Franziska Lüdtke

Die Königin der Mäuse

Hanns Zischler ist bekannt für seine Vielseitigkeit als Schauspieler, Übersetzer, Dramaturg, Hörbuchsprecher und Autor. In seinen bisherigen Büchern beschäftigte er sich mit Kafka, James Joyce und dem Geografen Arnold Schultze und seinem vergessenen Koffer kolumbianischer Schmetterlinge. Jetzt hat er mit Lady Earl Grey ein verspieltes, hintersinniges Märchen geschrieben.

Im Mittelpunkt steht eine manipulative Maus. Zischler erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Russla, der an einem Wintermorgen eigentlich nur in seine Bibliothek will. Aber auf der Treppe wegelagert die Maus, die ihn neununddreißig wortverspielte Seiten lang daran hindert an sein Ziel zu gelangen.

Schon mit dem ersten Satz, den Russla an sie richtet, hat er sich der Maus ausgeliefert. Denn sie ist nicht irgendeine Maus, sie ist Lady Earl Grey, aus uraltem Mäuseadel, ungemein wortgewandt und belesen, auf gute Manieren bedacht und dem Mann taktisch haushoch überlegen. Im Gegensatz zu ihm, verliert sie ihr Ziel durch alle lustvoll zelebrierten Wortspiele, literarischen Gespräche, echte und gespielte Stimmungswechsel, Begegnungen mit Kurieren, Katern, Scherenschleifern und Haselmäusen niemals aus dem Blick. Jede versehentliche Unhöflichkeit, jede unbedarfte Äußerung Russlas verwendet Lady Earl Grey gnadenlos in ihrem eigenen Interesse. So wundert man sich als Leser überhaupt nicht, wenn Russla schließlich seine Unterschrift unter einen Miet- und Pachtvertrag setzt, dessen winzige Buchstaben er nicht lesen kann, und in dem er Lady Earl Greys Mäusevolk ganzjähriges, uneingeschränktes Bleiberecht in sämtlichen Räumen seines Hauses einräumt.

Mäuse, die mit Witz und Intelligenz körperlich überlegene Gegner besiegen, kennt man seit Tex Averys Maus und spätestens seit Tom und Jerry. Aber die agieren immer mit Gewalt und ihre Gegner sind krude Kater. Lady Earl Grey bewegt sich auf einem anderen Niveau. Ihre Waffen sind Charme, literarische Bildung, makellose Manieren, überlegene Rhetorik und ein diplomatisches Talent, das Talleyrand neidisch werden ließe. Mit Katern als Gegnern gibt sie sich nicht ab. Muss sie auch nicht, denn dafür verpflichtet sie mit Russla einen Menschen, der sich ihren wechselnden Appellen an sein schlechtes Gewissen, seine Neugier, seine Lust an Wortspielen und sein Unbehagen ob seiner körperlichen Überlegenheit nicht entziehen kann.

Man kann Russlas Hilflosigkeit angesichts der geballten Ladung verspielten Mäuseintellekts sehr gut nachvollziehen. Schuld daran ist Hanns Zischler, der, mindestens so manipulativ wie die Maus, mit Lady Earl Grey eine Figur geschaffen hat, die den Leser wie Russla mühelos um ihr graziöses Pfötchen wickelt. Irgendeine innere Stimme sagt einem, dass man dieser Maus nicht trauen sollte, und trotzdem erliegt man ihrem Charme, beziehungsweise Hanns Zischlers Erzählkunst. Aber sind Märchen – und zumal Märchen für Erwachsene – nicht oft Parabeln? Geht es nicht um irgendeinen tieferen Sinn, der da in leichter, verspielter Form vermittelt wird? Man kann danach suchen oder die ganze Geschichte als Traum verbuchen, aus dem man etwas verwirrt und leicht beunruhigt erwacht.

So ist Lady Earl Grey, auch wenn es rein optisch nicht zuletzt durch Hanno Rinks farbige Pinselzeichnungen, wie ein Kinderbuch wirkt, definitiv ein Buch für Erwachsene, unter dessen amüsanter Oberfläche irgendetwas schwer zu definierendes lauert. Was auch immer es ist – es erhöht den Reiz der Geschichte wie eine geheime Zutat den Geschmack einer Süßspeise.

Pinselzeichnung von Hanno Rink
Pinselzeichnung von Hanno Rink
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Lady Earl Grey

Von Hanns Zischler

An einem klaren Wintermorgen ging ich noch ein wenig schlaftrunken die rote Holzstiege zu meiner Bibliothek ins Souterrain hinab. Verdutzt blieb ich stehen. In einem fahlen Lichtstreifen saß mitten auf der Treppe eine Maus. Sie hob den Kopf und blickte zu mir auf. Ihr Schwänzchen, das war deutlich zu sehen, war ein wenig verbrannt. Ihr Fell, wie es schien, makellos und glänzend. Sie war wohlgenährt. Sie rührte sich nicht und wartete, was auf sie zukam. »Wie heißt du?« »Guten–Abend–Guten–Morgen–Adieu–und–Auf–Wiedasehn!«, gab sie zurück und begann sich zu putzen. »Guten Morgen«, flüsterte ich fast entschuldigend. »Lady Earl Grey – und Er?« »Er? – ich, Russla.«

»Russ-la? Seltsamer Name. Nie gehört. Warum setzt Er sich nicht?« Ich genierte mich wegen unserer sehr unterschiedlichen Körpergrößen. Schließlich bückte ich mich ein bisschen linkisch.
»Ich hatte dich hier nicht erwartet«, sagte ich. »Wo hätte Er mich denn erwartet?« »Nun ja, gestern warst du noch – « »Gestern! Yesterday! Wir hatten es Uns gerade im Kaminzimmer zwischen den Birken- und Buchenholzscheiten bequem gemacht, bis eine« – sie hob ein Pfötchen – »Frauenhand einen Fidibus in das Holz geworfen hat. Es hat geraucht und rumort, eine Lanze hat in Unserer Unterkunft herumgefuhrwerkt. Wir mussten fliehen. Es war Brandstiftung! Unser Pelz wurde versengt! – Hier!« Sie zeigte mir eine winzige Brandwunde und ihr angekokeltes Schwänzchen.
»Nun, das Holz lag im Kamin – und dort hat auch eine Lady Earl Grey nichts zu suchen.« »Ssssso!! Es steht aber geschrieben: In meines Vaters Haus sind viele Woh­ nungen! Und die Greys wohnen hier schon sehr viel länger als Er und Seine Brandstifterin. Meine Urgroßmutter, Rosalind Duchess of First Flush, hat mir von einem Häuschen hier im Haus erzählt, in dem sie lange Zeit gewohnt hat. Wenn man die Hausfront abnahm, konnte man gleichzeitig in Wohnzimmer, Esszimmer, in die Küche und zwei Schlafzimmer schauen. Warum ist das nicht bei allen Häusern so? Wie viel aufregender, als durch den Schlitz einer Tür auf eine ärmliche kleine Diele mit einem Hutständer und zwei Schirmen zu gucken! Und ich frage Ihn nun, wo ist –«
»Nu mach mal halblang«, entfuhr es mir, und ich beugte mich nun doch etwas weiter zu ihr hinab. »Warum unterbricht Er mich?! Und als Wir Uns in Unsere Gemächer im Schrank zurückziehen wollten, um dort ein wenig in alten Zeitun- gen zu blättern, ruft dieselbe Frau aus: ›Huch! Eine Maus!‹ – als würden Wir jedes Mal, wenn Wir eines Menschen ansichtig werden, ›Huch! Ein Mensch!‹ kreischen. Aber« – sie stellte sich auf ihre Hinterbeinchen und schnupperte in meine Richtung – »Er duftet ja nach Bergamotte! Steht Er immer so früh auf?« »Manchmal, warum fragst du?« »Es könnte ja sein, dass Er einen Quengel, einen Schmarotzer im Haus hat, den Er in der Frühe füttern muss, weil das Biest zu faul und zu dumm ist, sich selbst das Fressen zu besorgen, das könnte doch sein?«

»Könnte. Ist aber nicht.« Ich blickte über sie hinweg auf das Ende der gewendel- ten Treppe und überlegte, wie ich unbehelligt weiter- gehen und in meine Bibliothek gelangen könnte. Sie folgte meinem Blick, kringelte sehr beiläufig das Schwänzchen ein und hauchte: »Bitte sehr.« Sachte schlich ich mich vorbei. »Moment mal, Mussjöh! Was liest Er da gerade?« Sie deutelte mit ihrem Schwänzchen auf einen schmalen blauen Band, der aus meinem Morgenmantel hervorlugte.
»Das Kummerfell.«
»Balzac! Wie honorig! Wir verehren ihn. Meine Vorfahren mütter- licherseits, ehemalige Refugiés, haben in seiner Wohnung gehaust.

Pinselzeichnung von Hanno Rink
Pinselzeichnung von Hanno Rink

Textauszug und Illustrationen mit freundlicher Genehmigung vom Arche Literatur Verlag, Zürich – Hamburg.

erstellt am 10.4.2012

Hanns Zischler
Lady Earl Grey
Mit Illustrationen von Hanno Rink
Arche Literatur Verlag
Zürch – Hamburg 2012

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