Jehoschua Kenaz während der Leipziger Buchmesse 2012
Jehoschua Kenaz während der Leipziger Buchmesse 2012
Buchkritik

Der narkoleptische Polizist

Neue Erzählungen des israelischen Schriftstellers Jehoschua Kenaz.

Von Stefana Sabin

Wie der hierzulande berühmtere Amos Oz gehört auch Jehoschua Kenaz zu jener Generation israelischer Schriftsteller, die die Gründung des Staates und seine Entwicklung miterlebt haben – entsprechend werden sie als „dor ha’medina“, Generation des Staates, bezeichnet. Zwar tauschten sie ihre europäischen Namen für israelisch klingende Namen ein (Kausner für „Oz“, Glass für „Kenaz“), aber ihr Patriotismus hatte schon nichts Absolutes mehr. Denn wie der Literaturhistoriker Gershon Shaked in seiner autoritativen Studie schreibt, hatten diese Autoren – anders als ihre Vorgänger – eine kritische Haltung gegenüber der jüdischen Tradition im Allgemeinen und der zionistischen Mythologie im Besonderen und hielten in ihren Werken der israelischen Gesellschaft einen ideologiefreien Spiegel vor.

So schrieb Kenaz schon in seinem Erstlingswerk „Nach den Feiertagen“ (1964, deutsch 1998) gegen die Vorstellung von einer ursprünglichen Unschuld im ländlichen Palästina an, und in „Herzflimmern“ (1986) entmystifizierte er das israelische Militär, indem er eine Soldateneinheit als eine Gruppe von Drückebergern vorführte. In „Auf dem Weg zu den Katzen“ (1991, deutsch 1994) beschrieb Kenaz den Mikrokosmos der europäischen Einwanderer, die, krank an Leib und Seele, am Rande der israelischen Gesellschaft blieben. Dass diese Gesellschaft nur ein Rumpf jenes idyllischen Gemeinschaftsunternehmens sei, der den Zionismus vorsah, suggerierten auch die zusammenhängenden Erzählungen in „Hinter der Wand“ (2000): Die Leute, die in unmittelbarer Nachbarschaft voneinander wohnen, sind sich fremd und verharren in ihrem einsamen Unglück.

Unpathetisch und ohne jeden Psychologismus fängt Kenaz eine Stimmung ein, die lokal und global zugleich ist, wenn er eine zivilisationstypische Vereinsamung beschreibt, die die Lebenslüge fördert. Diese Stimmung prägt auch die Erzählungen in dem neuen, gerade auf Deutsch erschienen Band, aber das Unglück wirkt darin weniger akut als früher; eine leise Resignation umgibt die Figuren, die zwar subdepressiv, aber nicht unglücklich sind.

Ein alter Mann nimmt dem jungen Arzt, der ihn nach einem Schlaganfall behandelt, seine Schroffheit nicht übel, stirbt dann aber in einer anderen Klinik („Zimmer Nummer 10“); eine Frau, die von Verwandten aufgenommen wird, bedrängt alle mit ihren Erinnerungen aus dem KZ und findet schließlich in einer unerwarteten Beziehung Ruhe („Wildes Fleisch, fremdes Fleisch“); ein Soldat nimmt den Fehler eines anderen auf sich und wird bei der Beförderung übergangen, weil der Kamerad, der die Wahrheit weiß, schweigt („Der Fall Scheizaf“); ein alter Mann vermutet Unheil, als ein Nachbar tagelang verschwunden bleibt und bricht schliesslich in dessen Wohnung ein („Die Wohnung mit Eingang im Hof“); ein Polizist, der unter Narkolepsie leidet, schläft bei einer Observierung ein und kann nicht verhindern, dass der Junge, der ihm das Polizeiauto klaut, tödlichen verunglückt („Die Nachmittagsvorführung“).

Es sind Alltagsgeschichten: unspektakulär und dennoch dramatisch. Sie haben eine einfache Handlung und sind in einer schnörkellosen Sprache erzählt – und die Übersetzerin Barbara Linner hat dafür eine flüssige deutsche Version geschaffen. Nicht zuletzt die Zurückhaltung des Erzählers verleiht den Figuren eine emotionale Glaubwürdigkeit und den ereignisarmen Handlungen eine besondere Intensität. Das gilt vor allem für die Titelerzählung, in der der realistische Minimalismus mit surrealer Komik anreichert ist. Und der narkoleptische Polizist, der seine Einsätze nicht verpasst, weil immer jemand dabei ist, der ihn rechtzeitig aufweckt, steht symptomatisch für den postmodern erschöpften Jedermann, der sich anfallartig aus der Welt ausklinkt.

erstellt am 26.3.2012

Jehoschua Kenaz
Die Nachmittagsvorstellung
Erzählungen
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
Luchterhand, München

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