Filmkritik

Our Idiot Brother

In seiner neuen Komödie bringt Paul Rudd als herzensgut-naiver Slacker das Leben seiner drei Schwestern durcheinander

Der Schauspieler Paul Rudd hat eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Nach seiner ersten Kino-Nebenrolle als sympathischer Stiefbruder von Alicia Silverstone in Amy Heckerlings Klassiker „Clueless” (1995) versuchte man ihn zum „romantic leading man” aufzubauen – was mit vergessenswerten Filmen wie „Liebe in jeder Beziehung” oder „Liebe per Express” jedoch gründlich misslang. Ein Leben als ewiger Nebendarsteller schien vorprogrammiert. Mitte der 00er Jahre holte der unvermeidliche Judd Apatow ihn dann aus der Versenkung und förderte sein Talent als Komiker. Seither nutzt Rudd auf geschickte Weise seine leicht biedere Erscheinung für humoristische Effekte: unvergesslich seine Auftritte in „Nie wieder Sex mit der Ex” sowie den sträflich unterschätzten „Role Models” und „Trauzeuge gesucht”. In seinen besten Filmen gelingen Rudd pointierte Verkörperungen des modernen Großstadtmannes, verunsichert lavierend zwischen aufgesetztem Möchtegern-Machismo, politisch korrekter Frauenversteherei und latent homoerotischen Kumpaneien.

In seinem neuen Film „Our Idiot Brother” läuft das etwas anders. Da steht er als etwas einfältiger Hippie namens Ned jenseits aller Konventionen. Nachdem er, arglos wie er ist, einem uniformierten Polizeibeamten Gras verkauft hat, landet er im Gefängnis, wird von seiner Hippie-Freundin von der gemeinsamen Farm vertrieben und sucht Hilfe bei seinen drei Schwestern. Wirkt Ned wie eine „Mad Magazine”-Version des modernen Slackers, sind seine Schwestern als sanfte Karikaturen weiblicher Archetypen angelegt: die leicht verhärtete Karrierefrau (Elizabeth Banks), das mausgraue Hausmütterchen (Emily Mortimer) und die hippe Pseudo-Rebellin (Zooey Deschanel).

Ganz klar, dass keine von ihnen viel Verständnis für die Lebensphilosophie ihres Bruders hat. Der Titel „Our Idiot Brother” bezieht sich denn auch allein auf die Ignoranz der Schwestern, nicht aber auf die tatsächliche Rollenverteilung. Ned mag bisweilen nervtötend naiv sein, im Grunde aber ist er ein herzensguter Idealist, der durch seine schiere Existenz die bürgerlichen Lebensideale seiner Umwelt in Frage stellt. Aus diesem „Culture Clash” ließe sich einiges machen, nur fehlt dem Regisseur Jesse Peretz und seinen beiden Drehbuchautoren der Mut zur satirischen Schärfe oder wenigstens einer entschieden gesellschaftskritischen Haltung. Das inszenatorische Temperament geht nicht über das des freundlich-verschlafenen Ned hinaus. Dies mag eine bewusste dramaturgische Entscheidung sein, bremst aber das Humorpotential auf fatale Weise aus. Die familiäre Idylle wird nie wirklich in Frage gestellt, am unsympathischsten kommt die hässliche Hippiebraut weg und Ned wirkt zwar gelegentlich als moralisierende Instanz, stellt letztlich aber keine nachhaltige Bedrohung für die Lebensentwürfe seiner Schwestern dar. Am Anfang denkt man noch, mit seiner Zottelmähne, seinem Vollbart, den Schlabberklamotten und seinem Stoizismus würde Rudd wie ein Seelenverwandter von Jeff Bridges' legendärem „Dude” in das bildungsbürgerliche Idyll einbrechen. Am Ende aber erinnert seine Erscheinung eher an einen entrückten Heiligen. Ned ist einfach nur „nett”. Und das ist nicht genug.

erstellt am 09.4.2012