Max Hollein im Gespräch mit Andrea Pollmeier

Skulpturen der Mao-Zeit – nicht nur „Fußnote der Kulturrevolution“

HOF FÜR DIE PACHTEINNAHME
HOF FÜR DIE PACHTEINNAHME, 1974–1978 (ORIGINAL 1965): Szene 1 – Den Pachtzins abliefern. Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2009

Die Ausstellung „Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit“ ist bis zum 3. Januar 2010 in der Schirn Kunsthalle zu sehen. Lebensgroße Figuren zeigen mit demonstrativem Pathos das Elend der Bauern, die von feudalistischen Großgrundbesitzern ausgebeutet werden. Wie hat die Öffentlichkeit bisher auf diese Präsentation reagiert?

Es gibt unterschiedliche Reaktionen, ich glaube aber, man kann jetzt schon feststellen, dass die Ausstellung ein großer Erfolg ist. Das Publikum kommt und begleitet die Ausstellung mit großem Interesse.

Warum haben Sie sich entschieden, dieses ideologisch geprägte Kunstwerk zu zeigen?

„Der Hof für die Pachteinnahme“ ist ein bedeutendes, komplexes und durchaus ambivalentes Kunstwerk, das hier in Europa noch nie gezeigt wurde. Im letzen Jahr hat die Asian Art Society versucht, das Werk im Rahmen einer größeren Ausstellung zeitgenössischer Kunst in den USA zu zeigen, stieß jedoch auf erhebliche Widerstände von chinesischer Seite und konnte nur einen kleinen Ausschnitt daraus in seine China-Ausstellung integrieren.

Die Aufregung, die es in den USA noch um die Ausstellung gab, ist hier ausgeblieben. Die chinesischen Partner haben relativ reibungslos kooperiert und auch auf deutscher Seite gab es nur verhaltene Kritik, wie erklären Sie sich das?

Die mediale Reaktion war für mich überraschend positiv. Nach dem China-Symposium der Frankfurter Buchmesse vor deren Eröffnung war die Stimmung politisch aufgeheizt. In unserem Fall war aber klar: die Ausstellung ist alleine unsere Idee und entstand keinesfalls auf Wunsch staatlicher chinesischer Stellen. Wer sich mit chinesischer zeitgenössischer Politik auseinandersetzt, weiß, dass gerade die Kulturrevolution nicht das Thema ist, mit dem man sich in aller Offenheit auseinandersetzen möchte. Wir haben bewusst weder um Gelder angesucht noch uns um einen offiziellen Status der Ausstellung bemüht. Die Genehmigung zur erstmaligen Präsentation dieser hochbedeutenden Skulpturengruppe im Westen bekamen wir aber ohne Probleme oder Interventionen.

Die Präsentation der Skulpturengruppe erfolgt ohne betonte Kommentierung. Die Entstehungsgeschichte wird im Vorraum erläutert, darüber hinaus halten Sie sich mit Interpretationen zurück. Welche Absicht steht hinter diesem Vorgehen?

Wir wollten die Ambivalenz des Werkes bewahren. Einerseits handelt es sich um das Propaganda-Kunstwerk einer Epoche, die für extreme Gräueltaten steht, andererseits hat die Skulpturengruppe einen hohen künstlerischen Wert. Jedes gute Kunstwerk aber bietet eine Projektionsfläche für Interpretationen in die Gegenwärtiges einfließt. Ein Tizian-Bild eines italienischen Herrschers kann genauso gut auch Aussagen über einen Herrscher der jetzigen Zeit tätigen. Wir haben also mit der Ausstellung die Diskussion nicht beendet, sondern eher auf elegante Weise eröffnet.

Die Aufstellung der Skulpturen hält sich streng an die von den Künstlern vorgegebene Szenenfolge. Der gebeugte, leidende Bauer geht am Ende aufrecht und kraftvoll seiner Befreiung entgegen. Wie entgehen Sie der Gefahr, zum Werkzeug dieser Propaganda-Dramaturgie zu werden?

Wir begreifen die Skulpturengruppe nicht als Objekt der Kulturgeschichte, sondern zuallererst als ein Kunstwerk. Wir zeigen zwar dessen historischen Kontext, aber wir zeigen ihn – und dafür wurden wir durchaus auch kritisiert – nicht vordringlich. Würden wir das Werk primär nur als Fußnote der Kulturrevolution zeigen und diese mit all ihren Facetten aufarbeiten, dann würden sie in diesem Werk ein reines Dokumentationsobjekt ohne jegliche Chance auf aktualisierende Interpretationen sehen. Sie würden darin nur eine visuelle Bebilderung einer dokumentarischen Ausstellung erkennen. Um dem Kunstwerk seine inhärente Kraft, seine Ambivalenz und seine multiple Projektionsfläche zu bewahren, dürfen sie den historischen Kontext zwar ansprechen, müssen aber zugleich Raum für freie Assoziationen lassen und ein gewisses Wissen voraussetzen bzw. auf den ausführlichen Ausstellungskatalog verweisen. Die 2003 in der Schirn gezeigte Ausstellung „Traumfabrik Kommunismus“ wurde von manchen aggressiv kritisiert, weil man meinte, das nicht zeigen zu können, ohne zugleich auch den Gulag zu zeigen. Wenn sie jedoch alles dokumentieren, werden diese Werke rein historisches Dokumentationsmaterial, der abgebildete Stalin ist nur noch ein Bild von Stalin und nicht mehr der Versuch eines Künstlers, einen Herrscherkult darzustellen.

Hatten Sie erwartet, dass die Skulpturen Assoziationen zu der Situation in Tibet wecken würden?

Der eine sieht darin Tibet, der andere vielleicht heutige Bevölkerungsgruppen in China, der nächste sieht darin ein historisches Dokument und der vierte ein Propaganda-Kunstwerk. Sie haben in der politischen Intention ganz unterschiedliche Projektionen. Das finde ich natürlich interessant und es entspricht der Ambivalenz des Werkes.

Würde die Skulpturengruppe in den USA eine andere Resonanz hervorrufen als in Deutschland?

Ich glaube, dass diese Ambivalenz, die wir in dem Werk sehen, in den USA weniger wahrgenommen werden würde. Wir, mit unserer Vergangenheit und den Erfahrungen des sozialistischen Realismus, sei es in der Kunst der DDR oder insbesondere in der Kunst des Nationalsozialismus, reagieren auf eine Formensprache empfindlich, die natürlich auch in der Skulpturengruppe vorhanden ist.

erstellt am 07.9.2010

Max Hollein
Max Hollein

Max Hollein, 1969 in Wien geboren, ist Direktor der Schirn Kunsthalle, des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt. Seit acht Jahren zeigt er in der Schirn Ausstellungsprojekte, die auch dann überraschen, wenn es um Themen mit Konfliktpotenzial wie China geht. Parallel zur diesjährigen Buchmesse gelang es ihm, das spektakuläre, deutlich ideologisch geprägte Kunstprojekt der Kulturrevolution, die Skulpturengruppe „Hof für die Pachteinnahme“ erstmals außerhalb Chinas zu zeigen. Während die literarische Welt zum Buchmesse-Auftakt explosiv auf politische Konflikte reagierte, wagte es Max Hollein, dem kunstinteressierten Publikum ein Propaganda-Werk der Mao-Zeit zu präsentieren.