Die Tagebücher von Erich Mühsam

Auf der Suche nach der verlorenen Revolution

Sie sind eine große späte Entdeckung: die Tagebücher des 1878 geborenen Poeten, Publizisten und anarchistischen Politikers Erich Mühsam, eines Revolutionärs, der für seine führende Rolle in der Münchner Räterepublik in Festungshaft saß und der 1934 von den Nazis im KZ Oranienburg ermordet wurde. Wer Mühsam bisher nur als den Verfasser des berühmten Spottlieds auf Sozialdemokraten („War einmal ein Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer…“) oder auch bestimmte Anarchisten („War einmal ein Anarchisterich, der hatte den Attentatterich…“) kannte, dem gibt die Edition seiner Tagebücher aus den Jahren 1910-1925 jetzt Gelegenheit, ihn auch als großen Schriftsteller kennenzulernen.
Im August 1910 ging Erich Mühsam ins schweizerische Château d’Oex zur Kur. Die hatte seine wohlhabende Apothekerfamilie ihrem schwarzen Schaf widerwillig spendiert. Obwohl Mühsam nach einer Inhaftierung und einem politischen Prozess wegen Geheimbündelei auf Ruhe und Erholung angewiesen war, begann er sich schnell zu langweilen. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass er Tagebuchschreiber wurde. Bis ins Jahr 1924 setzt er die Aufzeichnungen fort, die ihn als genauen Beobachter seiner Umgebung und stilsicheren Schriftsteller erweisen. Pointiert, polemisch und schonungslos hat er mit diesen Heften ein Jahrhundertwerk hinterlassen.
Als Mühsam aus der Kur nach München zurückkehrte, war er Teil der Schwabinger Bohème, zu der ein großer Teil der Protagonisten des Expressionismus gehörten. In Mühsams Tagebüchern trifft man sie alle, offen oder mit Spitznamen verkleidet: Frank Wedekind, Roda Roda, Herwarth Walden, Walter Hasenclever, Peter Hille, Fanny von Reventlow und viele andere. Auf 42 Hefte mit insgesamt über 7000 Seiten wird sein Tagebuchwerk anwachsen, bis Mühsam es 1924, nachdem er als maßgeblicher Protagonist der Münchner Räterepublik über fünf Jahre im Gefängnis verbüßt hat, abschließt mit dem Wort: „Frei!“

Wenige Tage nach der Ermordung Erich Mühsams im Konzentrationslager Oranienburg am 10. Juli 1934 gelang es seiner Frau Zenzl Mühsam, den schriftlichen Nachlass vor der Beschlagnahme und Vernichtung zu retten und über ihr Prager Exil 1936 in die Sowjetunion zu schmuggeln. Doch dort wurde Zenzl Mühsam Opfer der stalinistischen Säuberungen und die Tagebücher vermutlich als Belastungsmaterial gegen deutsche Exilanten missbraucht. Die Aufzeichnungen aus den Jahren 1910/11 und 1916–1919 und viele Briefe kamen dabei abhanden. Zenzl Mühsam überlebte achtzehn Jahre Gefängnis, Straflager und Verbannung und durfte 1955 in die DDR ausreisen. Bis zu ihrem Tod am 10. März 1962 kämpfte sie vergeblich um die Veröffentlichung des Nachlasses Erich Mühsams. Erst in den siebziger Jahren, als in Ost- und Westdeutschland eine neue Beschäftigung mit Erich Mühsam einsetzte, beschloss der Ostberliner Verlag Volk und Welt, die in der Akademie der Künste auf Mikrofilmen lagernden Nachlass-Kopien editorisch aufzubereiten. Das Kulturministerium der DDR stellte Mittel für die Transkription zur Verfügung. Im Verlauf der achtziger Jahre entstand auf diese Weise die Materialgrundlage für die nun begonnene Edition.

Chris Hirte war Mitherausgeber der Erich-Mühsam-Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt (1978–1985). Seine Mühsam-Biographie erschien 1985 im Verlag Neues Leben, 2009 in überarbeiteter Neuauflage beim Ahriman Verlag Freiburg. 1994 veröffentlichte er bei dtv München eine Auswahl aus den Tagebüchern. Seit 2009 arbeitet er gemeinsam mit Conrad Piens an der Gesamtausgabe der Tagebücher.
Conrad Piens ist Informatiker und Antiquar. Gemeinsam mit seiner Frau Irina betreibt er seit 1999 die Website www.muehsam.de, die u. a. eine umfassende Bibliographie zu Werk und Wirkung Erich Mühsams enthält. Neben der Herausgebertätigkeit sorgt er für die webgerechte Aufbereitung der Tagebuchtexte mit Hilfe von Programmen, die Texte, Register und verfügbare Materialien automatisch verbinden und eine intelligente Suche ermöglichen.
Dem Verleger Jörg Sundermeier und dem Verbrecherverlag ist es zu danken, dass die Tagebücher nicht nur im Internet, sondern auch als wirkliche Bücher, schwarzrot in Leinen gebunden und mit Lesebändchen versehen, zu erhalten sind. Die beiden ersten Bände liegen inzwischen vor.

Auszüge aus

Erich Mühsam: Tagebüchern – Band 2

München, Montag, d. 23. Oktober 1911.
… – Abends ging ich dann in die Torggelstube: Muhr, Eyssler, Dr. Brecher und dessen Mädel. Wedekind kam und setzte sich in den andern Raum. Ich flüchtete zu ihm, und wir hatten unterhaltende Gespräche über Politik. Er gab mir eine Rundfrage der »Zeit« über den tripolitanischen Krieg, und las mir seine Antwort darauf vor. Sie lautet dahin, daß Wedekind mit Italiens Vorgehen ganz einverstanden ist, da der Islam in Europa keine Existenzberechtigung mehr habe. Ich war entsetzt und entwickelte meinen Standpunkt, indem ich die Angelegenheit ganz von der sozialen und allgemein menschlichen Seite her betrachtete. Da Wedekind mir den Brief der »Zeit« mitgab, werde ich im »Kain« die Sache behandeln. – Nachher wieder Gespräche über Ehe und Eifersucht. Wedekind zitierte einiges, was er über die Beziehung von Mutter und Kind in seinem neuen Stück geschrieben hat. Um 2 Uhr kamen Gotthelf und Lulu Strauß, und wir alle brachen sehr bald auf.
Sonntag: Lotte holte mich aus dem Bett, sah interessiert zu, wie ich mich splitternackt wusch, und wir fuhren zur Auer Dult. Dort kaufte ich allerlei Hübsches für sie, darunter ein entzückendes Bettmodell, das grad für ihre Puppen paßt. Dann aßen wir in der Torggelstube und gingen später ins Stefanie, nachdem ich noch vorher in ihrem Zimmer zusehn durfte, wie sie sich umzog. Ihre Nacktheit, die sie absichtlich lange vor mir zeigte, berauschte mich, aber das begehrte Piacere verweigerte sie mir. Dagegen küßte sie mich so herzlich und lange auf den Mund, wie ich es – außerhalb des Bettes – noch nicht von ihr erlebt habe. – Als ich später allein im Stefanie saß, kam Emmy voll Aufregung und erzählte diese Abenteuerlichkeit: Vor einigen Tagen hatte sie in ihrem Atelier wieder mal eine Erscheinung. Sie sah eine wildfremde Frau stehn, die auf einmal wieder verschwand. Nun hat sie in diesen Tagen die kleine Fränze Fischer photographiert und gestern entdeckte sie beim Entwickeln der Platte, daß auf dem Negativ hinter Fränze deutlich jene fremde Frau zu sehn ist. Ich habe das Negativ noch nicht gesehn. Bis sie es mir gezeigt hat, bin ich geneigt, mir die Sache rationalistisch zu erklären. Immerhin: Kein Mensch kann wissen, ob nicht die Phantasie guter Medien – und das ist Emmy bestimmt – bis zur Materialisation ihrer Imagination geht. Jedenfalls will ich das Mädel mal zu Schrenck – Notzing schicken. Für den ist sie gewiß ein »Fall«. Nachher kam sie zu mir zum Abendbrot. Ich mußte ihr dann noch eine Rolle abhören, die sie im Kleinen Theater spielen soll und als ich fort wollte, da es Zeit für mich wurde, meine Verpflichtung diesem Kunstausschank gegenüber zu erfüllen, verlangte sie, ich müsse sie erst vögeln. Du lieber Himmel! Der Mensch ist schwach, und ich tat ihr den Willen, erfreut, sie nach so langer Zeit dazu wieder imstande zu finden. Eine merkwürdige Perversität von ihr ist es, während des Aktes ihre Geilheit durch die ordinärsten Ausdrücke zu bestätigen. Dabei beschimpft sie den Mann unter ihren rasenden Küssen – aber ich kann nicht leugnen, daß mich dies Verhalten sehr reizt und aufregt. …

München, Donnerstag, d. 2. November 1911.
… Der neue »Pan« kam an, in dem Kerr seine unmöglichen Angriffe gegen Harden fortsetzt. Der ist einmal in einem kleinen Nordseebad beobachtet worden, wie er bei offenem Fenster in einem Parterre – Zimmer einer Hure, die er sich von Berlin mitgenommen haben soll, Minett machte. Da die eingebornen Bauern sich darüber entrüsteten, bot ihm Paul Cassirer, der zugleich in dem Badeort war, seine Wohnung zu derartigen Zwecken an. Cassirer hat die Geschichte überall herumerzählt (ich kenne sie seit Monaten durch Heinr. Mann). Wedekind wußte auch davon, und nun beschimpft Kerr seit 2 Monaten Harden in jeder »Pan«-Nummer deswegen. »Kleine Unappetitlichkeiten perverser Schwäche«. Saudumm und hundsgemein! Kerr hat wohl nie einem Mädel Minett gemacht? Ich leugne nicht, daß ich es sehr gern tue. Denn der höchste sexuelle Genuß liegt in der Beobachtung des Genusses, den die Partnerin von unsern Bemühungen hat, und die Frauen spüren nun einmal da unten am liebsten die Zunge der Männer (die übrigens auch selbst ein sehr empfindsames Geschlechtsorgan ist). – Hoffentlich ist Harden gescheit genug, sich durch die Schweinerei Kerrs nicht kompromittiert zu fühlen. Ein Vergleich des Verhaltens Kerrs mit dem Hardens (Kerr beruft sich natürlich auf die Priorität Hardens, gegen den daher jede Rücksicht falle) ist ganz verfehlt. Harden hatte ganz verdeckte Andeutungen gegen Eulenburg und Genossen gemacht, hatte sie in ausgesprochen politischem Interesse gemacht und hatte sie durchaus ohne moralischen Vorwurf gemacht. Kerr ist ganz deutlich und zeigt sich moralisch entrüstet. Er macht sich dadurch lächerlich und unter gesitteten Menschen unmöglich. Ich werde wohl im »Kain« diese ganzen Literaturgezänke ignorieren. Sie sind zu widerlich. …

München, Donnerstag, d. 9. November 1911.
Vor der Abreise noch schnell ein paar Notizen. Zunächst die Feststellung, daß ich schon wieder eine unerhörte Dummheit gemacht habe, die mich leicht die ganze Reise hätte kosten können, und natürlich wieder mit dem verfluchten Kartenspiel. Ich saß mit Rößler im Stefanie. Da kam Gotthelf, und die beiden spielten Écarté. Ich wettete gegen Rößler und gewann zuerst etwa 3 Mark. Dann verlor ich, und um den Verlust, etwa 10 Mk wieder hereinzubringen, setzte ich 20. Ich verlor, setzte wieder 20, verlor und so ferner, bis mir Gotthelf selbst dringend riet, jetzt gegen ihn zu setzen, da Rößler in einer unübersehbaren Glückssträhne war. Ich tat’s, und prompt gewann Gotthelf. Als ich 120 Mk verloren hatte, setzte ich den ganzen Rest meines Geldes: 60 Mk – und verlor. So hatte ich 180 Mark verloren. Gotthelf und Rößler pumpten mir zusammen hundert, sodaß ich reisen kann. Aber 80 Mk bin ich in bar los und 100 Mk Schulden habe ich obendrein. Ich war natürlich sehr nervös, und wartete auf Peppi. Sie versetzte mich. So ging ich kegeln. Auf der Kegelbahn war ich wieder sehr guter Laune. – Nachher Simplizissimus. Dort interpellierte mich Halbe recht interessant. Ob ich es für ihn nützlich halte, daß er sein neues Stück, »der Ring der Gaukler« zuerst hier am Hoftheater spielen lasse, und dann erst bei Reinhardt in Berlin. Ob ich wüßte, wie hier jetzt allgemein die Stimmung zu ihm sei, ob er noch große Feindschaften habe etc. Ich sagte ihm, daß ich nach dem Erfolge seines Romans und nach der guten Aufnahme der neuen Aufführungen von »Jugend«, »Strom«, und »Mutter Erde« bestimmt glaube, daß die Stimmung ihm hier günstig sei, während in Berlin ja noch der Mißerfolg der letzten Premiere, der »Blauen Berge« nachwirke. Auch glaube ich, daß er gefährliche Feindschaften hier kaum mehr habe. Die Kämpfe zwischen Neuem Verein und Dramatischer Gesellschaft sind infolge Ablebens der letzteren verstummt, und über die Ruederer-Freksa-Geschichte, die für diese Herren doch ein glatter Durchfall war, ist Gras gewachsen, umsomehr, als sich nach dem »Schmied von Kochel« diese Partei doch nicht mehr zu laut machen darf. – Halbe war sehr beruhigt und ihm leuchteten meine Gründe ein. – Ich bin nun schon seit über 10 Jahren mitten unter diesen Literaten. Aber immer von neuem erstaune ich über die Kleinlichkeit, die Neidereien, die Kinderstubenhaftigkeit in diesen Kreisen. Haben denn solche Dinge wirklich mit dem Ewigen zu tun, auf das wir ausgehn? …

München, Dienstag, d. 21. November 1911.
München ist, soweit es sich überhaupt noch aufregen kann, in großer Bewegung. Die Polizei hat ein Stück geleistet, das alles bisherige in den Schatten stellt. Im Lustspielhaus trat in der vorigen Woche eine junge Dame, ein Fräulein Vallida oder ähnlich – mit langem exotischem Namen – als Tänzerin auf und führte unter andrem, einem ausgesuchten geladenen Publikum, Nackttänze vor. Es soll wunderschön gewesen sein. Bei ihrem dritten Auftreten wurde sie plötzlich unter Wahrung aller chikanösen Polizeiniederträchtigkeiten, Isolierung u.s.w. von der Bühne weg verhaftet, und zugleich mit ihr Robert und der Impresario, dem das Theater für die Tage verpachtet war, zum Polizeipräsidium abgeführt. Ich erfuhr von der Geschichte gestern durch Meyrink, und da Hüsgen, der Oberinspektor des Lustspielhauses grade im Café war, um Protestunterschriften zu sammeln, fuhr ich mit ihm zu Dr.Robert hinunter. Auf der Direktion war große Entrüstung. Die Roland erzählte mir sehr aufgeregt und ausführlich den Vorgang. Ein Rechtsanwalt war da, der Impresario und Reese. Ich stellte Robert mein Blatt für Erklärungen zur Verfügung und versprach ihm, mich sehr energisch für ihn einzusetzen. Außerdem sprach ich ihm die Absicht aus, eine öffentliche Versammlung einzuberufen, in der ich das Referat über das Thema »Gegen die Polizeizensur« sprechen würde. Von dieser Idee schienen die Anwesenden nicht sonderlich erbaut. Robert meinte, das sei schon von andrer Seite geplant, wobei er ekelhaft mauschelte. Ich werde aber wohl trotzdem etwas derartiges arrangieren, zumal ich heute zufällig von Krobshofer einen Brief erhielt, worin er mitteilt, daß er – sehr lieb, sehr nett – 90 Mark für eine Versammlung zusammengebracht habe. Ich denke mir jetzt als Thema: »Staat, Polizei und Abhilfe« und als Saal vielleicht die Schwabinger Brauerei. …

München, Freitag, d. 24. November 1911.
… Während des Geheimbundprozesses – (wieder eine Störung von 20 Minuten. Ein armer Teufel, der schrecklich jammerte. Ich gab ihm 1 Mk). Während des Geheimbundprozesses also saß ich einmal mit Rechtsanwalt Caro im Torggelhaus. Da kam Ernst v.Wolzogen, den ich jahrelang nicht gesehn hatte, herein – und hinter ihm noch ein Herr. Ich lief hinter Wolzogen her, um ihn zu begrüßen, als mich der andre stellte: »Sie sind Erich Mühsam.« »Ja, sagte ich, und sie sind M.G. Conrad.« Es stimmte natürlich, und wir hatten einen sehr hübschen Abend miteinander. – Bei Conrad war es immerhin möglich, daß ich schon mal sein Bild gesehn hatte – von Däublers Exterieur hatte ich aber keine Ahnung, und ich hätte ihn mir eher blond und schlank vorgestellt. – Wir unterhielten uns über französische Angelegenheiten. Er zeigte sich als Feind der Republik und wünschte eine Renaissance der Dynastie. Es schloß sich eine interessante Debatte daran über Anarchismus, den er nur als aesthetische Idee anerkannte. Hardy bekannte sich natürlich zur Reaktion à tout prix. Bei andrer Personenzusammenstellung wird er wütender Anarchist sein.
Zur Gegenwart: der Artikel Siedebergs enthält in der Tat sehr schwere Beschuldigungen. Er behauptet, es sei in Deutschland – und zwar auf Befehl der Fürsten und Fürstinnen, speziell WilhelmII. – gang und gäbe, Zucht- und Irrenhäusler zu entmannen. Er führt auch Beispiele an, doch kann ich mit seinen Beschuldigungen solange nichts anfangen, wie er nicht auch Beweise bringt. Ich werde ihn anfragen, worauf sich seine Tatsachen stützen. Überraschend wäre die Schweinerei ja nicht, ich traue Behörden und deren ärztlichen und juristischen Beamten jede Teufelei zu. Aber, will ich sie öffentlich angreifen, so muß ich absolut beweisendes Material haben. …

München, Dienstag, d. 5. Dezember 1911.
Bei Bolz fand gestern abend eine Aussprache der »Komet«-Mitarbeiter statt, zu dem Zwecke, einen Solidaritäts-Trust gegen Redaktion und Verlag zu schaffen. Es nahmen teil: Ehrenberger, Bolz, Thesing und ich. Zugegen waren auch die Braut Ehrenbergers und Frl.Tarrasch, die von Bolz. Es wurden sehr trübe Meinungen über die Lebensaussichten des »Kometen« laut. Angeblich soll garkein Geld mehr da sein, und Fuhrmann soll jede Nummer aus eigner Tasche bezahlen. Da aber das Geld seiner Frau gehöre, die nicht gern mehr herausrücke, sei die Gefahr des Bankrotts sehr groß. Es wäre scheußlich für mich, wenn diese 200 Mk wieder wegfielen. Der »Kain« wäre wohl verloren, und die Hoffnung auf Ella müßte ich erst recht einsargen. Es wurde beschlossen, daß ich mit Fuhrmann privatim reden soll, um ihm den Nacken zu steifen, vor allem ihm begreiflich zu machen, daß es Irrsinn wäre, die 80 000 Mk, die schon in dem Unternehmen drinstecken, jetzt, wo die Geschichte sichtlich besser wird und vorwärts geht, schießen zu lassen. Es gab guten Grogk bei der Unterhaltung, von dem ich reichlich trank und mich animieren ließ.
Nachher ging ich ins Luitpold. Oppenheimer hatte mir im Café gesagt, daß Heinrich Mann dort sein werde. Er belobte mich wegen des Kains und meinte, ich dürfe das Blatt unter keiner Bedingung eingehn lassen. Ich klopfte an, ob nicht etwa sein Bruder Thomas, der ja reich ist, die nötigen 3000 Mk herausrücken werde. Mann aber meinte, soviel werde er wohl nicht geben, einiges aber bestimmt. Da Thomas Mann Freitag bei Kutscher liest, werde ich wieder hingehn. Wir kennen uns ja noch garnicht persönlich. …

München, Sonnabend, d. 9. Dezember 1911.
… Abends war ich wieder bei den Kutscher-Studenten, wo Thomas Mann aus seinem neuen unvollendeten Roman »Memoiren des Hochstaplers Felix Krull« vorlas. Ich lernte ihn bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal persönlich kennen. Wir hatten nur einmal – vor einem Jahr, als es sich um meinen Protest in der »Zukunft« handelte, korrespondiert. Gesehn hatten wir uns oft, und ich erinnere mich seiner sogar noch vom Schulhof des Lübecker Katharineums her. Er gefällt mir sehr gut, wenn er auch im Exterieur keineswegs den distinguierten Eindruck macht wie Heinrich Mann. Aber er ist klug, differenziert, sehr geschmackvoll im Reden und Gesten und liest sehr gut, wenn auch ein wenig geziert lübeckisch. Was er las, ist überaus fein und klug. Zwei kurze Abschnitte aus den Jugenderinnerungen des Hochstaplers. Sein erster Theaterbesuch und die exakte Schilderung, wie er sich, um die Stunde schwänzen zu können, krank stellt. Beide Abschnitte brillant stilisiert, voll feiner Ironie und doch wieder voll starker Leidens-Confession. …

Mit freundlicher Genehmigung vom Verbrecher Verlag, Berlin.

erstellt am 28.3.2012

Erich Mühsam
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