Buchkritik

Tragik, Trauer und Poesie

Ulla Lenzes neuer Roman „Der kleine Rest des Todes“

Von Martin Lüdke

Alles ist klar, auch wenn erst einmal vieles unklar bleibt. Ariane, eine junge Frau, dreiunddreißig Jahre alt, Doktorandin, hatte sich wohl auch zu Studienzwecken sechs Monate in einem zenbuddhistischen Kloster in Indien aufgehalten und war erst vor wenigen Tagen nach Deutschland zurückgekehrt. Da bekommt sie eine Nachricht über ihren Vater, „etwas, über das man in der Zeitung lesen kann. Ein tragischer Fall unter anderen tragischen Fällen.“ Ein Flugzeugabsturz. Der Vater ist tot. Soviel war sicher. Unklar blieb die Ursache: ein Unfall, ein Herzinfarkt oder sogar Selbstmord? Sicher ist nun auch, wenn auch unausgesprochen, dass Ariane in den folgenden Wochen immer wieder mit massiven Schuldgefühlen zu kämpfen hat. Die junge Frau, das zeigt ihr bisheriges Leben, hat ohnehin einiges mit sich selbst zu schaffen. Jetzt scheint sie vollends überfordert.
Bereits der erste Satz, der erste kurze Abschnitt des Buches zeigt die ganze Verwirrung, von der sie gepackt worden ist: „Wie uns die Nachmittagssonne im Nacken saß, als wir durch die Häuserschlucht gingen, unseren wegspringenden Schatten hinterher. Leander legte seine Hand in meinen Rücken, ich suchte den Schlüssel. Mein Vater kam am Flugplatz an, ging zur Luftaufsicht im Tower. Dann zum Hangar, umrundete die kleine Maschine einmal zur Kontrolle und stieg ein. Leander setzte sich nicht, stand herum, ließ sich küssen.“
In diesem kurzen Absatz sind völlig verschiedene Abläufe zu unterschiedlichen Zeiten zusammengefügt. Gedanken, die der jungen Frau, wie man gleich darauf erfährt, aber erst „fünf Tage später“, durch den Kopf gehen. Erinnerungen an den Vater, dann, nachdem sie von seinem Tod erfahren und einen alten Freund angerufen hatte, Erinnerungen an ihren vergeblichen Versuch, bei diesem Leander Trost, Halt, Unterstützung zu finden. Oder bei Arndt, dem Ex-Geliebten, mit dem sie Schluss gemacht hatte, um in Indien, in einem buddhistischen Kloster, ihre Dissertation über das Problem der Negation bei Hegel, Adorno und den Zenbuddhismus voranzubringen. Bilder, Erinnerungen, Albträume und gegenwärtiges Geschehen werden miteinander verknüpft. Die Grenzen von Zeit und Raum sind in einer alles umgreifenden Gegenwart aufgehoben. Im Holzsarg verbarg sich ein Zinksarg, wegen des Kerosins, wurde gesagt. Sie fragt sich, was das bedeutet „und verlor die Frage an die Angst.“ Die Intention, die sie in ihrer Doktorarbeit verfolgte, nämlich auf eine leicht verständliche Weise „die Vorteile der Ichlosigkeit sichtbar“ zu machen, realisiert sich jetzt, in den ersten Tagen und Wochen nach dem Tod des Vaters, unversehens in ihrem Leben. „Ja, wenn sich alles umstülpt im Leben, und ich finde, der Tod tut das, nur das man ihn einfügt ins Leben wie einen Satzteil, als gehörte er zur ganzen Geschichte, aber das tut er nicht.“
Anders als in den diversen Trauer-Litaneien, in denen sich ein Georg Dietz von seiner Mutter, eine Ulla Berkewicz von Siegfried Unseld, oder ein Christoph Schlingensief sich von der Welt überhaupt verabschieden, versucht Ulla Lenze gar nicht erst, das Unbegreifliche zu begreifen. Sie beschreibt vielmehr, und darum auch so wirkungsvoll, die Folgen, die der Tod bei ihrer Protagonistin hervorruft.
Zunächst, wie oben gezeigt, Konfusion. Dann ein Ich-Verlust, der sich als sein eigenes Gegenteil präsentiert: als eine extreme Ich-Bezogenheit. Bei dem Besuch des Polizeibeamten, der die Ergebnisse der Untersuchungen über die Absturzursache der Familie präsentieren will, macht Ariane schlapp und lenkt damit alle Aufmerksamkeit auf sich. Der sarkastische Kommentar ihrer Schwester: „Das muss man erst mal können. Sich herausnehmen aus allem und sich zur Hauptperson machen.“ Und das auch noch gleichzeitig. Am Ende fahren die beiden Schwestern gemeinsam zur Unfallstelle. „’Hier?, frage ich. ‚Man kann nichts erkennen’, sagt sie, ‚aber es war hier.’“ Alles klar. Nichts geklärt.
Arianes Trauer hatte egozentrische Züge angenommen. Doch in dem gleichen Maße, in dem sie sich rücksichtslos gegen ihre Umgebung verhält, hatte sie sich selbst verloren. Deshalb spielt „Der kleine Rest des Todes“ mitten in unserem Leben“. Die Situation ist tragisch. Die Beschreibung poetisch. Vielleicht kann man auch deshalb diesen nicht sehr umfangreichen, eher kondensierten Roman als eine Mentalitätsgeschichte der Generation lesen, der Ulla Lenze, die 1973 geboren wurde, angehört. Es ist, nebenbei gesagt, die Generation, die jetzt das Ruder übernehmen will, die der Röslers und Röttgens.

erstellt am 29.3.2012

Ulla Lenze
Der kleine Rest des Todes
Roman
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt am Main 2012,
156 S.

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