Mehr als ein Fußballbuch

Rudi Assauers verblassende Erinnerungen

Von Detlev Claussen

An meine erste und einzige direkte Begegnung mit Rudi Assauer kann ich mich gut erinnern: Es war am 1. Juni 2008, dem Tag meines ersten Herzinfarkts. Es war ein brütend heißer Sonntagvormittag, wir waren beide im Vorfeld der Europameisterschaft zu einem Gespräch im WDR eingeladen. Ich hatte schon ein bisschen Angst, der prominente Schalke-Manager Asssauer würde allen übrigen Teilnehmern die Show stehlen. Aber er entpuppte sich als ein schlagfertiger und witziger Diskussionspartner, dem es sofort einleuchtete, anschließend zu Mittag noch ein Bierchen zu trinken. Ich überwand meine Hemmungen und überreichte ihm einen Band meines „Béla Guttmann. Weltgeschichte des Fußballs in einer Person“ und schrieb ihm eine Widmung. Schließlich könnte ich nie vergessen, dass er als langjähriger Kapitän in Bremen 1976 unser erster professioneller Manager geworden war, der für mich als Werder-Fan sich das unsterbliche Verdienst erworben hat, den Trainer Otto Rehhagel 1981 nach Bremen geholt zu haben. Rudi Assauer war sichtlich gerührt. Ich musste mein Vorurteil korrigieren: Assauer war nicht der Fußballmacho, zu dem ihn die Medienberichte manchmal machten, sondern ein leidenschaftlicher Fußballer, der Sinn und Verstand bewies.

Seinem kürzlich erschienenen Buch „Wie ausgewechselt“ entnahm ich, dass dieser charmante Haudrauf schon seit 2007 unter einer Demenzerkrankung litt. Nach der Lektüre musste ich ein weiteres Vorurteil korrigieren, diesmal gegen Ghostwriter. Denn dem Journalisten Patrick Strasser ist es auf eine einfühlsame Weise gelungen, Assauers „Verblassende Erinnerungen an mein Leben“ zu Papier zu bringen. Was von ihm selbst ist, bleibt ebenso sichtbar wie das, was aus Assauers zermartertem Kopf kommt. Das Buch ist regelrecht bewegend. Die irreversible Heimtücke der Demenz wird dem Leser nachvollziehbar vermittelt. Vor den Augen des Lesers zerfällt ein blühendes und schönes Leben in Erinnerungssplitter. Die eben noch bewunderten Qualitäten, Sinn und Verstand, gehen verloren, damit eben auch die Bewunderung, es bleibt nur Mitgefühl … und Assauer bekennt immer wieder, dass er genau dies nicht möchte. Warum macht er dann so ein Buch, warum lässt er das mit sich machen? Vermarktungsgeschick? Geltungswahn? Diese Motive reichen nicht, um ein so besonderes Buch hinzubekommen. Der Leser folgt dem anrührenden Versuch, die „Furie des Verschwindens“ (Hegel) aufzuhalten.

Fußball ist ein Spiel der Gegenwart; es zählt der gespielte Augenblick. Das Fußballerleben ist kurz; nach dem Rücktritt setzt ein naturwüchsiger Prozess des Vergessens ein. Bei einem seiner jüngsten Ausflüge in die von ihm erbaute Schalke-Arena fand sich Rudi Assauer unter den überdimensionalen Photos der Schalke-Kapitäne nicht wieder. Er fühlte sich schon vergessen; die Demenz hatte ihn längst vergessen lassen, dass er nie auf Schalke spielte, sondern 1966 mit Borussia Dortmund, dem Schalker Erzrivalen, als erster deutscher Mannschaft einen Europapokal gewonnen und 1976 als respektierter Mannschaftsführer bei Werder Bremen seine aktive Laufbahn beendet hatte. Auf Schalke war er lange Zeit der umstrittene Manager, dem es aber gelang, den mythischen Bergarbeiterclub der Vergangenheit in die Gegenwart des globalisierten Vereinsfußballs zu führen. Die Errichtung des Fußballtempels Schalke-Arena in Gelsenkirchen gehörte in dieses Konzept; der Gewinn des UEFA-Cups 1997 bleibt seine schönste Trophäe in den Ups and Downs einer Managerkarriere. Das wird nicht so schnell vergessen werden; auf Schalke erst recht nicht, diesem Meister der enttäuschten Hoffnungen. Rudi Assauer wäre es 2001 beinah gelungen, die vierzig Jahre vergeblich angestrebte Meisterschale nach Gelsenkirchen zu holen, die ihnen dann aber doch die deutschen Vielfachsieger Bayern in letzter Minute der Nachspielzeit vor der Nase wegschnappte. Schalke wurde kitschsusenmäßig zum „Meister der Herzen“ gekürt –das bringt den schwerkranken Assauer noch heute in Rage, damals hatte er den unvergessenen bitteren Satz gesagt: „Ich habe den Glauben an den Fußballgott verloren!“

Aber auch wenn der Glaube verloren ist, bringt jeder neue Anstoß die Hoffnung zurück. Um diese Hoffnung am Leben zu erhalten, pilgern die Fans ins Stadion. So entsteht das Fußballgedächtnis: „Weißt Du noch, damals …?“ Mein schönstes Spiel, das schönste Tor, das kurioseste Ereignis, zum Beispiel der Pfostenbruch auf dem Bökelberg – solche Erinnerungen, die in ein Fußballbuch gehören, gibt es auch in Assauers Buch. Rundfunk und Fernsehen haben in den letzten fünfzig Jahren den Fußball zum allgegenwärtigen Begleiter der Gegenwart gemacht. Die Erinnerung an den Straßenkick mit dem Lumpenball, als der Lederball noch zu teuer war, macht die in das Spiel investierte Leidenschaft sichtbar, als der Fußball für die hart arbeitenden Massen die augenfälligste Möglichkeit bot, aus dem Meer des Vergessens aufzutauchen. Der Mythos Schalke lebt von der Erinnerung an den Ruhrpottfußball, in dem Rudi Assauer groß geworden ist. Inzwischen ist auch der Lederball Geschichte; aus der Bergarbeiterstadt ist eine Dienstleistungsgesellschaft mit hoher Dauerarbeitslosigkeit geworden. Aber die Liebe ist noch da; sie belebt das Gedächtnis. Im Verblassen des Erinnerungsvermögens kann der Leser die schwindende Macht der Liebe erleben. Das klingt kitschig; aber ist nicht das christliche Versprechen, sie währe ewiglich, eine Illusion, wenn auch eine mit Zukunft? Rudi Assauers Erinnerungen machen den Leser zum Zuschauer eines gewagten Dribblings am Rande des Vergessens. Der Abseitspfiff wird kommen.

erstellt am 09.4.2012

Rudi Assauer | Patrick Strasser
Wie ausgewechselt
Verblassende Erinnerungen an mein Leben

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