Buchkritik

Alan Pauls: »Geschichte der Haare«

Von Ruthard Stäblein

Der Kampf geht weiter auf dem argentinischen „Schlachtfeld der Empfindsamkeit”. Alan Pauls hat seine Beschreibung auf drei Bände angelegt und auf den Begriff der Historie gebracht. Der 1. Band trägt den Titel „Geschichte der Tränen” (Klett-Cotta 2010). Der dritte soll „Historie der Haut“ heißen. Und der zweite, soeben erschienene, nennt sich „Geschichte der Haare“. Er handelt wieder von der argentinischen Geschichte der letzten vierzig Jahre. Und er sucht wieder den Übergang zwischen Innenleben und Außenleben, die Passagen der Entäußerung. Wieder steht ein Mann im Mittelpunkt, der etwa so alt ist wie sein Autor, der 1959 in Buenos Aires geboren wurde. Der Protagonist hat keinen Namen, dient als Platzhalter für die Generation der Spätachtundsechziger, der Nachgeborenen, die die revolutionären Aktionen der älteren Geschwister bewundern, aber nur bis zur oberflächlichen Nachahmung vordringen. Hier bis zur Mode des Afro-Look, des revolutionären Chic à la Angela Davies.

Eine haarige Geschichte, keineswegs an den Haaren herbeigezogen, sondern die Haarspitzen fühlend: Der Roman-„Held“ ist nie mit seiner Haartracht zufrieden – die unempfindlichste Stelle am Körper ist bei ihm am empfindlichsten – , bis er im Alter von über vierzig Jahren seine Angst vor dem Haarabschneider verliert, während er auf den idealen Friseur trifft. Diese Person erhält als eine der wenigen im Roman einen Eigennamen. Celso ist mit einem Ex-Exilanten befreundet, der nur „Kriegsveteran” genannt wird und mit seiner Mutter Ende der 70er Jahre während der Militärdiktatur nach Paris geflohen war, jetzt nach Buenos Aires zurückgekehrt ist. Sein Vater war ein Guerillero der Linksperonisten. Als Erbe erhielt dieser „Kriegsveteran“ die „echte Perücke“ einer Guerillakämpferin, die 1970 damit einen hohen Militär entführte und ermordete. Eine “echte Perücke” – die Metapher trifft die Falschheit der Bewegung -, die als Reliquie in den Kreisen der heute regierenden Linksperonisten verehrt wird, in die der zurückgekehrte „Kriegsveteran” eintaucht.   
   
Alan Pauls zeigt diesen „Sohn eines Märtyrers” der 70er Jahre nicht als Helden, sondern als gescheiterten Klein-Dealer. In einer grandiosen Szene lässt Alan Pauls die „Ordensgemeinschaft der Überlebenden” in der ehemaligen Folterfabrik der „ESMA” (Escuela de Mecánica de la Armada), der Mechanikerschule der Marine, mitten in Buenos Aires gelegen, auftreten, zu einer Art „danse macabre“ von lebendig Toten. Das Tragische trifft auf das Lächerliche in diesem Gespensterreigen. 

Das Ende ist wie eine Fuge gebaut, alle Haarmotive werden wie Musikmotive eng geführt und auf die (Haar-)Spitze getrieben.
Alan Pauls erzählt sprunghaft – Lehrmeister des Kritikers und Literaturtheoretikers Pauls ist Walter Benjamin – immer bezogen auf die Jetztzeit. Er liefert nicht den x-ten historischen Roman über die Zeit der argentinischen Militärdiktatur zwischen 1976 und 1983, mit den x-mal wiederholten Folterszenen. Er benutzt den Roman auch nicht als Selbstzweck, um irgendwelche spannenden Geschichten zu erzählen, sondern um die Geschichte seiner Generation, der heute etwa 50-Jährigen zu bündeln und um eine dunkle Seite der Geschichte seines Landes zu erhellen: Die Zeit der Guerilla vor dem Militärputsch, die Zeit seiner Jugend.

Anhand der Moden, der Leiden und der Leidenschaften gelingt ihm eine Geschichte der argentinischen Empfindsamkeit.  
Die deutsche Übersetzung von Christian Hansen ist ebenfalls gelungen. Alan Pauls erzählt in ausufernden Sätzen. Sein Stil orientiert sich an den Satzlabyrinthen von Marcel Proust. Seine Partizipialkonstruktionen sind im Deutschen gelegentlich erst beim dritten Lesen zu verstehen, aber sie werden dabei immer schöner. Das Original scheint im Deutschen durch, aber nicht als Negativpause. Das Deutsche holpert nicht, sondern gewinnt einen besonderen, gleichsam spanischen Dreh und Takt.   

erstellt am 19.4.2012

Alan Pauls
Geschichte der Haare
Roman
Aus dem argentinischen Spanisch
übersetzt von Christian Hansen
Klett-Cotta 2012

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Alan Pauls, geboren 1959 in Buenos Aires, hat Literatur gelehrt, daneben Drehbücher, Filmkritiken, Essays und sechs Romane geschrieben.