so schnell mit dem Essen fertig sind, dass sie sich aufs Wetter kaprizieren. Sogar die Italiener, ein Volk, das häufig lange Perioden schönen Wetters hat, reden immer mehr übers Wetter. Wenn ein Engländer übers Wetter redet oder ein Skandinavier, dann kann man sich das eigentlich eher vorstellen. Obwohl, wenn man immer schlechtes Wetter gewöhnt ist, könnt’ man abstumpfen. Aber die Leut’ ereifern sich und sagen: Jetzt haben wir doch schon wieder keinen Sommer gehabt. Warten wir noch mal zehn Jahre, vielleicht kommt wieder einer. In manchen Gegenden kommt ja nie ein Sommer.

Der Sommer ist die größte Klagezeit. Es ist entweder zu heiß oder zu kalt.

Richtig. Das Reden übers Wetter haben wir ja von den Bauern geerbt. Die Bauern haben das Wetter immer benutzt, um in Brüssel mehr Subventionen zu kriegen. Wegen dem Wetter hat man in Bayern auch die CSU gewählt. Das hat sicher nur meteorologische Gründe.

Dem Bauer kann man es vielleicht am wenigsten recht machen. Der ist immer Vorreiter gewesen beim Klagen übers Wetter.

Klar. Er muss jammern. Und um am Jammern einen Genuss zu haben, hat er jede Möglichkeit des Wetters ins Negative gesetzt. Da wird er bemitleidenswert. Und dann braucht man dafür Heilige. Für jedes Wetter gibt es einen Heiligen, für Hagel, für Dauerregen, für Nieselregen und für Überschwemmungen.

Ist das Reden übers Wetter heute eine Art Ersatztheologie?

Schon möglich. Eine Gesellschaft, der es immer fader wird, die kapriziert sich auf solche Dinge. Zeitvertreib eben. Wie vertreib’ ich mir die Zeit? Oder: Wie lass ich mir die Zeit austreiben? Zeitaustrieb …

Auf der wunderbaren CD Der unbekannte Valentin, die du mit Gisela Schneeberger gemacht hast, macht sich Karl Valentin in dem Stück „Der Regen“ für die harmlose, liebliche Erscheinung des Regens stark und verwahrt sich dagegen, das Wort „Sauwetter“ weiter zu benutzen.

Richtig.

Dem kann man heute nach wie vor vorbehaltlos zustimmen?

Bestimmt.

Als Naturwesen ist der Mensch prinzipiell in jedes beliebige Wetter schon hineingeboren. Er wird ja erst zum Wettergriesgram. Ist Wetter eine Erziehungsfrage? Könnte man auch zur guten Wetterlaune erziehen?

Es gibt ja das Wort „Wetterdienst“, also: Dienst am Wetter. Also, ich nehme an, dass man den Mensch mit dem Wetter und mit der Laune verbinden kann. „Gutes Wetter machen“ und andere Anspielungen mit Wetter legen das nahe. „Wettern“ – der Mann hat gewettert. Das sagt man, glaub’ ich, nur noch selten. „Er wetterte“ – sagt man das nicht mehr? Das ist papieren, das sagt man nicht mehr, oder?

Heute sagt man eher englische Wörter.

Genau. „He weathered.“ Aber, soweit ich das begreifen kann, es kommen heute viele junge Menschen mit dem Wetter nicht mehr in Berührung, weil sie sich meistens in Räumen aufhalten. Das heißt, man redet über etwas, das man im Grunde nicht kennt – so, wie Menschen heute über Hühner oder über Tiere reden, die sie in ihrem Leben nie kennengelernt haben. Man isst ein Huhn, hat’s am Teller, aber hat nie im Leben ein lebendiges Huhn gesehen. Viele Menschen werden groß, die kommen in den Kindergarten, die werden da hingefahren, die werden wieder weggefahren, dann kommen die in die Schule, die sitzen ja ständig irgendwo drin, wo eigentlich gar kein Wetter stattfindet, und vielleicht macht das die Sache so interessant, dass man immer über so was Theoretisches redet. Wir kannten früher schon noch hitzefrei. Oder wenn zuviel Schnee war, konnte man die Schule kaum erreichen. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt so gute Schneefräsen. Ich glaube auch, eine Fernsehsendung übers Wetter ist günstig herzustellen. Man streckt das dann. Und dann gibt’s Langzeitprognosen, so ähnlich wie Horoskope. Man könnt’ sagen: Wie verhält sich denn dieser Sommer in den nächsten zwei Jahren? Es ist futuristisch. Man denkt weit.

Und wenn das Wetter nicht passt, und das tut es nie, fahren die Leute weg, in den Urlaub. Da müssen sie ihre Zeit verbringen. Auf der CD Die ganze Welt und überhaupt, die aus Gesprächen komponiert wurde, die du von 1980 bis 1984 zusammen mit Otto Grünmandl kreiert hast, wird ausführlich erwogen, wie man richtig verreist. Hast du Tips parat, wie man das Verreisen angeht, Stichwort Zeitersparnis?

Ja.

Der Grünmandl erzählt, er wollte nach Indien fahren, ist aber doch lieber nach Italien gefahren, und dadurch hat er an einem Tag vier bis sechs Wochen eingespart.

So haben wir damals die Rechnung aufgemacht. Indien musste warten.

Eure Erörterungen zum Zeitduktus sind unvermindert erhellend. Das Timen der eigenen Zeit wird ja heute immer wichtiger …

Man versucht’s.

Es gibt so etwas wie Urlaubs-Timemanager.

Das ist die Grundidee, dass die Zeit eine Art Kapital ist, die Zins bringt, also mehr Zeit bringt. Ich lege die Zeit an wie Aktien oder Immobilien, und dann bringt die Zeit mir etwas. Ich investiere Zeit, und die nutze ich voll. Dieser utilitaristische Gedanke verhindert, die Zeit einfach vorübergehen zu lassen. Im Italienischen gibt es ein Wort, das mir gefällt: „trastullo“. Das ist ein schönes Wort. Das klingt auch schön. Da ist ein Zeitvertreib gemeint, in dem etwas Spielerisches drin ist. Da ist eine Person, die die Zeit nicht verbringt im Nichtstun, also im Müßiggang, dass sie dann einfach nur müßig geht, was für den Homo faber eigentlich verdächtig ist, sondern die das sozusagen charmant macht. Es ist nicht provokativ Zeit hinausgeschmissen – dass man dem andern demonstriert: Schau mal her, ich hab’ so viel Zeit, ich kann souverän damit umgeh’n! Es ist mir aufgefallen, dass es Menschen gibt, die ein Problem damit ham, anderen das Gefühl zu geben, sie hätten Zeit, weil sie nichts zu tun haben. Die leiden förmlich darunter. Ich kannte jemanden, der war schon pensioniert, ist aber immer mit einer Aktenmappe rumgelaufen. Da hab’ ich ihn wirklich gefragt, was hat er denn eigentlich da dabei. Da sagt er: Nix. Wäre er ohne die Aktentasche herumgelaufen, hätten die Leute gemeint, er wär’ praktisch hinfällig gewesen.

Da wird Zeit zum Gegner, zur Bedrohung.

Ja. Er segelt nicht mit der Zeit, sondern er segelt dann gegen die Zeit. Es ist schon erstaunlich.

Diese Zwanghaftigkeit ist kein ganz zeitgenössisches Phänomen.

Das geht schon lange, und das wird uns auch noch lange begleiten, nehme ich an. Das sehen wir jetzt wieder in der politischen und sonstigen Diskussion – die Frage, wieviel Zeit hat jemand zu arbeiten, wieviel Zeit steht ihm zur Verfügung, ab wann darf er in Pension gehen. Man fragt ja nicht: Wie effektiv ist er oder was macht er, sondern man fragt, wie viele Stunden er nach wie vor im Dienst dieses Zeituhrgedankens herumbringt. Wieviel Zeit ist er anwesend? Anwesenheit, das ist wichtig. Präsenz.

Fünfzig Stunden pro Woche arbeiten.

Das ist ein sehr abstrakter Begriff. Aber ich nehm’ an, dass das viele Leute begeistert, wenn sie sagen, der arbeitet zwei Stunden länger. Man könnte das auch anders nehmen und sagen: Der schläft noch weniger. Ich weiß noch, wie wir in der Schule immer den Julius Cäsar bewundert haben, weil die immer gesagt haben, dass der fast überhaupt nix geschlafen hat. Nur zwei oder drei Stunden. Wenn er geritten ist, hat er mal kurz am Pferd geschlafen, weil er immer beschäftigt war.

Das Gegenmodell wäre möglicherweise, wenn man im Sommer nicht unbedingt nach Italien fahren will, sich in einen Biergarten zu setzen.

Das ist für einen Menschen eigentlich eine gute Alternative. Wenn der Biergarten entsprechend ist, kann der Mensch sich seine Würde zurückholen.

Wie muss ein entsprechender Biergarten aussehen?

Das ist schwer. Ich weiß es nicht genau. Man stellt immer erst im nachhinein fest, ob dieser Biergarten den Ansprüchen gerecht geworden ist. Aber es gibt Grundregeln. Der klassische Biergarten muss tatsächlich Kastanienbäume beinhalten. Eigentlich keine Linden. Fichten schon gar nicht. Koniferen überhaupt nicht. Es braucht die klassische Rosskastanie. Dann muss der Boden kiesbedeckt sein. Er darf nicht gepflastert sein. Das sind wirkliche, essentielle Anforderungen. Dann darf der Biergarten nicht zu voll sein, und er darf nicht zu leer sein. Es müssen Leute dasein, aber es muss ein optimaler Abstand sichergestellt sein. Ein Tisch muss frei sein, und am übernächsten dürfen zwei oder drei Leute sitzen. Ein Tisch darf voll sein, da dürfen sechs Leute sitzen, und dann ein Tisch wieder nur eine Person.

Was spricht gegen die Linde? Das ist doch ein schöner Baum.

Ein wunderbarer Baum. Aber eben kein Biergartenbaum. Ein Lindengarten ist kein Biergarten. Früher hat man, um den Bierkeller möglichst beschattet zu halten, Kastanien genommen, weil die besonders große Blätter haben. Das ist der Grund für die Rosskastanie.

Ich beobachte, dass es zum Beispiel in der Fränkischen Schweiz, in der Bierkellergegend par excellence, immer weniger Biergärten gibt, die nicht asphaltiert sind. Der Landbewohner hat wahrscheinlich traditionellerweise weniger einen Blick für die Schönheiten, die ihn tagtäglich umgeben, aber er muss doch merken, dass ein Biergarten nicht asphaltiert gehört.

Es ist doch allein schon das Geräusch. Wenn ich das höre, wie die Bedienung da durch den Kies stapft und mir das Bier bringt, ich brauch’ die gar nicht sehen, ich hör’ das nur, dann weiß ich, jetzt wird mir was gebracht, jetzt kommt dieses frische Bier. Das ist wunderbar. Wenn ich diesen Boden versiegele, mach’ ich schon einen Fehler. Das ist schon falsch. Gewisse Grundkenntnisse werden aber auch nicht in der Schule vermittelt. Nicht einmal in einem Gymnasium wird einem jungen Menschen mehr mitgeteilt, wie ein Biergarten zu sein hat.

Was isst man im Biergarten? Das Essen ist ja auch eine angenehme Zeitbremse.

Nach wie vor ist einfach obligatorisch, dass man sich gewisse Dinge in den Biergarten mitnehmen kann – und ansonsten eigentlich nur Kleinigkeiten. Irgendein Stück Wurst. Da gibt’s verschiedene Möglichkeiten. Eine Pfälzer oder eine Tiroler. Oder, von mir aus, auch eine Lyoner. Der berühmte Wurstsalat. Essiggurke. Radi. Obatzt’n. Jedenfalls keine Nouvelle cuisine.

Und dann in Ruhe essen.

Das ist entscheidend. Eine gewisse Ruhe. Wobei das Wort „Ruhe“ heute ja auch missverstanden wird. Ich sag’ mal: eine Gelassenheit. Das wär’s. Die Souveränität des Im-Biergarten-Befindlichen, der gar nicht auf die Uhr schauen muss. Weil’s wurscht is’, wann er heim kommt. Die innere Uhr ist sozusagen das, was er getrunken hat. Er spürt an Hand des Konsums, ob er noch bleibt oder nicht.

Das muss tagsüber passieren. Abends ist der Biergarten zu voll.

Ja. Es gibt dann die Leute, die, ich sag’s mal vorsichtig, vormittags, so zirka um zehn nach zehn, zwanzig nach zehn, in den Biergarten geh’n und dann ungefähr spätestens Viertel nach zwölf, halb eins langsam sich erheben. Meistens, wenn Leute von Büros kommen. Mit denen mag dieser Biergartengänger eigentlich nicht so gern zusammen sein, mit Leuten, die den Biergarten als Mittagspause, als Intervall, nur als Interimslösung seh’n.

Wie sollte, wenn man von der Biergartensaison ins winterliche Wirtshaus überwechselt, ein solches Wirtshaus beschaffen sein, in dem sich auch die für deine Stücke so wichtige Gaststättengesprächsanregung ereignen kann?

Sofern es überhaupt noch ein Wirtshaus gibt – und nicht ein Restaurant oder wie sie sich immer nennen. Das sind ja keine Wirtshäuser mehr. Das heißt, ich brauche Leute, die im Wirtshaus sind, die überhaupt in der Lage sind, zu reden. Normalerweise reden sie in diesen Restaurants ja nicht mehr so viel, da reden sie ja nichts Vulgäres mehr. Wirtshäuser in dem Sinn gibt’s halt immer weniger, Wirtshäuser, wo die Leute Karten spiel’n. Das ist ein Aufenthaltsort, ein Lebensraum, nicht ein Raum, in den ich hingehe, schnell esse und dann wieder gehe. Der Ersatz der Piazetta in Italien, wo sich Leute wirklich aufhalten. Die wollen nicht heimgehen. Daheim ist es entsetzlich. Im Wirtshaus kann der Mensch Ich sein. Früher gab’s Wirtshäuser, heute gibt’s Wärmestuben. Und es gibt doch heute am Land diese Heime. Jeder Tennisclub hat irgendwie sein Heim. Die sind alle für sich. Die grillen dann auch extra. Morgen wird gegrillt bei den Handballern, übermorgen grillen die Tennisspieler. Es wird nur gegrillt.

Grillen, Wetter – man muss vielleicht, wie die Hauptfigur aus deinem Stück „Olé“, nach Spanien auswandern und sich dann am Fernseher darüber freuen, wie über Mitteleuropa mal wieder „ein Tief daherkrabbelt“.

Richtig. Das hat mir auch jemand so erzählt. Er hat gesagt, es ist für ihn das Allerschönste, wenn er weiß und sieht, wie er diesem Schicksal entronnen ist. Da hat sich alles gelohnt für ihn, der Weg, die Kosten. Er weiß, er ist nicht betroffen von dem Tief aus Island. Wunderbar. Er hat’s geschafft.

erstellt am 29.4.2012

»Wer ist wir? Ich nicht.«

Gerhard Polt

Track „Quanto costa” von der CD 7 „Und wer zahlt's?” aus der CD-Box „Opus-Magnum”. Mit freundlicher Genehmigung von Kein & Aber.

Gerhard Polt
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Bei Kein & Aber erscheint die Geburtstags-Edition:
Eine 10-bändige Werkausgabe, die Gerhard Polts wichtigste Texte, das heißt alle Geschichten, Stücke, Monologe und Dialoge, aus der Anfangszeit in Zusammenarbeit mit Hanns Christian Müller bis heute versammelt. Ergänzt wird die Sammlung durch bisher unveröffentlichtes
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