Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

kolumne

TEXTLAND von Jamal Tuschick

Ruhm, Rum und Heroin

»SAUERSTOFF« in den Landungsbrücken

Joint attention nennt der Fachmann die geballte Aufmerksamkeit. Ohne dieses evolutionäre Format einer menschlichen Fähigkeit gäbe es kein Theater. Iwan Wyrypajew, Jahrgang 1974 und hoch gehandelt, versteht sie als Produktivkraft, um aus der Absurdität den Sinn des Lebens in exemplarischer Fragwürdigkeit zu melken: so wie in seinem Stück „Sauerstoff”, das nun auch vom Frankfurter Landungsbrücken Theater in der Regie von Tim Egloff auf der Bühne zu einer beachtlichen Strecke gebracht wird. – Mit einer persönlichen Ansprache des Publikums zu Anfang und einem strengen Aufbau bis zum Schluss. In „Sauerstoff” sind die Zehn Gebote ein anderes Weißes Album, fast so bedeutend wie das Original. Ihr Moses ist zeitgerecht eine Djane in arrogantem Licht. Iris Reinhardt Hassenzahl nimmt die Rolle als Schneewittchen mit blutenden Lippen unter einem Pagenkopf an. Sie spielt sehr schön, in statuarischer Leidenschaftlichkeit. Alles Zweifelhafte liegt nicht bei ihr, sondern bei den Ich-Illusionisten im Keller der Ereignisse. Da drehen sich Alexander und Alexandra im Kreis. Er hat seine Frau geschlachtet, das ist ein ungesühntes Provinzverbrechen. Karl Walter Sprungala sieht aus wie ein degenerierter Wikinger, mit einer Visage wie ein zertretenes Beet. Sein Alexander weiß: „In jedem von uns stecken zwei … Tänzer”. Die „Tänzer” übersetzen sich in Lungenflügel, da ist der Zusammenhang mit dem Titel stiftenden Sauerstoff. „Als gesagt wurde, du sollst nicht töten, hatte Alex die Kopfhörer auf den Ohren”. Der Mord verstimmt ihn bis in die Grandiosität, er ist auch furchtbar verliebt in seine neue Bekanntschaft. Alexandra behält ihre Skepsis, sie hält fest an der erschlafften Flagge der halbherzigen Vernunft. Isabelle Barth gibt jeder Nuance ihres changierenden Spiels eine Farbe, Alexandra bleibt im Ernst aber kein Vorsprung der Einsichten. Theoretisch würde sie gern „Liebe” aus lauter Liebe machen, doch hat auch sie „ein Herz so groß wie ein Doppelbett”. In Sauerstoff geht es um Gott und die herkunftsstolzen Moskauer Flöhe, um Ruhm, Rum und Heroin. Gestreift werden die Katastrophen und Frontverläufe im keimenden dritten Jahrtausend. Sie scheinen die Protagonisten in die Ratlosigkeit bizarrer Allgemeinplätze zu schicken: „Alles hat nur zwei Ursachen: Wahnsinnige Liebe und Sauerstoff”. Dabei sind „Liebe und Ersticken ein und dasselbe”. Es wird schwadroniert bis nach Jerusalem, obwohl schon Moskau weit ist. Vielleicht ist „Sauerstoff” ein Versuch über das Gehirn, so wie es die Forschung jetzt sieht, als eine Instanz, die verwirrend widersprüchliche Informationen zwanghaft zu plausiblen Geschichten verbaut. Wie auch immer, das Spiel in den Landungsbrücken gelingt so, dass man gern darüber ins Grübeln kommt.

Bettina Klix

Das doppelte Lottchen der Bewirtung

Die Schriftstellerin Bettina Klix in der Rumbalotte, der amerikanische Traum zerplatzt in den Filmen von Paul Schrader und der Prenzlauer Berg in seiner kosmischen Kneipendichte – Jamal Tuschick entdeckt Berlin mit dreißig Jahren Verspätung

Holz, soweit das Auge reicht. Der Abend beginnt im Metzer Eck, so freundlich bin ich noch nicht in einer Berliner Gaststätte empfangen worden. Obwohl sonst kein Mensch an Ort und Stelle nach Laufkundschaft aussieht, kriege ich umgehend den Stempel der Unbedenklichkeit aufgedrückt. Hier sind Leute in einer Tradition zuhause, das entspannt. Die Edeleckangelegenheit existiert seit 1913 und ist ihr eigenes Museum. Es gibt sogar einen „Novomat“, eine spielautomatische Antiquität, die ihre Gewinne in „Warenbezugsscheinen“ ausschüttete. Stillgelegt und nie wieder in Gang gekommen in der Ära gusseiserner Beschläge. Ich lerne dazu, in der Heimlichkeit der Beobachtung. Im 19. Jahrhundert war dieser Flecken im Prenzlauer Berg noch ländlich genug für Windmühlen. In meinen topografischen Betrachtungen Berlins entdecke ich eine Genügsamkeit, die mich belustigt. Jedes Straßenschild könnte eine Verfehlung anzeigen, die Quartiere purzeln im Knobelbecher meiner Unverbundenheit. Kein Anschluss. Die Neugier: schon ein altes Tier. Wer was gesagt hat und wo was war, ist mir endlich wurscht geworden. Mein Annäherungswille hat sich erschöpft, geblieben ist er auf den Strecken von tausend Tresen und anderen Wegmarken der großen Sprecharie des kleinen Mannes, dem im Schrebergarten seines Daseins ständig der Himmel auf den Kopf zu fallen droht.

Die Küche empfiehlt Eisbein. Wie schön ist es, eine Stadt Stadt sein lassen zu können. Das Schnitzel unter dem Ei schmeckt förmlich nach der Begeisterung für einen Feierabend in schierer Pantoffelöffentlichkeit. Es wird das Wetter besprochen, mit heidnischen Einflüsterungen. Es mussten die Winter ja stets überlebt werden, mit der Aussicht auf einen Frühling. Älteste Befürchtungen stecken in den Wetterberichten, die man sich so zukommen lässt, als hätte jeder sein eigenes Wetter. Ein Fuchs schnürt über die Metzer Straße, das ist keine Sensation, manchmal kehrt der Fuchs auch ein.

In den Straßennamen des Quartiers veröffentlicht sich der stark verblasste Triumph des Deutschen Reichs über Frankreich 1870-1871. Ob in diesem Bewusstsein noch jemand das Kopfsteinpflaster tritt? Als doppeltes Lottchen der Bewirtung steht vis-a-vis des eingänglichen Metzer Ecks die Rumbalotte continua zur Verfügung als Kulturspelunke nach eigener Angabe. Johnny Cash wartet schon am Tresen. Erstaunlicherweise spricht er französisch von „Souvenirs de la maison close“ in unweiter Ferne. Auf einer Leinwand geht Richard Gere seinem Verderben als „American Gigolo“ entgegen, während Bert Papenfuß den Arsch der Tresenfrau knetet. Sie genießt ihre magnetische Wirkung. Ich diskutiere mit mir die Vorgänge in ihren Zügen. Ich kenne Papenfuß aus der Stalburg in Frankfurt am Main. In der Ewigkeit meiner Zeit da, ließ er sich ein paar Mal an der Seite von Alissa Walser blicken. Er widersetzte sich dem Comment des Apfelweins mit Bier, passte aber in seinem persönlichen Leder und mit den wehrwölfischen Koteletten ganz gut ins Bild. Wahrscheinlich hielt er die Burg für ein Widerstandsnest. In seiner Rumbalotte hängt Lemmy Kilmister an der Wand – und dann sitzt da Bettina Klix vor allen anderen und gibt einen Einblick in das Leben und Werk von Paul Schrader. Gerade ist ihr Schrader-Special „Verlorene Söhne, Töchter, Väter“ im Verbrecher Verlag erschienen. Die geborene Wilmersdorferin debütierte früh bei Suhrkamp, in den 1980er Jahren ging ihr ein Raunen voran. In Berlin drängten die kommenden Leute auf beiden Seiten der Mauer an den Start, das wusste ich nur vom Hörensagen, so weit weg war ich in Hessen. Nun bin ich auch da, wo angeblich immer die neuste Musik spielt, mit dreißig Jahren Verspätung, aber wenigstens guter Dinge. Schrader, 1947 geborener Regisseur und Drehbuchautor – kein Name, der mir zuerst eingefallen wäre und doch verbindet er sich mit Filmen, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind, so wie „Taxi Driver“ (1976) und „Ein Mann für gewisse Stunden“ („American Gigolo“, 1980). Bettina Klix weist auf Schraders calvinistische Prägung hin, auf ein terroristisches Konzept der Schuld. Der Mensch wird sündig geboren und so stirbt er auch, in der Welt der Calvinisten. Schrader wächst ohne „Zerstreuung“ auf, seine Kinosozialisation erfolgt im Widerstand gegen das Elternhaus und wird vielleicht auch deshalb „als philosophische Erfahrung“ aufgeputzt. Der Künstler als junger Mann streitet mit allen, heimgesucht von Phobien, da hat sich die Kindheitshölle selbst aufgehoben in ewiger Verdammnis. Nach dem Drehbuch zu „Taxi Driver“ hatte Schrader Carte blanche in Hollywood, erzählt Bettina Klix. Er will selbst Regie führen, auch wenn ihn diese Arbeit erst einmal halb wahnsinnig werden lässt, bis ihn Harvey Keitel zur Besinnung bringt mit der Dienstanweisung: „You have to get your things straight“. „Blue Collar“ entsteht 1978 aber noch in der totalen Aufregung der ersten eigenen Regie. In ihrem Buch geht Bettina Klix zumal von dem hoch populären „Mann für gewisse Stunden aus“. Sie deutet Richard Gere als käuflichen Julian Kaye weit tragischer als ich das in Erinnerung hatte, und stellt indes fest, dass so Schicksale sämtlicher Schrader-Figuren verlaufen. Irgendwann stehen sie vor ihren Existenztrümmern, so wie Julian, bald nachdem er einem Mordverdacht ausgesetzt wurde. Die Autorin sitzt selbst so da wie eine Hitchcock-Blondine, ein Sinnbild des Lockrufs ex negativo. Die Autorin sitzt selbst da wie eine Hitchcock-Blondine, ein Sinnbild des Lockrufs ex negativo. Sie steigt ein in ihren Text und bringt Kinodialoge so perfekt als seien sie für die Literatur gemacht. Für ein Leben „in der Freiheit“ des ungehemmten Konsums, bietet sich Julian selbst an – ohne zu erkennen, dass die Sexualisierung „seine Ersetzbarkeit“ schon anzeigt. So habe ich das noch nicht gesehen, für mich hatte der Gere als Kaye erstmal nichts weiter als ein prima Leben in gebügelten Hemden bei ungerecht gutem Wetter. Na gut, Bettina Klix hat natürlich recht mit ihren Entschlüsselungen in dieser P´Bergbeize für den gesetzten Punk. „Verlorene Söhne, Töchter, Väter“ entspricht einem Auftrag mit vielen Toten, die Verbrecher vom Verlag gleichen Namens haben ihn der Autorin erteilt. Die Arbeit am Buch habe ihr „alles abverlangt“. Sie gibt das preis nach der Lesung im Kreis der Freundinnen. Sie waren jung zuzeiten als Iggy Pop und David Bowie die Westberliner Tanztees besuchten – und der Westen in der Metzer Straße nicht vertreten war. Da sitzt keine, die The Cure nicht gut gefunden hätte. „Was in Schrader-Filmen den Protagonisten angetan wird, ist extrahart“, heißt es. Dafür ist es in der Rumbalotte umso gemütlicher, in einer Gemütlichkeitsauffassung auf gegenwärtiger Höhe. Kurz setze ich noch mal auf rusikal gegenüber. Das Publikum im Metzer Eck ist sich treu geblieben, das Bier heißt auch um Mitternacht immer noch Fassbrause. Nur die Männer am Tresen kriegen ihre Ansprachen jetzt so, dass ihnen der Unterschied zwischen dem Himmel auf Erden in der Kneipe und allem Irdischen daheim zunehmend kleiner erscheinen könnte. Seelische Gesundheit vorausgesetzt. Das ist die Psychologie für den fortgeschrittenen Durst.

Bernd Cailloux

Postaristokratische Kochstörung

Der Soda Salon ist ein Raucherparadies im Prenzlauer Berg. Auch der „Literarischen Freiheit“ dient der Salon und so wie an diesem Abend das Publikum da in Stimmung ist, erscheint er gut & gern als ein anderes „Café der Übriggebliebenen“, um endlich einmal Bernd Cailloux zu zitieren, einen Niedersachsen aus Erfurt gebürtig, den die Liebe in Berlin stationierte. Cailloux gehört zum alten Westen, zu einem Schöneberg wie ein Rausch in Fliederfarben mit großen Tortenstücken, auferstanden aus Ruinen und dann kamen die Studenten und machten Gruppensex, penetriert von der Kritischen Theorie, die zu ihrer Zeit im Café Laumer popularisiert wurde. Das Café Laumer befand sich im Frankfurter Westend, damals wohnte man in Frankfurt und in einem Schöneberger Korridor stand der Koffer. Cailloux also. Ein literarischer Superstar im Verborgenen. Er liest aus „Gutgeschriebene Verluste“, ein unschlagbarer Titel, erschienen bei Suhrkamp. Die Verwandlung „von Leidkapital in einen Roman“ bringt er selbst zur Sprache. Cailloux hat sowieso die besten Formulierungen und außerdem unbestreitbare Einsichten parat. Wahrscheinlich ist er zu klug für einen Schriftsteller und auch zu französisch in seinen Neigungen für die verlandeten Verhältnisse an der deutschen Riviera in ihrer Unauffindbarkeit. Cailloux nennt sein Buch eine Autofiktion, das heißt, „man benutzt die eigene Geschichte und erfindet was dazu“. „Gutgeschriebene Verluste“ erzählt entlang der „Konfliktlinien der alten Republik“ von der Liebe. Festgestellt wird: „Im Laufe des Lebens kommen die Ex´en zusammen“. Eine Katja taucht auf und erinnert den Erzähler daran, wie er einst ihre Liebhaber bekocht hat, nachdem sich die eigentliche Paarungskonstellation ohne Angabe von Gründen mysteriös aufgelöst hatte. Ein Alltag ohne Sex und eigenen Keller, aber dafür mit Kohlenhaufen in der Wohnung und diesen Männern … in der vermeintlich grenzenlosen Freiheit von achtundsechzig. Katja konnte nicht kochen, das hatte sie von ihrer Mutter, die als Baronin ihrer nobilitierten Herkunft nur den Anschein der Bürgerlichkeit mit der Preisgabe des Titels gegeben hatte. Auch so kann man die Welt täuschen, andererseits war sich Katja für keinen Urinstein zu schade. Wie sich die Liebste von einem Schöneberger Klo förmlich in die Kanalisation ziehen ließ, in ihrer Hingabe an Rückstände, das geht auf kein Lob. Der Autor spricht traumhaft präzise von einem „Desaster ohne offene Verzweiflung“. Man nennt das Paar „die Schöneberger Antwort auf Sartre und Beauvoir, nur seitenverkehrt“. Katjas post-aristokratische „Kochstörung“ organisiert Entwicklung bei einem zeitgenössischen Joseph-Simone.de. Der spezialisiert sich auf eine sedierende Küche, nicht zuletzt zur Verpflegung eines „angeblich schon in Reichweite der Fördertöpfe gelangten“ Künstlerkonkurrenten. Ach so, das erzählende Ich gehört aller Drogentragik und Theorieidiotie zum Trotz in den Pool der Gewinner. Es hatte effektive Lichteinfälle für die LSD-Ästhetik in den Clubs der 1970iger Jahre. Es teilt mit seinem Alter ego, dem Autor Cailloux, eine günstige Auffassung von achtundsechzig in summa als Emanzipationsschub. So wird dann auch eine überwundene Heroinsucht mit Beeinträchtigungen verrechnet, die nicht mehr abzustellen sind. Das kann man auch anders sehen. Was war da schon außer einer Spanne des Erfolgs als Diskothekenausstatter, einem Nachbarn namens Iggy Pop und eher überkomplizierten Liebesgeschichten? Bloß, was Cailloux – mitunter aufmotzend – daraus gemacht hat, ist genial.

Hesses Frauen

Currywurstfressen aus aller Welt

Bärbel Reetz über sexuelle Störungen und ihre Ursachen am Beispiel des Lieblingsdichters von Siegfried Unseld

„Drei Frauen“ heißt ein Band von Robert Musil, an den zu erinnern, mir bei dieser Gelegenheit ein Vergnügen ist. Drei Frauen brachten es im Weiteren fertig, mit Hermann Hesse verheiratet zu sein. Ihnen widmet sich Bärbel Reetz in biografischen Annäherungen. Unter dem Titel „Hesses Frauen“ sind diese Intimitäten im Insel Verlag erschienen. Hesse war privat gern mal ein unangenehmer Patron – und nicht nur „der arme Irre“, so wie in einer Selbstbeschreibung, die vollständig nicht sein könnte, ohne den nachträglich-pompösen Hinweis auf sein Geistesfürstentum. Bärbel Reetz ist durch die Dachböden privater Umstände gestiegen, die Germanistin konnte mit Nachfahren des „Wortzauberers“ reden, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Das kam zu Archivfunden und ergibt im Ganzen eine entzaubernde Lektüre. Der hohe Ton, das George´ische Gebimmel bleibt ausgeschlossen, wie angenehm. Im Berliner Literaturhaus stößt die Sachlichkeit der Autorin vermutlich vor allem auf ein Interesse an Hermann Hesse. Vor der Tür der Schmock und die Hauptstadtattitüde, Udo Walz und lauter Glatzen, das Bleichgesichtige des Berliners und die Currywurstfressen aus aller Welt … und in dem von der Fasanenstraße abgesetzten Haus an Ort und Stelle Siggis Erben, die letzten Liebhaber des Glasperlenspiels. Der älteste aktive Nachtclub im Bundesdorf stellt sich dar an der nächsten Ecke, ich bin schon so ein bisschen befreundet mit einer Ode aus Ungarn. Sie erzählte mir, wie eine Großmutter sie auf der sicheren Seite hielt. Es war verboten, in die Kornfelder ihrer Kindheit zu laufen, da lebte die Kornmuhme nämlich. Man brachte den Nachwuchs dazu, einen Teich mit abschüssigen Rändern zu meiden, indem man darin einen kolossalen Wels ansiedelte, der auch schon Ponys gefressen haben sollte. In der Scheune durfte nicht auf den Ballen gespielt werden. Ausgegeben wurden sie als Heimstätten bissiger Iltisse. Es ging aber um brüchige Stellen auf den Böden. Das passt perfekt zu den ländlichen Verhältnissen, die für Hesses erster Ehe die Kulisse am deutschen Ufer des Bodensees abgaben. Er heiratet 1904 die in Berlin ausgebildete Kunstfotografin Maria „Mia“ Bernoulli. Bernoulli ist ein Name mit Klang in der Gelehrtenwelt, Mias Baseler Vater erkennt in seinem Schwiegersohn keinen Ebenbürtigen. Das wird heraus gespielt in Bärbel Reetz´ Würdigung einer Frau, die – gemeinsam mit der Schwester – in ihrem Beruf die Erste war und gleich mal das gestellte Bild reformierte. Die Mutter sämtlicher drei Söhne, die dem Dichter nachkamen, ging in der Vergangenheit als Fußnote durch, schreibt Bärbel Reetz, um das zu ändern. „Das späte Mädchen“ Mia, neun Jahre älter als ihr Debütant, sucht allein eine Wohnung für das Paar, immer à pied und unter den „mächtigen“ Linden südbadischer Käffer. Sie ist die Patente, der Gatte kommt erst nach der Hochzeit zur Besichtigung seiner akuten Häuslichkeit. Depressiv ungeschickt zeigt er sich, „jede Geste bekommt eine Zentnerlast“. Er habe von daheim nicht viel Leichtes mitgekriegt, meint Bärbel Reetz. Väterliche Strenge und Choräle: so sei das Programm gewesen. Hesse bleibt hölzern im Familiären, schwerer als die Hochzeit wiegen die Möbel, die rechtzeitig nicht geliefert … in eine primitive, von allereinfachster Landwirtschaftlichkeit geprägte Umgebung. Es erscheint „Unterm Rad“, der Dichter besteht bei seiner Frau auf mütterliche Fürsorge. Er macht später sexuelle Störungen geltend, Bärbel Reetz deutet die Abwehr an, den Ausschluss der Welt nicht nur in Gaienhofen. Hesse trennt seine Familie auch räumlich von sich, in einem schicklichen Rahmen. Seine Selbstzweifel gäben die höchsten Gebote ab, wäre da nicht noch die Eitelkeit. So hat man ihn sich noch nicht vorgestellt. Psychische Krisen sind auf Mias Seite eine Antwort. Die Scheidung folgt 1923.Vier Jahre zuvor entsteht die Italienflucht „Klein und Wagner“. Da lebt Hesse für sich in Montagnola, in einem wie aus der Zeit gerückten Tessin. Es wird gespindelt „wie in Dornröschen“, schreibt Bärbel Reetz und trägt das auch so vor, dass man die Bluttropfen förmlich auf etwas Weißem sich ausbreiten sieht. Verliebt in Hesses Verse (Achillesferse geht so schön mit im Assoziativen) ist die viel jüngere Ruth Wenger. Die Braut träumt von Schicksal. „Unverstellt erwartungsvoll“ nennt sie die Autorin. Ein Reh ist Ruth, es verspricht dem Meister eine leichtfüßige Existenz … und wird dafür in der Casa Camuzzi zur „Königin der Gebirge“ erklärt.

Die Väter sind nie einverstanden mit Hesse, Ruths Vater, Schriftsteller auch er und vergessen wie viele, besteht auf Formalität. Schon fängt Ruth an unter Hesse zu leiden, nie sollte man von Worten auf einen Menschen schließen. (Sonst könnte der Text nicht klüger als der Autor sein.) Hesse besteht auf schriftliche Anfragen der Geliebten, die zur ehrlichen Frau gemacht wird. Der Analytiker stets zugegen, „vergiss bitte nicht, dass ich nur ein armer Schizophrener bin“, bittet Hesse seine Frau ihn zu verstehen. Sie bittet um Scheidung, so geschieht es 1927. Ninon Dolbin geb. Ausländer tröstet den Verzweifelten, kurz vor Steppenwolf, „zwischen vollen Aschenbechern und leeren Weinflaschen“. Sie kennt Hesse beinah von jeher und so als ungleiche Brieffreundin. „Er ist ihr Gott“, so Bärbel Reetz, mal mehr und mal weniger heidnisch. Ninon schwankt zwischen Zeus und dem heiligen Franziskus im Zirkus ihrer Selbstverschwendungslust. Für den berühmten Nussknacker will sie „duften“. Im November 1931 wird sie die dritte Frau, das quittiert Hesse so: „Heute muss ich mir wieder den Ring durch die Nase ziehen lassen“. Auch die Hochzeitsreise ist ein solistisches Unternehmen, Hesse selbst fährt aan anderer Stelle zur Kur. Katja Mann rät Ninon: „Paß auf, daß Du auch immer noch Dein Eigenes hast“. Da lachen die Hühner, wenn auch falsch.

Wie ein schönes Männergesicht

Clara Ott trifft den Ton im Milchkaffee ihrer Generation

Das Jahrtausend steckte noch im Geburtskanal der Weltgeschichte, als die Generation Milchkaffee schon einmal tapfer den Ereignissen voraus pausierte. Sie erkannte sich in ihrer Vorliebe für die portugiesische Variante im Glas. Ältere hielten die Galãogeneration (korrekt in internationaler Aussprache) für getarnte Frührentner in der Aussichtslosigkeit noch einer kleinen Postmoderne, das war natürlich auch Quatsch. Inzwischen sind ihre Protagonisten selbst älter und biografisch mehr oder weniger da, wo Lotte Rügenbach gerade ist. So heißt das Zentralgestirn in Clara Otts von Schwarzkopf & Schwarzkopf vorgelegtem Debüt „Aufrüschbar“. Lotte gibt es inzwischen auch als Tasche. Das Produkt aus dem Hause Schwarzkopf drapiert die Möbelvielfalt im „Haus am See“ in der Berliner Brunnenstraße, wo die Gentrifizierung zuhause ist. Manche sagen auch Mitte zur Gentrifizierung, obwohl sie im Osten stattfindet. Jedenfalls ist „Mein Haus am See“ der rappelvolle, von Kameras aufgewertete und sowieso superilluminierte Schauplatz der Berliner „Aufrüschbar“-Premiere. Das Publikum könnte komplett in dem Film mitspielen, der ganz bestimmt bald nach einer Romanvorlage von Clara Ott in die Kinos kommen wird. Selbst die dekorativen Wasserflecken an den Wänden scheinen ihren Ehrgeiz entdeckt zu haben. Ohne besondere Regieanweisungen sind alle im Bilde. Genau wie im Roman stellt das richtige Leben zuerst die Facebookfrage. To be or not … bedeutet im historischen Augenblick doch nur und allein, ob oder ob „Aufrüschbar“ etwa noch nicht seine Seite auf dem zeitgenössischen „Platz zu sein“ (Übersetzung nach Google) hat. Der Titel hat auch was, es braucht mehr als Berlin, vielmehr die Triftigkeit einer Herkunft in der Ursprünglichkeit Ostwestfalens, um über den Accessoirecharakter und das ironische Potential von aufrüschen, rüschbar, rüschig und Rüschen hinausgelangen. Das „Aufrüschbar“ ist eine Änderungsschneiderei mit besonderer Provenienz in Hamburg. Da will man „der Mode eine zweite Chance geben“ und am liebsten doch an nichts Durchschnittlichem den Reißverschluss austauschen. Man? Vor Ort sind das die Damen Lotte Rügenbach, eine Worterfinderin im Geiste ihrer Schöpferin, und Cosima von Goldhagen in der Rolle der akutesten nouvelle couture-Kapiererin. Ihr Gespräch handelt, wen wundert das? von Mode und Männern. Es klärt die Frage des „Nullten Sex“. (Dazu später mehr.) Vermutlich ist Cosima mit Nina Hagen verwandt und wäre folglich auch mit Eva-Maria H. biologisch aus einem Suppentopf, also goldrichtig in der Brunnenstraße sogar topografisch beinahe. Lotte und Cosima sind zunächst verkatert, dann debattierten sie über das Elend von Knopflöchern, um auf ihrem persönlichen Rummelplatz des Assoziativen gelegentlich bei Egon und Benjamin anzulanden. Egon ist ein Club, der Benjamin gehört. Am Telefon verspricht Benjamin, „Lotte + 4“ auf die ego … manische Gästeliste zu setzen, doch ist der gehobenen Änderungsschneiderin in der Sekunde des Angebots „nach Kuschelsex mit dem Kissen“. Im „Haus am See“ läuft das gerade auf die geschlossene Veranstaltung einer Generation hinaus. Klar, die Sujets sind überschaubar, das waren sie immer, aber der Ott´sche Ton trifft die Musik dieser „nie wieder offline“-Generation wie ein guter Geschmacksverstärker – in einer Atmosphäre vulkanischer Entspannung. Dazu klingt Tim Neuhaus ansprechend vor sich hin, wie man das kennt, als Singersongwriter-Versteher. Zum Singen braucht man am besten gute Zähne, ist darüber schon gesprochen worden? Egal! „Egal, wie sehr sie sich ins Zeug legt, es wird kein Übermorgen geben“, weiß Lotte von einer anderen Verliebten, mit dem Fehler in einen abgebrühten Moritz verliebt zu sein. Der begrüßt den Verdruss einer zügig abgelegten Geliebten vorsätzlich mit falschem Namen, dass nur keine Hoffnung aufkommt. – Und dann kommt auch noch der Serienschauspieler als Star mit Klopapier in der Beuge seiner Elle persönlich aus dem Edeka weit nicht vom Aufrüschbar“ – und es ist wieder ein neuer Tag.

Auch wir treffen uns wieder im „Haus am See“. Heller Nachmittag beherrscht Berlin-Mitte. (Von Licht gestürmt der Ruß.) In einer Vitrine verblasst Kuchen. In der Decke ist eine Wanne eingelassen. Rot geflutet. Eine Bibliothek erweckt den falschen Anschein. Die Diskokugel im Raucherabteil stirbt in der Bedeutungslosigkeit der zu frühen Stunde. Am Buffet (Bufett) arbeitet eine Sade und weiß vermutlich gar nichts von Ähnlichkeit. Clara Ott wurde 1980 in Bad Oeynhausen irdisch, da dreht sich Ostwestfalen um die Sonne. Zu ihrer Zeugung fand sich ein Paar Innenarchitekten bereit, er aus Saarbrücken, sie aus Berlin. Bald nach der Geburt ergaben sich zwei Semester BWL „aus der Verlegenheit“ in Siegen. In Köln geriet Clara an „gut bezahlte“ Praktika in Online-Redaktionen. Sie lernte Web-Designerin in Saarbrücken. Sie ging nach Berlin und fing an zu schreiben. Sie verzog nach Hamburg zur Netzvariante der ZEIT. Das war 2004, Clara blieb vier Jahre. Schließlich kehrte sie zurück … nach Berlin. Sie ist nun freie Journalisten und führt ein Leben „im Dispo“. Ihre Lotte sehnt sich nach Briefen, von Hand verfasst. Vermutlich träumen davon andere Frauen auch im „Haus am See“. Clara schaut sich um, in ihrem Milieu, dieser Nie wieder offline-Generation. Die Telefone im Anschlag ihres Lebens. Alle sind ambitioniert genug, um Clara nicht auffällig erscheinen zu lassen. Sie bestellt Schokostreuselkuchen, Grauburgunder und Wodka. Ich begnüge mich mit Grauburgunder und Wodka.

Clara: „Ich will unterhalten.“
Jamal: „Ich hab Dich doch noch gar nichts gefragt.“
Clara: „Ich bin nicht so eine Autorin. Warum schreibst Du … eigentlich?“
Jamal: „Eigentlich sagt man nicht.“
Clara: „Blabla.“
Jamal: „Schreibst Du schnell?“
Clara: „Ich habe die Geschichte in zehn Tagen runter geschrieben, auf Rügen, mit freiem Blick hin zum Meer. Ich habe jeden Tag die Wörter gezählt … und aufgehört nach 60.000.“
Jamal: „So hat Hemingway das auch gemacht.“
Clara: „Na und Hemingway, ich kann mir nicht vorstellen, dass der by the way einen nicht vorhersehbaren Frauenroman je zu schreiben die Absicht gehabt hat.“
Jamal: „Einen nicht vorhersehbarer Frauenroman auf Rügen.“
Clara: „Nachdem ich mir Gedanken über den Umfang eines normalen Romans gemacht hatte.“
Jamal: „Bei passablem Wetter, nehme ich an.“
Clara: „Willst Du jetzt schon indiskret werden? Das war 2008, das Manuskript verschwand dann in einer Schublade, um von mir da vergessen zu werden.“
Jamal: „Wie literarisch. – Und fünf Jahre später stellte sich Dir die Frage, ob der Text den Erfahrungen der Zwischenzeit standhält.“
Clara: „Genau so war das, ich war von meiner eigenen Substanz verblüfft.“
Jamal: „Lotte trinkt gern … .“
Clara: „Richtig, wir bestellen noch was.“

Das Manuskript tauchte in der Schublade eines Nachttischs, den Clara von ihrer Berliner Oma hat. Die Oma gab auch Ratschläge, es stecken „Oma-Energien“ in „Aufrüschbar“.

Jamal: „Es wird Zeit für den Nullten Sex in der Theorie einer Erklärung.“
Clara: „Ich erfinde gern Wörter, so wie „Unschuldsmoment“. Den hat man unter günstigen Umständen gleich nach dem Erwachen im stand by des Singledaseins.“
Jamal: „Die Theorie vom Nullten Sex please … .“
Clara: „Basiert auf der Annahme, dass sich Frauen beim dritten Mal verlieben.“
Jamal: „So erschöpfend ist Deine Theorie.“
Clara: „Sex verkompliziert vieles. Mit einem Mann mehrmals zu schlafen, bedeutet für viele Frauen emotionale Verwicklung. Mit manchen Männern schläft man besser nie, weil es eigentlich nur gute Freunde sind und am Ende immer einer mehr will. Und mit anderen Männern sollte man sich erst anfreunden, ehe etwas läuft. „Nullter Sex“ bedeutet übrigens nicht Dirty Talk, sondern gleicht eher einem ehrlichen Kompliment. Wenn man nebeneinander einschläft und nichts passiert ist, kann man sich am kommenden Morgen viel entspannter in die Augen sehen. Und ich wette, man hat viel länger Kontakt.“
Jamal: „Ja, gut.“
Clara: „Sag mal, glaubst Du auch, dass man Freundschaften mit Sex kaputt machen kann?“

Der Wodka kommt in 0.4cl-Schüben an den Tisch. Die Bedienung ist diesmal so eurasisch wie in einem Roman von Malraux. Claras Frage fällt unter den Tisch in die Sphäre von Schuhen und Taschen.

Clara: „Glaubst Du, dass ein Mann und eine Frau im Bett liegen können, ohne dass was läuft?“
Jamal: „Inzwischen schon.“
Clara: „Gibt es absolut paritätische Paare?“
Jamal: „Ja. … Was zählt bei einem Mann?“
Clara: „Dass man sich mit ihm wohlfühlt. Er darf nicht klein sein und sollte sich für seine Sachen brennend erwärmen dürfen.“

Seit zwei Monaten nimmt Clara „als Testerin“ am Elite.Partnersuchprogramm teil, daheim in der „Verachtung für Online-Dating“. Auf den entspannten Punkt gebracht, behauptet jeder 2. Elite.Mann eine Weltreise mit Clara machen zu wollen. Die Herrschaften müssten zur Strafe alle allein verreisen, ginge es nach Clara. Lottes Benjamin in „Aufrüschbar“ hat bestimmt zu viel zu tun für eine Weltreise. – Und Lotte weiß nicht so recht, wie wichtig sie ihm sein könnte, gäbe es Sex nicht. Das ist kommutativ zu verstehen und anders auch nicht zu begreifen. Lotte macht als Clara eine gute Figur, angenehm aufgeregt im Rauschen am See meines Interesses. – Also Lotte will sich nicht die Blöße ihrer Zuneigung geben bei einem Mann, der gern im O-Ton „to busy to call“ ist. Was´n´Arsch hätte man in gediegeneren Zeiten gesagt, heute findet man das Profil anscheinend gut als Frau. Man weiß nun auch, dass „die Sekunden nach dem Orgasmus perfekt sind für Fragen aller Art“, weil der Zustand dem Verstand keine Chance gibt. Es gibt noch Kuchen, mir wird vom Stück die Hälfte angeboten.

Clara: “Ich bin in Essen verliebt, mit der üblichen Begleitmusik. Erst 2011 konnte ich mich zum ersten Mal zum konsequenten Bikini entschließen, beeindruckt vom gnadenlosen Umgang der Italienerinnen mit Zellulitis.
Jamal: “Das ist schon ein Thema für Dich? Meine Haut ist straff. Problematisch finde ich meine Zähne.”
Clara: “Überkronen geht immer!”
Jamal: “Und dann ab auf die Sonnenbank. Ist vielleicht auch ein bisschen viel verlangt, mit fünfzig noch einen Körper haben zu wollen.”
Clara: “Ich denke mir Dich jetzt nicht soooo alt.”
Jamal: “Das hätte ich an Deiner Stelle auch gesagt.”
Clara: “Wollten wir nicht über Sex reden?”
Jamal: “Wann hattest Du zum ersten Mal das Gefühl, gut war es.”
Clara: “2008.”
Jamal: “So spät. Passiert das nicht jedes Mal, wenn man verliebt ist.”
Clara: “Das glaube ich auch.”
Jamal: “Da stimmt doch was nicht.”

Clara verweist auf ihre silbernen Nägel. Lack ist auf jeden Fall ein Thema. So wie Teebeutelsprüche. So was wie: Du bist die einzige Person, die du sein kannst. – Die beste Version deiner selbst hihi. Auch so kann der Ernst des Lebens lustig werden. Der Ernst … Clara würde auf einen Ehevertrag unbedingt bestehen. Sie hat ein Weihnachtserlebnisdefizit seit der Scheidung der Innenarchitekten … “Ich bin ein Familienmensch.”

Jamal: “Den Familienmensch sieht man Dir an.”
Clara: “Könntest Du auch einem Mann so aufmerksam zuhören wie mir?”
Jamal: “Niemals.”
Clara: Findest Du nicht auch, dass Küssen intimer sein kann als Sex?”

Clara: “Sex ist egoistischer, mechanischer, austauschbarer.”

Ich spreche den „Unschuldsmoment“ an, eine Clara´eske Wortschöpfung. Der Unschuldsmoment zerplatzt im zweiten Augenblick des Erwachens. Er nennt etwas in der Schwebe zwischen Somnambulismus und Luzidität. Auf jeden Fall gehört er seinem Wesen nach zum Traum. Als Idee gehört er Lotte Rügenbach. Sie ist so verwegen, zu glauben, „dass Sex von Anfang an plus Liebe“ möglich sein könnte. Sie geht soweit zu vermuten, „dass Liebe im Herzen stattfindet und nicht auf Facebook“. Ihre beste Freundin kann Miniröcke aus Krawatten in die Welt setzen. Sie ist mit dem Wohlstand ihrer hanseatischen Eltern gesegnet. … „Hamburg ist meine Stadt. Die Elbe ist wie ein schönes Männergesicht.“
Nun denn.
Clara: “Ich beneide alle, die Weihnachten nach Hause fahren können.”

Clara: “Alle sind schwanger.”

Clara: “Meine Oma ist zweimal ausgebombt worden.”

Wodka. Die Bedienung ist ein Mann, das führt bei mir zu nichts. Claras Vater ist mit Gunter Gabriel befreundet. Clara sagt: “Ich will nie wieder einen HSV-Fan zum Freund und in HSV-Bettwäsche schlafen.

„Ich hätte in Hamburg aufwachsen sollen. … Kleine Männer sind Hyänen. … Ich bin neidisch auf jede Frau mit langen Haaren. … Meine Mutter ist Buddhistin. Das Buch war bald fertig, aber ich wollte erst noch zehn Kilo abnehmen – mit meinem Personaltrainer … vor der ersten Lesung, gleich vor zweihundert Leuten. Alles hat geklappt, bis auf die Abnahme von zehn Kilo. … Wie lang es jetzt schon wieder hell ist.“
Clara putzt ihre Stiefel mit blanker Hand. Der Wodka, nehme ich an. Die anderen im Haus am See sehen nun alle so ertrunken aus.

Kanak Sprak goes Grass

Feridun Zaimoglu bespielt jetzt weltweit Literaturhäuser

Er hat schon auf der Zugspitze gelesen, im Frauenhaus von Dubai und so auch in einem berühmten Frankfurter Wasserhäuschen, wie der Hesse zum Büdchen sagt. Feridun Zaimoglu ist der Marathonmann unter den Vorlesenden dieser Welt. Seine 1077. Lesung absolvierte er im Berliner Literaturhaus, zum Auftakt einer Tour durch sämtliche Literaturhäuser in sämtlichen deutschsprachigen Republiken. Das gehört als Aufgabe zum „Preis der Literaturhäuser“, mit dem Zaimoglu auf der Leipziger Buchmesse 2012 ausgezeichnet wurde. Kritikerin Maike Albath würdigte den aus Bolu gebürtigen und von Herzen Kieler Schriftsteller als einen für den dramatischen Auftritt begabten Emphatiker und Aneignungsvirtuosen. Sie nannte ihn „einen Meister der Schattierungen“. Seine Romane „mäanderten zwischen analytischer Präzision und Liebesbrand“. – Kanak Sprak goes Grass sozusagen. Längst denkt bei Zaimoglu keiner mehr an den Gemeindesprecher mit Godfather-Appeal, der vielmehr einen Sound als eine Stimme der fortgeschrittenen Migration um 1995 verdutzten Mehrheitsgesellschaftern zu Gehör brachte. Nicht wenige vermuteten in seinem Register die Lava einer Revolution, die dann aber nicht stattfand. Stattdessen zeichnete sich Zaimoglu vor dem Kulturbetriebshorizont zunehmend einzelgängerisch als Alltagsethnologe mit dem Profil eines ernährungsbewussten Geiers ab. Zu erkennen gab er sich als Milieukundschafter spätestens in der – in eine Halbwelt der Kunst gesetzte – Räuberpistole „German Amok“. So versteht man seine frühe Prosa noch einmal anders, in der, wie Maike Albath feststellte, „die Sprache selbst Gewalt zu sein schien“. Vermutlich hat der Autor bereits in den Kanak-Sprak-Durchgängen vor allem poetische Feldforschung betrieben, so dass in der öffentlichen Auffassung seiner Person als vulkanischer Repräsentant ein Beispiel verfehlter Fremdwahrnehmung zu erkennen wäre. Ach, warum so akademisch, Herr Kollege, Feridun Zaimoglu hat aus seinem Günter Grass ja nie ein Hehl gemacht, nur wollte man ihn verwegener besetzen, eben so lateinamerikanisch aus allen Erzählnähten platzend und auch so ein bisschen dämonisch-sexy. Da kam einiges aus verkehrten Kellern. Mit „Ruß“ ist Zaimoglu nun im Pott angekommen, in einer Sphäre verklinkerter Seltershäuser. Der erste Satz verspricht den Klassiker: „Vor Tau und Tag stand er auf, stellte sich im Schlafanzug ans Fenster, es schneite und der Schnee blieb liegen“. Hier grüßt by the way der alte Hemingway mit einem Dutzend „gestauchter Bierdosen“ geradewegs aus Hamm, wo ein Mann gar nicht anders kann, als eine Frau zu verlieren, „die das Glück aus altem Bratfett heraus sang“. – Dazu Phantomgeräusche, als sei der Stahl noch am Kochen … so schön und auf jeden Fall gekonnt.

Der rätselhafte Herr K.

Christian Kracht am Main

Christian Kracht erscheint unbeschreiblich blond und unzeitig im Frankfurter Literaturhaus. Er verkörpert den hanseatischen Kaufmannsspross im Nirwana der post-holden Lebenshälfte. Seine Vorrede erschöpft sich in einem Gruß. Darauf besteht er: keine Fotos. Keine Tonspuren. Keine Fragen. Man soll (sich) kein Bild vom Autor machen, das ist herrlich absurd. Krachts Popularität kommt aus schillernden Vorstellungen. Er selbst könnte eine Romanfigur aus dem Kabinett eines Somerset Maugham sein. Seit “Faserland”, seinem Debüt mit viel Roederer, Grands crus et vignobles, aus dem Jahr 1995 lässt er die Kritik manisch davon absehen, dass jedes Kunstwerk da erst beginnt, wo die Intentionen seines Urhebers aufhören. Kein anderer Autor seiner Generation lädt so sehr zu Verwechslungen des erzählenden Ichs (im Plural der Romane) mit dem Autor ein wie Kracht. Ich glaube, der Unterschied zwischen ihm und den Verfolgern seiner an Volten und Finten reichen Laufbahn besteht schlicht und ergreifend darin, dass Kracht aus dem Vollen schöpft und die anderen nach Luft schnappen in ihren Blechkombinaten der begrenzten Ressourcen. Er ist der Gegenspieler aller Aufsteiger und vormaliger Gesamtschüler, ein Salamander unter Laubfröschen. Auch in Frankfurt sonnt er sich auf dem Stein seiner Unerreichbarkeit. Ungerührt trägt er eine verbrauchte Formulierung zur nächsten. Das ist der erste Eindruck, soweit es um den Kolonial- und gründerzeitlichen Reformhausriemen “Imperium” geht. Es stellt sich aber keine Abwehr ein, sie müsste ohnedies zerschellen, denn der obsolete Ton, von Kracht so angeschlagen, verwandelt sich in der Revue glücklicher Erzähleinfälle. Krachts jüngstes Buch ist kein zu spät gemaltes Bild, vielmehr lüftet es ein Dekor aus dem Speicher des deutschen Imperialismus, in der Konsequenz einer allerdings verspäteten Reichseinigkeit. Bekanntlich stach der Wilhelmismus in See erst als die Übrigen schon lange überall angekommen waren. Als Letzter wollte er besonders schneidig sein. Das überliefert Kracht in den Farben Gauguins, so wie diese Kunst auf Drucken Jahrzehnte wirkte, wie eine Hinterzimmertapete nämlich. Er erzählt von der Südsee wie aus einem Seemannsheim vor hundert Jahren. Er geht aus von frühen Hippies, die von ihrer Verspottung heimgesucht werden. Sein August Engelhardt besucht im Büßerhemd einen nackten Bauern bei Murnau, um in solcher Gesellschaft ein neues Deutschland mit durchgängiger Kleinschreibung in die Welt zu setzen. Er verzieht sich in die Dünen der Nehrung und blutet in Memel für seine Andersartigkeit. Der deutsche Bürger (wahlweise Büttel) wird zu einer Wurst der Ignoranz, wenn er in all seinen verdorbenen Geschmacksrichtungen dem sanften August begegnet. So steht das bei Kracht, da wacht kein heimliches Einverständnis über präfaschistische Reichsideen. Die Geschichte wandert dann mit Engelhardt aus bis nach Neu-Pommern in das Land der Kokosnuss. Aber das weiß eh schon jeder. Nur war auch von Kracht im Literaturhaus mehr nicht zu erfahren, als im Buch steht. Jemand behauptete, dieser Schriftsteller sei schüchtern, vielleicht müssen sich manche deshalb über seinen Kopf hinweg streiten.

Speicher unter Wasser

die europäische zentralbank zog dem ostend einen scheitel. die läuse der armut fielen ab. die hooligans aus den banken besetzten meine orte, die honsellbrücke flog in die luft aus überzeugung. bald standen alle speicher des osthafens unter wasser in flammen. der main konsultierte mich am schwedler see, für die getreuen war eine fee in der kittelschürze eingeflogen worden. sie trank mit uns licherbier, der main grub sie gleich an und nannte sie schätzchen. ganz klar meinte er was anderes als schätzchen, so geübt im verstellten sprechen und der schleichbabbelei. du bist unser mann der stunde, sagten die getreuen, wir ziehen uns nun bis auf den grund zurück ne schöne linie. hank well, sagten sie international. im porsche fuhr ich über die gleise des ostbahnhofs zum bornheimer hang. damals war da eine poststation, der postmeister hieß john wayne, seine leute siedelten seit anbeginn der zeiten in frankfurt. wayne gab mir sein bestes pferd, er war wohl eingeweiht, ließ sich aber nicht in die karten kucken. er meinte nur, in einem ganz alten buch, noch mit so anderen buchstaben, hätte er gelesen, dass eines tages ein mann namens texas auf dem weg zur burg an seiner stelle (wayne´s place) zu einem berittenen werden würde, in tateinheit mit einem habilitierten gaul.

der günthersburgpark war mir überschrieben worden. ich nahm die torschlüssel vom letzten günther an, das war ein sabbelkopp mit feuerland zwischen den zähnen. mit seiner steinalten, vom handkäs auf vordermann gehaltenen latte fickte er in maulwurfhügel. wegen der kinder vollzog sich dies am saum der sichtbarkeit. die maulwürfe entrüsteten sich, sie waren unbelehrbar und dachten alsfort an versuchsbohrungen so tief, dass in libyen die kamele unruhig wurden. doch war der alte günther nicht im ölgeschäft. der hatte keine geschäfte mehr nötig. die maulwürfe brauchten indes jeden cent. sie waren spielsüchtig, getarnt als hinz & kunz. in mode war die bayerische tracht. das pferd gründete eine universität im klohäuschen, verdammter streber sagten die gamsbärtigen maulwürfe. sie konkurrierten mit waschbären und wildschweinen. die waschbären bewirtschafteten auch den kiosk im park, ewig blau vom günther sattlerschoppen aus odenwald an der weinstraße ungefähr. allez les bleus kommt daher. die frauen der angestellten saßen tagsüber ahnungslos vor dem kiosk, die brut bildete sich mit automatischen lernprogrammen. abends kamen die angestellten selber, grundlos eifersüchtig waren sie nicht. sie zogen ihren gehorsam von der fläche in die gewahrsame an der rohrbachstraße zum beispiel, nachdem sie noch rasch streit beim türken eingekauft hatten. da tanzten die eber schon mit den sauen tango, so wie johnny cash den tango auffasste. der letze günther tarantelte herum, bratwürste, die wie opern schmeckten, platzten hymnisch auf. da war auch immer pit knorr und bruce lee und wie die schriftsteller des nordends alle hießen. die wohnten im park, das wurde oft gefilmt und einmal auch nachgestellt in hollywood an der schaukel. bald nannte mich bruce lee seinen besten freund. weil er von herzen so empfand, brachte er mir alles bei, das pferd lernte auch dazu. es war sehr ehrgeizig, wie ihr euch denken könnt, ich glaube das pferd hatte eine profilneurose. soll bei pferden häufiger vorkommen.

Was ist ein Regal?

Neue kookbooks in Dock 11

Das Ohr ist ein empfangendes Organ, die Welt an sich ein bemerkenswert unerotischer Penetrationsapparat. Wie schön, wenn man mal nicht vor Begeisterung gähnen muss. Wie schön auch, Daniela Seel zu sehen, halbwegs auf der Kastanienallee, wo in diesem Jahr der Frühling losging, als gäbe es nichts Wichtigeres. Die kookbooks-Verlegerin hat eine poetische Premiere ins Dock 11 verlegt, auf dem Weg dahin, lässt es sich nicht vermeiden, zeitgenössische Leibesübungen in Anbetracht und Zweifel zu ziehen. Der Termin beginnt mit Piktogrammen „gegen die Angst“, in einer sich bedächtig aufhellenden Kulisse. Ein alarmiertes Cello meldet sich wie zum Untergang der Caprifischer, im Furioso gehen die Lichter mächtig an. „Jetzt keine Angst mehr haben“ heißt dieser Abend, nach einer Komposition des Streichers Bo Wiget. Dagmara Kraus stimmt die Stunde lyrisch hoch, wie Benn nach drei Bier in einer Berliner Beize vermutlich es empfunden hätte. Sie ist in Wroclaw geboren und in Leipzig zur Hochschule gegangen. Seit 2008 veröffentlicht sie Gedichte in Zeitschriften und Anthologien. Dagmara Kraus liest aus ihrem brandneuen Debüt „kummerang“, sie spielt mit Planeten. In einem asiatischen Durchgang kommen Pjöngjang und Feng shui zusammen, in einer Lautmalerei, die ständig zu den Gattern der Geläufigkeit umkehrt. In einer attischen Landschaft trifft Nike auf Nikon und Homer auf Schliemann … „ruinen, dekor ohnehin vor belanglosem blaugrund“. Dazu gibt es keine Flammenschrift an der unverputzten Mauer, vielmehr erweitert Andreas Töpfer das Programm der pharaonischen Zeichensprache. Töpfer ist der große Illustrator von kookbooks. Bei Dagmara Kraus nimmt der Sinn immer wieder Fahrt auf und geht dann stier in der Freude am Klang. Dada in Spuren. Das Auditorium schnappt nach jeder möglichen Bedeutung als Surplus. Das erkennt man an den mimischen Abschwüngen in der Entspannung der Züge infolge des Verstehens, so vermeintlich. Auch Schneeflocken ließen sich so synchronisieren.

Der Kraus´e Titel „kummerang“ verfehlt haarscharf nur den australischen Bumerang, „im drallen Luftgang“. Die „Honigprotokolle“ der soeben dafür mit dem Berliner Kunstpreis ausgezeichneten Monika Rinck warten in der konkreten Verfassung so wichtiger Fragen auf, wie „zum Beispiel, was ist ein Regal?“ Auf jeden Fall ist ein Regal „kein Zelt aus Geld“. Es „ziert auch nicht die Kanten des Tages“, um die Dichterin bei ihren überzeugend ausgesuchten Worten zu nehmen. Monika Rinck stammt aus Zweibrücken, sie hat Religionswissenschaft studiert und mit „Begriffsstudio 1996–2001“ in der Edition Sutstein debütiert. In den „Honigprotokollen“ bleibt sie auf der Seite einfacher Siege und „später Gesellschaftsspiele“. Ihr lyrisches Ich weiß: „Der schönen Seele geht es schlecht. Ach, hätte sie sich nicht, ging es ihr besser“. Inzwischen macht sich das Licht im Raum geschmeidig, weiß es doch auch, was sich gehört. Zu hören ist ferner das Publikum im Chor, animiert von Bo Wiget, der für den Titel des Termins eine Melodie geschrieben hat, die frohen Anklang findet. – Vielleicht deshalb nicht zuletzt, weil sie die Konzentration vom Prüfstand der „Honigprotokolle“ temporär nimmt. „Eingeschlagen“ habe sie auf die Gedichte, wird Monika Rinck im Walden bald mit bellizistischen Aufschäumungen den poetischen Prozess beschreiben, in dieser unberuhigten Stimmung eines zu späten Feierabends und den Imponderabilien der Bücherexistenzen. Aber noch „entzaubert (die Dichterin in Dock11) die Welt“ … „mit einem Wagenheber läufst du mitten in die Schattenpflanzen … Ist dahinter etwas wie Flieder?“ Das bleibt unklar, da könnten auch Pappeln stehen, wie an einer Allee gleichen Namens. „Die schöne Seele“ zieht um die Häuser, bis sie es angebracht findet, „die Tarnung abzulegen“ – um — mit —- am besten doch einem schönen Körper „Hitzigkeit zu zeigen“.

erstellt am 27.3.2012