Vierteljährig erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Lese-Entdeckung

Anita Djafaris Buchtipp

Auch beim Weltempfänger Nr. 14 gefällt mir persönlich die Nr. 1 sehr gut: Alice Bhattis Himmelfahrt von Mohammed Hanif (A1 Verlag)

Pakistan – eine ferne Welt, die wir allenfalls aus den Nachrichten als eine Keimzelle des Terrorismus und des Chaos kennen. Ein Land, von dem wir sonst wenig wissen und das auch nach der Lektüre dieses Romans ganz bestimmt nicht zu einem Sehnsuchtsort werden dürfte. Dennoch fühlte ich mich beim Lesen ausgesprochen gut unterhalten. Der spezielle schwarze Humor und temporeiche Stil dieses Autors, der bereits mit seinem Debüt Eine Kiste explodierender Mangos auch hierzulande Aufmerksamkeit erregte und sogar mit der bayerischen Corine ausgezeichnet wurde, macht es erträglich, von für uns unvorstellbaren Zuständen in dieser nicht nur vom religiösen Gegeneinander gebeutelten Gesellschaft zu lesen. Mit der Protagonistin Alice Bhatti, einer jungen Krankenschwester, die als Christin und Tochter eines Straßenfegers zur unteren Kaste gehört, hat er eine Figur geschaffen, die dem Leser ans Herz wächst. Sie ist als ehemalige Insassin einer „Besserungsanstalt“ durchaus mit allen Wassern gewaschen und findet Arbeit als Krankenschwester in einem Hospital, vor dem die Bedürftigen in großer Zahl unter einem Baum auf Behandlung warten. Rührend kümmert sich Alice Bhatti um ihre Patienten und schaffte es, sich inmitten aller Zumutungen und Zudringlichkeiten der männlichen Vorgesetzten, Kollegen und Patienten zu behaupten. Dem Werben des jungen Muslimen Teddy Bhutt, der einen undurchsichtigen Job beim „Gentleman-Korps“ der Polizei ausübt, erliegt sie jedoch, die beiden heiraten. Ihr Leben wird jetzt allerdings nicht leichter und endet – um es vorwegzunehmen – tragisch. Aber wie es Hanif gelingt, uns die Wünsche, Träume, Hoffnungen dieser gebeutelten Menschen nahezubringen und ihnen dabei vor allem ihre Würde lässt, hat mich tief beeindruckt. Die Figuren aus der Unterschicht dienen ihm nicht nur als Folie für die Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände, wir sind mit dem Autor mitten in dieser pakistanischen Welt und können nachvollziehen, dass es Mohammed Hanif wieder in sein Heimatland zurückgezogen hat.

Kapitel 12

Mohammed Hanif: Alice Bhattis Himmelfahrt

Alice geht am Laden von Jesus Bhatti vorbei, der Zigaretten, Milch und, wenn das Geschäft schlecht läuft, sein eigenes Blut an das Herz Jesu verkauft. Neben seinem Laden steht der leere Verschlag, in dem der einzige Unternehmer von French Colony einst seine Geschäfte abzuwickeln pflegte. Er stahl Kanaldeckel, um sie später an die Stadtwerke zurückzuverkaufen.
Die offenen Gullys schimmerten dann an ihrer Oberfläche von den unzähligen Plastiktüten, die in sie hineingestopft worden waren. Als Alice Bhatti noch Schülerin war, hatte sie oft darüber nachgegrübelt, warum die Einwohner von French Colony, von denen über die Hälfte für den Abtransport des gesamten Mülls in der Stadt verantwortlich war, die eigenen Straßen nicht sauber halten konnten. Inzwischen weiß sie es besser und umgeht sorgfältig die offenen Abflüsse.
Sie beobachtet ein paar Katzen, die sich gegenseitig mit trägen Sprüngen über eine Kloake hinweg verfolgen.
Jedes Eheleben in French Colony beginnt mit einem Besuch beim Schneider, und dorthin ist auch Alice unterwegs. Die Schneiderei Dulhousie ist der einzige Betrieb in French Colony, der seit vierzig Jahren besteht. Er besitzt eine Filiale in Lahore und – dem Ladenschild zufolge – jetzt auch eine in Toronto. Alice zögert einen Moment und späht durch die milchigen Glasscheiben der Tür ins Innere, in dem zahlreiche Schatten über Nähmaschinen gebeugt sitzen. Die Türen halten den Gestank oder – wie Außenstehende es nennen – das „französische Parfüm“ fern. Der angenehme Geruch dampfender, glättend über Lawrencepur-Wolle gleitender Bügeleisen gibt den Kunden das Gefühl, reich zu sein, oder täuscht sie zumindest darüber hinweg, dass sie sich in French Colony befinden. Mr. Dulhousie Senior hat sein Leben damit verbracht, Soutanen für den Klerus, Anzüge für die Kirchenbesuche katholischer Geschäftsleute und Hochzeitskleider für ihre Töchter zu nähen. Alice hat die Werkstatt noch nie betreten, denn ihr Vater ist in seinem eigenen Viertel ebenso ein Chura wie außerhalb. Durch die Lektüre von sieben Büchern in vier Jahren und die Hochzeit mit einem quasi festangestellten Musla hofft Alice, sich über den Gestank zu erheben, der ihr täglich Brot ist. In ihrer Zeit in der Besserungsanstalt hatte sie nie das geringste Heimweh. Sie sehnte sich nur nach einem Zuhause, das sie noch nicht besaß. Sie hörte die Geschichten anderer Insassinnen. Sie hatten versucht, ihren Mann, die Geliebte ihres Mannes oder den Mann der Geliebten zu töten. Im Mittelpunkt dieser Geschichten stand immer ein Heim: eine Wasserpumpe, ein Herd, ein Charpoy oder ein kleiner Hof mit einem Jasminstrauch. War es das, wonach sie sich sehnte, ein eigenes Heim?
Sie ist erleichtert, dass alles so schnell gegangen ist und sie keine Zeit hatte, ihre Motive zu hinterfragen. Andernfalls wäre aus ihrer Liebesgeschichte eine anthropologische Abhandlung über Überlebensstrategien von Katholiken in islamisch dominierten Gesellschaften geworden.

Dulhousie ist ein guter Geschäftsmann. Ehrgeiz erkennt er auf den ersten Blick. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine junge Frau aus French Colony es zur Krankenschwester bringt, wenn sie jedoch aus dem Haus des Chura Joseph Bhatti stammt, den sogar seine Mit-Churas für unberührbar halten, ist das ein untrügliches Zeichen für einen künftigen Aufstieg. Dulhousie hat genügend Bhattis in seinem Leben gesehen und weiß, dass sie jedes Fortkommen scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Er hat ihre in Generationen geschmiedete Sturheit erlebt, die Unbeugsamkeit, die sich wie eine ansteckende Krankheit in jungen Jahren unter ihnen ausbreitet und sie bis zur Bahre nicht mehr loslässt. Die Ehrgeizigsten von ihnen schicken ihre Frauen vielleicht zum Putzen in reiche Häuser, aber ansonsten sind die Bhattis der Ansicht, der Staat schulde ihnen den Lebensunterhalt, einen kümmerlichen Untertage-Lohn zwar, aber immerhin einen Unterhalt. Doch wenn es ihnen gelingt, Schulen und Universitäten zu besuchen, erheben sie sich über die Bhatti-Mentalität, die sie versklavt. Und wer bereit ist, sich besser zu kleiden, maßgeschneiderte Garderobe, bessere Manieren und eine bessere Wohnung anstrebt, hat auch der Kirche mehr zu geben. Für Dulhousie ist das Anfertigen von guter Kleidung nicht nur ein Mittel, auf ehrliche Weise seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch die Lämmer seines Herrn optimistisch zu stimmen. Eine gut gekleidete Gemeinde ist letztlich auch eine glücklichere Gemeinde. Wenn also jemand wie Alice Bhatti sein Geschäft betritt, hält er sich nicht die Nase zu. Er reicht sie nicht an einen von seinem halben Dutzend vor ihren Singer-Nähmaschinen kauernden Lehrlingen weiter, sondern rückt seine Brille zurecht und begrüßt sie mit einem Lächeln, so strahlend, dass es noch die hintersten Winkel von French Colony zu erhellen vermag.
Wie gewohnt spricht Mr. Dulhousie ein kleines Gebet, bevor er mit dem Maßnehmen beginnt. Es ist das erste Mal, dass Alice vermessen wird, und jeder Teil, den Mr. Dulhousie mit seinem verblichenen Maßband abnimmt, wird dadurch wirklicher, menschlicher, heiratsfähiger.
Alices Körper gehört zu jenen Wundern der Unterernährung, die bisweilen einen leichten, zerbrechlichen Knochenbau mit überproportional großen Brüsten hervorbringt. Mr. Dulhousie weiß, dass die junge Frau aus einem Haushalt stammt, wo Hungern als Fasten ausgegeben wird, wo es in der letzten Woche des Monats immer in Wasser eingeweichtes Brot gibt, wo Milch ohne Zucker und Tee ohne Milch getrunken und Fleisch nur dann gegessen wird, wenn je mand heiratet oder stirbt, wo Reis und Dhal ein Sonntagsessen und jeder vierte Sonntag im Monat gezwungenermaßen ein Fastentag ist. In diesen Familien knurren selbst die leeren Mägen das Lob des Herrn.
Dank dieser Diät hat Alice eine Figur, für die so manches Mädchen in ihrem Alter töten würde oder sich sogar tatsächlich selbst tötet, wenn es versucht, sie zu erlangen. Man kann durch ihre Kleidung ihre Rippen zählen, ihre Schlüsselbeine stechen hervor wie scharfe Bumerangs, ihre Knöchel sehen aus wie Muster aus einem Anatomielabor, doch ihre Brüste haben den Mangel an ordentlicher Nahrung irgendwie überlebt, scheinen dadurch sogar zu besonderer Reife gelangt zu sein, wie persische Buttermelonen, die nur in der Wüste wachsen und eingehen, wenn es mehr als einmal pro Jahreszeit regnet. Nachdem Alice als Vierzehnjährige bei einer Osteraufführung in der Schule mitgewirkt hatte, fotografierte man sie anschließend vor einem großen Kreuz. Daraufhin witzelte eine alte Nonne, sie sähe aus wie ein Kreuz mit Brüsten. Seither meidet Alice die Nähe von großen Kreuzen.
Mr. Dulhousie legt das Band um ihren Brustkorb, während er streng darauf achtet, ihren Körper nur mit den Fingerspitzen zu berühren. „Bei Gott“, flüstert er, „wie viele reiche christliche Damen hungern sich halb zu Tode, um eine solche Figur zu bekommen. Ich erinnere mich noch an Ihre selige Mutter, ich habe damals ihr Hochzeitskleid genäht. Sie haben genau ihre Größe. Ich könnte in meinen Büchern nachschauen und das gleiche Kleid noch einmal nähen.“ Lächelnd nimmt er seine Brille ab, um sich eine nicht-existente Träne aus dem Auge zu wischen. „Wie tragisch, dass Er sie schon in ihrer Jugend zu sich genommen hat. Aber wenn der Herr eine Tür schließt, stößt Er stets eine andere auf. Zumindest konnten Sie mit der Abfindung Ihre Ausbildung finanzieren. Ich habe gehört, Sie haben sogar im Wohnheim gelebt. So etwas müssten unsere jungen Leute viel öfter tun. In die Welt hinausgehen, mit anderen zusammenkommen, lernen, mit den Menschen außerhalb der Colony zu leben.“
Alice Bhatti weiß nicht genau, wie sie auf die Spekulationen dieses Schneiders über ihre Familiengeschichte reagieren soll. „ Ja, Er hat sie zu sich genommen“, murmelt sie.
Dulhousie misst eifrig weiter, während er sich in weiteren Komplimenten ergeht. Alice versteht nur etwas in der Art, welch ein Privileg es sei, von der Natur mit einer solchen Figur gesegnet zu sein.
Alice ist sich dieses sogenannten Vorzugs schmerzlich bewusst und hat ihn immer als Fluch empfunden. Wird sie deshalb doch ständig angegafft, sodass sie immer an ihrer Tunika zupft, um die Aufmerksamkeit von diesem Vorzug abzulenken. Was hofft sie, damit zu erreichen? Glaubt sie wirklich, dass die Männer sich dann, statt auf ihre Brüste zu starren, auf ihren Saum konzentrieren? Oder die stieren Blicke sich dann auf ihre nervös an ihrer Tunika herum nestelnden Finger richten?
Für den Weg zur Arbeit wählt sie stets eine besonders weite Tunika, drapiert zusätzlich einen Dupatta darüber und vergewissert sich, dass auch ihr Nacken bedeckt ist. Sie trägt ihre Haare zusammengebunden und bricht erst zum Herz Jesu auf, wenn sie sich noch einmal überzeugt hat, dass der Shalvar ihre Knöchel ganz bedeckt.
Alice hätte es wahrscheinlich lernen können, die Blicke zu ignorieren, sich gegen die hungrigen Augen zu wappnen und die Gaffer zu meiden. Sie hätte akzeptieren können, dass Männer ihre Augen vorzugsweise dazu gebrauchen, die weibliche Anatomie abzuschätzen, doch als sie ins Berufsleben eintrat, musste sie erkennen, dass es einigen nicht genügt, sie nur anzusehen. Plötzlich wollten alle sie anfassen, wie um zu überprüfen, ob sie real ist. Alice ist sich bewusst, dass außerhalb von French Colony andere Regeln gelten. Manche Leute wollen nicht aus einem Glas trinken, das sie benutzt hat, andere nehmen keine Banane von der gleichen Staude, von der sie gekauft hat. Das ist deren Problem. Sie kann damit leben, unberührbar zu sein, aber sie hat verzweifelt auf den einen Vorteil gehofft, den dies doch mit sich bringen müsste: dass man sie ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis nicht berührt. Aber die gleichen Menschen, die sich weigern, denselben Wasserhahn wie sie zu benutzen, stört es nicht im Geringsten, ihr ganz nebenbei den Ellbogen in die Brust zu rammen oder die seltsamsten Verrenkungen zu machen, um sich an ihrem gottlosen Hinterteil zu reiben.
Viele machen sich dabei ihre berufliche Stellung als Krankenschwester zunutze. Am Anfang ihrer Laufbahn ging Alice sehr großzügig mit ihren Händen um, sie fühlte Puls, tastete Körper nach unsichtbaren Tumoren ab, spürte schwer bestimmbaren Schmerzquellen nach. Auf einer Exkursion in den Bezirk Sarghoda wurde sie immer wieder von älteren Männern angehalten, die verlangten, von ihr den Puls gefühlt zu bekommen. Bereitwillig und mit routiniertem Griff überprüfte sie so manchen kräftigen bäuerlichen Herzschlag und konnte bestätigen, dass der Untersuchte sich bester Gesundheit erfreute. Sie erbot sich sogar, den Alten in den Hals zu schauen und sie abzuklopfen. Eines Tages stand sie an einem malerischen Dorfbrunnen. Ein Gespann schwarzglänzender Ochsen drehte müde, jedoch unerschütterlich seine Runden um den Brunnen und ein paar Kinder scheuchten Hühner und Ziegen. Sie umfasste das Handgelenk eines stattlichen Großvaters und schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Als sie sie wieder aufschlug, um ihm die erfreuliche Mitteilung zu machen, dass sein Herz robust und gesund sei, sah sie, dass Großpapa mit der anderen Hand seinen Dhoti zurückgeschlagen hatte und an einem langen, dünnen, schlaffen Penis zog. Als sie sich nach einem Tritt gegen sein Schienbein zum Gehen wandte, hörte sie, wie er murmelte: „Dich hacke ich in Stücke. Und die schmeiße ich dann in den Brunnen.“
Inzwischen ist sie erwachsen genug, um zu wissen, dass das Zerstückeln von Frauen ein älterer Sport ist als Cricket, aber nicht minder beliebt und ebenso vielen dunklen Ritualen und verworrenen Regeln unterworfen, die alle zu kennen scheinen, nur sie nicht.
Alice Bhatti hat kein Interesse daran, sie zu verstehen, aber sie will auch keines von den Mädchen sein, die falsche Aufmerksamkeit auf sich lenken und an falschen Orten landen. Sie will kein Mädchen sein, das in Bussen begrapscht wird, das man in der Kantinenküche bedrängt, das keine Straße entlanggehen kann, ohne dass Leute finden, es sollte mit verbundenen Augen in einem Kofferraum liegen. Sie will nicht zu jenen Frauen gehören, die geradezu danach verlangen, in Stücke gehackt und in einem Hinterhof verscharrt zu werden.
In den sechs Monaten, die sie während ihres Assistenz-Jobs in der Notaufnahme gearbeitet hatte, war kein Tag – nicht ein einziger – vergangen, an dem Alice nicht eine Frau gesehen hatte, die erschossen, erschlagen, stranguliert oder erstickt, vergiftet oder verbrannt, gehängt oder lebendig begraben worden war. Die Mörder waren eifersüchtige Ehemänner, Brüder, Väter, Söhne, verschmähte Liebhaber, die ihre Ehre verteidigten, Bauern, die einander im Streit um Wasserrechte befehdeten, oder Geldverleiher, die ihre Zinsen eintreiben wollten. Offenbar wurden die meisten Streitigkeiten geschlichtet, indem man Frauenkörpern alles nur Mögliche antat. Eine Frau war an jeder Straßenecke als Wechselgeld zu haben. Selten, sehr selten gelang es einer Frau, in einem solchen Kampf die Oberhand zu behalten. In der Besserungsanstalt hatte Alice einige kennengelernt, die ihren Männern den Garaus gemacht hatten und mit Stolz auf ihre Tat blickten, aber dennoch die trauernde Witwe spielten. Alice war damals noch jung und kaum in Berührung mit den Medien gekommen, die mit dem gleichen Genuss über diesen Sport berichteten wie bei allen Sportarten, und dennoch kam es ihr vor, als würde es in der ganzen Stadt nur so von Serienmördern wimmeln. In jeder Küche gab es einen. Allerdings hatte das Haus bisweilen gar keine Küche. Oft gab es nicht einmal ein Haus, eine Mauer oder ein Dach. Auch Nomaden, die in provisorischen Zelten wohnten, konnten sich mit dem Ehrenvirus infizieren und beglichen die Schulden aus einem Kartenspiel, das zu lange in die Nacht hinein gedauert hatte, mit einer Frau. Alice erfuhr auch, dass so etwas niemanden verwunderte. Weder gab es Polizeikommissare, die Hinweise sammelten, noch Regierungsunterausschüsse, die darüber berieten, wie diese gefährdete Spezies am Leben zu erhalten sei. Ihre Misshandlung galt als ebenso unausweichlich wie der Umstand, dass es im Mai nicht regnet. Schließlich wurden auch immer wieder Leute überfahren, egal, wie viele Schilder man aufstellte, um die Verkehrsgeschwindigkeit zu begrenzen.
Es versteht sich von selbst, dass Alice Bhatti über diese Dinge nachdenkt. Sie sieht sich die geschundenen Körper auf dem Boden der Notaufnahme an und versucht, die Regeln dieses Spiels zu begreifen. Wie jeder logisch denkende Mensch glaubt sie, dass es einen Grund geben muss, dass ausgerechnet diese Frauen und nicht die anderen sechsundfünfzig Millionen im Land getötet wurden. Ihre Namen stehen möglicherweise auch auf der Liste, aber irgendwie gelingt es ihnen zu entkommen. Einige klagen, ihr Schicksal sei schlimmer als der Tod, Alice Bhatti hat jedoch in der Notaufnahme zu viele Neuzugänge gesehen und weiß, dass das Schicksal, von der Hand des eigenen Vaters, Liebhabers oder Bruders erschlagen zu werden, weitaus schlimmer ist. Schlimmer auch, als versehentlich von einem Lastwagen überfahren zu werden, selbst wenn der eigene Sprössling am Steuer sitzt.
Alice Bhatti hat ihre eigenen Beobachtungen angestellt und glaubt erkannt zu haben, welcher Typ Frau es ist, der die falsche Art von Aufmerksamkeit auf sich zieht. Diese Frauen stolpern von einem Mann, der sie schlägt, zum nächsten, der ihnen die Nase abhackt, dann in die Arme des unvermeidlich letzten, der ihnen die Kehle durchschneiden wird.
Und dieser Typ Frau will sie nicht sein.
Sie weiß, dass diese Frauen oft schön sind. Es ist keine gewöhnliche Schönheit, die sie besitzen, sondern eine besondere Schönheit, die Beachtung erregt. Sie können einen Hijab tragen oder sich in weite, männerabweisende Lumpen hüllen und werden dennoch Aufmerksamkeit erregen. Sie besitzen eine Schönheit, die schreit: „Schau, hier bin ich, ich sitze, jetzt stehe ich, das sind meine Beine, schau, wie ich gehe, das ist mein Hals, fühlst du, wie die eiskalte Pepsi durch meine Kehle rinnt? Und sieh meine Nase, findest du, ein Nasenschmuck würde mir stehen?“ Wenn diese Frauen den Mund öffnen und etwas sagen, klingt es alltäglich, doch ihre Augen blicken dabei mit majestätischer Verachtung auf die Person, mit der sie sprechen: „Bist du nicht unglücklich, dass du nicht ich bist? Und bist du nicht unglücklich, dass du mich nicht haben kannst? Ist dein Leben überhaupt lebenswert? Ich gehe jetzt, ich muss woandershin, ich habe viel zu erledigen, persönliche, vertrauliche Dinge mit anderen Menschen, nicht mit dir. Du kannst hierbleiben und dein armseliges Leben führen. Und mir nachschauen, wenn ich auf diesen Beinen von dir fortgehe.“
Natürlich muss eine Frau keine atemberaubende Schönheit sein oder einen verächtlichen Blick haben, um auf dem Boden der Notaufnahme zu landen. Alice Bhatti hat Frauen gesehen, die so alt, ausgemergelt und vom Leben gebeutelt waren, dass es wie Zeitverschwendung schien, sie niederzustechen. Dennoch geschieht es.
Alice Bhatti will kein Risiko eingehen. Ihr wird so etwas nicht passieren.
Also strebt sie ein möglichst unauffälliges Äußeres an und hat gelernt, zur Seite zu blicken, statt andere Menschen direkt anzuschauen. Sie drückt sich dienstlich und präzise aus, damit sie nicht missverstanden wird. Sie wählt jedes ihrer Worte mit Bedacht, und wenn jemand sie auf Panjabi anspricht, antwortet sie auf Urdu, weil schon ein Austausch in ihrer Muttersprache womöglich als eine Verheißung von Intimität verstanden werden könnte. Englisch verwendet sie ausschließlich für medizinische Begriffe, denn sie fürchtet, sie könnte als zu forsch gelten, wenn sie in einer Unterhaltung Englisch spricht. Ihr Gang ist stets eilig, als hätte sie einen wichtigen, aber harmlosen Termin einzuhalten. Sie vermeidet jeglichen Augenkontakt und blickt immer etwas an den Köpfen vorbei, so als hielte sie Ausschau nach einer Person, die jeden Moment auftauchen wird. Niemand soll denken, sie sei allein und werde nicht abgeholt. Sobald ein männliches Wesen auf sie zukommt, tritt sie beiseite, auch wenn es ein Junge ist, der halb so alt ist wie sie. Kleine Pfützen umgeht sie, auch wenn sie leicht darüber hinwegspringen könnte, weil sie fürchtet, jede Bewegung, bei der sie die Beine strecken muss, könnte ein falsches Signal aussenden. Schließlich darf man sich in diesen Dingen keinen subjektiven Deutungen aussetzen. Sie isst niemals in der Öffentlichkeit. Sich etwas in den Mund zu stecken, kann auf jeden Fall als Aufforderung gedeutet werden, dir irgendetwas Grauenhaftes in die Kehle zu rammen. Wer seinen Hunger zeigt, zeigt offensichtlich ein Verlangen.
Mr. Dulhousie bedenkt Alice Bhatti mit einem wohlwollenden Lächeln, als sie ihre zerknitterten Hundert-Rupien-Scheine hervorzieht und auf den Schreibtisch blättert. Sie beherrscht die Technik des berührungslosen Austauschs vollkommen. Was könnte jemand sonst daraus schließen, wenn deine Finger seine berühren?
Bevor sie das Geschäft verlässt, gibt sie Mr. Dulhousie die einzige Anweisung, die ihr wichtig ist. „Könnten Sie bitte das Oberteil so nähen, dass meine Privilegien etwas weniger zur Geltung kommen?“

erstellt am 20.3.2012

Mohammed Hanif
Mohammed Hanif

Mohammed Hanif, geboren 1965 in Okara/Pakistan, war Pilot der pakistanischen Luftwaffe, bevor er eine Karriere als Journalist einschlug. Ende der neunziger Jahre übersiedelte er mit seiner Familie nach London. Er schrieb Theaterstücke und Drehbücher und absolvierte das renommierte Creative Writing Programme der University of East Anglia. Im Herbst 2008 kehrte er nach Pakistan zurück und arbeitet dort als Korrespondent der BBC. Er lebt in Karachi.
»Eine Kiste explodierender Mangos« war sein erster Roman, der bereits kurz nach Erscheinen für den Man Booker Prize nominiert wurde.

Platz 1 der litprom-Bestenliste
Weltempfänger

Mohammed Hanif
Alice Bhattis Himmelfahrt
Roman
Aus dem Englischen von Ursula Gräfe
ISBN 978-3-940666-22-2

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