Buchkritik

Der erste Kreis der Hölle

Vladimir Vertlibs autobiographischer Roman „Schimons Schweigen“

Von Thomas Rothschild

Man kann ja darüber streiten, ob Israel in der öffentlichen Wahrnehmung eher idealisiert oder eher diffamiert wird. In der Belletristik jedenfalls kommt dieses Land mitsamt seiner Politik gut weg. Romane und Erzählungen, die sich um die Perspektive von Palästinensern bemühen, muss man mit der Lupe suchen. Meist herrscht ein mit der jüdischen Mehrheit sympathisierender sentimentaler, allenfalls durch freundliche Ironie relativierter Ton vor. Auseinandersetzungen wie die über das Gedicht von Günter Grass verstärken die Scheu, Literatur, die Israel zum Thema hat, mit den selben Maßstäben zu messen wie jede andere Literatur. Damit aber tut man den Juden Unrecht. Denn wer nicht zugibt, dass Vladimir Vertlibs Roman „Schimons Schweigen“ das Mittelmaß nicht überschreitet, um nicht zu sagen: schlicht literarisch misslungen ist, wer ihn gar zu einem Kunstwerk, einem „wunderbaren Buch“ hochstilisiert, der entwertet jedes gleichlautende Lob für Franz Kafka oder Arthur Schnitzler, für Joseph Roth oder Isaak Babel. Wie soll man noch an die Hochschätzung für diese tatsächlich bedeutenden Schriftsteller glauben, wo Mittelmaß mit den gleichen Attributen versehen wird?

Vladimir Vertlib, Jahrgang 1966, ist 1971 mit seinen Eltern aus der Sowjetunion emigriert und lebte, ehe er nach Österreich übersiedelte, wo er später Volkswirtschaftslehre studierte, unter anderem in Israel. Der Ich-Erzähler seines jüngsten Romans, Jahrgang 1966, ist aus der Sowjetunion zunächst nach Israel emigriert und hat Volkswirtschaftslehre studiert, der Roman spielt teils in Israel, teils in Österreich, und hier wie dort verfolgt den Erzähler die Erinnerung an Russland. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Dass man eine Romanfigur nicht mit ihrem Autor gleichsetzen dürfe, ist so banal, dass jeder Gymnasiast es in seiner Schularbeit wiederholen kann. Aber bemerkenswert ist doch, wie häufig Schriftsteller sich dichtend im eigenen Milieu bewegen, wie sehr sie dem Biographischen verpflichtet sind. Wer macht sich noch die Mühe, das Fremde, das Entfernte zu erkunden wie Tolstoi, der sich in die Zeit von Napoleons Russlandfeldzug hinein versetzte, wie Franz Werfel und noch Edgar Hilsenrath, die den Genozid an den Armeniern mit viel Empathie recherchierten, oder selbst wie Gene Roddenberry, der Autor der zu Beginn von Vertlibs Roman zitierten Fernsehserie „Star Trek“?

Der Roman handelt von Alltäglichem, von den nicht sonderlich abenteuerlichen Erlebnissen eines Schriftstellers, der nach vielen Jahren eine Lesereise nach Israel unternimmt, wo er als Kind kurze Zeit gelebt hat. Das ist stellenweise reizvoll, manchmal auch ein wenig kleinkariert, da plätschert der Text nur so dahin. Dasselbe gilt für die politischen Aussagen, die Vertlib, vor allem in Dialogen, einstreut. Sie haken ab, was im Zusammenhang mit jüdischer Existenz in den vergangenen Jahren diskutiert wurde, und sie bleiben dabei häufig hinter dem zurück, was in essayistischer Form bereits mehrfach gesagt wurde. Plauderei statt Reflexion.

An einer Stelle beklagt ein Moderator, dass bei einer Lesung des Erzählers in Tel Aviv vom Österreichischen Kulturforum niemand anwesend ist. Das klingt zu typisch, als dass es erfunden sein könnte. Es ist auch eine kulturpolitische Sauerei, aber ist es für einen Roman hinreichend interessant? „Manchmal ist eine Erfindung autobiographischer als ein Tagebuch oder eine Chronik“, sagt der Erzähler nach der Lesung aus dem Roman, in dem er das sagt, aus „Schimons Schweigen“. Der Satz hat den Reiz, der scheinbaren Paradoxen innewohnt. Aber wo bleibt in „Schimons Schweigen“ die Erfindung? Verglichen damit ist „Star Trek“ geradezu ein Schlaraffenland der Fantasie.

Über drei Seiten beschreibt der Erzähler seine Flugangst. Der Mitteilungswert ist gering, die literarische Gestaltung nicht sonderlich ambitioniert. Solche Absätze sind bezeichnend für eine Literatur, der die Avantgarde suspekt geworden ist, die erzählen möchte, aber nicht sehr viel zu erzählen hat. In Deutschland wurde nach der Wende von 1989 etwas inflationär nach dem großen Deutschland-Roman gerufen. Der große Israel-Roman wäre tatsächlich ein Desiderat. Das Thema ist schließlich brisant und komplex genug. Aber Flugangst dürfte darin die geringste Rolle spielen.

Die Folie des Schreckens sind für Vertlib die Sowjetunion und das postsowjetische Russland. Sie relativieren alles. „Wer Breschnew, Gorbatschow, Jelzin und Putin, den Antisemitismus und den tschetschenischen Terror überlebt hat, empfindet keine große Angst vor Arabern. Für jemanden, der direkt aus den Flammen kommt, ist der erste Kreis der Hölle ein Paradies.“ Vom Terror gegen die Tschetschenen ist in dieser Aufzählung nicht die Rede. Und sie dispensiert von der Frage, ob es Gründe gibt, vor den Arabern Angst zu haben, und wenn ja, woran das liegt. Die Perspektive von Arabern, die Angst haben müssen, entgeht diesem Roman sowieso. Aber der zitierte Absatz bereitet die etwas überraschende Schlusspointe des Romans vor.

Auch über Vertlibs Humor kann man geteilter Meinung sein. Wenn der Erzähler „Les chaleurs d'antan“ formuliert, weil es halt in Israel kaum je Schnee gibt – nun ja, ein Höhepunkt des viel gepriesenen jüdischen Witzes ist das nicht.

Vertlibs Sprache ist uneinheitlich. Neben holprigen Sätzen – „Sein Tonfall variiert, doch die Mundwinkel zeigen unentwegt nach oben“ (sind nach oben zeigende Mundwinkel und ein variierender Tonfall ein Widerspruch?) oder „Ljuba trägt Stöckelschuhe, hat aber weder die nötige Routine noch die Ausdauer, um damit längere Strecken zu Fuß zurückzulegen“ (wie anders als zu Fuß, damit?) – finden sich poetische Formulierungen – „Ich möchte das Ungesagte nicht bis ans Ende meiner Tage zu einem kundigen Begleiter meiner Wehmut machen“ oder „Die Phantasie kann Räume durchschreiten, die sie selbst erschaffen hat“. In der Regel wird unaufgeregt, fast sachlich, manchmal auch leicht ironisch erzählt. Die zahlreichen Dialoge kommen realistisch daher und wirken doch oft papieren.

Vertlib wird für eine Literatur in Anspruch genommen, deren Autoren in einer Fremdsprache schreiben, und er selbst spielt diese Migrantenrolle mit. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, für jemanden, der von seinem sechsten bis zu seinem neunten Lebensjahr, also in der Zeit der ersten Volksschulklassen, und ab seinem fünfzehnten Lebensjahr in Österreich lebte, kokett. In diesem Alter erlernt man in der Regel eine Sprache fehlerfrei und im wörtlichen Sinne kinderleicht. Die Mehrsprachigkeit befördert eher die für einen Schriftsteller unverzichtbare Sensibilisierung für stilistische Feinheiten, als dass sie die Kompetenz in einer der Sprachen einschränkte. So gesehen bedarf Vertlib keines Bonus. Er ist ein deutschsprachiger österreichischer Schriftsteller wie andere auch. Dass er in Russland geboren wurde, schlägt sich in seinem Werk weniger nieder als seine jüdische Herkunft. Sie treibt ihn um. Deshalb verbindet ihn weniger mit „Autoren mit Migrationshintergrund“, wie man heute verstohlen formuliert, als mit Philip Roth, Barbara Honigmann oder Robert Schindel. Mit den Napoleonischen Kriegen haben sie allesamt wenig im Sinn. Eher messen sie sich an Amichai, Grossman, Oz, von denen der Erzähler in Vertlibs Roman allen Ernstes behauptet, sie kämen an Dostojewski, Tschechow oder Tolstoi heran. Aber selbst der Vergleich mit den israelischen Kollegen lässt den österreichischen Beitrag zur Literatur über jüdische Existenz bescheiden erscheinen. Das war, bei Arthur Schnitzler etwa, der vor 150 Jahren geboren wurde, schon einmal anders.

erstellt am 24.4.2012

Vladimir Vertlib
Vladimir Vertlib

Vladimir Vertlib
Schimons Schweigen
Roman
Deuticke, Wien 2012,
269 Seiten

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