Helmut Böttiger bekommt den Alfred-Kerr-Preis

Was ist aus unserem Journalismus geworden? Neben der Legislative, Exekutive und Judikative gehorcht auch die Presse der Gewaltenteilung, wenn man denn ihren Status als vierte Gewalt akzeptiert. Die Überzeugungskraft dieser vierten Gewalt hat allerdings etwas gelitten. „Schwierig ist es, Journalisten zu finden, die etwas Neues zu sagen haben; noch schwieriger kann es sein, ein Publikum zu finden, das etwas Neues erfahren möchte. Manche Leser, Zuschauer, Hörer wollen oft nur in ihrer Erwartung, ihrem Verdacht, ihrem Vor-Urteil bestätigt werden.“, schrieb Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung). Nun ist es schon grotesk, wenn das Publikum Informationsmedien nutzt, weil es nichts Neues erfahren mag. Grotesker ist es noch, wenn die Medien diesem Wunsch entsprechen.
Als selbst bei sogenannten Qualitätsmedien der klassische Journalismus vom Infotainment in die Defensive versetzt wurde und mit dem Bekenntnis zu den vermeintlichen Bedürfnissen der Mehrheit die Information, auf die der mündige Bürger angewiesen ist, ihre Bedeutung einbüßte, wurden Schmähworte („Labern“, „verkopft“, „braucht niemand“, „von gestern“) in Umlauf gebracht: Der Propagandafeldzug der Lifestyle-Ökonomisten gegen den intellektuellen Anspruch und die Verbreitung der harten Fakten, die sich an den politischen Verlautbarungen der Politiker messen ließen, schien für lange Zeit erfolgreich zu sein. Und das, was man einst erwarten durfte, der gut recherchierte Hintergrundbericht, die aufklärende Reportage, der frei reflektierende Essay, kurz, der unabhängige Journalismus wird, allein indem er feierlich ausgezeichnet wird, zum Ausnahmefall. Die Berichterstattung über kulturelle Belange, die nie Sache der Mehrheit waren, ist oft von Werbetexten nicht zu unterscheiden. Durch die Missbilligung kritischer Auseinandersetzung mit künstlerischen Aktivitäten, einer Auseinandersetzung, die das Resultat am Anspruch misst, die Handwerk, Qualität und das Bewegende ins Verhältnis setzt, wird auch das öffentliche Gespräch über das eigene Selbstverständnis unterbunden. Der Applaus sagt nichts aus über das Kunstwerk. Nur der Erfolg ist ausschlaggebend, ein Erfolg, der sich aus Verkaufszahlen oder Sitzplatzausnutzungen errechnet, also allein wirtschaftliche Bedeutung hat. Ein Kulturjournalist, der sich den kommerziellen Kriterien entzieht und sich auf die künstlerischen konzentriert, hat keinen leichten Stand, wird aber zuweilen belohnt. Der 1977 vom Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel gestiftete Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik wurde nun dem Schriftsteller und Journalisten Helmut Böttiger zugesprochen. Die Laudatio hielt der Filmschauspieler, Dramaturg, Hörspielsprecher, Fotograf, Übersetzer und Essayist Hanns Zischler. Nachzulesen ist sie hier:

Laudatio auf Helmut Böttiger

Späher und Landvermesser

Von Hanns Zischler

Den Kritiker loben? Es gehört ja zu seinem Ethos, auf Distanz zu gehen und Distanz zu halten – zu den Autoren wie den Lesern gleichermaßen. Abstand zu wahren von den Sirenengesängen einvernehmlichen Wohlwollens, in einem emphatischen Sinn unabhängig und so weit wie möglich unvoreingenommen zu sein.

Diese Unvoreingenommenheit zu beglaubigen, jedes Mal aufs Neue, ist eine der Tugenden, die ich Helmut Böttiger zugestehen möchte, die ich an ihm bewundere, je mehr und je länger ich ihn lese.

Diese nachgerade ideosynkratische Unvoreingenommenheit verbindet sich in seiner Person, seinem Schreiben mit einer leidenschaftlichen Neugierde für den Stoff: die Literatur, die deutschsprachige Literatur der Gegenwart. Das schon seit längerem nicht mehr ganz selbstverständliche Diktum, dass Literaturkritik zuallererst Sprachkritik zu sein habe, bestätigt sich in der Arbeit, in den Lektüren von Helmut Böttiger immer wieder.

Zu den Voraussetzungen dieser Sprachkritik gehört es, dass sie unbedingt dem gedruckten Wort verpflichtet ist, also mit den auf Schnelligkeit, auf die rasche und rasch verpuffende Performance und mit den durch den Satzverhau stolpernden Talks nicht in Einklang zu bringen ist. „Die Medien sprechen immer im Jetzt“, schreibt er. Böttigers gelegentliche Unterscheidung zwischen dem – schreibenden – Kritiker und dem (Großen) Fernsehkritiker ist nicht nur ein mildes polemisches Aperçu, sondern zielt auf die für ihn unverzichtbare Konstitution und den angemessenen Ort des schreibenden Kritikers. Die Durchdringung eines Textes, die Entfaltung und Konturierung von Schriftsteller-Physiognomien im großen, vielfältigen Panorama der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur erfordert Geduld und Hingabe, einen sehr wachen und geschärften Sinn für wahre und falsche Töne, um überhaupt – über die Meinung hinaus – zu einem Urteil und zu einer These – gelangen zu können.

So wie man das Lesen – von mnemotechnischen Kaspereien einmal abgesehen – nicht beschleunigen kann, so wie man Literatur, verdient sie diesen Namen, nicht auf plots und ein gefälliges, „filmreifes“ creative writing reduzieren kann, so kann auch eine ernstzunehmende Kritik nicht auf eine ruhig abwägende, die Schichten eines Textes durchdringende Haltung verzichten. Mit geradezu altmodischer Beharrlichkeit stemmt sich Böttigers Kritik gegen die Verramschung der Sprache im Durchlauferhitzer kalauernder Pointen; und dazu gehört auch, dass der Kritiker sich den Verlockungen widersetzt, über den von ihm betrachteten Text triumphieren zu wollen – tut er dies dennoch, so hat er weniger den Text als den Autor im Sinn bzw. im Visier.

Zum Fingerabdruck dieses Kritikers, man könnte es als eines seiner Stilmerkmale bezeichnen, gehört das untrügliche Gespür für den ersten Satz.
Helmut Böttigers erste Sätze sind gelungene, die Lektüre anspornende Auftakte und halten ein Echo des „first contact“ seiner Lektüren fest. Ich möchte einige hier gleich zitieren:
Natürlich rechnete er immer noch damit, aber langsam schwand die Zeit dahin. Über Günter Grass’ allmählich versiegende Hoffnung auf den Literaturnobelpreis. Oder:
Um Christa Wolf zu verstehen, sind kulturpolitische Daten zweitrangig.
Und ein grandioser Essay über Wolfgang Hilbig beginnt mit den Worten: Inmitten des schlechten Biers, der schlechten Zugverbindungen, dem Sperrholz der Sprelacart-Maserung und dem Geruch von Plastik und Sagrotan bekommt die Literatur den Ruch des Unvergleichlichen.
Wie der Startschuss zu einem Thriller mutet der Satz an über jenen Autor, den Böttiger unermüdlich und mit großer Überzeugungskraft uns nahegebracht hat: Reinhard Jirgl kam buchstäblich aus dem Nichts.

Eine eigenartige Stimmung, die Annäherung an ein Geheimnis und die ironische Zurückweisung eines bis dahin stillschweigend geglaubten Vorurteils suggeriert der erste Satz über Herta Müller: Es ist nicht so, daß bei den Banater Schwaben nicht gedichtet worden wäre.

Ich erwähne diese Auftakte nicht nur um ihrer eigenwilligen Dichte und ihres besonderen Effekts wegen, den sie auf den Leser ausüben, sich eingeladen zu fühlen, mit dem Kritiker ein unbekanntes Terrain zu betreten, auf dem er die außerordentlich unterschiedlichen Sprachen und Sprechhaltungen der neueren Literatur kennenlernen kann, sondern auch, weil diese Sätze das weitgespannte, tiefverankerte Netz von Bojen nachzeichnen, in dem sich Böttigers Kritik bewegt: immer mit dem Ziel, sich mit dem sehr unterschiedlichen Strömungen und dem bewegten, unruhigen Gelände darunter vertraut zu machen.

Mit dieser ebenso prüfenden wie teilnehmenden Haltung gelingen ihm Betrachtungen und Revisionen von so unterschiedlichen Autoren wie Peter Handke und Botho Strauß, die meines Erachtens die geliebten Feindbilder, für welche beide Autoren lange Zeit herhalten mussten, ins Kulissendepot zurückstellen.

Dass eben nicht alles immer sofort kommensurabel ist und sich restlos zu einem Sinn fügt, also ganz entschieden über die „landläufige Prosa, realistische und psychologisch vorgeformte Erzählhaltung“ hinausgeht, – wie Böttiger in seinem Essay über Reinhard Jirgl sagt. Und um gleich bei diesem wirklich unerhörten Autor zu bleiben – Böttigers eindringliche Lektüre gelingt es, aus der obstinaten Schreibhaltung dieses Autors auch ein Bild der DDR zu destillieren und uns nahezubringen, wie wir es in dieser Form vermutlich noch nicht erfahren haben, ja in der Darlegung eines so komplexen Schriftstellers, der, wie Böttiger sagt, „Barrikaden aus Satzzeichen und Buchstabenattacken“ zwischen sich und den Leser stellt, gerät der Kritiker, wie er neidlos eingesteht, gelegentlich selbst an seine eigenen (sprachlichen) Grenzen. Doch genau dieser ebenso leidenschaftliche wie demütige Verweis zeichnet den Kritiker aus: jetzt sind wir gehalten, nachdem er unsere Sinne geschärft hat, auf das Abenteuer dieser verstörenden Lektüre einzulassen.
Ich kenne keinen Kritiker – aus der gewesenen Bundesrepublik –, der mit einem derart sicheren Gespür für die besonderen Bedingungen der literarischen Produktion in der DDR uns den verqueren und verschütteten Reichtum und die nachhärtende Qualität einzelner Autoren und Texte nahebringen kann. Haben sich auch die äußeren Bedingungen ihres Schreibens geändert, so bleiben die biographischen Vektoren zu den ebenso bedrückenden wie im besten Sinn ‚abstoßenden’ Ursprüngen weiterhin wirksam. „Der Zerfall der DDR,“ schreibt er, „ setzte eine Literatur frei, die über die DDR hinausweist und akute Zeitgenossenschaft fasst.“ Dies gilt für Jirgl wie für Wolfgang Hilbig, für Kathrin Schmidt wie für Fritz Rudolf Fries, für Durs Grünbein wie für Ingo Schulze.

Böttiger ist ein Späher und ein Landvermesser, auf seinen Reisen durch die literarische Landschaft unternimmt er Bodenproben und vergisst darüber, auf- und um sich blickend, auch das Panorama nicht.

Mit diesem geographischen verbinde ich noch ein anderes, auf den ersten Blick vielleicht etwas abwegiges, ein geologisches Bild. Im Rückblick auf seine Literaturgeschichte „Nach den Utopien“ muten die dort ausgebreiteten und behandelten Texte wie die bunten Steine einer lebendigen mineralogischen Sammlung an. Es werden die je besonderen Bedingungen ihrer Entstehung, also Produktion mitgeteilt, welchem Druck sie ausgesetzt waren, wie viele Einschlüsse fremden Gesteins und welche Anteile tauben Gesteins sich ihnen finden, ob sie aus der Tiefe gefördert oder im Tagebau gewonnen wurden … Wie gesagt, ein vielleicht abwegiges Bild, doch will es mir nicht aus dem Kopf.

Es war ihm ein dringendes und wie man rasch begreift, berechtigtes, ja brennendes Anliegen, den Schriftsteller Fritz Rudolf Fries aus einer teilweise selbstverschuldeten Resignation zu befreien, um an dessen Rang als eines außergewöhnlichen und außergewöhnlich musikalischen Schriftstellers zu erinnern, nachdem dieser melancholische Iberer auf infame Weise, mit dem Generalverdacht eines Spitzels belegt und auf diese Weise zu Beginn unseres Jahrhunderts, wenn auch nicht mundtot gemacht, so doch ad acta gelegt wurde. Der Kritiker als Partisan: Helmut Böttiger beherrscht auch diese Rolle. Gestalterisch unterstützt von dem Verleger Ulrich Kreicher hat Böttiger dem Geschmähten in der eleganten Broschüre JAZZ ein bibliophiles Denkmal gesetzt.

Der Kritiker Böttiger argumentiert nie von sicherer Warte aus, immer bedenkt er mit, dass er – nicht anders als die von ihm geschätzten Autoren – auf eine Gegenwart wie er sagt „unabgesichert eingeht“. Und es ist diese Gegenwart, wie sie in den vielfältigen Brechungen der Literatur sich manifestiert, die ihn mehr als alles andere interessiert. Es fällt auf, dass er sich so gut wie nie einer besseren Vergangenheit, d. h. gesicherter Urteile aus dem Fundus historischer Literaturkritik vergewissert; vielleicht auch, weil er die Literatur der Vergangenheit als eine immer noch lebendige, unabgeschlossene und revisionsfähige Materie begreift. Er geht mit diesem Bekenntnis zur Zeitgenossenschaft und seinem Hunger nach dem Begreifen der literarisierten Gegenwart ein Risiko ein, das dem seiner Autoren durchaus vergleichbar ist.

So schreibt er über Brigitte Kronauer – der Aufsatz hebt mit dem betriebsironischen Satz an: „Brigitte Kronauer ist nicht gleich mit ihrem ersten Buch entdeckt und gefeiert worden. Es war ganz anders“ – ein Bild aus dem Jazz herbeiwinkend: „Immer geht es ihr darum, das Durcheinander der Wirklichkeit in ein erzählerisches Nebeneinander zu zwingen, in scheinbar alltäglichen Dingen das Unerhörte aufzuspüren. Es entspricht ungefähr der freien Improvisation im neueren Jazz, der mit der neuen E-Musik zusehends verschwimmt. Es gibt Themen, die sich zugleich durch ihre Verwechselbarkeit tarnen.“

Das Unerhörte aufspüren, den individualisierten Sprachen in der Literatur nachgehen, sie belauschen und sie in ein prägnantes Bild zu fassen – sei es bei Elfriede Jelinek oder der „wunderbaren Rampensau“ Thomas Kling; den „entbundenen Osten“ bei Ingo Schulze zu erleben oder bei Herta Müller festzuhalten: „Alle ihre Bücher entstehen daraus, dass unversehens, scheinbar grundlos, die Vergangenheit sich in die kleinsten alltäglichen Gegebenheiten mischt.“

Ja, wir wollen diesen Kritiker loben, – ohne Wenn und Aber. So, wie Alfred Kerr vor mehr als hundert Jahren seinen Breslauer Zeitungs-Lesern ein turbulentes, parvenühaftes Berlin mit sarkastischer Liebe geschildert hat, so versorgt uns Helmut Böttiger heute mit seinen eindringlichen und nachdenklichen Betrachtungen zur literarischen Gegenwart unserer Tage.

erstellt am 03.4.2012

Helmut Böttiger, Foto © Literarisches Zentrum Göttingen
Helmut Böttiger, Foto © Literarisches Zentrum Göttingen