Buchkritik

Dinge von früher

Von Franziska Lüdtke

„Ihre Welt zerbrach. Ihr Leben ging weiter,“ lautet ziemlich pathetisch der Werbeslogan für eine russische Dr. Zhivago-Verfilmung von 2006. Zieht man das Pathos ab, ersetzt es durch federleichte, lyrische Lakonie und behält die Fakten, hat man das Thema von Olga Martynovas Roman „Sogar Papageien überleben uns“ im Kern getroffen. Denn das Nachdenken über den Zeitfluss und die Brüche in der Zeit verknüpft alle anderen Themen des Buchs miteinander.

Olga Martynova wuchs in Leningrad auf und studierte dort am Herzen-Institut russische Sprache und Literatur. Seit 1991 lebt sie in Frankfurt am Main. Bisher vor allem als Lyrikerin, Essayistin, Übersetzerin und Literaturkritikerin bekannt, landete sie mit ihrem ersten Roman auf Anhieb auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2010 und der Shortlist des aspekte-Literaturpreises 2010. Sie schreibt ihre Gedichte auf russisch und ihre Prosatexte – so auch „Sogar Papageien überleben uns“ – auf deutsch.

Martynova erzählt aus der Perspektive von Marina, einer Petersburger Literaturwissenschaftlerin auf Vortragsreise in Deutschland im Jahr 2006. Marina verbindet Berufliches und Privates. Erst wird sie Vorträge halten über die Oberiuten, den Dichterkreis um Daniil Charms und Aleksandr Vvedenskij, dann will sie sich mit einem alten Freund, dem Berliner Germanistikprofessor Andreas treffen. Die beiden haben sich kennen gelernt und verliebt, als Andreas 1986/87 in Leningrad studierte. Doch ihre Studentenliebe hielt den Schwierigkeiten einer deutsch-russischen Fernbeziehungen im Prä-Internetzeitalter nicht stand. Andreas und Marina blieben Freunde, heirateten im jeweils eigenen Land und ließen sich wieder scheiden. Nun hat Andreas Marina zwanzig Jahre zu spät einen Heiratsantrag gemacht. Und Marina hadert mit der Antwort: „Was werden wir anfangen mit uns, Andrjuscha, es ist zwanzig Jahre her, dass wir uns getroffen haben, in einer nicht mehr existierenden Welt, in einem nicht mehr existierenden Staat, in einer so nicht mehr existierenden Stadt …“. Soll sie wirklich ihre Stadt, ihre Freunde, ihren Beruf aufgeben, um einen Mann zu heiraten, der sie seinerzeit verlassen hat, weil ihm die Bedingungen einer Fernbeziehung zu anstrengend erschienen? Auf der Suche nach einer Antwort erinnert sich Marina an ihre Begegnungen mit Andreas im Verlauf von zwanzig Jahren, reflektiert die Entwicklung deutsch-russischer Befindlichkeiten, beschreibt, wie sich die gegenseitige Wahrnehmung mit den Zeiten immer wieder ändert.

Die Struktur des Romans orientiert sich an ihrem assoziativen Gedankenstrom, der eigene und fremde Erinnerungen an Menschen und Ereignisse ebenso in sich aufnimmt, wie literarische und historische Fakten oder Zitate aus der russischen und deutschen Literatur. Auf diese Weise entsteht ein erstaunliches Porträt eines Jahrhunderts voller krasser Brüche, zusammengesetzt aus vielen kleinen subjektiven Erinnerungsstückchen.

Zur Orientierung der Leser steht über jedem der teils extrem kurzen Kapitel eine dreizeilige Zeitleiste. Sie reicht vom „5. Jh v. Chr.“ bis 2006. Die für das jeweilige Kapitel relevanten Jahreszahlen sind gefettet. So kann man sich entspannt Marinas Gedankenstrom überlassen und gleitet mühelos durch Zeit und Raum vom Deutschland des Jahres 2006 ins Leningrad der frühen Perestroika-Jahre, dieser Zwischenepoche, in der die alten Regeln niemanden mehr interessierten und neue noch nicht da waren. Von dort führen die Erinnerungen der Eltern und Großeltern weiter in die Vergangenheit bis vor die Revolution, in die 30er Jahre und die Zeit der Blockade. Neben den Erinnerungen verknüpfen auch „die Dinge von früher“, Gegenwart und Vergangenheit. Das können Vasen oder alte Fotografien sein, Felle von Katzen, die während der Blockade gegessen wurden oder Abschriften unveröffentlichter Manuskripte von Charms oder Vvedenskij.

„Sogar Papageien überleben uns“ ist mit gerademal 200 Seiten ein ziemlich kurzer, aber ungeheuer dichter Roman, dessen Reiz sich vernünftigen Beschreibungen entzieht. Es ist mehr als die klare Sprache oder die exakte atmosphärische Zeichnung von Menschen an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Es ist auch mehr als die skurrilen Anekdoten und die Leichtigkeit von Martynovas Stream-of-Consciousness-Schreiben.

Martynova legt viele literarische Spuren von Derzhavin, der in seinem letzten unvollendeten Gedicht den Zeitfluss erfand, über Annenskij und die Oberiuten bis zu Brodskij. Folgt man diesen Spuren, verliert man sich leicht in der weiten Welt der russischen Literatur, was sehr angenehm ist, aber das Schreiben darüber nicht leichter macht. Am besten ist es daher, den Roman einfach zu lesen und sich mitnehmen zu lassen auf die Reise (und alle unbekannten Namen und Zitate zu recherchieren).

erstellt am 26.3.2012

Olga Martynova
Sogar Papageien überleben uns
Roman
Literaturverlag Droschl, Graz-Wien

Buch bestellen