Auszug aus

Die hellen Haufen

Von Volker Braun

Der Aufstand, von dem hier berichtet wird, hat nicht stattgefunden. Er war auch mehr ein Krieg, der nur von einer Seite geführt wurde, und die andere hat stillgehalten. Wenn er seine Wahrheit hat, so nicht, weil er gewesen wäre, sondern weil er denkbar ist. Man glaubt die Geschichte zu kennen, aber sie hat mehr in sich, als sich ereignet: auch das Nichtgeschehene, Unterbliebene, Verlorene
liegt in dem schwarzen Berg. All das Ersehnte, nicht Gewagte, und die alte Lust zu handeln. Tief verborgen, verschüttet, zubetoniert der Widerstand; die hellen Haufen, die nicht losgezogen sind, um die Schlacht zu schlagen.
Ich beginne wie ein Narr mit den Fakten.
Am 7. April blieben die Bitterröder im Schacht. Die Frühschicht, die mit 175 Mann in der Grube war, weigerte sich auszufahren. Auf dieses Signal hin wurde auch übertage das Werk besetzt. Berndt, mit Fieber angetreten, hielt mit unten aus.
Er hatte den Platz von Rüttemann in der Instandsetzung übernommen, der als Betriebsrat freigestellt worden war. Barbara hatte Berndt zuhausehalten wollen und ein hartes Gesicht gezogen, weil er krank zur Arbeit ging. Aber Arbeit war nichts, was man ruhen ließ.
Jetzt brannte vorn an der Wache ein Feuer. Dort war seit Jahr und Tag eine Steintafel angebracht: DIE MACHT SOLL GEGEBEN WERDEN DEM GEMEINEN VOLK. Das war so etwas wie ein Firmenschild des Thomas-Müntzer-Schachts. Wer sie geben soll, war nicht vermerkt, und ob es sie haben will, wurde nicht gefragt. Das Volk hier: arbeitssam, zaumselig; Untertanen über Tag, Untermänner im Schacht. Als das volkseigne Werk, weiß der Teufel warum, verkauft werden sollte, war das gottgegeben. Darum wurde es der Treuhand unterstellt. Als die es aber nach menschlichem Ratschluß schließen wollte, war das nicht zu glauben. Das Salz, das sie aus der Erde gruben, war so seltenrein, daß keiner im Osten und Westen konkurrieren konnte. Sie hatten eher fürchten müssen, sich zuzuschütten, weil der Rückstandsberg schon das Tal verschloß. Nun legte die mächtige Kali und Salz AG ihre Berge dazu, und der Fusionsvertrag wurde wie ein Geheimnis verhandelt, in das kein Betriebsrat und Rechtsanwalt Einsicht erhielt. Ja, wenn ihr Roter Berg weiß gewesen wäre wie in Zielitz! Für ihre Sorte Salz hätte die BASF umrüsten müssen. – Merkers wurde zugemacht, weil man das Flöz von Westen anbaggern konnte. Roßleben, das für hundert Jahre Vorrat hat, wurde kein Jahr gegeben. Da war Bitterrode gewarnt.

Sie harrten auch am Karfreitag untertage aus. Barbara war zornig über diese Sturheit. Rüttemann mußte Berndt zu dem Unfug beredet haben. Sie wartete lange vor ihrem Häuschen in Holungen. Dann lief er, tatsächlich, bei der Kreuzwegandacht mit, zu der die Kumpel ausgefahren waren. Er holt sich in seiner dünnen Kluft den Tod. Berndt wies die Frau aber schroff zur Seite, um mit dem stummen Haufen wieder abzuziehn. Am Ostersonntag beteten sie in sechshundert Meter Tiefe.
Natürlich ging unten die Arbeit weiter und oben der Arbeitskampf. Das Wort hatte man nie gehört. Auch der Landtag in Erfurt führte ihn nicht unter seinen Begriffen. Rüttemann, nicht parteigebunden wie sein Kompagnon Brothuhn, spannte man vor den Karren. Seine drei Bedingungen: 1. kein Produktionsausfall, 2. kein Personenschaden, 3. keine Sachbeschädigung. Das wurde soweit eingehalten. An der Bundesstraße 80 standen Barrikaden. Bürgermeister und Kommunalpolitiker hatten sie errichtet. An ihnen vorbei fuhr ein Konvoi von 120 Wagen nach Kassel, wo Kali und Salz residierte.
Am 1. Mai marschierten 4000 an die ehemalige Grenze. Vor drei Jahren war sie unter Jubel geöffnet worden. Sie spürten in den Knochen noch das frohe Gefühl, das ein frischer Zorn verwirrte. Das erste Birkengrün stand Spalier, die violetten Fahnen wehten. Dem ungeheuren Zug voran schritt Bischof Wanke, das halbe Eichsfeld kam mit. Im Eichsfeld waren die Demonstrationen Prozessionen. Von der anderen Seite sah man verwundert die neu aufgerichteten Zäune: KEIN KOLONIALGEBIET. Wanke zur Menge: Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz kraftlos wird, womit soll mans salzen? Es ist zu nichts hinfort nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. (Matthäus 5,13)
Da waren sie schon verdammt, oder wie Rüttemann rief: Verkauft und beraten. Quatsch, sagte Teusch, der Vorstandssprecher, vor versammelter Mannschaft: Wenn Sie einen Käufer finden – dann bitte. Der Käufer fand sich: in dem Unternehmer Peine. Der stand, ein breiter Mann aus Westfalen, eines Tages vorm Förderturm. – Peine, flüsterte Brothuhn, das ist unser Mann. – Seid ihr meine Leute, fragte Johannes Peine. Sie nahmen die Mützen ab. Er will uns kaufen, freute sich das billige Pack. Aber den Retter Peine sah das
Geschäft nicht vor.
Als am 1. Juli der Bundestag die Kalifusion protegierte, traten zwölf Bitterröder in den Hungerstreik. Berndt gehörte zu ihnen, Jendreck, der Grubenbetriebsführer Hensel. Wie Berndt Barbara seine Absicht erklärte, hatte sie eben Klöße gebrüht und den Braten geschnitten. Sie kam aber nicht dazu, ihn aufzutragen, weil sie in Streit gerieten und der dumme Mann ungesättigt aus dem Haus lief. Ich kriege auch morgen nichts, warum soll ich heute essen, sagte Berndt, und die Logik erbitterte Bärbel; das Hungerlager wurde in der Kantine aufgeschlagen. Da blieb das Bett neben Bärbel wieder leer. …

Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags, Berlin

erstellt am 19.3.2012

Volker Braun (r.) mit Wolf Biermann während der Buchmesse 2011 in Frankfurt, Foto: Wolfgang Becker
Volker Braun (r.) mit Wolf Biermann während der Buchmesse 2011 in Frankfurt, Foto: Wolfgang Becker

Was wir nicht zustande gebracht haben, müssen wir überliefern.

Ernst Bloch