Buchkritik

Das zweite Debüt

Von Olga Martynova

Zwischen dem ersten Roman des 1970 geborenen Österreichers Richard Obermayr, „Der gefälschte Himmel“, der von der Kritik als ein glänzendes Debüt gefeiert wurde, und dem zweiten, bei Jung und Jung erschienenen, „Das Fenster“, liegen 12 Jahre. Vielleicht darf man sogar von einem zweiten Debüt sprechen. Obermayr blieb genauso sprach- und bilderbesessen, wie er war, und sein Buch ist wieder ein Lesespaß für fortgeschrittene Leser.

Die eigentliche Geschichte handelt von einer glücklichen Kleinfamilie, die in drei unglückliche Menschenschicksale zerfällt. Die Mutter hat Selbstmord begangen. Der Vater ist zu einem gebrochenen Mann geworden. Der Sohn, der hier der Erzähler ist, hat das Gefühl, ein falsches Leben zu leben. Wie jede andere Geschichte entsteht auch diese erst aus der Art des Erzählens. Und bei Richard Obermayr ist diese Art sehr eigensinnig. Sein Protagonist zweifelt einerseits an der Möglichkeit des Erzählens, andererseits ist das Erzählen eine dringende Notwendigkeit für ihn. Deshalb fängt er immer wieder von vorne an, reiht Bilder an Bilder, die zwar ausdrucksvoll und plastisch sind, aber immer wieder argwöhnisch von ihm überprüft werden. Die verflossenen Augenblicke sind „in den ungefährdeten Gebieten der Vergangenheit“ verstaut: Aufgescheuchte Vögel („als hätten die Bäume sie noch schlafend hochgeschleudert und sie wären erst in der Luft aufgewacht“); Kastanien, die ins Gras fallen und einen Spalt breit ihre grünen Lider öffnen; ein Klavier übendes Mädchen, das immer wieder abbricht und von vorne anfängt. Der Erzähler beschwört diese Augenblicke herauf und versucht festzustellen, wie sich aus den paradiesischen Zuständen der Kindheit ein tristes sinnloses Leben entwickelte. Er will etwas finden, was den Übergangspunkt markieren würde. Aber es sei genauso unmöglich, wie den Punkt zu bestimmen, an dem der Sommer endet und der Herbst beginnt.

Jede intensive Beschäftigung mit der Erinnerung hat etwas von einem psychoanalytischen Verfahren, man sucht in der Vergangenheit nach den Ursachen der Gegenwart: „Irgendetwas musste es in unserer Vergangenheit gegeben haben, irgendein Unglück, wenn nicht gar ein Verbrechen“. Die Erinnerungsvisionen sind bei Obermayr so stark, dass sie beinahe halluzinatorisch und folglich surrealistisch wirken. Das Bedauern, dass man vieles im Leben verpasst hat, nimmt eine greifbare anthropomorphe Gestalt: „Jemand winkte mir. Ich sah mein Leben, das in diesem Augenblick zwischen den Kindern im Heck des Schiffes heranwuchs, das zu mir hochblickte, mit der Hand auf die Musiker hinter sich zeigte, auf die tanzenden Gäste, auf das, was es aus den vergangenen Jahren an meiner Stelle gemacht hatte (mit meinem Talent ein Maler geworden, meine große Liebe geheiratet, Kinder in die Welt gesetzt)“.

Genauso konsequent, wie er an der Präzision seiner Bilder arbeitet, vermeidet Obermayr die Eindeutigkeit und Linearität der Sujetlinien. Der Protagonist spricht oft von einer Kugel, auf die er als Kind ängstlich gewartet hat, die später seine Mutter getötet hat, die er in seinen erinnerten Albträumen mal in der einen, mal in der anderen Episode einzusetzen versucht, von einem weiteren Mord oder von einem geplanten und nie durchgeführten Duell erzählt, als hoffe er, auf diese Weise das Geschehene ungeschehen zu machen. Diese Kugel lässt an das Tschechowsche Gewehr denken, das, ist es ein Mal auf der Bühne, am Ende unbedingt zu schießen hat. Zuletzt verwendet der Erzähler diese Kugel als Metapher für die Zeit, der eigentlichen Ursache des verlorenen Kindheitsparadieses, denn keine andere wurde gefunden. Die Ursache, warum man älter wird, warum die Liebe vergeht, warum man aus dem Garten seiner Kindheit weg muss: Die Zeit bricht los, „und was sich eben noch gegen jede Bewegung behauptete, fällt nun hintereinander geordnet in das Leben“.
Die Bilderwucht kann den Leser anfänglich verwirren. Doch dank der sprachlicher Virtuosität liest sich dieses melancholische und komplexe Buch mit großem Vergnügen. Obermayrs spezielle narrative Logik trainiert die Lesemuskeln und fordert sie heraus. Er ist ein schwieriger Autor und man erwartet die Frage, was der Leser davon hat. Die beste Antwort wäre vielleicht die Formulierung, die Klaus Reichert in seinem Plädoyer für die „schwierigen“ Bücher fand: „Und welche Lust ist es, entdeckte Spuren über Hunderte von Seiten zu verfolgen, bis sich ein Menschenleben – oder zwei oder drei – aus lauter Bruchstücken in unseren Köpfen zu einem Ganzen zusammenfügt“.

Dieser Beitrag ist zuerst in Die Zeit erschienen.

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erstellt am 18.3.2012

Im ZehnseitenVideo liest Richard Obermayr aus seinem Roman »Das Fenster«

Richard Obermayr
Das Fenster
Roman
268 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-902497-70-3
Jung und Jung, Salzburg

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