Von Thomas Rothschild

Auf Gegenseitigkeit

Der Rowohlt Verlag wirbt für ein Buch von Doris Knecht mit folgender Empfehlung: „Daniel Kehlmann sagt über Doris Knechts Kolumnen, sie seien 'von einer Leichtigkeit und Intelligenz, wie man sie nicht nur in Österreich selten findet'.“

Und was sagt Doris Knecht über Daniel Kehlmann? Zum Beispiel dies:
„Daniel Kehlmann sieht aus wie ein Musterschüler und redet wie ein Gymnasiallehrer - und er schreibt brillant.“

Oder dies:
„Dieser Daniel Kehlmann ist ein sehr sympathischer Mann. Er ist höflich, freundlich und zuvorkommend. Er ist selbstbewusst, aber kein bisschen zickig, kein bisschen arrogant, und er hat viel mehr Humor als seine Bücher, die außer 'Ich und Kaminski' alle keinen haben. Und er verfügt über ein sehr einnehmendes Maß an Selbstironie.“

Es gab Zeiten, da Schriftsteller, Kritiker und Verlage noch über Schamgefühl verfügten. Sogar in Österreich.
Über Daniel Kehlmann sagt Doris Knecht übrigens auch dies:
„Er hasst Werbung in jeder Form und verachtet die Menschen, die sie machen.“ So so.

Oskar Maria Graf ist eher in Bayern bekannt

Sonntag ist Reich-Ranicki-Tag. Da erteilt der greise Kritiker Woche für Woche in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dämlichen Fragen noch dämlichere Antworten. Die lauten dann etwa so: „Prosabücher von Gerhart Hauptmann, die einen Wert haben, gibt es nur wenige.“ Oder so: „Ich halte von seinen (Oskar Maria Grafs) Büchern relativ viel, allerdings sind sie doch eher in Bayern bekannt und erfolgreich.“ Oder so: „Ich habe 'Zettels Traum' gelesen, und es war für mich unzweifelhaft langweilig.“
Das ist die Ausbeute von einer Ausgabe, vom 23.9.2012. Sie ist, ich schwöre es, absolut typisch für die Auskünfte der vergangenen Wochen, Monate, Jahre. Nun könnte man meinen, das seien halt die intellektuellen Reste eines gealterten Gehirns. Aber die Wahrheit ist: Über dieses Niveau ist Marcel Reich-Ranicki nie hinausgelangt. Früher hat er dafür mehr Worte aufgewandt, aber über ein unqualifiziertes Geschmacksurteil ist er nie hinausgekommen.

Warum druckt die FAZ solche Statements, die nur die Aufgabe haben können, die Literaturkritik zu desavouieren? Freundlicherweise könnte man annehmen, sie wolle damit, anders als in den Medien üblich, Treue beweisen und einen Mann, der immerhin als der bekannteste und am häufigsten zitierte deutsche Literaturkritiker nach 1945 gelten muss und immerhin einer der Erfinder von Frank Schirrmacher ist, nicht einfach vorzeitig sterben lassen. Das wäre sogar sympathisch. Aber wenn man Reich-Ranickis Kolumne, die in Form und Gehalt den Beraterkolumnen in der primitivsten Yellow Press gleicht, einordnet in die allgemeine Entwicklung der Medien, muss man konstatieren: Qualität spielt keine Rolle mehr. Der Spiegel, einst die Vorzeigezeitschrift für investigativen Journalismus und genaue Recherche, erschöpft sich weitgehend in Tratsch. Sie veröffentlicht Stories, die nicht eine einzige neue Erkenntnis enthalten, puscht einzelne unbedeutende Behauptungen zu Tatsachen auf, macht aus Banalitäten eine Entdeckung. Mit den Formaten und der Ersetzung von Text durch Bilder, möglichst groß und farbig, haben mittlerweile auch andere Wochen- und Tageszeitungen das Level unterboten, das die einst verachtete Bild Zeitung vorgegeben hat. „Bild macht dumm“? Wieso Bild?

Diese Entwicklung war vorherzusehen, und zu kurz greift, wer dem Internet allein die Schuld zuweist. Begonnen hat es in den Rundfunkanstalten, wo die Tendenz, anstelle von Zusammenhängen nur noch verbale Cevapcici-Würstchen anzubieten, kontinuierlich bedient wurde, wie man zunehmend anstelle von Symphonien, Sonaten oder Konzerten einzelne Sätze sendet, als gäbe es keine Strukturen, die den Teil des Ganzen überschreiten. Inzwischen können Strukturen kaum noch gedacht werden. Im Theater nicht, im Radio nicht und in der Presse erst recht nicht. Die Journalisten, Dramaturgen und Regisseure denken (denken?) im iPhone-Format. Zurückbleiben Auskünfte darüber, wieviel Prozent der Bevölkerung schnarchen, welches Filmsternchen wen heiratet, was Frau Merkel in Bayreuth getragen hat oder eben, was Marcel Reich-Ranicki langweilt.

Oper für Tausende oder:

Was zieht Elisabeth Sobotka nach Bregenz?

Veränderungen im kollektiven Bewusstsein, im allgemein akzeptierten Kulturverständnis vollziehen sich schleichend, unbemerkt. Wer erinnert sich noch daran, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk einst bedeutet, welch hohen Anspruch er nicht nur erhoben, sondern auch eingelöst hat? Vergleichbar ist die Entwicklung in jenem Bereich, den manche anerkennend, manche verächtlich „Hochkultur“ nennen, im Bereich des Theaters, der Oper, des Konzerts. Die Wertigkeiten, die einst als verbindlich galten, sind längst nicht nur in Frage gestellt, sondern ihr Gegenteil verkehrt.

Es gab gute Gründe, einen Kulturbegriff und eine Kulturpolitik, die sich der Herrschaft der Bourgeoisie verdanken und deren Interessen diente, einer radikalen Kritik zu unterziehen. Aber zum Ausgleich hat keineswegs eine Öffnung für die unterprivilegierten Teile der Bevölkerung, für jene, denen man den Zugang zu einer höheren Bildung verstellt, stattgefunden, Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ ist ein leeres Versprechen geblieben. Was als Ersatz für die bürgerliche Kultur angeboten wird, folgt ausschließlich den Gesetzen des Marktes. Nicht Demokratisierung, sondern Profitsteigerung ist ihr Ziel. Nicht zufällig hat sich der Beruf des Kulturmanagers etabliert. Die Absolventen der einschlägigen Studiengänge verstehen viel von Buchhaltung und PR, aber wenig von Kultur. Sie könnten ebenso Waschmittel oder Computersoftware verhökern (und oft tun sie es auch, wenn sie eine entsprechendes Angebot erhalten). Ihre Kompetenz besteht im Verkauf. Auf die Ware kommt es nicht an.

An die Stelle der intellektuellen Auseinandersetzung, die entgegen der Suggestion durch ihre Verächter keineswegs im Widerspruch steht zum Vergnügen, ist das Event getreten, an die Stelle der künstlerischen Anstrengung das Spektakel. Der Kulturkonsum hat sich dem Besuch eines Feinschmeckerrestaurants bis zur Ununterscheidbarkeit angenähert.

Nun haben die Bregenzer Festspiele nach einigen Wirren die neue Intendantin vorgestellt, die das Bodenseefestival ab 2015 leiten wird. Elisabeth Sobotka wurde 1965 in Wien geboren, wo sie Musik- und Theaterwissenschaft, Publizistik, Betriebswirtschaftslehre sowie Kulturelles Management studierte. Anfang der Neunziger Jahre ging sie zunächst als Assistentin des Leiters und spätere Leiterin der künstlerischen Produktion an die Oper Leipzig. Nach ihrer achtjährigen Tätigkeit als Chefdisponentin an der Wiener Staatsoper wurde sie unter Peter Mussbach 2002 Operndirektorin der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Seit 2009 leitet sie die Grazer Oper. Keine schlechte Karriere. Kann da ein Wechsel nach Vorarlberg noch als Karrieresprung gelten?

Offenbar schon. Was reizt Frau Sobotka an Bregenz? Das Geld? Man darf annehmen, dass sie auch als Intendantin der Grazer Oper nicht Hunger leiden muss. Die Grazer Oper kündigt für die kommende Spielzeit im Bereich Oper, Operette und Musical sieben Premieren und zwei Wiederaufnahmen, im Sektor Tanz zwei Uraufführungen an. In Bregenz gibt es alle zwei Jahre eine Neuinszenierung auf der Seebühne und jährlich eine weitere Operninszenierung – unter der Intendanz von David Pountney verdienstvolle Wiederentdeckungen und Uraufführungen –, daneben einige Konzerte und mit gutem Grund wenig beachtete Sprechtheateraufführungen. Vierzehn Grazer Premieren in zwei Jahren stehen also gerade drei Bregenzer Opernpremieren gegenüber. Was reizt jemanden, der die Oper liebt, der Anregungen liefern und Möglichkeiten ausprobieren möchte, Bregenz den Zuschlag zu geben, ein Provinznest zudem, das die nicht eben übertrieben urbane steierische Hauptstadt im Vergleich geradezu als Kulturmetropole erscheinen lässt?

Elisabeth Sobotka hat eine Antwort parat: „Die Einmaligkeit des Aufführungsortes Bregenz hat mich verführt und überzeugt. Drei  ideale Theater für drei Vorstellungsformate: die Seebühne, der suggestive Aufführungsort an dem tausende von Menschen gleichzeitig berührt und verzaubert werden, das Festspielhaus – die ideale Opernbühne im klassischen Sinn – und die Werkstattbühne für neue Opernformen. Diese Chance habe ich ergriffen und freue mich unglaublich auf die Zeit in Bregenz.”

Die Seebühne zeichnet sich, neben ihrer perfiden Wetterabhängigkeit, vor allem durch überdimensionale Bühnenbilder aus, die in ihrer Gigantomanie dem Schönheitsverständnis des gern nach oben blickenden Untertanen entsprechen, und durch die Vermählung von Zirkus und Oper. Das Orchester befindet sich abseits, im Saal, und wird mittels Lautsprecher und Monitor an den Ort des Geschehens transportiert, die Sänger zieren Mikroports. Hat man nicht stets den Vorzug der authentischen Akustik gegenüber technischen Medien gepriesen, um in die Theater zu locken? Jetzt darf das „Live“-Ereignis mit der DVD konkurrieren. Elisabeth Sobotka erkennt in der Seebühne ein „ideales Theater“. Vielleicht kann sie erklären, was einen See als Spielstätte für Opern so attraktiv macht. Gewiss, es ist schön, an einem lauen Sommerabend im Freien zu sitzen und hinüber zu schauen auf das beleuchtete Lindau. Aber da lenkt die Oper eigentlich nur ab. Die ist jedenfalls im Grazer Opernhaus von Fellner & Helmer nicht schlechter untergebracht. Es passt zum Ambiente, dass das Bregenzer Publikum, professionelle Kritiker eingeschlossen, mit der Handykamera statt mit den Ohren zuhört: in einem fort leuchten die hochgehaltenen Errungenschaften zeitgenössischer Dokumentationswut auf wie Feuerzeuge bei der Pop-Schnulze.

Elisabeth Sobotka ist die Intendantin für das 21. Jahrhundert. Ihre Entscheidung für Bregenz ist ein Bekenntnis zu einer Kultur, die „tausende von Menschen gleichzeitig berührt und verzaubert“. Betonung auf „tausende“ (die Seebühne bietet siebentausend Plätze an). Denn was hätte Oper bisher getan, wenn nicht berührt und verzaubert. Freilich ohne Turmspringer und Trapezkünstler. Die konnte man anderswo bewundern. Für die Oper sind sie so unverzichtbar wie ein Schneesturm über dem sommerlichen Bodensee. Und wer nun einwendet, das Spektakel habe immer zur Oper gehört, schon im Barock sei sie zugleich Maschinenzauber gewesen, der sei höflich auf den Unterschied hingewiesen zwischen einem singenden Jupiter, der, ganz dem Stoff verpflichtet, aus einem herabgesenkten Korb steigt, und einem Schwimmer, der im Zusammenhang mit André Chénier und der Französischen Revolution demonstriert, wie lang er es im kalten Wasser aushält.

Im Juli 2012

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Der große Schwindel

So ziemlich die ärgerlichste Erscheinung auf dem Buchmarkt steuert die akademische Welt bei. Die Rede ist von Sammelbänden, die Tagungen und Kongressen hinterher folgen wie ein Furz einer Bohnensuppe. Diese Tagungen dienen in erster Linie dem Reisebedürfnis von Hochschullehrern. Man sollte die dafür aufgewandten Gelder lieber in Form von Stipendien an Studierende verteilen und sich die Publikationen ersparen, deren einzige Funktion es ist, die Zuschüsse für Kongressreisen zu rechtfertigen und die ansonsten erbärmlichen Publikationslisten der Akademiker aufzufüllen. Da die Beteiligten sich fast nie die Mühe machen, die Beiträge ihrer Koreferenten oder -autoren zur Kenntnis zu nehmen und darauf zu reagieren, und auch bei der Redaktion auf notwendige Eingriffe verzichtet wird, gibt es fast immer zahlreiche ermüdende Wiederholungen. In den Vorworten bemühen sich die Herausgeber krampfhaft, einen Zusammenhang herzustellen, der nicht vorhanden ist, und wenn jemand tatsächlich mit einem originellen, die Forschung vorantreibenden Vortrag verblüfft hat, so ist er in solchen Sammelbänden, ähnlich wie in Festschriften, meist für alle Zeiten begraben.

Wissenschaftliche Sammelbände sind nicht mehr als Abfallprodukt und zugleich Legitimation von Tagungen an mehr oder weniger attraktiven Orten, und weil man keinem Teilnehmer die finanzielle Unterstützung vermasseln will, die eine – zugleich karrierefördernde – Veröffentlichung zur Bedingung hat, nimmt der Herausgeber auch jene Referate auf, die das Thema verfehlen oder ihre Existenz einem raschen Griff in die Schublade – heutzutage also ins Computerarchiv – verdanken. Man lese nur einmal in den Verzeichnissen von Tagungen nach, wie es manchen Wissenschaftlern gelingt, den im Titel nur minimal abgewandelten gleichen Vortrag bei Kongressen zu den unterschiedlichsten Gegenständen zwischen Tbilissi und Riverside, zwischen Minneapolis und Sankt Pölten zu halten.

Es findet ein permanenter großer Betrug statt, mit dem verglichen der Plagiatsskandal als Bagatelle erscheint. Und weil keiner darüber spricht, der davon profitiert, geht das immer so weiter. Wer Bescheid weiß, verhält sich „loyal“, also als Komplize, und die Uneingeweihten fallen auf den Schwindel herein.

Der Schauspieler als Animateur

Der Schauspieler tut, als gäbe es keine Rampe. Die vierte Wand ist für ihn nicht einmal imaginär. Er fragt das Publikum von der Bühne herab, und dieses antwortet brav. Er fordert das Publikum auf, einen Satz zu wiederholen, und das Publikum brüllt im Chor. Er verlangt vom Publikum, dass es aufsteht und die Arme hochreckt, und das Publikum tut, wie ihm befohlen.

Wir befinden uns nicht im Kasperletheater, und das Publikum besteht nicht aus Kindern, die noch nicht gelernt haben, Fiktion von Wirklichkeit zu unterscheiden. Wir befinden uns vielmehr im so genannten Mitmachtheater und auf der Höhe aktueller Moden.

Mitmachtheater ist das Theater für das narzisstische Zeitalter. Man erfährt nichts über Andere, über das Fremde, sondern immer wieder nur etwas über sich selbst. Mitmachtheater ist die Fortsetzung von Ententanz und Macarena in der Urlaubsdisco, wo Animateure für gute Stimmung oder was manche dafür halten sorgen.

In naher Zukunft werden wir auf die Schauspieler ganz verzichten können. Die Blogger haben es uns demonstriert: Sie machen die Journalisten überflüssig. Geschwätz ersetzt Kunst und Literatur. In naher Zukunft wird das Publikum seinem Selbstdarstellungsbedürfnis freien Lauf lassen und sich selbst, in Personalunion, als Subjekt und als Objekt der Theateraufführung profilieren. Mit Demokratie hat das so viel zu tun wie der legendäre Exhibitionist im Trenchcoat mit einem Liebhaber. Aber all jene, die an wirklicher Demokratie, nämlich an der Teilhabe politischer Entscheidungen, kein Interesse haben, werden uns das Gegenteil beweisen.

Arschloch Kunde

Die Literatur, heißt es, habe sich durch das Internet gründlich verändert. Nicht nur, was ihre Verbreitung und die Rechte des Autors angeht, sondern auch formal. Der durchdachte, gestaltete, sprachlich ambitionierte Text wird ersetzt durch die spontan in die Tastatur getippte und sogleich ins Netz gestellte Intuition. Man schreibt, wie man redet, bruchstückhaft, impulsiv, unbeschwert von jeglicher ästhetischer Erwägung. Das Format für die Literatur liefert die E-Mail. Sie beendet eine Geschichte, die von Homer bis Uwe Johnson oder Friederike Mayröcker mit Nachdruck auf der Differenz von Literatur und Alltagsgewäsch bestand.

Eine Form der Gegenwartsliteratur aber hat bislang zu wenig Beachtung erfahren: die verweigerte E-Mail. Sie tritt in zwei Varianten auf: als Nullstelle oder als automatisierte Antwort. Sie drückt aus, was große Unternehmen heute vom einstigen König Kunden halten: Er ist ihnen ein Arschloch. Wer etwa an die Lufthansa, an das Hotelportal HRS oder an die Postbank eine Anfrage schickt, erfährt entweder keine Reaktion, oder er erhält eine Antwort aus dem Computer, die sich zur Frage verhält wie das Geräusch einer Toilettenspülung zu einer Mozart-Arie und mit der Mitteilung versehen ist, dass sie ihrerseits Antworten nicht oder nur telefonisch, über teure Servicenummern annimmt. Ätsch, Dialog verweigert. Dies ist kein Drama.

Die zeitgenössische Prosa lautet, wenig variiert, so:
„Herzlichen Dank für Ihre Nachricht an x. Wir haben Ihr Anliegen unter der Feedback ID y gespeichert und an die entsprechende Stelle zur Bearbeitung weitergeleitet. Unser Ziel ist es, Ihre Anfrage schnellstmöglich zu bearbeiten. Aktuell verzeichnen wir einen erhöhten Eingang von Anfragen und bitten Sie, von einer weiteren E-Mail mit dem gleichen Anliegen abzusehen. Vielen Dank.“
Meist war's das schon. Die Alternative ist, wie erwähnt, keine. Sie besteht darin, dass die Reaktion gleich von vornherein ausbleibt. So oder so, der Subtext ist genau jener, den auch die täglich sich mehrenden Erfahrungen mit Post und Bahn, mit Banken und Fluglinien, mit denen man zunehmend übers Netz verkehren muss, ihren Kunden vermitteln: „Arschloch!“
Auch eine Form der Einbeziehung des Lesers.

dpa und demokratische Öffentlichkeit

Eine Demokratie ist eine Demokratie, nicht, weil und wenn sie von sich behauptet, eine zu sein, sondern nur dann, wenn sie die Kriterien für eine Demokratie erfüllt und die Bedingungen, die eine Demokratie definieren, nicht nur ermöglicht, sondern auch einhält.

Vom 10. bis zum 13. Mai traf sich das deutsche P.E.N.-Zentrum zu seiner Jahrestagung in Rudolstadt. Ein umfangreiches Programm war zu absolvieren – interne Vereinsangelegenheiten und öffentliche Veranstaltungen. Durch eine Indiskretion hatten die Medien im Vorfeld Wind davon bekommen, dass der Antrag eines Mitglieds vorlag, Günter Grass aus hinlänglich bekannten Gründen die Ehrenpräsidentschaft des Verbands abzuerkennen. Die Meldung ging durch die Presse.

Bei der Jahrestagung wurden in einer eindrucksvollen Abendveranstaltungen Autoren vorgestellt – teils in Abwesenheit, durch ihre Texte und durch Fakten, teils leibhaftig, in kurzen Gesprächen –, die wegen ihrer Äußerungen im Gefängnis saßen oder noch sitzen oder die als Stipendiaten des deutschen P.E.N. zu uns kommen konnten, um als Gäste des Writers in Exile-Programms wenigstens eine Zeit lang in Sicherheit zu verbringen. Es wurde an den chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo erinnert, über den kaum etwas in Erfahrung zu bringen ist, weil selbst seine Frau, die unter Hausarrest steht und ihn nur selten im Gefängnis besuchen darf, von der Außenwelt isoliert wird. Die türkisch-armenische Autorin und Anwältin Fethiye Çetin und der Vizepräsident des türkischen PEN Halil Ibrahim Öczan erzählten von Repressionen in ihrer Heimat. Der syrische Journalist Amer Matar, der mit Hilfe des P.E.N. über Jordanien nach Deutschland ausreisen konnte, berichtete von seinem Schicksal, und Ali al-Jallawi aus Bahrein schwieg nicht von den deutschen Panzern, mit denen die Opposition in der arabischen Welt bekämpft wird. Und die Versammlung konnte Cosmos Eglo Akoete Agbodji und seine Frau aus Togo begrüßen, um deren Ausreise sich der deutsche P.E.N. zwei Jahre lang bemüht hat. In Rudolstadt wurde auch beschlossen, für den amerikanischen Schriftsteller Mumia Abu-Jamal, der seit Jahren unter zweifelhaften Umständen inhaftiert ist, einen fairen Prozess zu fordern.

Nichts davon war der dpa oder Spiegel Online eine Meldung wert. Die Nachrichtenagentur, deren Dienste von zahlreichen Medien in Anspruch genommen werden, insbesondere von all jenen provinziellen Medien, die sich eine eigene Berichterstattung schon lange nicht mehr leisten, sprach ausschließlich von einem einzigen Tagesordnungspunkt: von dem Antrag, Günter Grass abzumahnen – der im Übrigen keine einzige Stimme erhielt. Der Antragsteller selbst war gar nicht erst angereist.

Man muss also in aller Deutlichkeit sagen: die deutsche Presseagentur, die deutschen Medien sind an Nachrichten, sind an der Information der Öffentlichkeit nicht interessiert. Sie gieren nur nach wirklichen oder vermeintlichen Sensationen. Mehr noch: Wo die eigentlich wichtigen Informationen unterschlagen werden – und wir müssen davon ausgehen, dass der Rudolstädter Fall exemplarisch ist –, wo das Schicksal von inhaftierten, gefolterten, ins Exil gejagten Autoren im Gegensatz zu einem Absetzungsantrag keine Meldung ist, besteht keine wirkliche demokratische Öffentlichkeit. Jene Journalisten und Redakteure, die hochmütig von Zensur und Selbstzensur in totalitären Staaten reden, sind einfach Heuchler, und das System, dem sie dienen, hat mit Demokratie soviel zu tun wie eine angepasste Presse mit Öffentlichkeit. Es gibt gute Gründe, skeptisch zu sein gegenüber allem, was die Medien behaupten. Der eigentliche Skandal aber besteht in all dem, was sie und ihre willigen Subalternen unterschlagen. Und das ist nicht wenig.

Diplomschriftsteller

Kann man die Schriftstellerei erlernen? Als die Technologien und die ökonomischen Abläufe in der Landwirtschaft immer komplizierter wurden, gründete man landwirtschaftliche Hochschulen, und der Erfolg gab dieser Initiative Recht: Die Absolventen arbeiteten rationaler und effektiver als jene Bauern, die keine Ausbildung bekommen hatten. Auch bei Filmemachern verhält es sich so. Die Techniken, die man kennen und beherrschen muss, um sie anwenden zu können, erfordern eine spezifische Ausbildung. Zwar gab es auch schon vor der Einrichtung von Filmschulen Regisseure und Kameraleute und Cutter, die Ergebnisse ihrer Versuche waren manchmal originell und von bedeutender künstlerischer Qualität, aber in der Regel haftet ihnen der Charme des Amateurhaften an. Es ist bezeichnend, dass Cutter, die ihr Leben lang am Schneidetisch gesessen haben, mit den neuen Verfahren des digitalen Schnitts am Computer ihre Probleme haben, und die beruhen keinesfalls nur auf ideologischen Bedenken.

Aber die Schriftstellerei? Braucht die ihre eigenen Schulen? Überall wachsen sie aus dem Boden wie die Pilze nach dem Regen, die Schreibschulen und Literaturakademien. Aber ist die Literatur, die ihre Absolventen produzieren, besser als die der ungeschulten Autoren, wie es die Ernte von ausgebildeten Landwirten gegenüber der von angelernten Bauern ist? Gelegentlich hat man den Eindruck, dass die Einzigen, die von den Literaturausbildungsstätten profitieren, die Dozenten sind, die dort für kürzere oder längere Zeit ein garantiertes Einkommen erhalten.

Gewiss schadet es nicht, wenn ein angehender Schriftsteller viel gelesen hat, wenn er Bescheid weiß über die Vielfalt und Möglichkeiten literarischer Techniken. Aber wenn er nach einem Rezept sucht, ist das für die Literatur tödlich. Man kann es am amerikanischen Film überprüfen. Dass er in seinem Mainstream so langweilig geworden ist, dass ein Film dem anderen gleicht und das Ende jeweils nach fünf Minuten vorhersehbar ist, liegt an der normativen Macht der Drehbuchschulen. Da wird den angehenden Autoren ein Dogma vermittelt, wie ein gutes Drehbuch auszusehen habe – und so sehen sie denn auch alle aus. Um einen Namen zu nennen: Niemand hat im Film mehr Schaden angerichtet als Syd Field. Seine Drehbuchinstruktionen haben für das Kino die selbe Auswirkung wie die Standardanweisung zur Herstellung eines Big Mac für die Gastronomie. Man muss sich das bewusst machen: Michael Hanekes „Weißes Band“ hat bei den Verächtern filmischer Hackfleischfladen auch deshalb weltweit so viel Begeisterung ausgelöst, weil er gegen so gut wie alle Regeln amerikanischer Drehbuchvorschriften verstößt.

Unserer Literatur droht ein ähnliches Schicksal wie dem amerikanischen Drehbuch. Handwerklich einwandfrei, scheint sie mehr und mehr aus der Retorte zu stammen. Es geht hier nicht darum, eine veraltete Geniekonzeption zu neuem Leben zu erwecken. Aber für Frechheit, Unbefangenheit, Anarchie im Schreiben darf man schon plädieren. Bildung ist stets von Vorteil, aber man holt sie sich nicht nur, vielleicht sogar am wenigsten in Schulen und Kursen, bei Lehrern und bei Schriftstellern, denen die eigene Produktion offenbar genug Zeit lässt, um anderen zu erklären, wie man Dialoge schreibt oder wie der Schlusssatz eines Romans auszusehen habe. Tun sie das wirklich nur unter dem Diktat des pädagogischen Eros? Einige von ihnen gleichen aufs Haar jenen wenig begabten Schauspielern, die sich in die Nachwuchsausbildung geflüchtet haben, als sie kein Theater mehr haben wollte.

Erinnert sich noch jemand an das schallende Gelächter, als Chinesen massenhaft das Rote Buch hochhielten? Wie fühlten wir uns doch mit unserem Individualismus dem kommunistischen Kollektivismus überlegen. Wie weit ist es eigentlich her mit dem Individualismus, wo Menschen massenhaft, wie auf Befehl, sich tätowieren lassen, Aperol-Sprizz trinken und Clogs tragen? Unsere Literatur könnte bald ebenso konform sein, wie es die Kleidungs- und Essgewohnheiten längst sind. Die Schreibschulen haben daran ihren Anteil. Sollen wir uns darüber freuen?

Die Demut des Übersetzers

Dass literarische Übersetzer schlecht bezahlt werden, ist kein Geheimnis. Das ist nicht nur ein soziales Problem, sondern auch ein Problem für die Literatur selbst. Denn wenn Übersetzer schneller arbeiten müssen, als es das Material seriöserweise zulässt, weil sie ansonsten ihre Miete nicht bezahlen können, dann schlägt sich das in der Qualität der Übersetzungen nieder. Alexander Eliasberg zum Beispiel hat Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die halbe russische Literatur, darunter mehrere dicke Romane, ins Deutsche übertragen. Lange Zeit waren seine Übersetzungen mehr oder weniger konkurrenzlos im Umlauf, nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in preiswerten Taschenbuchausgaben. Sie konnten nicht anders sein, als es eben unter solchen Umständen möglich war: nämlich ungenau und oft allzu frei. Aber Generationen deutscher Leser haben die russische Literatur in dieser Fassung kennen gelernt.

Zurzeit finden Verhandlungen statt, die die Bedingungen für Übersetzer zu verbessern versprechen. Gut werden sie auch danach nicht sein, aber das Schicksal teilen sie mit Schriftstellern: Vom Schreiben leben können nur einige Wenige. Die große Mehrheit muss einen zweiten Beruf ausüben oder unterhalb der Armutsgrenze darben.
Es ist diesen bedauerlichen Umständen zu verdanken, dass Übersetzer ihre Arbeit, wo sie die Möglichkeit haben, über Gebühr anpreisen müssen. Es gehört zu den Topoi der Einleitungen zu neuen Übersetzungen, dass man die vorausgegangenen Versuche schmäht, um die eigene Arbeit umso heller erstrahlen zu lassen. Das verstößt gegen die guten Sitten, hinterlässt einen üblen Beigeschmack und macht eher misstrauisch als neugierig.

Deshalb sei hier ein Fundstück dokumentiert, das durch seine Bescheidenheit angenehm auffällt. Andreas Nohl hat Bram Stokers Roman „Dracula“ neu ins Deutsche übertragen. In einem Interview, das der Verlag dazu veröffentlicht hat, antwortet Nohl auf die Frage, ob er an ein paar Beispielen zeigen könne, wie sich seine Übersetzung von den bisherigen unterscheide:
„Das kann ich natürlich, aber lassen Sie mich zuvor sagen: Jede der älteren Übersetzungen hat ihre Meriten, und jede neue Übersetzung verdankt auch immer den Vorgänger-Übersetzungen etwas (und sei es, einen Irrweg nicht noch einmal gehen zu müssen). Außerdem ist man hinterher immer klüger, will sagen: Die Übersetzer, die sich bisher an 'Dracula' gewagt haben, verfügten noch nicht über das breite Informationsmaterial, das mir zur Verfügung steht. Ich weise hier nur auf das Buch 'Bram Stoker’s Notes for Dracula' hin, das erst 2008 veröffentlicht wurde. Darin kann man zum Beispiel sehen, wie Stoker auf einer mehrseitigen Vokabelliste Ausdrücke gesammelt hat, die er für einen Seemann in Whitby verwenden wollte.“

Aus dem Leben eines Kritikers

Eben ist eine dicke Biografie von André Heller erschienen. Ihr Autor ist der in Wien lebende Schweizer Christian Seiler. Ich werde darin kurz erwähnt. Ich figuriere als der Kritiker, „der nicht unbedingt für seine milden Urteile bekannt war“.

Es ist mir nicht verborgen geblieben, dass mir dieser Ruf anhaftet. Er stellt mich vor ein Rätsel. Ich habe wohl weitaus öfter Bücher, Filme, Schallplatten, Theateraufführungen, die ich zu besprechen hatte, gelobt, bejubelt, empfohlen, als dass ich sie bemängelt oder gar verrissen hätte. Auch mir macht es ja mehr Freude, jemandem zu schmeicheln, als ihn zu kränken. Aber ein Verriss prägt sich halt, vor allem bei den Betroffenen, mehr ein als zehn begeisterte Hymnen.

Wenn ich als strenger, gar als bösartiger Kritiker gelte, dann liegt das an den Normen, an denen ich gemessen werde. Und die Norm ist die Gefälligkeitskritik. Man will, da man ja im Milieu verkehrt, dem Autor, dem Musiker, dem Schauspieler ins Auge sehen können, zu dem man sich geäußert hat. F.C. Delius hat das in seinen eben erschienenen biografischen Skizzen „Als die Bücher noch geholfen haben“ beschrieben und damit erklärt, warum er kein Kritiker geworden sei. Dieser stille Zwang zur Gefälligkeitskritik hat mit der Marktabhängigkeit des Kulturbetriebs zugenommen. Längst haben alle Beteiligten internalisiert, dass sie dem Markt nicht schaden dürfen. Und so unterscheiden sich Rezensionen kaum noch von den Selbstanzeigen der Verlage, aus denen ja auch schamlos abgeschrieben wird.

Was aber ist ein Lob wert, wo jeder Dreck gepriesen wird? Wer den Schmarren nicht Schmarren nennt, setzt auch die zu Recht gelobten Produkte dem Verdacht aus, dass sie in Wahrheit Schmarren seien.
Zu den Standardargumenten, mit denen man kritische Kritik mundtot zu machen versucht, gehört der Vorwurf, sie sei nicht konstruktiv. Warum sollte Kritik konstruktiv sein müssen? Dieses Postulat unterstellt, dass sie sich an den Künstler wendet, ihn beraten möchte. Ich jedenfalls begreife mich nicht als Erzieher derer, die ich bespreche, und habe volles Verständnis, wenn sie meine Meinung nicht interessiert. Meine Klientel ist das Publikum. Dieses will ich für manche Dinge begeistern und vor anderen eher warnen. Dass ich dabei subjektiv bin, meinen eigenen Maßstäben folge, versteht sich von selbst. Und deshalb ist das in Bezug auf szenische Ereignisse beliebte Argument des Erfolgs beim Publikum so schief. Es ist aus mehreren Gründen belanglos.

Erstens gehen natürlich eher solche Leute zu bestimmten Künstlern, die diese mögen, als solche, die Anderes bevorzugen. Zweitens gibt es eine Eigendynamik des hörbaren Erfolgs. Wer sich einen Abend frei genommen und dafür Geld ausgegeben hat, möchte sich amüsieren. Das wird man sich, so gut es geht, auch dann einreden, wenn sich das Amüsement in Wahrheit in Grenzen hält. Drittens aber und vor allem: der Kritiker kann sich nicht nach den Urteilen und Reaktionen des Publikums richten. Ein Kritiker, der sich opportunistisch an jene ranschmeißt, die neben ihm saßen, ist, um es klar zu sagen, korrupt.

Ich warte seit Jahren auf den Künstler, der sich beklagt, weil eine positive Besprechung seiner Leistung nicht gerecht geworden sei, sie überschätzt und über Gebühr gelobt habe. So lange diese Beschwerde ausbleibt, halte ich an der Ansicht fest, dass es den Künstlern und erst recht den Theaterdirektoren nicht um eine qualifiziertere Kritik geht (dafür würde ich mich gerne mit ihnen einsetzen), sondern nur um Streicheleinheiten, ob sie verdient sind oder nicht. Meinetwegen können wir uns auf ein allgegenwärtiges „Seid nett zueinander“ einigen. Aber das darf man dann nicht Kritik nennen. An der Abschaffung des Rezensionsfeuilletons wird ohnedies heftig gearbeitet. Wer sich daran beteiligen will, soll Berufsverbot für kritische Journalisten fordern. Oder besser noch die Todesstrafe. Das wäre dann eine komplette Sache.

erstellt am 27.3.2012