Das Museum Giersch in Frankfurt widmet dem Maler Wilhelm Steinhausen (1846-1924) eine längst überfällige Ausstellung. Der Nachlass, der sich noch zum großen Teil in der Hand der Familie und einer gemeinnützigen Stiftung befindet, sollte nicht nur durch die aktuelle Schau in den Blick rücken. Er ist auch Teil der Kunstgeschichte der Stadt.

Künstler-Porträt

Die Welt aus feinem Stoffe gemacht

Der Maler Wilhelm Steinhausen in Frankfurt

Von Isa Bickmann

Heute blickt man vom Atelierfenster in der oberen Etage des Steinhausen-Hauses auf den Campus Westend. Die reflektierenden Glasscheiben eines nebenan erbauten Hochhauses haben die Lichtverhältnisse im Atelierraum verändert. Am Fenster stehend fällt der Blick auf ein kleines Gemälde Steinhausens, das zeigt, wie es dort zu seinen Lebzeiten aussah: Er blickte auf das grüne, ländliche Umland Frankfurts. Damals lagen die für ihn und Hans Thoma im Jahre 1885 von Simon Ravenstein erbauten Häuser in der Wolfsgangstraße 150 und 152 am äußeren Rand der Stadt.

Mit Wehmut verlässt man den Raum, der nahezu in dem Zustand ist, wie er Steinhausen als Studio diente. So fern die Welt anmutet, die draußen in dem wuchtigen Poelzig-Bau sichtbar wird, so eigenartig intim und friedvoll ist die gemalte Welt Steinhausens. Beim Gang durch die übrigen Zimmer des Hauses, die dem angemeldeten Besucher geöffnet werden, blickt man auf Familienportraits, Landschaften, Zeichnungen und die so genannten „Tagebuchblätter“. Die im Durchschnitt 20 × 30 cm großen Gemälde auf Holz oder Pappe gaben ihm die Gelegenheit, Natureindrücke „so frisch, getreu und spontan“ festzuhalten, wie Maraike Bückling, Sammlungsleiterin im Frankfurter Liebieghaus und Ur-Enkelin des Künstlers in ihrer Dissertation (1987) über Steinhausens Landschaftsmalerei schreibt (S. 63). Die Kunsthistorikerin ist auch Vorsitzende der 1978 eingerichteten Steinhausen-Stiftung, die das Haus betreibt und pflegt und den Nachlass durch Zukäufe ergänzt. Mit einer Neuhängung kann die Einrichtung nun aufwarten, da viele Werke in die Ausstellung im Museum Giersch gegeben wurde.

Constantin Paquet, ein weiterer Ur-Enkel des Künstlers, zeigt auf Kisten voller Fotos und anderen Kleinodien, die verwahrt wurden. Vieles harrt hier noch der Bearbeitung. Der kunsthistorischen Forschung ergäbe sich so manche bislang unbearbeitete Themenstellung. Ein Glücksfall war es, dass zwei Töchter Steinhausens, Rose und Ida-Luise, den Nachlass zusammengehalten haben und auch die nächste und übernächste Generation der Nachfahren mit großem Engagement vieles dafür tut, dass der Künstler unvergessen bleibt.

Der Kampf um Anerkennung und um ein ausreichendes finanzielles Auskommen verbunden mit hartnäckigem Eigensinn, was die eigene Themenwahl betraf, hat Wilhelm Steinhausens Werk (Abb. 1, im Selbstbildnis mit seiner Frau) bestimmt. Die Kunstkritik machte es ihm und vielen seiner Freunde reichlich schwer, denn die Umsetzung religiöser Themen war protestantisch begründet und setzte sich von den althergebrachten Motivvorgaben ab. Erfolgreicher waren seine Illustrationen und Wanddekorationen.

Obwohl es in Frankfurt jene aktive Steinhausen-Stiftung gibt, ist ihm seit 1924, seinem Todesjahr, keine umfassende Ausstellung gewidmet worden. Dabei hat er ein Werk hinterlassen, das abseits einiger Disparitäten vor allem dadurch fasziniert, dass es sich sowohl in der Zeit verhaftet als auch eigenständig zeigt. Die Nähe zu dem Freund und Malerkollegen Hans Thoma, den er aus den Karlsruher Studienjahren kannte und mit dem er 1877 Wohnung und Atelier in der Frankfurter Mainzer Landstraße 64 teilte, später von 1885 bis 1899 in der Wolfsgangstraße Haus an Haus wohnte, ist in Steinhausens Werk spürbar, besonders betreffend einer Naturfassung, die Thoma durch einen Parisaufenthalt in Kenntnis der Schule von Barbizon und der Werke Courbets dem Freund zugänglich machen konnte. Steinhausen selbst fuhr erst 1900 nach Paris zur Weltausstellung. Dort zeigte er das Gemälde „Der heilige Christopherus“ und die Lithographie „Kommunion“.

Schon früh wusste Steinhausen, dass er Maler werden wollte. Nach unbefriedigender Studienzeit an der Akademie in Berlin, seit der er von der Kunstkritik häufig den Romantikern und Nazarenern zugeordnet wurde, ging er 1866 nach Karlsruhe. Dort befreundete er sich u.a. mit Hans Thoma und Wilhelm Trübner. 1872 reiste er nach Italien, insbesondere Rom, was damals zu einer soliden Künstlerausbildung dazugehörte. Im Jahr darauf, nach erfolglosem Aufenthalt in Berlin, ging er erneut nach München, wo er sich dem Leibl-Kreis annäherte. Seine Brentano-Illustrationen waren erfolgreich, doch die religiösen Themen erhielten massive Kritik, wie die Otto von Leixners: „Eine Landschaft von Steinhausen ‚Bleibe bei uns Herr, es will Abend werden‘ erwähne ich der Seltsamkeit wegen. Der Maler gehört der Richtung an, als deren Hauptvertreter Thoma in München genannt werden kann. Die Contur wird in übermäßiger Weise betont, die Flächen sind mit einem ziemlich gleichmäßigen Ton mehr colorirt als gemalt, die Farbe sehr dünn aufgetragen, sodaß die Untermalung oft garnicht gedeckt ist. Das eigentlich unkünstlerische liegt in der Flachheit auf diesem Bilde, an der nicht nur die Landschaft, sondern ebenso drei Gestalten im Vordergrund Christus und die zwei Apostel leiden. Gestalten kann man eigentlich nicht sagen, es sind nur Gliederpuppen, die Gelegenheit zur Ausführung eines Faltenmotivs geben müssen, das aber ebenso unplastisch wirkt, wie alles andere.“ (1875, zit. nach Bückling, S. 8). Mit solch einer negativen Wertung ließen sich keine Verkäufe generieren, welche aber dringend notwendig waren. So ging der Künstler zurück nach Berlin und Lindow, wo er finanzielle Unterstützung seiner Brüder erhielt. Auch hier ist die Kritik an der „kindischen Unbeholfenheit der Malerei“ vernichtend: Da ist von einer „glühendrothen Bratpfanne“ die Rede, die „vermuthlich die Sonne sein soll“, wie Bruno Meyer die Modernität Steinhausens missverstand (zit. nach Bückling, S. 10).

Auf einer Reise lernte Steinhausen Simon Ravenstein kennen, der ihm einen Auftrag gab und ihn 1876 nach Frankfurt holte, ein Glückfall, denn der Architekt besorgte ihm weitere Aufträge für Illustrationen, Wandbilder und Portraits. Allerdings ging die Kunstkritik mit ihm und vor allem mit Thoma weiterhin nicht zimperlich um. Finanziell ging es Steinhausen nun besser, und er heiratete 1880 die langjährige Verlobte Ida Wöhler. Die Beziehung ist bis zum Ende glücklich und innig. Vielfach diente Ida als Modell für Mariendarstellungen. 1881 wird das erste Kind der insgesamt 4 Töchter und 2 Söhne, Marie Henriette Paquet-Steinhausen geboren, die bei ihrem Vater und ihrem Patenonkel Hans Thoma Malunterricht erhält, hier in einem vom Vater gemalten Bildnis (Abb. 2) Mehrere ihrer Naturlandschaften und ein Stillleben befinden sich heute in den Sammlungen des Städel Museums.

Steinhausen versuchte, sich als protestantisch-religiöser Maler einen Namen zu schaffen, doch auch die Landschaftsmalerei wird fortan wichtiger Schwerpunkt seines Werkes. Daher steht die Frankfurter Ausstellung unter den Untertitel „Natur und Religion“. Auch wenn dieser reichlich fade und abgegriffen erscheint und wenig marketingfördernde Schlagkraft haben mag, so erfasst er doch kurz und prägnant den Antrieb der Kunst Steinhausens und seine pantheistische Naturauffassung.

Es sind vor allem die „Stimmungslandschaften“, die beeindrucken. Stilistisch uneinheitlich, mit mal impressionistischem Pinselduktus ausgeführt, mal mit einer symbolistisch-spirituellen Lichterscheinung (Abb. 3, Landschaft bei Ins, 1909), manchmal mit breiten Pinselstrich, in Nachwirkung der französischen Landschaftsmalerei oder der fleckigen Textur des Spätwerks. Karl-Ludwig Hofmann zitiert im Ausstellungskatalog den Künstler: „Ich möchte zeigen, daß die Welt aus feinem Stoffe gemacht ist. Ich möchte ein Gefühl davon geben, wie wunderbar das alles von einer höheren Hand mit zarten Mitteln gewoben ist. Meine Bilder wollen, daß man näher und näher hinzutritt“ – „Das Bild muss schweben, daß man Angst hat es verändere sich.“ (S. 117)

Seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts stellten sich soweit Erfolge ein, dass Steinhausen nun als inzwischen arrivierter und geehrter Künstler seine Preise erhöhen konnte. 1910 kaufte er das Schloss Schöneck im Hunsrück, das noch heute in Familienbesitz ist. (Abb. 4) Hier fand er die Naturnähe, die sein Spätwerk inspirierte.

Als Kind seiner Zeit war er stets inspiriert von der Literatur. Hans Thoma portraitierte den Freund folglich nicht als Maler, sondern bei der Lektüre (Kat.-Abb. 140). Bei der Auswahl der Vorlagen zeigte Steinhausen sich als Spätromantiker, die Umsetzung stieß allerdings ebenfalls auf das Unbehagen seiner Zeitgenossen. Holzschnitte nach Gedichten Clemens Brentanos, Illustrationen nach den Grimmschen Märchen konzentrieren sich eher auf die idyllischen Szenen. Die Ausstellung im Museum Giersch gibt den Märchenillustrationen zu Recht viel Raum. (Abb. 5)

Die religiösen Werke fußen auf einem tiefen Glauben, der vor allem neutestamentliche Themen bevorzugt, in die er oftmals Portraits seiner Familie einbindet (Abb. 6). Zahlreiche theologische Schriften finden sich noch heute in den Räumen des Steinhausen-Hauses. Die Ausstellung zeigt christlich motivierte Bilder, u. a. auch „Johannes der Täufer und die Abgesandten der Pharisäer“ von 1889 (Abb. 7), das sich in der Gestaltung deutlich an der Malerei der italienischen Frührenaissance wie der Masaccios orientiert mit jenen individualisierten Gesichtszügen und den wechselnden, einander nahen Kopfansichten. Darstellungen Johannes des Täufers waren zur gleichen Zeit in Paris en vogue, dort setzte man aber eher auf den androgynen Typus. Steinhausen zeigt Johannes bärtig und mit einem Fell bekleidet, orientiert sich damit an der traditionellen Ikonographie. Bei diesem Bild zeigt sich unterdes, dass Steinhausen ein hervorragender Portraitist war, was in zahlreiche Portraitaufträge mündete. Den Bildnissen Frankfurter Persönlichkeiten, seiner Freunde und seiner Familie ist gemeinsam, dass sie den Menschen ohne irgendeine Art der Selbstdarstellung erfassen. Es ist ein In-sich-Ruhen spürbar, das von der Philanthropie des Malers zeugt.

Die von der jungen Volontärin des Museum Giersch, Sophia Dietrich, kuratierte Ausstellung läuft noch bis zum 15. Juli 2012 und versammelt 170 Werke, dazu auch der Künstler-Freunde Louis Eysen, Wilhelm Trübner, Fritz von Uhde, Hans Thoma, Hans Meyer. Nach dem Besuch kann man zudem auf den Spuren des Künstlers in Frankfurt wandeln. Während von der regen Ausstattungstätigkeit an Fassaden und Innenräumen Frankfurter Häuser kaum etwas den Zweiten Weltkrieg überstanden hat (lediglich die Supraporten des Hauses im Reuterweg 100), sind in der Aula des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums die Fresken mit erbaulichem Bildprogramm (entstanden 1899-1906) erhalten. Das Städel Museum besitzt immerhin 32 Werke des Künstlers.

Das Steinhausen-Haus in der Wolfsgangstraße 152 ist während der Laufzeit der Ausstellung jeden 1. und 3. Sonntag des Monats von 14-16 Uhr zu besichtigen oder nach telefonischer Vereinbarung unter +49 (0) 69 597326.

erstellt am 25.4.2012

Wilhelm Steinhausen, Selbstbildnis des Malers mit seiner Frau

Abb. 1
Selbstbildnis des Malers mit seiner Frau, 1892
Öl auf Pappe, 90,5 × 111 cm
Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln
Foto: Rheinisches Bildarchiv (RBA), Köln

Wilhelm Steinhausen, Rose Steinhausen am Fenster

Abb. 2
Rose Steinhausen am Fenster, um 1912
Öl auf Pappe, 84 × 68,2 cm
Steinhausen-Stiftung, Frankfurt am Main
Foto: Museum Giersch, Frankfurt a. M.

Wilhelm Steinhausen, Landschaft bei Ins

Abb. 3
Landschaft bei Ins, 1909
Öl auf Pappe, 67 × 84 cm
Privatbesitz
Foto: Museum Giersch, Frankfurt a. M.

Wilhelm Steinhausen, Eingang zum Garten der Burg Schöneck

Abb. 4:
Eingang zum Garten der Burg Schöneck, um 1912
Öl auf Karton, 48,5 × 34 cm
Steinhausen-Stiftung, Frankfurt am Main
Foto: Museum Giersch, Frankfurt a. M.

Wilhelm Steinhausen, Rumpelstilzchen

Abb. 5
Rumpelstilzchen, 1874
Öl auf Pappe, 39,9 × 32,2 cm
Privatbesitz
Foto: Museum Giersch, Frankfurt a. M.

Wilhelm Steinhausen, Madonna unter Tannen

Abb. 6
Madonna unter Tannen/Madonna mit Christusknaben und Johannes dem Täufer unter Tannen, 1890
Öl auf Leinwand, 75 × 68 cm
Privatbesitz
Foto: Museum Giersch, Frankfurt a. M.

Wilhelm Steinhausen, Johannes der Täufer und die Abgesandten der Pharisäer

Abb. 7
Johannes der Täufer und die Abgesandten der Pharisäer (Evang. Joh. 1,19–28), 1889
Öl auf Leinwand, 100 × 160 cm
Privatbesitz
Foto: Museum Giersch, Frankfurt a. M.

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung vom Museum Giersch und der Steinhausen-Stiftung.

Steinhausen-Stiftung

Museum Giersch