Filmkritik

Martha Marcy May Marlene

Im preisgekrönten Regiedebüt von Sean Durkis beeindruckt Elizabeth Olsen als tief traumatisiertes Sektenmitglied

Von Kai Mihm

„Angst ist das unglaublichste aller Gefühle”, heißt es in „Martha Marcy May Marlene” einmal – und zu diesem Zeitpunkt, gegen Ende des Films, wirkt der Satz wie eine Zusammenfassung dessen, was man zuvor gesehen hat. Geäußert wird er von Patrick, dem Anführer einer kleinen Sekte, die auf einer abgelegenen Farm in Upstate New York lebt. Und unglaublich ist zunächst einmal die perfide Cleverness, mit der der Guru dieses Gefühl einsetzt, mitunter getarnt als Zuneigung, um seine Jünger abhängig zu machen.

Auch die blutjunge Martha wird die nagende Angst nicht mehr los, nachdem sie die Kraft gefunden hat, von der Farm zu verschwinden. Im noblen Ferienhaus ihrer älteren Schwester Lucy und deren Mann Ted findet sie Zuflucht, wenngleich nie wirklich klar ist, ob Patrick und seine Jünger sie überhaupt verfolgen. Lucy und Ted ahnen nicht, was Martha hinter sich hat. In ihrer bildungsbürgerlich beschränkten Weltsicht vermuten sie eine unglückliche Liebesbeziehung, fragen aber nie ernsthaft nach, wo die zutiefst verstört wirkende Schwester jahrelang gesteckt hat. Sie wollen helfen, die Ursachen der Not aber gar nicht wissen. Zugleich offenbaren sich in zahlreichen, geschickt eingeflochtenen Rückblicken die Gründe für Marthas beharrliches Schweigen über ihre Zeit in der Sekte.

Einen großen Teil seiner außerordentlichen Faszinationskraft gewinnt der Film aus dem dramaturgischen Schwebezustand, in dem Regisseur und Autor Sean Durkin die Geschehnisse über weite Strecken hält. Die von Martha empfundene Bedrohung ist ungreifbar und rational eigentlich kaum erklärbar – immerhin lässt man sie zu Beginn ohne nennenswerten Widerstand ziehen. Da Durkin die Geschichte jedoch konsequent aus der Perspektive seiner Protagonistin erzählt, übernimmt man als Zuschauer sehr schnell ihre Paranoia, aber auch ihre Faszination für den charismatischen Seelenfänger Patrick. „Du siehst aus wie eine Marcy May”, sagt er kurz nach ihrer Ankunft auf der Farm. Das wirkt auf einfühlsame Weise dominant und bildet den Beginn einer schleichenden Gehirnwäsche.

Anders als die Vorschau suggeriert, ist „Martha Marcy May Marlene” kein reißerischer Schocker. Die ruhige, dabei hochkonzentrierte Erzählweise, die lyrisch fotografierten ländlichen Spielorte, die präzise Tongestaltung sowie einige thematische Elemente erinnern an Jeff Nichols' “Take Shelter”. Mehr noch als dieser Film funktioniert “Martha Marcy May Marlene” zu gleichen Teilen als psychologischer Thriller, Charakterstudie und minimalistisches Gesellschaftsporträt. Vordergründige Spannung entsteht durch die latente Bedrohung in Verdindung mit klassischen Horrorfilm-Motiven (das Haus am See, der gewaltbereite Kult), emotional erschütternd wirkt die Schilderung von Marthas Verwandlung in Marcy May und ihre zunehmende Verzweiflung. Am intellektuell interessantesten wird die Geschichte aber durch die Gegenüberstellung des Sektenalltags auf der Farm und des bourgeoisen Lebensstils im ländlichen Ferienhaus. Durkin entdeckt frappierende Parallelen und dank einer meisterhaften Montage weiß man oftmals gar nicht genau, an welchem der beiden Orte man sich gerade befindet.

Wenn Lucy ihre Schwester mit einem schicken Kleid herausputzt, wirkt sie nicht viel anders, als Patrick in seinem Versuch, Martha nach seinem Ideal zu formen. Beide Lebenswelten, die reaktionär-patriarchalische Kommune der Sekte und der bürgerlich-emanzipierte Yuppie-Haushalt von Lucy und Ted, folgen fragwürdigen Regeln und Konventionen. Martha fungiert dabei als eine Art Bindeglied und stellt vor allem die Ideale ihrer Schwester in Frage. Wenngleich sie als Alternative lediglich Patricks hohle Phrasen zu bieten hat.
Elizabeth Olsen wurde für ihre Verkörperung der seelisch gemarterten Martha zu Recht von der amerikanischen Kritik gefeiert. Gemeinsam mit Rooney Mara und Jessica Chastain muss man die gerade erst 23-jährige zu den großen schauspielerischen Entdeckungen des letzten Jahres zählen.

Beinahe wortlos, aber mit unerhörtem Nuancenreichtum, macht sie das Dilemma eines Menschen spübar, der seiner Identität beraubt wurde und nun versuchen muss, sie zurückzugewinnen. Sie verkörpert das Gefühl der Verunsicherung und Angst mit einer Intensität, die in der Tat „unglaublich” ist.

erstellt am 09.4.2012